Polizeigeschichte
Erfolge durch Hartnäckigkeit
Regierungsrat Josef Appel zählte zu den erfolgreichsten Kriminalisten Wiens im 19. Jahrhundert. Der Konzeptsbeamte spezialisierte sich unter anderem auf Geldfälscher in der Monarchie.
Josef Appel (1821–1893), einer der erfolgreichsten Kriminalisten seiner Zeit
© Polizeiarchiv Wien
Karl Hurtz, Buchhalter in der Vergolder-Fabrik seines Bruders, verschwand am 14. März 1859 spurlos. Er hatte eine größere Summe Bargeld bei sich. Bei der Polizei vermutete man, dass sich der Buchhalter mit dem Geld nach Amerika abgesetzt haben könnte. Johann Schmitt, ein Mitarbeiter der Firma Hurtz, hatte ausgesagt, Hurtz hätte angekündigt, nach Amerika zu reisen. Auch ein Unglücksfall wurde befürchtet. Die Ermittlungen führten aber zu keinem Erfolg.
Ein Jahr später wurde in einer Spedition in der damals zur Habsburger-Monarchie gehörenden Stadt Rzeszów in Südostpolen ein mit zwei Schlössern versperrter Koffer gewaltsam geöffnet, weil es daraus entsetzlich stank und sich der Empfänger nicht eruieren ließ. Im Koffer befand sich eine verweste Leiche. Das Gepäckstück war Mitte März 1859 im Speditionsbüro der Nordbahn in Wien als Eilgut nach Prag aufgegeben und später nach Galizien umgeleitet worden. Bei der Leichenschau stellte man fest, dass der Schädel zertrümmert war, verursacht durch mehrere heftige Schläge mit einer Axt, einem Hammer oder einem anderen schweren Gegenstand. Der Tote wurde anhand der Kleidungsstücke als Karl Hurtz identifiziert.
Nun begannen in Wien Ermittlungen wegen des Verdachts des Mordes. Josef Appel, ein Konzeptsbeamter im Wiener Sicherheitsbüro, verdächtigte Josef Schmitt als Täter. Er war der letzte, der das Opfer lebend gesehen hatte und er hatte eine falsche Spur gelegt. Bei der Durchsuchung seiner Wohnung wurden die Taschenuhr, eine Kette und andere Gegenstände aus dem Besitz des Mordopfers gefunden. Schmitt wurde festgenommen. Er hatte am Tag des Verschwindens des Mordopfers den Koffer gekauft. Bei der Einvernahme verwickelte er sich in Widersprüche und behauptete, dass ein Berliner, der im „Hotel zur Stadt London“ gewohnt haben soll, den Mord begangen habe. Die Ermittlungen ergaben, dass zur Tatzeit weder in diesem noch in anderen Hotels in der Umgebung ein Preuße abgestiegen war. Johann Schmitt wurde im Juni 1860 wegen meuchlerischen Raubmords zu einer lebenslangen schweren Kerkerstrafe verurteilt. Seine Geliebte, die Nutznießerin der Beute, erhielt vier Jahre Kerkerhaft.
Die Aufklärung dieses Raubmordes war ein weiterer Erfolg Josef Appels, der damals schon als einer der erfolgreichsten Kriminalisten in der Monarchie galt. Einige Tage nach der Urteilsverkündung klärten Appel und seine Mitarbeiter eine Bluttat im heutigen 15. Wiener Bezirk. Ein aus Bayern angereister Buchdruckergehilfe war Opfer eines Raubmordes geworden.
Josef Appel, geboren am 19. Jänner 1821 in Gewitsch in Mähren (heute Jevíčko, Tschechien) als Sohn eines Postmeisters, studierte Rechtswissenschaften (abs. iur.) und trat 1846 als Konzeptskandidat in die k. k. Polizeidirektion Wien ein. Im Jahr darauf wurde er wirklicher Konzeptspraktikant. 1851 wurde er dem Evidenzbüro zugeteilt und zum Kommissär II. Klasse befördert. Das Evidenzbüro war der Vorläufer des Wiener Sicherheitsbüros.
Appel spezialisierte sich auf die Ausforschung von Geldfälschern, ermittelte aber auch in anderen spektakulären Fällen. 1852 überführte er in Ungarn den Geldfälscher Anton Nemeth und stellte Beweismaterial sicher. Außerdem forschte er die Fälscherbande des Lithographen Peter Blaskowitz aus. Appel klärte auch aufsehenerregende Diebstahlserien, Betrügereien und Dokumentenfälschungen auf, wie 1854 einen Diebstahl im Postwagen-Magazingebäude des Hauptzollamtes und 1856 einen Großbetrug in der Militärmonturskommission in Stockerau, an dem einige Offiziere und 15 Zivilisten beteiligt waren. Er ermittelte die Täter eines Großbetrugs in der österreichischen Nationalbank.
1857 gelang es ihm, einen der versiertesten Geldfälscher zu überführen. Der Maler Kaukal aus Stryj in Galizien produzierte 1.000 Gulden-Noten, die nur schwer als Fälschungen erkannt wurden. Appel war ihm auf der Spur, hatte aber noch keine Beweise. Mit einer List brachte er den Verdächtigen dazu, umzuziehen. In der ersten Nachtstation durchsuchten Ermittler den Wagen des Malers und entdeckten 1.000-Gulden-Blüten. Bald darauf klärten Appel und sein Team die Unterschlagung von Frachtgütern bei der Donau-Dampfschifffahrtsgesellschaft. 1855 bereiste er im Auftrag der Obersten Polizeibehörde Ungarn und Galizien. 1857 wurde er zum Kommissär I. Klasse ernannt.
Nach der Gründung des Sicherheitsbüros im Jänner 1858 als eines der Zentralämter der Wiener Polizei setzte Josef Appel seine erfolgreiche Karriere fort. 1858 machte er wieder eine international agierende Geldfälscherbande unschädlich; die Bandenmitglieder wurden in Hamburg, New York und in der Schweiz verhaftet. 1861 ermittelte Appel gegen Kriminelle, die in Italien österreichische Geldscheine fälschten. Die Ermittlungen wurden erschwert, weil ein italienischer Polizist die Fälscher gewarnt hatte. Trotzdem wurde die Gruppe zerschlagen; in mehreren italienischen Städten wurden mehr als 50 Verdächtige verhaftet.
Im Herbst 1861 wurde Josef Appel mit einem „delikaten“ Fall betraut: Polizeiminister Karl Freiherr Mecsery de Tsoor wurde Opfer eines Diebstahls. Als Täter wurde der ehemalige Leibjäger des Polizeiministers überführt. Dem Dieb wurden auch Betrügereien und Unterschlagungen nachgewiesen. Er wurde zu einer dreijährigen Kerkerstrafe verurteilt.
1862 ließ Appel in Genf den berüchtigten ungarischen Geldfälscher Ludwig Nagy verhaften, dem es gelungen war, zweimal aus dem Gefängnis auszubrechen. 1866 war Appel in Böhmen einem Geldfälscher auf der Spur. Der Einmarsch der preußischen Truppen verhinderte aber den Zugriff. Erst einige Jahre später gelang Appel und seinem Team die Verhaftung des Kriminellen. Er machte auch Straßenräuber unschädlich, die jahrelang auf den Strecken von Wien nach Wiener Neustadt und nach Stockerau Reisende überfallen hatten.
Josef Appel war bei den Ermittlungen äußerst hartnäckig und gab nicht wegen scheinbarer Aussichtslosigkeit auf. Diese Hartnäckigkeit führte unter anderem zur Aufklärung eines spektakulären Kapitalverbrechens: Am 6. Oktober 1870 wurde in einem Wald in Ottakring der Handelsakademiker August Brzezina lebensgefährlich verletzt gefunden. Brzezina war am 1. Oktober von einem Unbekannten in ein Lokal gelockt und auf dem Weg dorthin überfallen und beraubt worden. Er starb am 13. Oktober im Krankenhaus. Appel gelang es, einen verurteilten Betrüger als Mörder Brzezinas zu überführen. Der Raubmörder wurde zu 20 Jahren schweren Kerkers verurteilt. 1871 ermittelte Appel gegen einen Fälscherring, der von der Schweiz aus agierte. Drei Jahre später trug er dazu bei, dass in der Schweiz abermals eine Fälscherbande zerschlagen wurde. 1872 und 1873 überführte er Mitarbeiter der Postdirektion Wien, die im großen Stil Geld und Wertgegenstände unterschlagen hatten.
Appel bereiste Großbritannien und weitere europäische Länder, Ägypten und Kleinasien, um Geldfälscher zu entlarven. 1867 wurde er Titular-Oberkommissär, 1869 Oberkommissär II. Klasse und 1879 Polizeirat. Er wurde Vorstand der zweiten Abteilung des Sicherheitsbüros und im Mai 1881 Leiter des Kommissariats Leopoldstadt. 1884 wurde er Titular-Regierungsrat. Er leitete das Kommissariat Erdberg und zuletzt das Kommissariat Innere Stadt. Für seine Leistungen wurde er unter anderem mit dem Franz-Josefs-Orden ausgezeichnet. Regierungsrat Josef Appel, der an Asthma litt, trat am 30. November 1887 in den Ruhestand. Anlässlich seiner Ruhestandsversetzung gestattete Kaiser Franz Josef, dass ihm der „Ausdruck der Allerhöchsten Zufriedenheit mit seiner vieljährigen pflichttreuen und ersprießlichen Dienstleistung“ bekanntgegeben werde. Appel starb am 21. Juni 1893 in Wien-Leopoldstadt. Die Leiche wurde in Appels Geburtsstadt Gewitsch bestattet, deren Ehrenbürger er war.
Werner Sabitzer
Quellen/Literatur:
Oberhummer, Hermann: Die Angehörigen der Wiener Polizei 1754 – 1900. Ein Nachtrag zur Geschichte der Wiener Polizei. Verlag Gerlach & Wiedling, Wien 1939
Oberhummer, Hermann: Die Wiener Polizei. 200 Jahre Sicherheit in Österreich. Band II. Verlag Gerlach & Wiedling, Wien 1938
Auszeichnungen. In: Die Presse, 24. Oktober 1887, S. 1
Regierungsrath Josef Appel †. In: Die Presse, 23. Juni 1893, S. 10
Der des Mordes an dem Kaufmann Hurtz Angeklagte. In: Die Presse, 7. Februar 1860, S. 9
Proceß Schmitt. In: Die Presse, 6. Juni 1860, S. 11
Öffentliche Sicherheit, Ausgabe 5-6/2026
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