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Deutschland

Raubüberfall mit Geiselnahme 1971 in München: Ein Bankkassier bringt das Geld zum Fluchtauto; dahinter eine Geisel, die kurz darauf durch Schüsse getötet wurde. In der Tür die Geiselnehmer mit einer weiteren Geisel.
Raubüberfall mit Geiselnahme 1971 in München: Ein Bankkassier bringt das Geld zum Fluchtauto; dahinter eine Geisel, die kurz darauf durch Schüsse getötet wurde. In der Tür die Geiselnehmer mit einer weiteren Geisel.
© Werek/SZ-Photo/picturedesk.com

Tödliche Schüsse

Vor 50 Jahren wurde in München der erste Bankraub mit Geiselnahme in der deutschen Nachkriegsgeschichte verübt. Zwei Männer überfielen eine Bankfiliale und drohten mit der Erschießung der Geiseln.

München, Prinzregentenstraße, 4. August 1971, kurz vor 16 Uhr: Zwei mit Motorradhelmen und roten Gesichtsmasken getarnte Männer überfielen in der Prinzregentenstraße in München kurz vor Schalterschluss eine Filiale der „Deutschen Bank“ und nahmen 18 Angestellte und Kunden als Geiseln. Es handelte sich um den ersten Raubüberfall mit Geiselnahme seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Deutschland.
Bei den bewaffneten Tätern handelte es sich um 29-jährigen Hans Georg Rammelmayr und den 24-jährigen, aus Graz stammenden Dimitri Todorov. Sie forderten zwei Millionen Mark (eine Million Euro) Lösegeld, einen Fluchtwagen und freien Abzug. Die Gewalttäter behaupteten, einer Gruppe mit der Bezeichnung „Rote Front“ anzugehören, Sollten ihre Forderungen bis 22 Uhr nicht erfüllt werden. würden sie die Geiseln erschießen und die „Deutsche Bank“ in die Luft sprengen. Während der Verhandlungen ließen die Täter nach und nach Geiseln frei.

Tausende Schaulustige

Tausende Schaulustige versammelten sich am Abend vor der Bankfiliale. Der Polizeieinsatz wurde live im Fernsehen übertragen – auch das war eine Premiere in Deutschland. Bayerns Ministerpräsident Franz Josef Strauß und Innenstaatssekretär Erich Kiesl beobachteten das Geschehen von den Fenstern des gegenüber der Bank liegenden Edelrestaurants „Feinkost Käfer“. Nach Medienberichten soll Strauß der Polizei sein Jagdgewehr angeboten haben, um die Geiselnehmer niederzustrecken. Bei der Polizei gab es keine Präzisionsschützen. Polizisten übten in einer Kiesgrube mit Schießübungen den geplanten Zugriff.
Gegen 19 Uhr übernahm die Staatsanwaltschaft die Entscheidungsgewalt. In umliegenden Wohnungen wurden Polizisten mit Gewehren postiert. Die beiden Geiselnehmer sollten beim Verlassen der Filiale kampfunfähig geschossen werden. Gegen 23 Uhr erhielten die Täter das Bargeld und ein Fluchtfahrzeug. 40 Minuten später verließ der Bankkassier das Gebäude, verstaute das erpresste Geld in einem Jutesack im Fluchtwagen und ging in die Bankfiliale zurück. Dann begleitete er eine der fünf verbliebenen Geiseln, eine junge Frau, zum Auto. Sie setzte sich auf den Beifahrersitz. Kurz darauf verließ Hans Georg Rammelmayr die Bankfiliale. Er hatte eine rote, spitz zulaufende Kapuze mit zwei Sehschlitzen aufgesetzt und trug eine russische Maschinenpistole. Als er sich zur Frau in das Auto setzte, begannen Polizisten aus Maschinengewehren und Faustfeuerwaffen zu schießen. Rammelmayr, der ebenfalls schoss, wurde tödlich getroffen. Die Geisel neben ihm wurde von fünf Projektilen getroffen. Der Münchner Bürgermeister Hans Steinkohl lief zum Auto, um die Frau zu retten. Sie starb im Krankenhaus.
Rammelmayrs Komplize Dimitri Todorov befand sich mit den restlichen Geiseln während der Schießerei in der Filiale. Bei der Erstürmung der Bankfiliale kam es zu einem Schusswechsel zwischen der Polizei und Todorov, dabei wurde aber niemand getötet oder verletzt. Todorov wurde festgenommen. Er wurde wegen versuchten Mordes zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt. Im Gefängnis maturierte er mit ausgezeichnetem Erfolg.

Reformen.

Der Raubüberfall mit Geiselnahme war Auslöser für die rechtliche Einführung des „finalen Rettungsschusses“ in Bayern. Im Strafrecht wurden die neuen Straftatbestände erpresserischer Menschenraub und Geiselnahme eingeführt. In Bayern wurden die Gewalttat sowie der Terrorüberfall bei den Olympischen Spielen 1972 in München zum Anlass genommen, ein Spezialeinsatzkommando (SEK) aufzustellen.
Dimitri Todorov wurde 1993 nach 22 Jahren Haft auf Bewährung entlassen. Bald darauf wollte er ein Konto eröffnen und ging in die Bankfiliale, die er 1971 überfallen hatte. Zufällig traf er dort auf einen Bankangestellten, der damals unter den Geiseln war. Todorov erhielt in dieser Filiale kein Konto.
Todorov wurde 1998 wegen eines Drogendelikts erneut zu einer Haftstrafe verurteilt. Seit Mai 2000 ist er wieder auf Bewährung frei. 2002 veröffentlichte er das Buch „22 Jahre Knast. Autobiographie eines Lebenslänglichen“.

Werner Sabitzer


Öffentliche Sicherheit, Ausgabe 9-10/2021

 Druckversion des Artikels (pdf, 224 kB)

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