ACIPSS

ACIPSS-Tagung: Reinhard Raml (IFES), Lukas Wank (Shabka), Sandra Goldberger (VASBÖ), Milos Rakic (Profiler), Thomas Goiser (ACIPSS-Repräsentant in Wien).
ACIPSS-Tagung: Reinhard Raml (IFES), Lukas Wank (Shabka), Sandra Goldberger (VASBÖ), Milos Rakic (Profiler), Thomas Goiser (ACIPSS-Repräsentant in Wien).
© ACIPSS

Gedanken, Lügen, Sicherheit

Bei der jährlichen ACIPSS-Tagung in Wien am 10. September 2021 wurden nicht nur Gedankenexperimente erörtert, sondern auch verräterische Gesichtsausdrücke unter die Lupe genommen.

Die 31. ACIPSS-Tagung fand unter dem Titel „EMOTION(AL) – Sicherheit und Gefühl“ am 10. September 2021 an der FH Campus Wien in Favoriten statt – bereits zum dritten Mal in Kooperation mit dem Fachbereich Risiko- und Sicherheitsmanagement der FH Campus Wien und dem VASBÖ (Verband akademischer Sicherheitsberater Österreichs). Das Austrian Center for Intelligence, Propaganda and Security Studies (ACIPSS) ist ein international anerkanntes, gemeinnütziges Forschungszentrum, das mit der Karl-Franzens-Universität Graz kooperiert. ACIPSS forscht in den genannten Bereichen, koordiniert Forschung in diesem Spektrum und bietet mit dem Journal JIPSS (Journal for Intelligence, Propaganda and Security Studies) eine Plattform für facheinschlägige Wissenschafterinnen und Wissenschafter.

Gedankenexperiment.

Anlässlich der aktuellen Sonderausgabe des JIPSS hielten Thomas Goiser, Unternehmens- und PR-Berater in Böheimkirchen und Wien sowie ACIPSS-Repräsentant in Wien, und Michael Roither, Leiter des Masterstudiengangs „Digitale Medien und Kommunikation“ an der Fachhochschule Burgenland und Vizerektor für Internationales, einen Vortrag zu „Was, wenn 9/11 heute stattfinden würde – eine Uchronie.“ Dabei handelt es sich um ein Gedankenexperiment zu den Ereignissen des 11. September 2001, wobei Flugzeuge in die beiden Türme des World Trade Centers in New York gestürzt, Tausende Menschen gestorben sind und – mittlerweile ikonografische – Bilder des Terrorangriffs quer durch die Welt verbreitet worden sind. Seitdem hat sich insbesondere auf dem Gebiet der Kommunikation und des Video-Streamings viel verändert, soziale Medien überschlagen sich geradezu mit neuen Informationen. Die Frage, die den beiden Vortragenden als Ausgangspunkt für das Gedankenexperiment gedient hatte, war, was anders wäre, wenn das vor 20 Jahren Geschehene heute stattfände.

Fazit.

Der physische Schaden wäre heute wohl der gleiche, wobei die Opferzahl etwa durch kürzere Alarmierungswege möglicherweise geringer sein könnte. Drei Phänomene sind jedenfalls in der Kommunikation festzuhalten, die sich verändert haben:
„Erstens ist jede und jeder heute Sender und Empfänger. Medienunternehmen sind keine ‚Schleusenwärter‘ (Gate-Keeper) der Information mehr. Das führt einerseits zu mehr Transparenz und zielführender Kritik, andererseits aber auch zu mehr Verwirrung und Desinformation aus zweifelhaften Quellen. Als prüfende Vertrauensinstanzen und Orientierungsgeber sind Medien weiterhin gefragt, vor allem jene, die sich hier bereits in der Vergangenheit profiliert haben.
Zweitens: Die Schockwirkung wird dadurch vor allem zu Beginn noch intensiver sein – 2001 dauerte es fünf Stunden, bis die Bevölkerung in Deutschland fast vollständig informiert war. Heute wären es keine fünf Minuten, bis zumindest die Mehrheit Bescheid wüsste.
Drittens erfolgt die Kommunikation nicht nur schnell und direkt, sondern auch unkontrolliert. Spekulationen, Verschwörungstheorien und Fake News wären in enorm beschleunigter Form Tür und Tor geöffnet. Sie würden vor allem dort fruchten, wo es bereits gesellschaftliche Spaltungen und extreme Tendenzen gibt, wie man es insbesondere während der aktuellen Corona-Pandemie wahrnehmen kann“, führten Goiser und Roithner aus.

Soziale Medien.

„Gerade den Tätern böten heute die sozialen Medien breite Möglichkeiten, ihre Tat auch medial zu inszenieren“, sagte Goiser. Dabei könnte einerseits die Täterausforschung beschleunigt werden, andererseits würde Hass von allen Seiten schneller geschürt. Möglich und denkbar wäre ebenfalls ein paralleler Cyber-Angriff, der für zusätzlichen Tumult sorgen würde. Unmittelbare Konsequenzen wären etwa größere Unruhen, die direkt aus Folgeanschlägen von Nachahmenden resultieren würden. Außerdem wären die direkten Opfer heute allgegenwärtig und global bekannt – in Bild, Ton, Bewegtbild, teils sogar live. Die Retterinnen und Retter wären zwar effektiver in ihrem Tun, stünden aber unter deutlich größerem Druck von Seiten der Öffentlichkeit.
„Die Weltbevölkerung, 2001 nur Zaungast, würde 2021 zum integralen Bestandteil des Ereignisses: Aktuelle Spaltungen in den Gesellschaften würden noch transparenter, die Emotionen noch stärker zirkuliert, die Gräben noch tiefer. Schließlich könnte der „Krieg gegen den Terror“ als zielgerichteter Gegenangriff stattfinden – unter anderem mit Drohnen- und Cyber-Angriffen sowie der umfassenden politischen und wirtschaftlichen Isolation der Unterstützer“, führte Goiser aus.

Subjektives Sicherheitsgefühl.

Reinhard Raml, Geschäftsführer und Miteigentümer des Instituts für empirische Sozialforschung (IFES), gab mit „Sicherheitsmonitoring und ,subjektives Sicherheitsgefühl‘“ einen Einblick in die laufende KIRAS-Begleitforschung (österreichisches Förderungsprogramm für Sicherheitsforschung).
Im Hinblick auf die Corona-Pandemie kann man etwa sagen, dass sich der starke soziale Zusammenhalt der Gesellschaft in der Anfangsphase mit zunehmender Dauer der Pandemie wieder aufgelöst hat, der für Österreicherinnen und Österreicher sehr wichtige Wert der Solidarität in vielerlei Hinsicht derzeit unter Stress steht und die Orientierungslosigkeit zugenommen hat, wobei die globalisierte Welt als ungeordnet wahrgenommen wird. Anhand dieser Aspekte, um nur einige Beispiele zu nennen, erfolgte ein empirischer Zugang zur subjektiven Sicherheit.

Big Tech.

Lukas Wank, Konfliktforscher und Think-Tank-Gründer von Shabka (https://shabka.org), erläuterte sein Gedankenexperiment zur „Staatlichkeit von Online-Riesen?“ und stellte Beobachtungen und Thesen zur Diskussion. Multinationale Unternehmen und deren konstanter Machtzuwachs, der sich überwiegend im Hintergrund hält, wurden von Wank genau unter die Lupe genommen. Solche Unternehmen haben im Vergleich zu bestehenden Nationalstaaten mittlerweile einen erheblichen Einfluss auf nahezu jeden Bereich unseres gesellschaftlichen Lebens, wobei entsprechende staatliche Regulierungen weitestgehend fehlen.
„Die unsichtbare Hand der Marktwirtschaft wird durch die digitale Hand der Big Tech ersetzt und zum Dreh- und Angelpunkt von politischer Macht“, sagte der Konfliktforscher. Bedenklich ist jedenfalls, dass Big-Tech-Unternehmen jenseits von datenschutzrechtlichen Regelungen oder großen Skandalen agieren und auf diese Art und Weise unbekannte politische Akteure werden und bleiben.
Nach Wank wird in Zukunft eine Abhängigkeit von der digitalen Sphäre eines der wesentlichen Probleme der Gesellschaft, wodurch die Neuentstehung von Machtkonglomeraten forciert wird: Es ist durchaus vorstellbar, dass in puncto Sicherheit zukünftig nicht mehr die Anzahl der Soldaten ausschlaggebend ist, sondern die Frage, mit welchen Unternehmen ein Staat kooperiert.

Lügenexperiment.

Verhaltensprofiler Milos Rakic bot einen interaktiven Vortrag zu „Verräterische Mimik – was sie uns verrät“ auf Basis von Paul Ekmans Modell der sieben Basisemotionen und Mikro-Expressionen. Dabei ging es um die Frage, wie man Täter­typen bzw. Lügner erfolgreich anhand der Gesichtszüge enttarnt. Das Modell von Ekman, ein amerikanischer Psychologe – insbesondere für seine Forschungen zur nonverbalen Kommunikation bekannt –, galt für das interaktive Lügenexperiment als theoretische Grundlage. Anhand von verschiedenfärbigen Murmeln sollten die Teilnehmenden beobachten, wie schwierig es ist, herauszufinden, ob jemand lügt. Für den Verhaltensanalytiker sind neben guter Menschenkenntnis der Kontext einer Aussage sowie ständige Selbstreflexion das Um und Auf.
Sobald man eine Person in Dissonanz bringt, erhält man eine ehrlichere Antwort, da sich die Konzentration der Person auf andere Ebenen richten muss und fürs Lügen weniger Platz bleibt. Die Vorgehensweise der Dekodierung eines Menschen kann ebenfalls nützlich auf dem Gebiet der Personalsuche sein, damit Stresssituationen durch komplexere Fragestellungen, die vermehrte Fokussierung erfordern, möglichst vermieden werden. So kann man die Person schließlich besser kennenlernen und effizienter einschätzen.

Der wissenschaftliche Diskurs

Der wissenschaftliche Diskurs zu emotionalen Sicherheitsfragen zeichnete sich durch einen regen Zulauf von interessierten Besucherinnen und Besuchern aus, die aus verschiedenen Bereichen – Unternehmen, Behörden, Institutionen und Medien – stammen. So wurde erneut ein möglichst abwechslungsreicher Gedankenaustausch in die Wege geleitet und regt selbst danach noch zum Nachdenken an.

Nicole Felicitas Antal

Fachkonferenz

Personenschutz und Unternehmenssicherheit In der Burg Deutschlandsberg in der Steiermark findet am 29. und 30. März 2022 die zweite Fachkonferenz „Personenschutz und Unternehmenssicherheit“ statt. Zielgruppe sind Führungskräfte Personenschutz, Leiter Unternehmenssicherheit/Sicherheitsverantwortliche, Private Sicherheitsdienstleister/-Unternehmen.
In der Konferenz geht es unter anderem um Active Shooter, Alarmsysteme für hochwertige Immobilien und kritische Infrastruktur, Moderne Propaganda am Beispiel einer Terrororganisation, Cybercrime, rechtlicher Schutz von Unternehmen und Mitarbeitern, Blackout und seine unterschätzten globalen Folgewirkungen.

Vortragende sind unter anderem: Herbert Saurugg, MSc, internationaler Blackout- und Krisenvorsorgeexperte, Mag. Thomas Greis, MAS, Bundesministerium für Inneres, Mag. Wolfgang Kopecek, Richter, ehemaliger staatlicher Personenschützer, Rechtsberater für Spezialeinsatzkräfte, MMag. Paul Schliefsteiner, MA, Forscher mit Schwerpunkt Intelligence & Terrorismus, Direktor des Austrian Center for Intelligence, Propaganda and Security Studies (ACIPSS), Mag. Martin Kreutner, MSc, Dekan Emeritus der International Anti-Corruption Academy (IACA), Michael Novotny, Hauptlehroffizier für Tauchen und amphibische Ausbildung beim Jagdkommando, Dr. Dietmar Schreiner, Geschäftsführer Asgard Technology GmbH, Experte für Cybersecurity & Artificial Intelligence, René Steinkellner, Geschäftsführer der STYX Sicherheitstechnik GmbH (Errichtung von Perimeter- und Alarmsystemen).

Anmeldeschluss ist der 15. 1. 2022. Weitere Informationen: www.closeprotection.at .


Öffentliche Sicherheit, Ausgabe 11-12/2021

Druckversion des Artikels  (PDF 250 kB)