Schweiz
Im Einsatz auf dem Bodensee
Die Seepolizei der Kantonspolizei Thurgau sorgt auf dem Bodensee, dem Hochrhein und weiteren Gewässern des Thurgaus für Sicherheit. Eine enge Zusammenarbeit mit den Polizeieinheiten der Anrainerstaaten – darunter der Wasserpolizei Vorarlberg – gehört zum Einsatzalltag.
Polizeitaucher der Seepolizei Thurgau suchen Vermisste, sichern Spuren und bergen Schiffe sowie Luftfahrzeuge
© Kantonspolizei Thurgau
Die Seepolizei rettet einen Schwimmer aus der Strömung eines Flusses. Wasserrettung zählt zu ihren zentralen Aufgaben
© Kantonspolizei Thurgau
Am Vorabend der „Regatta der Eisernen“, die am 30. November 2024 in Konstanz (Deutschland) stattfinden sollte, brachen zwei Segler bei starkem Wind vom deutschen Bodenseeufer auf. Als sie nicht in Konstanz eingetroffen waren, informierte ihre Familie die Polizei. Zu diesem Zeitpunkt war ihr Verbleib unklar, denn die beiden hätten ohne Handyempfang bereits an Land gegangen sein können. Suchaktionen blieben vorerst erfolglos. Im Morgengrauen wurde das gekenterte Boot von anderen zur Regatta anreisenden Seglern entdeckt. Die Suche auf dem Wasser wurde nochmals intensiviert. Gefunden wurden beide Leichen in der Nähe des Schweizer Ufers. Bei einer Wassertemperatur von wenigen Graden blieb unklar, ob die Segler zuerst ertrunken oder erfroren waren.
Wasser- und Eisrettung.
Von diesem Einsatz berichtet Marcel Kuhn, Polizeitaucher und Dienstchef der Seepolizei des Kantons Thurgau. Im Kanton Thurgau obliegt die Wasser- und Eisrettung auf den Gewässern der Polizei. Die Seepolizei gehört der Abteilung Verkehrs- und Seepolizei an. Ihr Einsatzgebiet reicht von Horn TG am Bodensee bis fast nach Schaffhausen am Hochrhein. Ihre Dienststellen sind Diessenhofen für die Hochrheinstrecke, Steckborn für den Untersee, Kreuzlingen für den Seerhein und Teile des Obersees sowie Romanshorn für den Rest des Obersees. Neben großen Einsätzen bestimmen den Dienstalltag unzählige Routineeinsätze wie Schiffsunfälle nach Kollisionen mit Seezeichen oder Treibholz, Seile im Antrieb oder Abschleppen nach Motorschäden – auch diese Aufgaben stehen im Pflichtenheft. „Ich habe kein Benzin mehr“, sei zwar kein Notfall, sagt Kuhn, geholfen werde dennoch.
Polizei nur als Zweitausbildungsberuf.
Die zehn hauptamtlichen Seepolizisten werden von 35 nebenamtlichen Seepolizistinnen und -polizisten unterstützt, die auf Polizeiposten entlang des Seeufers Dienst versehen. „Die Polizei ist ein Zweitausbildungsberuf nach einer ersten Berufsausbildung oder einer erweiterten Ausbildung“, sagt Kuhn. „Erst danach erfolgt der Eintritt in die Polizei und später eine Spezialisierung – etwa bei der Kantonspolizei Thurgau.“
Alle Seepolizisten seien als First-Responder ausgebildet. Alle Schiffsführer haben den Führerschein für Motorschiffe sowie eine Radarfahrberechtigung. „Wir müssen auch bei Nebel oder Sturm ausrücken, wenn kaum Sicht ist“, sagt Kuhn. „Anders als auf der Straße dürfen wir auf dem Wasser schneller fahren, als es die Sichtverhältnisse erlauben.“
Die nautische Ausbildung erfolgt intern und erstreckt sich über 25 Ausbildungstage innerhalb eines halben Jahres. Zudem stehen 15 nebenamtliche Polizeitaucher zur Verfügung, lediglich der Tauchverantwortliche arbeitet hauptamtlich als solcher. Mit aufblasbaren Hebesäcken haben die Polizeitaucher zahlreiche Schiffe sowie Flugzeuge und Hubschrauber aus dem Wasser geborgen. Die Polizeitaucher werden auch in der Eis- und Flussrettung ausgebildet. Darüber hinaus führen auch die Streifenwagen der Kantonspolizei im Winter Ausrüstung für die Eisrettung mit.
Umfangreiche Bootsflotte.
Jeder Stützpunkt am Bodensee verfügt über ein großes Patrouillenboot, das jederzeit voll einsatzbereit ist. „Ob Sturm oder Nebel, wir müssen sofort ausrückfähig sein“, erläutert Kuhn. „Eine Ausnahme ist Eis, denn wir haben keinen Eisbrecher.“ Zusätzlich ankert an jedem Standort ein kleines Boot mit geringerem Tiefgang und einer Bugklappe. Diese erleichtert den Einsatz von Polizeitauchern sowie Rettungs- und Bergungsarbeiten. „An schönen Badetagen mit vielen Badegästen setzen wir kein großes Schiff ein, um große Wellen zu vermeiden“, erklärt Kuhn. Der Stützpunkt am Hochrhein verfügt über ein spezielles, besonders wendiges Schiff mit geringem Tiefgang. In Kreuzlingen ist ein Arbeitsschiff mit Kran stationiert, das für den Unterhalt der Schifffahrtssignalisierung sowie für Bergungen genutzt wird. Zur Flotte gehören auch kleinere, motorlose Boote für Einsätze auf Gewässern im Hinterland des Bodensees.
Die Seepolizei kontrolliert Boote und Schiffe, überprüft Dokumente und schleppt bei Motorschäden auch Boote ab
© Kantonspolizei Thurgau
Internationaler Bodenseealarm.
Die Angehörigen der Thurgauer Seepolizei erleben die Zusammenarbeit der drei Anrainerstaaten als unkompliziert. „Wenn jemand Hilfe braucht, drückt man auf den roten Knopf und löst den Internationalen Seenotalarm aus“, berichtet Kuhn. „Sofort kommen die Schiffe von überall. Diskutiert wird später.“
Auf weiten Teilen des Bodensees sind die Staatsgrenzen nicht eindeutig festgelegt. Deshalb ist bei einem Einsatz oft zunächst unklar, in welchem Hoheitsgebiet sich der Notfall ereignet hat. „Bei einer Rettung fragt niemand, ob es dein oder mein Fall ist. Entscheidend ist, dass geholfen wird“, sagt Kuhn. Erst im Anschluss wird geklärt, welcher Staat für die weitere Bearbeitung zuständig ist und welches Recht – etwa bei schweren Straftaten – zur Anwendung kommt.“
„Wenn Hilfe benötigt wird, reagieren wir Einsatzkräfte unabhängig von Zuständigkeiten oder Staatsgrenzen“, betont Bernhard Aigner, Kommandant der Wasserpolizei Vorarlberg. „Gerade diese schnelle und unkomplizierte Kooperation macht Einsätze am Wasser effizienter. Sicherheit auf dem Bodensee funktioniert nur gemeinsam. Grenzen spielen im Ernstfall keine Rolle.“
Als im August 2017 ein in Zürich gestartetes Kleinflugzeug nahe der deutschen Bodenseeinsel Mainau abstürzte, waren neben Einsatzkräften der Feuerwehr Konstanz, der Wasserschutzpolizei Baden-Württemberg, dem Technischen Hilfswerk und einer Fähre der Stadtwerke Konstanz die Polizeitaucher der Seepolizei Thurgau im Wasser. Sie waren als Erste verfügbar und deshalb die ersten Taucher am Unfallort. Obwohl der Kanton Thurgau nicht an Österreich grenzt, übt die Seepolizei Thurgau regelmäßig mit der Wasserpolizei Vorarlberg aus Hard.
Zum gemeinsamen Ausbildungsprogramm gehören Szenarien mit schwer bewaffneten Einsatzkräften. Zuletzt fand eine solche Übung im Mai 2026 statt. „Die Verantwortlichen treffen sich regelmäßig zu Besprechungen. Die Kommunikation erfolgt über gemeinsame Funkgruppen, und alle Polizeibehörden der Bodenseeanrainer üben gemeinsam“, berichtet Kuhn.
Die Wasserpolizei Vorarlberg hat in Hard zwei Polizeiboote stationiert. „Regelmäßige gemeinsame Übungen und Besprechungen sind ein wichtiger Bestandteil unserer Zusammenarbeit“, sagt Aigner. Bei größeren Einsätzen oder besonderen Gefahrenlagen ist es entscheidend, dass Kommunikation und Abläufe bereits im Vorfeld abgestimmt und erprobt werden. Gemeinsame Übungen schaffen Vertrauen – und Vertrauen ist im Einsatz durch nichts zu ersetzen.“
Mit der Taskforce BATELO, einer grenzüberschreitenden Ermittlungsplattform zur Bekämpfung der organisierten Kriminalität auf Binnengewässern, arbeitet die Seepolizei gemeinsam mit dem Fedpol, dem Bundesamt für Zoll- und Grenzsicherheit sowie dem Kompetenzzentrum für Bootskriminalität in Konstanz zusammen. Ein Schwerpunkt ist die Fahndung nach gestohlenen Außenbordmotoren. Im Thurgau ist die Anzahl an Vermögensdelikten in Häfen und auf Trockenplätzen aufgrund der hohen Polizeipräsenz jedoch gering.
Ölwehr zum Trinkwasserschutz.
Die Seepolizei betreibt einen Ölwehrstützpunkt für alle Seen und Fließgewässer im Thurgau. Die dort vorgehaltenen schweren Spezialmittel – darunter ein fahrbarer Ölabscheider und ein Rüstfahrtzeug – werden zudem überregional eingesetzt. „Wir richten sie am Ereignisort ein, aber die ortsansässigen Schadenswehren stellen die Manpower“, erläutert Kuhn. Diese Aufgabe soll nun an die Feuerwehren übergeben werden. Diese bekämpfen Schiffsbrände, aber auch die Schiffe der Seepolizei verfügen über Brandlöscheinrichtungen. Doch im Brandfall übernimmt die Seepolizei eigene Aufgaben: „Wir schauen, dass wir die Leute retten können und wir helfen der Feuerwehr mit Transportkapazitäten“, sagt Kuhn.
In Arbon ist der Seenotrettungsdienst der Schweizerischen Lebensrettungs-Gesellschaft (SLRG) stationiert. Er hält an den Wochenenden einen durchgehenden Bereitschaftsdienst und steht für Einsätze auf dem Bodensee bereit. Die Überwachung der EU-Außengrenze sowie die Bekämpfung von Schmuggel und illegalen Grenzübertritten obliegen dem Bundesamt für Zoll- und Grenzsicherheit.
Die Seepolizei Thurgau betreibt den kantonalen Ölwehrstützpunkt und schützt die Binnen- und Fließgewässer
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Für unterschiedliche Einsatzgebiete konzipierte moderne Polizeischiffe ermöglichen der Seepolizei rasche und flexible Einsätze
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Eigenverantwortung statt Vollkasko-Mentalität.
Vermisstenfälle kommen immer wieder vor, Tauchunfälle auf Thurgauer Gebiet sind seit Jahren nicht mehr zu verzeichnen. Zu den außergewöhnlicheren Einsätzen zählen Heißluftballone, die auf dem Bodensee notwasserten. Klassische Schiffsunfälle mit Kollisionen – vergleichbar mit Verkehrsunfällen auf der Straße – sind selten. Häufiger brechen Masten oder Boote geraten in Brand.
Badeunfälle haben nach den Erfahrungen der Seepolizei zumeist medizinische Ursachen wie Herzinfarkte oder akute Kreislaufprobleme. „Wer sich über das Wasser, das Wetter und Strömungen informiert, für den ist der Bodensee nicht gefährlich, sagt Kuhn. „Aber Eigenverantwortung ist nötig.“ Zugleich weist er auf die Dimensionen des Sees hin. Die heute oft vorherrschende Erwartung, nach einem Notruf sofort Hilfe zu erhalten, greife hier nicht. „Selbst wenn alle Einsatzkräfte mit Blaulicht und Vollgas ausrücken, kann es 30 Minuten dauern.“
Der Fährbetrieb zwischen Romanshorn (Schweiz) und Friedrichshafen (Deutschland) fällt als konzessionierte Schifffahrt in die Zuständigkeit des Bundes. Die Seepolizei wird dort nur bei polizeilichen Einsatzlagen tätig. Neben dem Fähr- und Linienverkehr prägt die Freizeitschifffahrt das Geschehen auf dem Bodensee.
„Früher hatte man ein Hobby. Man war Segler oder Fischer. Heute hat gefühlt jeder hundert Hobbys. Man kann aber nicht in allen Bereichen gleich gut Bescheid wissen“, erklärt Kuhn. „Wir stellen fest, dass viele die Regeln auf dem Wasser nicht ausreichend kennen.“ Zu den häufigsten Unfallursachen zählen technische Mängel, plötzlich aufziehende Stürme sowie das Unterschätzen von Geschwindigkeit und Strömungsverhältnissen.
Vielfältige Aufgaben.
Die Seepolizei spricht Stand-up-Paddler auf geltende Regeln an, überwacht die Höchstgeschwindigkeiten auf dem Wasser mit Lasergeräten und betreibt in Kreuzlingen die Schifffahrtskontrolle – zuständig für Prüfungen und technische Kontrollen. Darüber hinaus ist sie für die Fischereiaufsicht, für Bauten im Uferbereich sowie für die Signalisation der schiffbaren Gewässer verantwortlich.
Der Drache von „Ufm Rhy“. Auf der Hochrheinstrecke, die in westlicher Richtung an den Bodensee anschließt, gibt es immer wieder Unfälle. Um das Sicherheitsbewusstsein zu stärken, hat die Seepolizei Thurgau mit der Schaffhauser Wasserpolizei, der Wasserschutzpolizei Baden-Württemberg und der Schifffahrtsgesellschaft Untersee und Rhein die Präventionskampagne „Ufm Rhy“ – also: „auf dem Rhein“ – ins Leben gerufen, mit einem Drachen als Symbolfigur. Die Kampagne erzielt in den sozialen Medien eine hohe Reichweite. „Wir wollten bewusst nicht erwähnen, dass die Kampagne von der Polizei stammt“, erläutert Kuhn. „So erreichen wir Menschen, die wir mit klassischen Präventionskampagnen kaum ansprechen würden. Wir haben den Eindruck, dass dadurch die Zahl der Unfälle zurückgegangen ist.“ Inzwischen schreiben Nutzer dem Drachen direkt: „Hey, wie sind die Bedingungen? Kann ich morgen auf den See?“
Helfen statt bestrafen.
Was ist das Schönste am Beruf als Seepolizist? „Die Vielfalt unseres Einsatzgebiets und unserer Aufgaben. Und wir dürfen da arbeiten, wo andere Ferien machen – mit allen Vor- und Nachteilen“, sagt Kuhn. „Oder die besonderen Momente, wenn man den Sonnenaufgang im Wasser sieht. Es ist kein Stressumfeld wie auf der Straße, denn die Leute sind in ihrer Freizeit unterwegs. Wir müssen nicht nur bestrafen, sondern können oft helfen.“ Ein wesentlicher Teil des Dienstes bestehe darin, Menschen zu helfen, Gefahren frühzeitig zu erkennen und durch Präsenz sowie Aufklärung zur Sicherheit auf dem Bodensee beizutragen.
Benedikt Haufs
Öffentliche Sicherheit, Ausgabe 9-10/2026
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