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  3. Porträt Detlev Polay

Porträt

45 Jahre im Dienst der Sicherheit

Als Detlef Polay am 1. September 1981 seinen Dienst bei der Wiener Polizei antrat, wollte er eigentlich nur sein Studium finanzieren. Aus der Übergangslösung wurde eine 45-jährige Laufbahn – vom Dienst im Wachzimmer bis zum Kommandanten des Cobra-Standorts Wien.

Detlef Polay war von April 2017 bis zu seiner Pensionierung Kommandant des Cobra-Standorts Wien
Detlef Polay war von April 2017 bis zu seiner Pensionierung Kommandant des Cobra-Standorts Wien
© Gerd Pachauer
Detlef Polay war von April 2017 bis zu seiner Pensionierung Kommandant des Cobra-Standorts Wien
Detlef Polay mit Andreas Zembaty (NEUSTART) beim Dialoggremium „Polizei.Macht.Menschen.Rechte“
© Gerd Pachauer

Offener in alle Richtungen, nach innen und nach außen sei die Polizei laut Detlef Polay im Vergleich mit dem 1. September 1981 geworden, als er in die Marokkanerkaserne der Bundespolizeidirektion Wien einrückte. Sie sei digitaler geworden, zu einem Wachkörper zusammengewachsen und top ausgerüstet. „In den vergangenen 45 Jahren hat sich nicht nur die Außenwelt komplett verändert, sondern auch die Polizei im Inneren“, betont Polay.
1980 maturierte Polay in Neusiedl am See und begann ein Studium der Datentechnik. Damals wurden Programme noch auf Lochkarten geschrieben und Computer waren knapp. Als die Technische Universität nicht genügend Rechner für Studierende zur Verfügung hatte, beteiligte sich Polay an der Besetzung des Rechenzentrums. „Ich habe damals zu den Revoluzzern gehört“, erinnert er sich.
Als Polay sich bei der Wiener Polizei bewarb, waren Freunde und Bekannte überrascht. „Ich wollte finanziell unabhängig sein“, sagt er. Aufmerksam geworden war er durch ein gelbes Werbeplakat in einer Straßenbahn: Die Polizei warb mit 6.200 Schilling Einstiegsgehalt. Polays Plan war einfach: bei der Polizei arbeiten, damit das Studium finanzieren und danach wieder gehen. Doch es kam anders. Seine polizeiliche Laufbahn begann mit einer umfangreichen Sicherheitsüberprüfung. Polay war in Deutschland geboren und 1972 mit seinem aus Kärnten stammenden Vater und seiner Schwester nach Illmitz im Burgenland gezogen. Die österreichische Staatsbürgerschaft erhielt er drei Jahre später. Als er 1981 zur Polizei wollte, verzögerte die Überprüfung durch den Staatsschutz seinen Eintritt um ein halbes Jahr. „Als Norddeutscher mit dem Namen Detlef habe ich es nicht immer leicht gehabt“, erinnert sich Polay an seine Schulzeit in Neusiedl am See. Auch später bei der Polizei waren seine Herkunft und die damals in der Polizei noch seltene Matura Anlass für Hänseleien.

Außendienst.

Nach der Polizeischule kam Detlef Polay am 1. März 1983 ins Wachzimmer Wagramer Straße, wo er sechs Jahre im Außendienst tätig war. Bank- und Postüberfälle waren damals keine Seltenheit. Ein Einsatz in Süßenbrunn ist ihm in Erinnerung geblieben: Nach einem Alarm bezogen Polay und sein Kollege mit gezogener Waffe vor einem Postamt Stellung. „Plötzlich kommt ein Mann heraus und geht seelenruhig zu seinem Auto. Ich fordere ihn auf stehenzubleiben – er reagiert nicht.“ Erst eine Postangestellte klärte die Situation auf: „Der Mann hört Sie nicht, er ist taubstumm!“
1983 nahm Polay sein Studium wieder auf. Verpflichtende Lehrveranstaltungen zu fixen Zeiten ließen sich jedoch kaum mit dem Schichtdienst vereinbaren; Dienstbefreiungen gab es nur für Jus-Studierende. Polay gab das Studium auf und konzentrierte sich auf die Polizei.
Im Jänner 1989 begann Polay die zweijährige E1-Ausbildung. Danach wurde er als Ausbildungsoffizier zur WEGA ausgemustert. Dort kam er erstmals mit Öffentlichkeitsarbeit in Berührung: Er organisierte Veranstaltungen und Vorführungen und moderierte die 125-Jahr-Feier der Wiener Sicherheitswache am Rathausplatz.
Als Leiter der Ausbildungsstelle war Polay unter anderem für die Seiltechnik am Hubschrauber verantwortlich. 1998 hätte ihn seine Begeisterung für die Höhe beinahe das Leben gekostet: Bei einem Tandem-Fallschirmsprung stürzte er ab. „Ich war praktisch der Airbag für meinen Tandem-Partner.“ Zahlreiche Knochenbrüche und ein langer Ausfall waren die Folge.
Detlef Polay war als Kommandant im Einsatz am 14. Juni 1993, als ein Bankräuber auf seiner Flucht nach einem Bankraub in einem Kindermodengeschäft mehrere Geiseln genommen hatte. Zuvor hatte der Täter nach dem Überfall auf der Flucht einen Polizisten erschossen, der ihm zufällig entgegengekommen war. Nachdem er sich in dem Geschäft verschanzt hatte, hatte die Polizei die Verhandlung mit ihm aufgenommen. Der Täter war ein „altbekannter“ Verbrecher und insbesondere dem Verhandlungsleiter, dem Kripo-Offizier Friedrich Mahringer gut bekannt. „Ich habe einen Rettungswagen aus dem Schussfeld wegfahren müssen“, erzählt Detlef Polay. Das Fahrzeug stand mitten in einer Kreuzung vor dem Kindermodengeschäft. Im hinteren Teil des VW-Busses lag der Polizist, den der Täter erschossen hatte. „Ich kann mich noch erinnern, wie ich die Handbremse nicht gefunden habe. Das waren Sekunden, die zu Stunden geworden sind.“
In der Auslage lag vom Täter unbemerkt eine junge Dekorateurin. Von ihr wurde in den Nachrichten im Radio berichtet. Der Geiselnehmer hörte diese Nachrichten und holte daraufhin die Frau aus ihrem Versteck. „Kumm auße, do!“ Sie überlebte wie die anderen Geiseln. Als Oberst Mahringer dem Geiselnehmer eine Dose Bier durch die Oberlichte der Geschäftstür geworfen hatte, gab der Täter einen Schuss auf den Kripo-Oberst ab. Das Projektil prallte auf dessen Brust am Handy ab, das er in der Hemdtasche eingesteckt hatte. Mahringer wurde von Kollegen aus dem Schussfeld gezogen und dann feuerten die WEGA-Beamten auf das Modegeschäft los: eine 1.200-Schuss-Salve. Dabei kam niemand zu Schaden – der Täter hatte sich im Kugelhagel selbst erschossen.

Von der Polizei zur Gendarmerie.

Detlef Polay trat am 1. September 1981 seinen DienDetlef Polay trat am 1. September 1981 seinen Dienst bei der Wiener Polizei an
Detlef Polay trat am 1. September 1981 seinen Dienst bei der Wiener Polizei an
© Privat

1995 wechselte Polay zum Gendarmerieeinsatzkommando (GEK), dem Vorläufer des Einsatzkommandos Cobra. „Das war ein Kulturbruch – von der Polizei zur Gendarmerie.“ Polay bestand darauf, zuvor das Auswahlverfahren und die sechsmonatige Cobra-Ausbildung zu absolvieren: „Ohne die Ausbildung hätten mich die Kollegen dort nicht akzeptiert.“
Der Wechsel zwischen Bundespolizei und Bundesgendarmerie war damals eine Ausnahme. 2002 sollte der Gendarmerieoffizier die Budget-Agenden bei der Cobra übernehmen. „Das war mir ein wenig trocken und nicht so ganz mein Wunschthema“, sagt Polay. Als ihm Cobra-Kommandant Wolfgang Bachler die Öffentlichkeitsarbeit und die Rolle des Cobra-(Presse-) Sprechers dazu anbot, sagte er zu. „Auf diesem Gebiet habe ich meine Kreativität ausleben können.“
Als „Kenner beider Welten“ – Polizei und Gendarmerie – holte Projektleiter Franz Lang Polay in das „Team 04“, das die Zusammenlegung der Wachkörper vorbereitete. Damit entstand die bis heute stehende Struktur mit fünf Cobra-Standorten und drei Außenstellen. 2012 wurde Polay Stabstellenleiter der Cobra. „Das war mir zu sehr auf der Verwaltungsseite“, sagt er. Es folgten Einsätze im Ausland. „Auslandseinsätze waren für mich immer das ‚Salz in der Suppe‘“, betont er. Im April 2017 übernahm Polay von Hannes Gulnbrein die Leitung des Cobra-Standorts Wien.
Polay wirkte 2013 an der Gründung des „Einsatzkommandos Cobra/Direktion für Spezialeinheiten“ (EKO Cobra/DSE) mit und beschäftigte sich zunehmend mit Öffentlichkeitsarbeit. Dabei lernte er auch, wie schnell Botschaften ins Gegenteil kippen können: „Wir wollten die Cobra vom Image der Rambos wegbekommen. Wenn man aber sagt, ‚wir sind keine Rambos‘, geht das ‚keine‘ beim Empfänger unter.“
Vieles eignete er sich zunächst „by doing“ an sowie durch die Beobachtung erfahrener Medienprofis. Es folgten interne und externe Schulungen, darunter realitätsnahe Interviewtrainings. Polay wurde zunehmend als Gesprächspartner für Medien angefragt, etwa nach schweren Terroranschlägen im Ausland.

Auslandseinsätze.

Auch im Ausland war Polay wiederholt im Einsatz: in den 1990er-Jahren zum Botschaftsschutz unter anderem in Albanien, Bosnien und im Jemen, 2011 während des „Arabischen Frühlings“ in Ägypten. Bei Entführungsfällen unterstützte er als Mitglied des Krisenunterstützungsteams (KUT) den Schutz österreichischer Vertretungen im Ausland.
Polays Auslandseinsätze führten ihn auch in die internationale Politik: Er begleitete Wolfgang Petritsch zum UN-Sicherheitsrat nach New York, war nach dem 9/11 mehrmals in den USA und mit Vizekanzler Michael Spindelegger im Gazastreifen.
Als Mohammed-Karikaturen 2006 weltweit Proteste auslösten, stellte Polay kurzfristig Teams zum Schutz österreichischer Botschaften zusammen. Er selbst flog nach Teheran, an einen der damaligen Brennpunkte. Im Gepäck hatte er im Wesentlichen „einen Reisepass, Geld und Hausverstand – mehr brauchst du bei solchen Einsätzen nicht“.
Bei den Protesten waren wiederholt Brandsätze gegen westliche Botschaften geworfen worden. Während manche Vertretungen mit Panzerglas reagierten, setzte Polay auf „durchwurfhemmende Fensterfolien“ – und auf genaue Beobachtung. Die Proteste vor der österreichischen Botschaft fanden meist nach Dienstschluss statt und wurden von mehreren Kamerateams begleitet. „Es war alles inszeniert – als Show“, sagt Polay.

Annaberg – schwere Stunden.

Am 17. September 2013 entwickelte sich aus der Jagd nach einem Wilderer in Annaberg die Fahndung nach einem vierfachen Mörder. Polay war als Kommandant des Einsatzkommandos Cobra im Einsatz. „Um halb eins in der Früh bin ich angerufen und informiert worden, dass es in Annaberg einen Schusswechsel gegeben hat“, erzählt Polay. Er hatte zu diesem Zeitpunkt Bereitschaftsdienst am Cobra-Standort Wiener Neustadt und koordinierte von da an den Einsatz vom Bezirkspolizeikommando Lilienfeld aus.
Der Täter war bei einer mutmaßlichen Wilderer-Tour ertappt worden und hatte drei Polizisten und einen Rettungssanitäter erschossen, bevor er sich auf seinem Anwesen in Großpriel verschanzte. Während zahlreiche Polizisten das Gelände absperrten und nach dem Täter suchten, koordinierte Polay den Cobra-Einsatz. Nach 39 Stunden im Dienst stellte er sich einem Live-Interview in der ZIB 2. „Der 17. September 2013 war ein Dienstag, meine Familie gesehen habe ich erst wieder am Samstag“, sagt Polay. Sein schwierigstes Gespräch hatte er mit dem Sohn des Sanitäters, der im Rettungswagen anfahrend von dem Täter erschossen worden war. Er wollte erklärt wissen, warum das Rot-Kreuz-Fahrzeug in die Gefahrenzone gelassen worden war.
Seinen letzten Auslandseinsatz absolvierte Polay zwei Wochen vor seiner Pensionierung. Er war in Kenia, um die Notfallpläne für die österreichische Botschaft zu evaluieren.

Gerhard Brenner


Öffentliche Sicherheit, Ausgabe 9-10/2026

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