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  2. Ausgabe 9-10/2026
  3. Interview Matthias Nemeth

Interview

„Seelsorge heißt zuzuhören“

Seit 2025 engagiert sich Matthias Nemeth als Ständiger Diakon ehrenamtlich in der Polizeiseelsorge des Innenministeriums. Der ehemalige BMI-Abteilungsleiter spricht über Beruf, Berufung und wie wichtig es in der Seelsorge ist zuzuhören.

Für Matthias Nemeth stehen Vertrauen, Empathie und ein offenes Ohr im Mittelpunkt der Polizeiseelsorge
Für Matthias Nemeth stehen Vertrauen, Empathie und ein offenes Ohr im Mittelpunkt der Polizeiseelsorge
© Tobias Bosina

Wie und wo waren Ihre Anfänge im Innenministerium?
Ich begann im Jahr 2000 in der Sicherheitsakademie des Innenministeriums und war dort unter anderem am Aufbau des Bereichs Wissenschaft und Forschung beteiligt. Danach übernahm ich in der Zentralstelle die Aufgaben im Protokollbereich. Aus dem Referat wurde später die Abteilung für Protokoll und Veranstaltungsmanagement, die ich dann geleitet habe. Nachdem alles im Leben seine Zeit hat, habe ich nach mehr als 20 Jahren im BMI im Kunst- und Kulturbereich des Landes Nieder­österreich ein neues Aufgabenfeld gefunden. Ich habe die Ausbildung zum akademischen Bibliotheks- und Informationsexperten absolviert und leite heute den Fachbereich der Landesbibliothek.

Wie kamen Sie zur Polizeiseelsorge?
Kurz nach meinem Eintritt ins Minis­terium hat mich mein damaliger Vorgesetzter darauf angesprochen, da ihm mein kirchliches Engagement bekannt war. Ich war schon als Kind und Jugendlicher in der Pfarre aktiv – als Ministrant und später in verschiedenen kirchlichen Funktionen. Ich wurde eingeladen, an einer Sitzung des Bundesbeirats der Polizeiseelsorge teilzunehmen. Dort lernte ich Martin Müller und Arthur Reis, einen der Mitbegründer der Polizeiseelsorge in Österreich, kennen. Diese Begegnungen haben mich geprägt. Ich bin dabeigeblieben und engagiere mich seither mit voller Überzeugung.

Sie sind Ständiger Diakon. Ist das eine Voraussetzung für die Polizeiseelsorge?
Nein. Ich war bereits viele Jahre in der Polizeiseelsorge engagiert, bevor ich 2022 zum Ständigen Diakon geweiht wurde. Grundsätzlich können alle entsprechend ausgebildete Laien als Polizeiseelsorgerinnen bzw. -seelsorger tätig sein. Der Unterschied besteht darin, dass Priester oder Diakone dem Seelsorgegeheimnis unterliegen. Das schafft für viele Menschen eine besondere Vertrauensbasis.

Welche Ausbildung braucht man für diese Aufgabe?
Neben der theologischen Qualifikation gehört vor allem ein fundiertes Know-how in Krisenseelsorge dazu. Ich habe beispielsweise meine Ausbildung in Gesprächsführung und Krisenbegleitung bei der Telefonseelsorge absolviert. Diese Kompetenzen sind für die Polizeiseelsorge unverzichtbar.

Was macht aus Ihrer Sicht einen guten Seelsorger aus?
Vor allem Empathie und Authentizität. Menschen merken sehr schnell, ob ihnen jemand wirklich zuhört oder nur eine Rolle spielt. Polizeiseelsorge bedeutet in erster Linie, als Mensch für andere Menschen da zu sein. Es geht darum zuzuhören, Vertrauen aufzubauen und der Gesprächspartnerin bzw. dem -partner auf Augenhöhe zu begegnen. Oft braucht es gar keine fertigen Antworten oder Ratschläge – ein offenes Ohr ist häufig das Wichtigste.

Was sind die zentralen Aufgaben?
Unser Ziel ist es, präsent und ansprechbar zu sein. Wir suchen den Kontakt zu den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Innenministeriums, ohne uns aufzudrängen. Wer ein Gespräch führen möchte, soll wissen, dass wir da sind. Unser Angebot richtet sich an alle – unabhängig von Konfession oder Religion. Im Mittelpunkt steht immer der Mensch. Wer Unterstützung sucht, ist willkommen, ganz gleich, welcher Glaubensgemeinschaft er oder sie angehört. Unser Angebot ist konfessionell geprägt, aber pluralistisch ausgerichtet und steht allen offen.

Wie ist der geistliche Beistand aufgebaut?
Österreichweit gibt es in allen Bundesländer Polizeiseelsorgeteams. Je nach Bundesland sind sie unterschiedlich organisiert, insgesamt ist das Netzwerk, dank des Engagements meiner Kolleginnen und Kollegen in den vergangenen Jahren kontinuierlich gewachsen.

Worin liegt die besondere Stärke der Polizeiseelsorge?
Die Polizeiseelsorge ist ein vollkommen vertraulicher Raum. Gespräche bleiben ohne dienstrechtliche Konsequenzen und dienen ausschließlich der Begleitung des Menschen. Wenn wir erkennen, dass jemand weitergehende professionelle Hilfe benötigt, vermitteln wir an geeignete Stellen weiter. Gute Seelsorge bedeutet auch zu wissen, wann andere Fachleute gefragt sind.

Matthias Nemeth: „Polizeiseelsorge bedeutet in erster Linie, als Mensch für andere Menschen da zu sein.“
Matthias Nemeth: „Polizeiseelsorge bedeutet in erster Linie, als Mensch für andere Menschen da zu sein.“
© Tobias Bosina

Mit welchen Anliegen kommen Polizistinnen und Polizisten zu Ihnen?
Die Bandbreite ist groß. Manche möchten über belastende Einsätze sprechen, andere über familiäre Sorgen oder persönliche Krisen. Es gibt aber auch viele schöne Anlässe. Ich durfte bereits Taufen und Trauungen von Polizeibediensteten begleiten und bin ebenso bei freudigen Lebensereignissen Ansprechpartner.

Gibt es typische Einsatzgebiete?
Das Spektrum reicht von Gottesdiensten, Angelobungen und Ausmusterungen über Segnungen von Dienststellen oder Einsatzfahrzeugen bis zur Begleitung nach belastenden Ereignissen. Dazu kommen persönliche Gespräche, Krisenbegleitung und die Mitwirkung bei kirchlichen Feiern. Gerade diese Vielfalt macht die Aufgabe so besonders. Jeder Tag bringt neue Begegnungen und Herausforderungen.

Welche Begegnungen haben Sie besonders geprägt?
Es ist immer etwas Besonderes, Menschen zu begegnen. Wenn man einem Menschen wirklich begegnet und spürt, dass Vertrauen entsteht, bleibt das in Erinnerung. Das gilt für freudige Anlässe ebenso wie für schwierige Situationen. Besonders berührend ist es, Menschen über längere Zeit begleiten zu dürfen – etwa von der Ehevorbereitung über die Trauung bis hin zu weiteren Stationen ihres Lebens.

Wie gehen Sie mit belastenden Situationen um?
Natürlich berühren mich die Schicksale und Sorgen der Kolleginnen und Kollegen. Ich habe selbst Höhen und Tiefen erlebt und kann viele Situationen nachvollziehen. Trauer und Freude gehören zum Leben. Ich versuche, Menschen zu begleiten und gemeinsam mit ihnen den Blick nach vorne zu richten, ohne ihre Situation kleinzureden.

Ein freudiger Anlass ist das heurige Jubiläum der Polizeiseelsorge. Was war geplant?
Anlässlich des 30-jährigen Bestehens der Polizeiseelsorge in Österreich fand im Juli ein Festgottesdienst im Dom zu St. Pölten statt. Vertreterinnen und Vertreter der Polizei, Politik und Kirche würdigten die Bedeutung dieses Dienstes, der seit Jahrzehnten Menschen in der Exekutive begleitet und unterstützt. Ein besonderes Anliegen ist mir die jährlich stattfindende Polizeiwallfahrt nach Mariazell, zu der ich alle Kolleginnen und Kollegen herzlich einlade. Besonders schön ist, dass das Bundesministerium für Inneres als Dienstgeber diese Veranstaltung unterstützt und seit heuer allen teilnehmenden BMI-Bediensteten eine Freistellung von acht Stunden gestattet.

Interview: Jürgen Belko

Polizeiseelsorge

Struktur und Kontakt

Die Polizeiseelsorge ist ein ehrenamtlicher Dienst, der im August 1996 gegründet wurde. Im Jahr 2002 wurde die spezielle Seelsorge für Exekutivbedienstete erstmals offiziell geregelt und institutionell verankert. Die Polizeiseelsorgerinnen und -seelsorger sind dem zuständigen Diözesanbischof verantwortlich und bei ihren Tätigkeiten von staatlichen und polizeilichen Weisungen unabhängig. Seit 2023 steht Elisabeth Lienhart als Bundespolizeiseelsorgerin an der Spitze der konfessionell geprägten und pluralistisch ausgerichteten Organisation. Österreichweit engagieren sich derzeit 26 Polizeiseelsorgerinnen und -seelsorger für die Anliegen von Polizistinnen und Polizisten sowie deren Angehörigen.
Kontakt: bmi-polizeiseelsorge@bmi.gv.at, 0676/ 81 21 29 83


Öffentliche Sicherheit, Ausgabe 9-10/2026

 Druckversion des Artikels (pdf, 382 kB)

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