Exekutivgeschichte
Die Traditionswachkörper (Teil 3)
Der nachfolgende Abriss beschäftigt sich mit der weiteren (exemplarisch dargestellten) Entwicklung ab den 1950er-Jahren bis zum Sicherheitspolizeigesetz 1991.
VW Käfer: Fahrbereitschaft der Gendarmerie
© Sammlung Michael Beyer
Österreich verfügte bis zur Erlangung der vollen Souveränität 1955 über kein eigenes Militär. Nach 1945 übernahmen die Wachkörper der Sicherheitsexekutive auch protokollarische Aufgaben bei Staatsakten, wie bei der Trauerfeier für den am 31. Dezember 1950 verstorbenen Bundespräsidenten Karl Renner. In diese Zeit fällt auch die Gründung von „Alarmbataillonen“ der Bundesgendarmerie (BG) in den von den drei Westmächten besetzten Teilen Österreichs. Aus den nachfolgend „Gendarmerieschule“ genannten Einheiten formierte sich ab 1. August 1952 die „B-Gendarmerie“ als Vorläuferorganisation des Bundesheers. Der Personalstand belief sich 1954 auf insgesamt 180 Offiziere sowie 6.080 Unteroffiziere und Mannschaften.
Alarmabteilung.
Einhergehend mit der Wiedererlangung der staatlichen Souveränität wurde auch die Wiedererrichtung geschlossener Formationen forciert. Als Beispiel dafür kann die bisherige „Reserveabteilung“ der Wiener Sicherheitswache (SW) genannt werden. Die bisher im zweimonatigem Turnus wechselnden Beamten wurden nunmehr fix in der „Bereitschaftsabteilung“ verwendet. Der Personalstand der neu gegründeten Abteilung setzte sich im Dezember 1955 wie folgt zusammen: 8 Offiziere, 665 dienstführende und eingeteilte SW-Beamte. Ab 1. Jänner 1959 firmierte diese Einheit wieder unter „Alarmabteilung“ und seit den 1990er-Jahren unter „Wiener-Einsatzgruppe-Alarmabteilung“.
Grundausbildung.
Motorradpatrouille der Gendarmerie
© Sammlung Michael Beyer
In den Landesgendarmeriekommandos (LGK) sowie den Polizeischulen wurde die Dauer der Grundausbildung auf zwei Jahre erhöht. Die Marokkanerkaserne im dritten Bezirk in Wien nahm im Juni 1953 als Schulabteilung der Wiener Sicherheitswache wieder ihren Betrieb auf. Neben der Basisausbildung erfolgten für die mittlere und höhere Führungsebene „Fachkurse“ bzw. „gehobene Fachkurse“. Die Gendarmeriezentralschule (GZSch), am 12. April 1951 zwischenzeitlich über Anordnung der Sowjets nach Horn (NÖ) verlegt, übersiedelte am 16. August 1955 in die Rennwegkaserne nach Wien und im 23. September 1956 wieder an ihren alten Standort nach Mödling. Sie sollte gut zwanzig Jahre später zur Geburtsstädte einer ersten gemeinsamen Offiziersausbildung der drei Wachkörper werden.
Retter in der Not.
Das Donauhochwasser und der „Lawinenwinter“ des Jahres 1954 forderten zahlreiche Opfer. In der Osterwoche verstarben am Dachstein 13 junge Menschen; die letzten beiden wurden erst nach 43 Tagen von den Einsatzkräften des Bergrettungsdienstes und der BG gefunden. In Vorarlberg wurden 280 Menschen verschüttet, 125 verloren ihr Leben. Unter den ersten Helfern, die nach Bekanntwerden der Katastrophe nach Blons ins Große Walsertal vorrückten, befanden sich Gendarmen. Erstmalig wurden zur Hilfeleistung in Österreich Hubschrauber eingesetzt. Zwei Jahre später erfolgte die erste Anschaffung von Hubschraubern durch die am 15. Dezember 1954 gegründete Abteilung „Flugpolizei“ im Bundesministerium für Inneres (BMI).
Verkehrsüberwachung und Motorisierung. Der wirtschaftliche Aufschwung und die zunehmende Motorisierung in den 1950er-Jahren führten zu einer Ausweitung der Verkehrsüberwachung. In der BG wurden in jedem Bundesland Verkehrsabteilungen mit Außenstellen sowie eigene Verkehrsposten errichtet. 1950 wurde zahlreiche Volkswagen als Streifenfahrzeuge in den Dienst gestellt. Die 1960 neu eingeführte Straßenverkehrsordnung (BGBl 159/1960) sowie das 1967 verabschiedete Kraftfahrgesetz (BGBl 267/1967) stellten die uniformierten Wachkörper – nicht zuletzt aufgrund des hohen Schulungsbedarfs – vor Herausforderungen. 1968 verfügte die Wiener SW über 407 Kfz und 82 Mopeds – der Stand der dortigen motorisierten Verkehrsgruppe betrug 1965 bereits 118 Beamte.
Kriminaldienst.
Handfunkgerät der Sicherheitswache
© Polizeimuseum Wien
Bei den Bundespolizeibehörden waren für die Kriminalitätsbekämpfung die Korps der Kriminalbeamten zuständig. Bei der Bundesgendarmerie wurde das 1946 auch von den wiedererrichteten Erhebungsabteilungen bzw. -gruppen übernommen. Sie wurden als eigene Organisationseinheit des LGK ab 1955 der örtlich zuständigen Sicherheitsdirektion (SID) unterstellt. 1959 wurde in Wien ein vorerst aus zwei Funkwagenbesatzungen bestehender kriminalpolizeilicher Streifendienst aufgestellt. Exemplarisch für die rasante Entwicklung des bundesweiten Kriminaldienstes in dieser Zeit steht etwa die Einrichtung eines kriminalpolizeilichen Meldedienstes (1959) sowie die Vorschrift für den kriminaltechnischen Dienst und den Erkennungsdienst (1962).
Aufrüstung.
Neue Funkgeräte, Fahrzeuge und moderne Einsatzmittel hielten Einzug – zahlreiche Dienststellen wurden renoviert bzw. neu errichtet. Ende 1955 nahm die „Funkstreifenabteilung“ der Wiener SW die ersten sechs Funkstreifenwagen in Betrieb. Die BG sorgte 1956 mit der FN-Selbstladepistole M35 (Kal. 9 mm Parabellum) sowie dem Selbstlade-Karabiner M1 (Kal. 7,65 mm) für eine einheitliche Bewaffnung und führte 1958 mit den Fahrzeugen des Bezirkspostens einen motorisierten Patrouillendienst ein. 1953 gelang es der Bundesregierung, von den Alliierten die Freigabe des Funkverkehrs für das gesamte Bundesgebiet zu erlangen. 1954 konnte bei der SW mit neuen Handfunkgeräten kommuniziert werden. Ab 1963 startete der Ausbau des UKW-Funknetzes für die BG sowie die SW und 1965 wurde ein bundesweit einheitlicher Notruf eingeführt. Ab Mitte der 1950er-Jahre erfolgten Spezialausbildungen z. B. als Funker, Fahrlehrer, Motorbootführer, Alpinisten und Rettungsschwimmer. Bereits ab 1965 fungierte die Luftschutztruppenschule in Wien als zentrale Ausbildungsstätte für die Strahlenspürer der Wachkörper BG und SW.
Großeinsätze.
Einsatz der Gendarmerie bei der Lawinenkatastrophe in Blons 1954
© Sammlung Michael Beyer
Exemplarisch für zahlreiche Großeinsätze waren der Ungarn-Aufstand 1956, das Gipfeltreffen Kennedy–Chruschtschow 1961 in Wien und der Einsatz der „konzentrierten Abteilung“ der BG in der sogenannten „Südarmee“: Im Zuge der Autonomiebestrebungen Südtirols kam es Ende der 1950er-Jahre zu politisch motivierten Sprengstoffanschlägen. Allein in der „Feuernacht“ auf den 12. Juni 1961 wurden in Südtirol 37 Strommasten gesprengt. Die Bundesregierung entschloss sich daher, zusätzlich zu den Objektschutzwachen einen Grenzschutzdienst an der Grenze zu Südtirol aufzustellen. Fallweise wurden dafür auch noch in Ausbildung befindliche Gendarmen eingesetzt. Der gemeinsam mit der Zollwache und dem Bundesheer durchgeführte Einsatz endete nach zehn Jahren am 20. Februar 1971.
Weitere exekutive Großeinsätze waren die olympischen Winterspiele 1964 und 1976 in Innsbruck.
Funkpatrouille.
Anfang 1964 wurde bei der BG der „Funkpatrouillendienst“ (FPD) eingeführt. Zeitgleich wurde die ersten „Bezirksstreifenwagen“ bei der Wiener SW in Betrieb genommen. Der FPD bestand aus drei Gendarmen mehrerer Gendarmerieposten. Sie hatten die örtlichen Gendarmerieposten zu unterstützen. Der FPD der BG wurde mit Inkrafttreten des Sicherheitspolizeigesetzes (BGBl 566/1991) und dem damit verbundenen Modell der „Sektorenstreifen“ im Mai 1993 eingestellt.
Auslandseinsätze.
Rangabzeichen für Angehörige des UN-Kontigents in Zypern (UNFICYP)
© Sammlung Michael Beyer
Ebenfalls in das Jahr 1964 fällt der erste offizielle Auslandseinsatz des BMI in Zypern. Angehörige der beiden Wachkörper BG und SW stellten gemeinsam das Polizei-Kontingent zur United Nations Peacekeeping Force in Cyprus (UNFICYP). Das österreichische Polizeikontingent war in einer Stärke von 28 bis 55 Mann bis zum Juli 1977 in Zypern präsent. Insgesamt beteiligten sich an der Mission 276 Exekutivbeamte. Zahlreiche weitere Einsätze folgten: z. B. in Namibia (1989-90), Kambodscha (1992-93), Bosnien-Herzegowina (1996-2002) und im Irak (1991-2006).
Personelles.
Trotz Bemühungen und fallweiser Aufstockungen konnten bei allen drei Wachköpern keine nennenswerte Verbesserung der Personalstände erreicht werden. Besonders drastisch stellte sich die Situation bei der SW dar. Die Wiener SW verfügte zu Beginn 1969 über einen systemisierten Stand von 5.878 SW-Beamten. Der tatsächliche „dienstbare Stand“ betrug nur 4.817 Beamte. Die Zahl der Beamten hatte sich somit seit 1949 um ca. 2.500 reduziert. Zur Attraktivierung des Berufs waren Verbesserungen erforderlich. Im Oktober 1954 wurde die Dienstzweigverordnung (BGBl 269/1954) für die Bundeswachebeamten erlassen. Die Besoldung der Wachkörperangehörigen wurde – wie für alle anderen Bundesbeamten – mit dem Gehaltsgesetz 1956 (BGBl 54/1956) geregelt. Auf Basis des 1967 in Kraft getretenen Bundespersonalvertretungsgesetzes (BGBl 133/ 1967) wurden bei allen drei Wachköpern Personalvertretungen eingerichtet.
Dienstzeit.
Die Dienstzeitmodelle von Polizei und BG unterschieden sich grundlegend. In den Wachzimmern der SW wurde das „Radl“ angewendet, bei dem fixe Teams in regelmäßig wechselnden Schichten Dienst versahen. In Linz beklagten z. B. die SW-Beamten, dass das jahrzehntelang – aus ihrer Sicht – bewährte „Dreierradl“ mit Wirksamkeit vom 1. Mai 1973 auf ein „Sechserrad“ umgestellt wurde. Die Gendarmen arbeiteten nach einem monatlich im Voraus erstellten individuellen Dienstplan, der neben den dienstlichen Erfordernissen – zunehmend mit der gesellschaftlichen Entwicklung – auch die privaten Interessen berücksichtige. Während das Dienstgruppensystem der Polizei langfristige Planungen erlaubte und stärker standardisiert war, zeichnete sich der Dienstplan der BG durch eine kurzfriste und individuelle Planbarkeit aus.
Frauen und Jugendliche.
Im Oktober 1965 wurden erstmals Frauen in der Wiener SW aufgenommen und nach Abschluss der Grundausbildung am 1. Oktober 1967 meist in der Straßenverkehrsüberwachung eingesetzt. Im März 1971 wurden 150 Vertragsbedienstete als „Politessen“ für die Parkraumüberwachung in Wien eingestellt. In Linz und Graz wurden 35 aufgenommen. Ab 1974 wurden erstmals 30 Burschen nach Abschluss der Pflichtschule in die Wiener SW aufgenommen. Die sogenannten „Polizeikadetten“ wurden in einem dreijährigen Lehrgang auf den Dienst in der SW vorbereitet. Etwa zwei Drittel der Kadetten wurden in den Sicherheitswachedienst übernommen. Bis zum letzten Lehrgang 1986 waren das immerhin 1.416 junge Männer. Dieses Modell wurde ab Mitte der 1980er-Jahre unter der Bezeichnung „Gendarmeriepraktikanten“ auch bei der BG kurzfristig an den Ausbildungsstandorten Mödling, St Pölten und Krumpendorf übernommen.
Bei der BG wurden erstmals 1984 Frauen aufgenommen. Am 23. Jänner 1984 startete der erste (provisorische) Grundausbildungslehrgang für acht Wachebeamtinnen aus allen acht Landesgendarmeriekommandos. Die Frauen waren ausschließlich für die Verwendung bei der Kriminalabteilung (KA) ihres Bundeslandes vorgesehen. Nach der sechsmonatigen Ausbildung erfolgte bei jeder KA eine erstmalige „Probeverwendung“ eingeschränkt auf die Bereiche Kindesmisshandlung, Sittlichkeitsdelikte und sonstige Gewaltdelikte in der Familie. Vom Erfolg dieser Pionierinnen wurde vorerst die Einstellung weiterer Frauen abhängig gemacht. Weitere Kurse folgten jeweils zu Jahresbeginn 1985 und 1986. Der letzte Kurs mit ausschließlich weiblichen Lehrgangsteilnehmerinnen wurde an der GZSch 1991 durchgeführt. Ab diesem Zeitpunkt erfolgte die Aufnahme und Ausbildung von Frauen im Rahmen der allgemeinen Grundausbildung an den Gendarmerieschulen. Fünf Jahre später waren bereits 650 Frauen bei der BG.
Sondereinheiten.
Neben der WEGA in Wien entwickelten sich ab den 1970er-Jahren weitere „erste Sondereinheiten“ bei den uniformierten Wachkörpern. Zur Sicherung bis zur Ausreise der meist aus der ehemaligen UdSSR übernommen jüdischen Emigranten wurden bereits seit 1971 Beamte der Verkehrsabteilung des LGK für NÖ eingesetzt. 1973 wurde daraus per Erlass das „Gendarmeriekommando Bad Vöslau“, das vorerst auch für die permanente Sicherung des Flughafens Wien-Schwechat zuständig war. Nicht zuletzt aufgrund der europaweiten Zunahme terroristischer Aktivitäten entwickelte sich daraus am 1. Jänner 1978 das Gendarmerieeinsatzkommando (GEK) als österreichische Antiterroreinheit mit Sitz in Schönau an der Triesting. Die Einheit selbst rekrutierte sich halbjährlich aus ausgewählten Bewerbern der LGKs, die nach Absolvierung der sechsmonatigen Basisausbildung weiter beim GEK auf Zuteilungsbasis verwendet wurden. Über Initiative des LGK Vorarlberg wurde 1984 erreicht, dass die wieder zu ihren Stammdienststellen rückkehrenden GEK-Männer aufgrund ihrer Spezialausbildungen für Sonderverwendungen weiter eingesetzt werden. Die nunmehr neu geschaffenen Sondereinsatzgruppen (SEG) wurden in allen Bundesländern (außer Wien) in der Stärke von jeweils zwei Gruppen (ca. 18 Mann) installiert. Zur Bewältigung von Sonderlagen verfügte jede der 14 Bundespolizeidirektionen über besonders ausgebildete Beamte, die organisatorisch unter der Bezeichnung „MEK“ (mobiles Einsatzkommando) – in Wien WEGA, bekannt sind. Aufgrund der Sicherheitsanforderungen am Flughafen Schwechat wurde im Februar 1980 bei der BPD Schwechat eine „Polizeisondereinsatzstelle Flughafen“ – Funkrufname „Kranich“, eingerichtet.
Umbenennung der Bundespolizeikommissariate.
Basierend auf der Verordnung der Bundesregierung vom 7. Dezember 1976 (BGBl. 690/1976) wurde die Bezeichnung der bisherigen sieben Bundespolizeikommissariate (in Leoben, Schwechat, Steyr, St. Pölten, Villach, Wels und Wiener Neustadt) auf „Bundespolizeidirektion“ abgeändert. Die Angehörigen der Wachkörper SW und KD unterstanden somit ab 1. Jänner 1977 den insgesamt 14 Bundespolizeidirektionen in den sieben Landeshauptstädten (außer Bregenz und damals noch St. Pölten) und den oben angeführten Städten.
Führungskräfteausbildung.
Am 29. Juli 1976 startete an der GZSch in Mödling unter der Bezeichnung „gehobener Fachlehrgang“ der erste gemeinsame Lehrgang für angehende Offiziere der BG, SW und des KD. Ziel war unter anderem auch, dass „der Kontakt der Wachkörper untereinander vertieft werden sollte“. Bereits der 1978 folgende Lehrgang wurde als W1–ALG (Ausbildungslehrgang für leitende Wachebeamte) bezeichnet. Ab dem neunten Lehrgang im Jahr 1987 wurde die Bezeichnung auf „Sicherheitsakademie“ umgeändert. In den ersten zwanzig Jahren wurden bereits 17 Lehrgänge – jeweils in der Dauer von zwei Jahren, durchgeführt. Die 557 Teilnehmer setzten sich wie folgt zusammen: 286 BG (davon 30 ökonomisch-administrativer Dienst), 172 SW und 99 KD.
Michael Beyrer
Nächste Folge (Schluss): Die Entwicklung bis zur Wachkörperreform 2005
Öffentliche Sicherheit, Ausgabe 5-6/2026
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