Bundeskriminalamt
Im Fadenkreuz der Zielfahnder
Udo Stattmann, Zielfahnder der ersten Stunde, hat die Einheit mit aufgebaut, internationalisiert und zuletzt geleitet. Er war für die Festnahme von Hunderten mutmaßlichen Schwerverbrechern mitverantwortlich und tritt nun in den Ruhestand.
Die Zielfahnder des Bundeskriminalamts fahnden weltweit nach flüchtigen Straftätern
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„Kreativ, hartnäckig, flexibel und zielorientiert, muss ein guter Zielfahnder sein“, erklärt Udo Stattmann. „Er benötigt zudem neben viel Geduld, Ausdauer und Verständnis auch ein gutes Netzwerk, muss teamfähig sowie ein Menschenfreund sein.“ Die Anforderungen klingen hoch, aber Stattmann weiß es aus erster Hand, denn er war 23 Jahre lang Zielfahnder. Nach 46 Dienstjahren mit unzähligen Herausforderungen, Erlebnissen und Erfolgen trat der Kärntner mit April 2026 in den Ruhestand.
Udo Stattmann absolvierte die FBI- National-Academy in den USA
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Begonnen hat alles 1980 als Stattmann im Alter von 16 Jahren als Polizeipraktikant in die Wiener Sicherheitswache eintrat. Nach der Grundausbildung sammelte er erste Erfahrungen im 15. Bezirk, die Jahre 1986 bis 1990 versah er Dienst bei der Wiener Alarmabteilung. 1991 wechselte er zur Observation. Stattmann absolvierte 1992 den Kriminalbeamtenkurs und versah danach Dienst im damaligen Sicherheitsbüro. 1993 wechselte er ins Innenministerium in die Einsatzgruppe zur Bekämpfung der organisierten Kriminalität (EDOK). Mit der Gründung des Bundeskriminalamts 2003 wirkte er dort an der Einrichtung der Zielfahndung mit. 2015 absolvierte Stattmann die FBI National Academy in den USA.
Zielfahndung in Österreich.
Beginnend in der Projektphase 2002 wurde die Zielfahndung zu einer erfolgreichen Einheit mit 347 Festnahmen seit ihrer Gründung. Unter den Festgenommenen 320 Männern und 27 Frauen befinden sich mutmaßliche und verurteilte Mörder, Betrüger, Suchtmittelkriminelle, OK-Täter, Verdächtige des Kindesmissbrauchs, Räuber, Brandstifter und Erpresser. Hinter jeder Festnahme stehen nicht nur aufwendige Ermittlungs- und Fahndungsgeschichten, sondern auch Leid von Opfern und Hinterbliebenen. „Das Schicksal der Menschen, die unter den schweren Verbrechen der Gefahndeten leiden, war immer der stärkste Antrieb für meine Arbeit“, erzählt Stattmann. „Mit jedem einzelnen Erfolg unserer Arbeit als Zielfahnder signalisieren wir, dass sich die Täter nicht sicher fühlen können – nie und nirgends auf der Welt. Wir können sie aufspüren, festnehmen lassen und vor Gericht bringen.“
Einsätze im Ausland.
Zivilfahnder nahmen einen flüchtigen kroatischen Ex-Politiker auf der Tauernautobahn im Lungau fest
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Jede Polizeidienststelle, jede Staatsanwaltschaft und jedes Gericht kann eine Zielfahndung auslösen – zudem kann jeder Fall von den Fahndern vorgereiht werden. Die Voraussetzungen sind ein europäischer Haftbefehl, der in den Fahndungsapplikationen zirkuliert ist oder eine zirkulierte weltweite Festnahmeanordnung, ein Verbrechenstatbestand mit einer hohen Strafdrohung und der Auslandsaufenthalt des Flüchtigen. Gefahndet wird nach identifizierten aber noch flüchtigen Tatverdächtigen oder bereits verurteilten Straftätern. Innerhalb des Europäischen Zielfahndungsnetzwerkes ENFAST werden die Festnahmen von Zielfahndern jenes Landes übernommen, in dem sich der Geflüchtete befindet. Außerhalb des Netzwerkes ist es zweckmäßig, dass Zielfahnder vor Ort sind, um den Flüchtigen mit den örtlich zuständigen Behörden aufzuspüren und die Festnahme zu erwirken. Ohne Hoheitsrechte gestaltet sich ein Auslandseinsatz oft schwierig, da man von Partnern im Land abhängig ist.
„Wenn wir zu einem Auslandseinsatz aufbrechen, wissen wir ungefähr, wo sich der Gesuchte versteckt hält. Dann ist die halbe Arbeit schon erledigt, denn bei der Übernahme des Falls ist der Status meist, dass die Person flüchtig und der Aufenthaltsort unbekannt ist“, erläutert Stattmann. „Zuerst müssen wir in Österreich alles analysieren, was die Person betrifft, um einen Ermittlungsansatz zu finden: eine Spur in ein Land und an einen Ort, wo sich der oder die Flüchtige aufhalten könnte. Alle Ermittlungstools, die uns zur Verfügung stehen, werden ausgeschöpft – das persönliche Umfeld, alle Telefon-, Internet- oder Bankdaten bis hin zu Observation und verdeckten Maßnahmen, wenn das notwendig ist.“
Besonders wichtig ist die Zusammenarbeit mit den ermittlungsführenden Justizbehörden. Steht ein wahrscheinlicher Aufenthaltsort fest, reisen Zielfahnder in das betreffende Land. Udo Stattmann führten seine Einsätze durch halb Europa, nach Russland, Paraguay, Venezuela, Brasilien, Thailand, Indonesien, Nigeria, Kanada, Südafrika, Mexiko, auf die Philippinen und in die USA.
Festnahme eines Bankräubers in Rumänien, der in Österreich mehrere Banken überfallen hatte
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„Meist kommt man mit einem fertigen Konzept ins Zielland, steigt aus dem Flugzeug aus und die Situation ist plötzlich komplett anders, als erwartet. Manchmal geht der Plan nicht wie erwartet auf, weil etwa die Kooperationsbereitschaft fehlt oder die Mittel und das Personal der lokalen Behörden nicht ausreichend vorhanden sind. Auch die Korruption in manchen Staaten stellt ein Problem für uns dar“, berichtet Stattmann. „Dann beginnt die Laufarbeit. Man muss alle möglichen Quellen im Land anzapfen, um das Ziel zu erreichen, die Fahndung abzuschließen – dahinter steckt natürlich auch viel persönlicher Druck, denn man möchte möglichst zeitnah mit der Festnahme zurück nach Österreich kommen.“
Die Dauer der Auslandseinsätze reichen von drei Tagen bis zwei Wochen. In dieser Zeit muss man sich mit den lokalen Behörden vernetzen und strategisch wichtige Partner finden. Das können Vertreter von Interpol sein, von Botschaften, Konsulaten, Verbindungsbeamte des Innenministeriums oder die anderer Länder (USA, Deutschland) oder auch Beamte der zuständigen Nationalpolizeien. Bestenfalls nimmt man den Festgenommenen gleich nach Festnahme und Ausweisung aus dem jeweiligen Land mit nach Österreich. Udo Stattmann konnte alle seine Auslandsfahndungen positiv abschließen – oft aber mit viel Aufwand, unter enormen Anstrengungen und großem physischen Stress.
Mexiko.
„2018 haben wir einen Fahndungsauftrag der Tiroler Justiz und Polizeibehörden nach einem Verdächtigen erhalten. Es handelte sich um einen mutmaßlich schweren Betrüger, der sich nach Bekanntwerden seiner Tat nach Mexiko abgesetzt hat“, erzählt Stattmann. „Der Einsatz führte uns von Wien über Frankfurt nach Cancún und wieder zurück nach Wien – er dauerte 86 Stunden. Diese wenigen Stunden verbrachten wir aber unter sehr schwierigen Verhältnissen. Wir hatten den Gesuchten in Mexiko lokalisiert, sind aber bei den Behörden auf starken Widerstand gestoßen. Der Flüchtige fühlte sich völlig sicher, da es seitens Österreichs kein Auslieferungsübereinkommen mit Mexiko gab. Die langen Flüge, die Zeitverschiebung, der Klimawechsel und die schwierige Kooperation mit den örtlichen Behörden haben extrem an unseren Nerven gezerrt. Knapp vor unserem Rückflug konnten wir den Mann doch noch lokalisieren. Aufgrund von Korruption konnten wir die lokalen Polizeikräfte nicht in unsere Ermittlungen einbinden. Der Gefahndete stand mit der lokalen Polizei in sehr engem Kontakt. Ein erster Festnahmeversuch musste abgesagt werden, weil er vorgewarnt worden war. Mit einer eigens aus Mexico City nach Cancún verlegten mexikanischen Spezialpolizei und der Unterstützung von US-FBI-Verbindungsbeamten konnte die Festnahme dann doch noch vollzogen werden. Wir sind danach ohne Pause mit dem Festgenommenen zurück nach Österreich geflogen. Nach einer zweiten Flucht – zwei Jahre später – konnten wir den Mann in Frankreich abermals festnehmen und nach Österreich zurückbringen. Das war bisher der einzige Fall, dass ein Flüchtiger zweimal von Zielfahndern verhaftet wurde.“
Paraguay.
Zielfahnder nahmen seit ihrer Gründung 347 flüchtige Verbrecher weltweit fest
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Zu zwei Festnahmen kam es in Paraguay. 2011 fahndeten die Zielfahnder nach einem Kärntner, der wegen Mord, Betrug und der Brandstiftung verdächtig war. „Unsere Anreise dauerte wegen eines Vulkanausbruchs dreieinhalb Tage. Innerhalb von zehn Tagen konnten wir den Mann lokalisieren. Der Flüchtige stand auch im Verdacht, in Paraguay ein deutsches Ehepaar ermordet zu haben. Der Kärntner wurde während seiner Flucht dreimal entführt und erpresst, da bekannt war, dass er international gesucht wurde. Als Reaktion hat er sich völlig abgeschottet und einen lokalen Polizisten zu seinem persönlichen Schutz angestellt. Die Festnahme konnte mit viel diplomatischer Unterstützung der österreichischen Vertretungsbehörden vor Ort erwirkt werden. Als wir sechs Monate später für die Auslieferung wieder nach Paraguay reisten, hat uns der Honorarkonsul auf einen weiteren Österreicher aufmerksam gemacht. Dieser war mit seiner Frau und einer Freundin nach Paraguay gekommen, und die Frau war kurze Zeit später unter verdächtigen Umständen zu Tode gekommen“, berichtet Stattmann. „Ein Team aus Ermittlern des LKA Niederösterreich und des Bundekriminalamtes ist angereist, hat aufwendig nach dem Grab gesucht und schließlich eine Exhumierung erwirkt. Die Untersuchungen ergaben, dass die Frau, auf die zuvor eine Lebensversicherung abgeschlossen worden war, mit Medikamenten vergiftet worden war. Der Ehemann sowie seine Komplizin wurden festgenommen und schließlich in Österreich verurteilt.
In Thailand kam es 2022 erstmals zu einer Rückholung mittels Privatjet. Der mit internationalem Haftbefehl wegen schwerer Drogendelikte Gesuchte war im Dezember 2021 in Thailand mit Unterstützung der damaligen österreichischen Verbindungsbeamtin des Innenministeriums festgenommen worden. Die Rückholung gestaltete sich schwierig. Der Mann hatte sich in einer Linienmaschine mit massiver Gewalt und Selbstverletzungen gegen das Außer-Landes-Bringen gewehrt, sodass sich der Pilot der Linienmaschine weigerte, mit ihm den Flug von Thailand nach Europa anzutreten. Als Konsequenz musste ein Privatflugzeug gechartert werden, um den Festgenommenen nach Österreich auszufliegen. Damit setzte die österreichische Justiz ein Zeichen, dass sich Auslieferungen mit einem solchen Verhalten nicht umgehen lassen. Vor dem Wiener Landesgericht wurde der Beschuldigte im 1. Verfahren zu zwölf Jahren Haft verurteilt. Ein weiteres österreichisches Strafverfahren ist noch ausständig. Von den serbischen Behörden wird dem Beschuldigten versuchter Mord zur Last gelegt, nachdem er einen anderen serbischen Staatsangehörigen fünfmal in die Brust geschossen hatte. „Die Reaktion der Gefahndeten auf ihre Festnahme ist unterschiedlich“, erklärt Stattmann. „Viele scheinen erleichtert zu sein, dass die lange Flucht ein Ende hat. Die ständige Furcht vor Entdeckung und Verrat sind belastend. Diese Personen stellen sich ihren Konsequenzen und machen reinen Tisch, andere wiederum sind vollkommen uneinsichtig. Da bedarf es bei der begleiteten Rückführung besonders viel Diplomatie und Geschick im Umgang mit den Festgenommenen.“
Ganze Bücher könnten mit Stattmanns dienstlichen Erlebnissen gefüllt werden, ganze Landkarten ließen sich mit den Einsatzorten abstecken. „Die Zielfahndung verschlägt einen in Gebiete der Welt, die keine klassischen Urlaubsdestinationen sind. Ich bin sehr dankbar für die Erfahrungen, die ich machen und die Menschen, die ich dabei treffen durfte.“ 2.500 Kontakte befinden sich auf Stattmanns Diensthandy – diese mussten über die vielen Jahre hinweg gesammelt und gepflegt werden. Das bedeutet viel Kommunikation und ständige Erreichbarkeit. „Die Erfolge wiegen das auf“, erklärt Stattmann. „Der Gesamtschaden der Betrugsdelikte der gefahndeten und festgenommenen Täter beträgt 2,5 Milliarden Euro. Seit der Gründung konnten wir 65 des Mordes verdächtige oder verurteilte Personen festnehmen, darunter sogar zwei Serienkiller. Ich bin stolz darauf, dass wir damit unseren Beitrag leisten konnten, die Welt sicherer zu machen“, sagt Stattmann. „Besonderen Dank gilt meinem gesamten Zielfahndungsteam, ohne deren Engagement, deren extrem fokussierter Ermittlungsaffinität und dem ungebrochenen Einsatzwillen die Zielfahndungseinheit nicht diese hohe nationale und internationale Akzeptanz hätte. Was die Erfolgsgeschichte der Zielfahndung betrifft, müssen zudem der vormalige Leiter, Helmut Reinmüller, der Direktor des Bundeskriminalamtes, General Andreas Holzer, sowie Thomas Bauer als Zielfahndungsgründer besonders erwähnt und hervorgehoben werden.“ Am 28. Jänner 2026 überreichte Innenminister Gerhard Karner Udo Stattmann das Goldene Verdienstzeichen der Republik Österreich für dessen außergewöhnlichen beruflichen Verdienste.
Zielfahnder Udo Stattmann: „Unsere Arbeit verschlägt einen in Gebiete der Welt, die keine klassischen Urlaubsdestinationen sind.“
© Bettina Fröhlich
ENFAST – das European Network of Fugitive Active Search Teams hat die Zielfahndung in Europa internationalisiert. 2008 wurde die Idee zu dem Netzwerk im Rahmen einer internationalen Zielfahndungskonferenz von Österreich gemeinsam mit den USA, Deutschland, Belgien sowie den Niederlanden geboren und 2010 im Rahmen der belgischen EU-Präsidentschaft mit informellem Ratsbeschluss umgesetzt. Der Verbund operativer Zielfahndungseinheiten hat das Ziel, gemeinsam weltweit nach Schwerstverbrecher zu suchen, sie zu lokalisieren und festzunehmen. Es ist auch eine österreichische Erfolgsgeschichte, da Zielfahnder aus Österreich immer wieder in der Coregroup des Verbandes vertreten sind. Zuletzt wirkte Udo Stattmann 2024 bis 2025 in der ENFAST Steuerungsgruppe, wo gemeinsame Trainings, Actions, Beamten-Exchanges und vieles mehr festgelegt werden, mit. Das Netzwerk wird von Europol unterstützt.
Trackathon.
Eine besonders erfolgreiche Action von ENFAST fand am 12. und 13. März 2024 nach zweijähriger Projektvorbereitung, an der Stattmann mitgewirkt hatte, als „Trackathon 2024“ bei Europol in Den Haag statt. Im Rahmen der Aktion mit 90 Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus 33 Ländern und Europol wurden 59 hochranginge Zielfahndungsfälle an 44 Open Source Intelligence (OSINT)-Experten übertragen. Das Ergebnis waren fünf Festnahmen auf Basis von OSINT-Quellen, sechs weitere Festnahmen aufgrund des operativen Austausches der teilnehmenden Zielfahnder und neun weitere Lokalisierungen von Flüchtigen. Im Juni 2026 wird die Action wiederholt.
Maria Rennhofer-Elbe
Öffentliche Sicherheit, Ausgabe 3-4/2026
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