Gedenkstätten für Exekutivbeamte (35)
Opfer der Revolte im April 1919
Bei der Revolte am 17. April 1919 in Wien wurden fünf Polizisten getötet. Im Zentralfriedhof wurden für sie Grabmäler errichtet und im früheren Polizeidirektionsgebäude gab es eine Gedenktafel.
Obelisk im Wiener Zentralfriedhof mit den Namen der getöteten Polizisten der Gründonnerstagsrevolte 1919
© Werner Sabitzer
Nach dem Ende der Monarchie war die junge Republik Deutschösterreich von Beginn an von schweren innenpolitischen Auseinandersetzungen geprägt. Bald nach der Ausrufung der Republik im November 1918 wollten Kommunisten die provisorische Regierung stürzen und die Macht übernehmen.
Am 17. April 1919, dem Gründonnerstag, eskalierten die Auseinandersetzungen. Kommunisten, ehemalige Soldaten, Arbeitslose und Kriegsinvalide versammelten sich vor dem Rathaus. Unter den Rednern befand sich der ungarische Kommunist Karl Auer, der die Ausrufung einer „deutschösterreichischen Räterepublik“ und den Anschluss an die ungarische Räterepublik forderte. Am späten Nachmittag marschierten die Demonstranten zum Parlament. Eine Abordnung betrat das Parlament, um mit Staatskanzler Karl Renner oder dem Präsidenten der „Konstituierenden Nationalversammlung“, Karl Seitz, zu verhandeln. Gegen 16:45 Uhr kam Karl Renner ins Parlament und sprach mit den Demonstranten. Einer von ihnen überreichte dem Staatskanzler eine Resolution der Arbeitslosen mit folgenden Forderungen: Gewährung einer Mindest-Arbeitslosenunterstützung, einen einmaligen Anschaffungsbeitrag und die Erhöhung der Brotration auf ein halbes Kilo pro Person und Tag. Renner zeigte Verständnis für die Arbeitslosen, verwies aber auf die Arbeitslosenkommission, die nach Lösungen suche, wie staatliche Großbauvorhaben oder die Verkürzung der Arbeitszeit, um mehr Menschen beschäftigen zu können. Heimgekehrte Kriegsgefangene deponierten ebenfalls Forderungen: Zuschüsse, eine Abfertigung und die Einrichtung eines Amtes für Kriegsgefangenenangelegenheiten.
Von einem Projektil durchlöcherte Straßenbahnkarte des erschossenen Polizisten Karl Molzer (Schulabteilung)
© Polizeimuseum Wien
Während im Parlament weiterverhandelt wurde, eskalierte vor dem Gebäude die Situation. Demonstranten warfen Steine gegen die Fenster, einige bearbeiteten mit Brecheisen das Eingangstor in der Schmerlinggasse. Sicherheitswachebeamte, darunter Kräfte von der berittenen Abteilung, und Stadtschutzwachleute versuchten, das Parlament zu schützen. Schüsse fielen. Oberwachmann Wenzel Huschek von der berittenen Sicherheitswacheabteilung wurde von einem Schuss in den Kopf getroffen. Er stürzte vom Pferd und starb. Einige hundert Demonstranten stürmten auf die Polizisten zu. Diese schossen über die Köpfe der Angreifer, um sie fernzuhalten. Die Demonstranten zogen sich zurück und stürmten dann neuerlich Richtung Parlament. Sie brachen das Tor in der Schmerlinggasse auf und drängten die Wachleute in das Parlament. Renner hatte sich inzwischen in das Polizeidirektionsgebäude am Schottenring 11 begeben. Einige Aufrührer versuchten, die Wohnungen von Parlamentsangestellten in Brand zu stecken, andere trugen Einrichtungsgegenstände aus dem Parlament zum Schmerlingplatz, überschütteten sie mit Benzin und zündeten sie an. Um 18:15 Uhr drangen Demonstranten bei der Verfolgung eines Polizisten in das Volkstheater ein und beschädigten Einrichtungsgegenstände. Die Theatervorstellung musste abgebrochen werden. Einige Gewalttäter plünderten ein Waffengeschäft und Autos. Kurz vor halb acht Uhr abends schossen Polizisten gegen Angreifer, die daraufhin wegliefen. Nun schritten auch Einheiten der Volkswehr ein und sicherten das Parlament. Die „Deutschösterreichische Volkswehr“ wurde Anfang November 1918 von der Provisorischen Staatsregierung als erstes Heer nach dem Ende der Monarchie aufgestellt. Es handelte sich um ein Freiwilligenheer, dem vor allem Sozialdemokraten angehörten, Angehörige der kommunistischen „Rote Garden“ und Offiziere der ehemaligen k. k. Armee. Die Volkswehr bestand Anfang Dezember 1918 aus 46.000 Soldaten, die Zahl ging bis Juli 1919 stark zurück. Nach dem Vertrag von Saint-Germain wurde die Volkswehr von einem Berufsheer mit maximal 30.000 Soldaten abgelöst.
Als am Nachmittag der Revolte ein Polizeipferd niedergeschossen wurde und ein weiteres am Boden lag, stürzten sich Männer und Frauen auf die Pferde und schnitten Fleischstücke heraus. Es fielen noch einzelne Schüsse und gegen 22 Uhr hatten Volkswehrkräfte die Umgebung des Parlaments und die umliegenden Straßen geräumt. Der Aufruhr war beendet. Fünf Polizisten und eine Passantin wurden getötet, es gab mehr als 60 Schwerverletzte.
Fünf tote Polizisten.
Ehemaliges Grabdenkmal im Wiener Zentralfriedhof für die Opfer der Wiener Polizei bei der „Gründonnerstagsrevolte“ am 17. April 1919
© Polizeiarchiv Wien
Neben Oberwachmann Wenzel Huschek wurden bei den gewalttätigen Ausschreitungen vor dem Parlament, dem Rathaus und dem niederösterreichischen Landhaus vier weitere Polizisten getötet. Es handelte sich um die Revierinspektoren Franz Gröger und Karl Molzer von der Schulabteilung, den Oberwachmann Emil Miksch von der Sicherheitswacheabteilung Rudolfsheim und den provisorischen Wachmann Josef Hradsky von der Schulabteilung. Neun Sicherheitswachebeamte wurden schwer verletzt, viele weitere erlitten leichtere Verletzungen. Bei dem Aufruhr wurde auch Rayonsinspektor Franz Hrabé schwer verletzt. Er war danach ein Pflegefall und starb am 14. April 1923 an den Spätfolgen der Verwundungen.
Wiens Polizeipräsident Johann Schober veranlasste, dass den Hinterbliebenen der fünf getöteten Polizisten ein höherer Geldbetrag ausbezahlt und dass das Gehalt der Polizisten in eine Versorgungsrente an die Hinterbliebenen umgewandelt wurde.
Die fünf toten Polizisten wurden in einer Kapelle des Allgemeinen Krankenhauses in der Sensengasse aufgebahrt und am 25. April 1919 nach einer Trauermesse in der Votivkirche in einem Kondukt zur Abschlusskundgebung zum Schwarzenbergplatz gefahren. Karl Molzer, Wenzel Huschek und Josef Hradsky wurden auf dem Wiener Zentralfriedhof beerdigt, Franz Gröger auf dem Hernalser und Emil Miksch auf dem Hietzinger Friedhof.
Grabmäler im Zentralfriedhof.
Die goldfarbene Schrift auf dem Obelisken mit den Opfer-Daten ist verwittert
© Werner Sabitzer
In Erinnerung an die fünf bei der „Gründonnerstagsrevolte“ am 17. April 1919 getöteten Polizisten wurde im Wiener Zentralfriedhof ein Grabmal in Form einer Mauer errichtet. Im giebelförmigen Aufbau befand sich in Großbuchstaben die Inschrift: „DEM ANDENKEN / DER AM 17.APRIL 1919 / IN TREUER PFLICHTERFÜLLUNG GEFALLENEN MITGLIEDER / DER WIENER SICHERHEITSWACHE“. In der Mitte darunter standen die Amtstitel, Namen und Geburtsdaten der fünf getöteten Polizisten Franz Gröger, Karl Molzer, Wenzel Huschek, Emil Miksch und Josef Hradsky. Das Grabmal ist nicht mehr erhalten.
In der Gruppe 66, Reihe 29, des Zentralfriedhofs steht auf einer Bodenplatte ein Obelisk aus hellem Granit. Auf der Vorderseite befindet sich in goldfarbenen Versalien die Inschrift: „DEM ANDENKEN / DER AM 17. APRIL 1919 / IN TREUER / PLICHTERFÜLLUNG GEFALLENEN / MITGLIEDER DER WIENER SICHERHEITSWACHE“ Es folgen die Titel, Namen, Geburtsdaten und Bestattungsorte der fünf getöteten Polizisten.
Gedenktafel.
Am 24. August 1924 wurde im damaligen Wiener Polizeidirektionsgebäude am Schottenring 11 eine Gedenktafel enthüllt – zur Erinnerung an alle Wiener Polizeibediensteten, die von 1874 bis 1920 im Dienst getötet wurden. Bei der Enthüllung im Vestibül neben dem Stiegenaufgang waren auf der von Polizeipräsident Johann Schober gestifteten Marmortafel die Namen und der Todestag von 25 Polizisten verewigt, darunter die fünf Todesopfer der Gründonnerstagsrevolte 1919. Darüber befand sich die Aufschrift in goldfarbenen Buchstaben: „Dem Andenken jener Polizeibeamten, die in treuer Erfüllung ihrer Berufspflichten ihr Leben geopfert haben. Gewidmet vom Polizeipräsidenten Schober, 1924.“ Die Gedenktafel solle „den Beweis erbringen, wie schwer der Beruf des Polizisten ist, wie leicht er kritisiert wird, wie unendlich schwer aber seine Erfüllung ist!“, sagte Schober bei der Enthüllungsfeier.
Im Frühjahr 1945 wurde das Polizeidirektionsgebäude durch Fliegerbomben stark beschädigt. Die Gedenktafel dürfte damals zerstört oder beim Abriss des Gebäudes abhandengekommen sein. In der Votivkirche in Wien wurde in den folgenden Jahren jeweils am 17. April eine Gedenkmesse für die gefallenen fünf Polizisten abgehalten.
Parte des Innenministeriums für die Opfer der „Gründonnerstagsrevolte“ am 17. April 1919 in Wien
© Polizeiarchiv Wien
Werner Sabitzer
Öffentliche Sicherheit, Ausgabe 3-4/2026
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