riminalgeschichte
Mordalarm in den Hohen Tauern
Vor 100 Jahren stürzte eine Frau aus Sachsen beim Bergsteigen in den Hohen Tauern in den Abgrund. Zwei Jahre später wurde ihr Ehemann wegen Mordes und Versicherungsbetruges angeklagt.
Heiligenblut in der Glocknerregion: verhängnisvoller Urlaub des Ehepaares Treiber
© Werner Sabitzer
Friedrich Louis Treiber, ein Kaufmann und Mitinhaber einer Nähmaschinenfabrik in Dresden, verbrachte mit seiner Frau Ilse im September 1926 einen Erholungsurlaub in Heiligenblut in Kärnten. Am 14. September unternahm das Ehepaar eine Tour über das Seebichl-Haus auf den Hohen Sonnblick. Da Ilse Treiber gesundheitlich angeschlagen und erschöpft war, übernachtete das Paar auf der Gipfelhütte, stieg am nächsten Tag ab und stärkten sich mittags im Seebichl-Haus. Danach stieg Treiber mit seiner Frau zum nahen Goldzechhörndl auf, einem überhängenden Felsplateau im Kleinen Fleißtal. Gegen 18 Uhr kam der Unternehmer allein nach Heiligenblut zurück und erklärte dem Unterkunftgeber weinend, seine Frau sei auf einem Felsvorsprung gestanden, dort sei ihr schwindlig geworden. Sie habe das Gleichgewicht verloren, sei wortlos in die Tiefe gestürzt und tot liegen geblieben. Die Leiche wurde am nächsten Tag von Bergrettern geborgen. Über Betreiben ihres Mannes wurde Ilse Treiber auf dem Bergfriedhof Heiligenblut bestattet. Das Grab besteht heute nicht mehr. Der Witwer ließ in Dresdener Zeitungen eine Parte veröffentlichen, in der stand: „Meine innigstgeliebte Frau und mein bester Kamerad ist einem tragischen Unfall zum Opfer gefallen.“
Friedrich Louis Treiber, geboren 1898, war Offizier im Ersten Weltkrieg und wurde als Jagdflieger wegen Tapferkeit ausgezeichnet. Einer seiner Kameraden war der Sohn des fürstlichen Hofdruckereibesitzers und Verlegers Paul Frotscher in Arnstadt, Sachsen. Nachdem der Kamerad im Krieg gefallen war, besuchte Treiber nach Kriegsende die Familie Frotscher. Dort lernte er die am 25. Februar 1899 geborene Ilse Martha Frotscher kennen, die Tochter des Unternehmers. Treiber heiratete sie 1920. Die versprochene Mitgift blieb allerdings aus, weil Ilses Vater Paul Frotscher in der Inflationszeit in finanzielle Schwierigkeiten geraten war und sich 1922 das Leben genommen hatte. Ilse Treiber galt als geübte und schwindelfreie Bergsteigerin und hatte mit ihrem Vater, einem Mitglied und Förderer des „Deutschen und Österreichischen Alpenvereins“, und ihrem Mann viele Bergtouren unternommen, unter anderem auf den Großglockner.
Hohe Lebensversicherung.
Seebichlhaus: letzte Station Ilse Treibers vor ihrem mysteriösen Bergtod
© Archiv
Friedrich Louis Treiber schloss 1925 für sich und seine Frau eine Lebensversicherung auf Unfall und Tod ab. Später erhöhte er die Auszahlung im Ablebensfall von 15.000 auf 30.000 Dollar. Nach dem Bergtod seiner Frau ersuchte Treiber den Bürgermeister von Heiligenblut, ihm eine Bestätigung auszustellen, dass es sich um einen Bergunfall gehandelt habe und ihn daran keine Schuld treffe. Noch in Heiligenblut rief er die Allianz-Versicherungsgesellschaft in Stettin an und ersuchte als Begünstigter um die Überweisung der fällig gewordenen 30.000 Dollar aus der Lebensversicherung nach Kärnten. Die Versicherungsgesellschaft kam dem Ersuchen nicht nach. Zurück in Dresden wollte Treiber die 30.000 Dollar kassieren.
Die Versicherungsgesellschaft beauftragte aufgrund der Umstände ein Detektivunternehmen mit Nachforschungen. Die Detektive stellten fest, dass Treiber verschuldet war und sich sein Unternehmen in einer Finanzkrise befand. Außerdem kam ein delikates Ereignis ans Tageslicht, das durchaus ein Motiv für einen Mord an der Ehefrau sein konnte. Im Mai 1925 sprach Treiber vor einem Geschäft in Dresden die 17-Jährige Annemarie Hoyer aus Bremen an. Die beiden trafen sich mehrmals und die Jugendliche war von ihrem großzügigen Freund sehr angetan. Einer Freundin teilte sie mit, dass sie ab nun „nicht mehr arbeiten“ müsse. In einem Hotel kam es zur ersten Liebesnacht. Treiber mietete für seine Geliebte eine Wohnung und überhäufte sie mit Geld und Geschenken, sodass er sich bald verschuldete. Im Juni 1925 versprach er in Anwesenheit ihrer Verwandten seiner Geliebten, sie zu heiraten und Annemarie glaubte, dass er sich scheiden lassen werde. Die Ehe galt nach außen hin als harmonisch, aber Treiber hatte auch Beziehungen zu anderen Frauen, darunter zu einer Stenotypistin seiner Firma.
Bevor Friedrich Treiber und seine Ehefrau im September 1926 nach Kärnten fuhren, erkundigte sich der Ehemann bei der Versicherungsgesellschaft, ob die Versicherungssumme auch bei einem tödlichen Unfall im Hochgebirge ausbezahlt würde. Außerdem verlangte er, dass die Verwandten seiner Frau und sein Geschäftspartner über den Versicherungsabschluss nicht informiert werden.
Goldzechhörndl (Postkarte 1905): Mordverdacht vor 100 Jahren
© Verlag Jos. Leon sen., Klagenfurt
Aufgrund der Ergebnisse der privaten Nachforschungen wurde gegen Friedrich Treiber ein Ermittlungsverfahren wegen Mordes und Versicherungsbetruges eingeleitet, das aber im Februar 1927 eingestellt wurde. Die Indizien reichten nicht für eine Anklage aus. Die Versicherungsgesellschaft zahlte an Friedrich Treiber 60.000 Mark aus.
Die Versicherungsgesellschaft legte neue Indizien vor und beharrte auf die Weiterführung der Ermittlungen, deshalb wurde 1928 das Strafverfahren wieder aufgenommen. Treiber wurde im Juni 1928 verhaftet und wegen des Verdachts des Mordes an seiner Ehefrau und des Versicherungsbetrugs angeklagt. Die Staatsanwaltschaft Dresden nahm am Absturzort einen Lokalaugenschein vor und befragte Zeugen. Ein Bergführer berichtete über das sonderbare Verhalten Treibers drei Tage vor dem Tod seiner Frau. Am 11. September 1926 hatte das Ehepaar Treiber mit dem Bergführer eine Tour auf den Großglockner unternommen. Auf einem Gipfelsteig hatte der Unternehmer seine Frau aufgefordert, auf einem kleinen Felsvorsprung auszuharren, bis er und der Bergführer wieder vom Gipfel zurückkämen. Trotz des Einwandes des Bergführers war die Frau zurück geblieben und hatte drei Stunden lang auf dem Felsvorsprung stehend auf die beiden Männer gewartet.
Als der Unterkunftgeber des Ehepaares Treiber in Heiligenblut die Verwandten Ilses in Sachsen über ihren Tod informieren wollte, behauptete Treiber, seine Frau hätte keine Verwandten mehr.
Antrag auf Todesstrafe
Bei der Schwurgerichtsverhandlung Anfang Oktober 1928 in Dresden bezeugte Emil Frotscher, Redakteur in Berlin und Schwager des Angeklagten, dass er von Friedrich Treiber nicht über den Bergtod seiner Schwester Ilse informiert worden sei.
Bergfriedhof Heiligenblut: Ilse Treiber wurde hier bestattet. Das Grab besteht heute nicht mehr.
© Werner Sabitzer
Der Staatsanwalt wies in seinem Plädoyer auf die widersprüchlichen Aussagen des Angeklagten hin, schilderte den Tathergang aufgrund der Indizien als schlüssig und betonte, die Tat und das Motiv seien völlig klar bewiesen. Der Staatsanwalt beantragte wegen Mordes die Todesstrafe.
Der Strafverteidiger Treibers wandte ein, dass nicht bewiesen sei, ob es sich um einen Mord, Selbstmord oder Unfall gehandelt habe. Keines der Indizien sei eindeutig und einige Zeugen hätten sich widersprochen. Der Angeklagte habe ein tadelloses Vorleben und seine Ehe sei glücklich gewesen. Es sei nichts erwiesen, was für Treibers Schuld spräche. Schon allein deshalb müsse der Angeklagte freigesprochen werden. Treiber betonte in seinem Schlusswort, dass er unschuldig sei.
Freispruch im Zweifel.
Nach eineinhalbstündiger Urteilsberatung verkündete das Gericht am Abend des 7. Oktober 1928 das Urteil: Der Angeklagte Friedrich Louis Treiber wurde vom Verdacht des Mordes und des Versicherungsbetruges aus Mangel an Beweisen freigesprochen. Das Schwurgericht war zur Auffassung gelangt, dass nach eingehender Prüfung des Falles die Möglichkeit eines Unfalls von Ilse Treiber nicht ganz ausgeschlossen werden könne.
Werner Sabitzer
Quellen:
Eisernes Glocknerbuch, Bergfriedhof Heiligenblut
Verdacht des Gattenmordes und Versicherungsbetruges. In: Klagenfurter Zeitung, 16. Juni 1928, S. 4
Gerichtssaal. Der Gattenmord auf dem Sonnblick vor Gericht. In: Kärntner Zeitung, 22. September 1928, S. 3
Das Geheimnis um Heiligenblut. In: 2. Beiblatt zur Danziger Volksstimme Nr. 233, 19. Jg., 4. Oktober 1928
Das Drama von Heiligenblut. In: Hannoverscher Kurier (Abendausgabe), Nr. 444, 20. September 1928, S. 1-2
Freispruch im Dresdner Mordprozess. In: Der sächsische Erzähler, Beiblatt zur Nr. 237, 9. Oktober 1928
Öffentliche Sicherheit, Ausgabe 5-6/2026
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