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  2. Ausgabe 5-6/2026
  3. Katastrophenschutzübung

Katastrophenschutzübung

Wenn die Realität sich ändert

Bei der Großübung „WEEZE 26“ in Deutschland trainierten über 250 Feuerwehrführungskräfte aus dem Kanton Zürich die Bewältigung komplexer und langandauernder Schadenslagen – realitätsnah, unter Zeitdruck und in enger Zusammenarbeit über Organisations- und Ländergrenzen hinweg.

Katastrophenschutzübung „WEEZE 26“ – realitätsnahes Szenario: brennende Gebäude, Trümmer und zahlreiche Verletzte stellen die Einsatzkräfte vor komplexe Herausforderungen
Katastrophenschutzübung „WEEZE 26“ – realitätsnahes Szenario: brennende Gebäude, Trümmer und zahlreiche Verletzte stellen die Einsatzkräfte vor komplexe Herausforderungen
© Floortje van Noppen/TBW

Am 19. Jänner 2026 wurden rund 250 Führungskräfte der Feuerwehren des Kantons Zürich alarmiert: In der Köln-Bonner Bucht habe sich ein schweres Erdbeben ereignet, dessen Zerstörungen bis an die niederländische Grenze reichten. Den Zürchern wurde ein Einsatzsektor nahe der Gemeinde Weeze zugewiesen – rund 110 Kilometer nördlich von Köln. Ihr Auftrag: die Führung und Koordination im Bereich des Flughafens Niederrhein (NRN), einschließlich der Zusammenarbeit mit lokalen Einsatzkräften.

Chaos vor Ort.

Vor Ort bot sich ein Bild umfassender Zerstörung: verschüttete Personen, ein umgestürzter Linienbus, brennende Gebäude. Der Bereitstellungsraum, in dem sich nationale und internationale Kräfte sammelten und rasch eine Eigendynamik entwickelten, musste durch den Führungsstab der Schweizer Feuerwehroffiziere kurzfristig strukturiert werden. Einsatzmittel waren den Schadensstellen zuzuweisen, eine Zeit- und Raumlage in international gemischten Teams zu bewältigen.
Gemeinsam mit deutschen Freiwilligen Feuerwehren bekämpften die Schweizer unter anderem einen Brand in einer Jugendherberge und führten anspruchsvolle technische Rettungen aus einem Schacht durch. Organisationen wie das Deutsche Rote Kreuz, das Technische Hilfswerk sowie Rettungshundestaffeln wurden in die Einsatzführung integriert.
Ungewöhnlich war bereits die Alarmierung: Neben dem Einsatzstichwort fiel insbesondere der Einsatzort sowie der Transport der Führungskräfte in sieben bereitstehenden Reisebussen am Flughafen Zürich auf. Denn es handelte sich um die 76-stündige Großübung „WEEZE 26“. Die Teilnehmenden arbeiteten dabei nicht nur mit eigenen Löschfahrzeugen, sondern auch mit vor Ort verfügbaren Einsatzfahrzeugen. Ein Teilnehmer beschrieb die Ausgangslage: „Wir waren ab Zürich in der Übung. Termin und Ziel waren bekannt, das konkrete Szenario jedoch erst einen Tag zuvor. Aufgaben, Zeitplan und Organisation blieben bewusst offen.“
Die Übungsleitung verzichtete auf ein Drehbuch. Stattdessen wurden dynamisch neue Lagen eingespielt, während der Stabsraum über Kameras kontinuierlich durch eine Regie beobachtet wurde. Unter Ressourcenknappheit mussten die Führungskräfte fortlaufend taktische Entscheidungen treffen. Eine Verantwortliche der Gebäudeversicherung Kanton Zürich (GVZ) betonte: „Belastbare Führungssysteme entstehen nicht durch Theorie, sondern durch wiederholte, praxisnahe Anwendung unter Stress.“ Zusätzlich waren Einsatz- und Ruhezeiten für die Übungsteilnehmenden zu organisieren. Ein Übungsleiter erklärte: „76 Stunden unter hoher Belastung und mit wenig Schlaf – wir haben die Teilnehmenden bewusst an ihre Grenzen geführt, kontrolliert und ohne sie zu gefährden.“ In einem abseits gelegenen Raum nahmen Vertreter mehrerer Schweizer Kantone als Übungsbeobachter teil. Beauftragt wurde die lagegetriebene Großübung durch die GVZ gemäß ihres gesetzlichen Ausbildungsauftrags. Renato Mathys, Abteilungsleiter Feuerwehr, erläuterte: „Ziel war es, die Führungs- und Entscheidungsfähigkeit der Feuerwehrkader bei langandauernden, komplexen Schadenlagen zu trainieren und zu überprüfen.“
Für den Kanton Zürich stellte das Format ein Novum dar – sowohl hinsichtlich des taktisch-operativen Aufbaus als auch der Größe und Zusammensetzung der Teilnehmenden. In das Szenario integriert waren unter anderem ein Massenanfall von Verletzten, infrastrukturelle Ausfälle sowie mehrere parallele Schadenslagen.

Auf rund 60 Hektar bietet die Training Base Weeze realitätsnahe Trainingsmöglichkeiten für Einsatzkräfte aus ganz Europa
Auf rund 60 Hektar bietet die Training Base Weeze realitätsnahe Trainingsmöglichkeiten für Einsatzkräfte aus ganz Europa
© Floortje van Noppen/TBW

Polizei-Szenarien: Geiselbefreiungen und Terrorlagen.

Die Übung fand auf dem Gelände der Training Base Weeze (TBW) statt. Ein Supervisor erklärt: „Wir führen hier an sechs Tagen pro Woche Trainings durch – doch eine Übung dieser Größenordnung hat es bislang nicht gegeben.“ Auf 60 Hektar trainieren jährlich über 30.000 Einsatzkräfte aus Feuerwehr, Polizei, Militär und Bevölkerungsschutz. Das Gelände gilt als eines der größten seiner Art für Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben in Europa. Ein Trainer berichtet: „Zu unserer Infrastruktur gehören eine zentral gesteuerte Übungsregie, umfassende IT- und Kommunikationsstrukturen, lagebildfähige Führungsräume sowie ein technisch und logistisch vorbereitetes Übungsgelände.“
Das Areal diente von 1954 bis 1999 als Militärstandort der Royal Air Force. Stationiert waren unter anderem Harrier-Kampfjets und Chinook-Transporthubschrauber. Heute ermöglichen die ehemaligen Kasernen-, Wohn- und Industriegebäude eine Vielzahl realistischer Szenarien – von Flugzeugbränden über Gebäudeeinstürze bis hin zu terroristischen Anschlägen und Geisellagen.

Von Grundlagen und Sonderlagen.

Polizeispezialkräfte trainieren auf dem Gelände komplexe Einsatzlagen
Polizeispezialkräfte trainieren auf dem Gelände komplexe Einsatzlagen
© Justin Brosch

Neben Feuerwehrübungen finden hier auch Trainings von Polizeispezialkräften statt – unter dem Grundsatz „Train as you fight“. Zuletzt war die Anlage Schauplatz einer Großübung des europäischen ATLAS-Verbunds der Polizeispezialeinheiten. Trainiert werden Grundlagen, Personenkontrollen, Gebäudezugriffe und Evakuierungen sowie komplexe Sonderlagen: gewalttätige Menschenmengen, Geiselnahmen oder terroristische Bedrohungen.
Dr. Christian Endreß, Geschäftsführer der Training Base Weeze, betont: „Wir bilden komplexe Schadenslagen unter kontrollierten Bedingungen ab und ermöglichen es den Einsatzkräften, Strukturen, Verfahren und Entscheidungsprozesse weiterzuentwickeln.“
Das Gelände erlaubt zudem realitätsnahe Übungen zur Orientierung im urbanen Raum, zur Observation und Sicherung sowie zum Schutz von Personen und Objekten. Die Bandbreite reicht von Gefängnisausbrüchen über Explosionen in Drogenlaboren bis hin zu Überfällen oder Amoklagen. Polizei- und Militärkräfte können eigene Ausbilder mitbringen; zusätzlich stehen seitens der TBW Experten verschiedener Fachrichtungen unterstützend zur Verfügung. Drohnentechnik wird zur Lageerkundung eingesetzt, zudem können Szenarien kritischer Infrastruktur simuliert werden.

Wenn die Realität sich ändert: Üben außerhalb der Regie.

Was macht den besonderen Wert eines solchen Trainingsgeländes aus? „Feuerwehren lernen hier nicht nur, Brände zu löschen – das beherrschen sie“, sagt Peter H. Janssen, stellvertretender Geschäftsführer und ehemaliger Einsatzleiter der Royal Air Force in Weeze. „Sie lernen die Physik des Feuers: wie es sich anfühlt, wie es sich entwickelt und welche Dynamiken daraus entstehen. Es geht um das Beobachten, Verstehen und Reagieren.“
Vor dem Hintergrund internationaler Konflikte und hybrider Bedrohungen gewinnen neue Szenarien an Bedeutung. Endreß nennt Beispiele wie Sabotageakte, CBRN-Lagen oder den Schutz kritischer Infrastruktur: „Wir trainieren auch ungewöhnliche Szenarien – denn die Realität verändert sich. Wir üben außerhalb der Regie.“ Zugleich sehen sich Sicherheitsdienste mit neuen Formen von Kriminalität und Gewalt konfrontiert. Auch darauf bereitet die Training Base Weeze gezielt vor.

Benedikt Haufs


Öffentliche Sicherheit, Ausgabe 5-6/2026

 Druckversion des Artikels (PDF. 717 kB)

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