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Hochstapler

Der „König von Albanien“

Der Schausteller Otto Witte behauptete, im März 1913 fünf Tage lang „König von Albanien“ gewesen zu sein, bevor der deutsche Prinz Wilhelm zu Wied offiziell den albanischen Thron bestiegen hätte.

Grabstätte des „Königs von Albanien“ Otto Witte auf dem Friedhof Ohlsdorf in Hamburg
Grabstätte des „Königs von Albanien“ Otto Witte auf dem Friedhof Ohlsdorf in Hamburg
© Werner Sabitzer

Auf dem Friedhof Ohlsdorf in Hamburg befindet sich die Grabstätte der Familie Witte. Unter dem Namen des am 13. August 1958 verstorbenen Otto Witte steht die Bezeichnung: „EHEM. KÖNIG V. ALBANIEN“. Tatsächlich behauptete der deutsche Taschenspieler und Straßenartist, in der Identität eines türkischen Prinzen 1913 albanischer Kurzzeitkönig gewesen zu sein.

Albanien war seit dem 15. Jahrhundert Bestandteil des osmanischen Reichs. Nach dem ersten Balkankrieg rief Ismail Kemal Bey am 28. November 1912 in seiner Heimatstadt Vlora die Unabhängigkeit Albaniens aus – unterstützt von Österreich-Ungarn. Am 29. Juli 1913 wurde der neue Staat auf der Botschafterkonferenz in London anerkannt. Die Botschafterkonferenz beschloss, ein Fürstentum Albanien zu errichten. Ein hochadeliger Herrscher wurde gesucht. Als einer der besten Kenner Albaniens und aus ungarischem Uradel stammend, bot sich Franz von Nopcsa, geboren am 3. Mai 1877 in Déva, Siebenbürgen, als König von Albanien an. Der Paläontologe, Geologe und Albanienforscher stammte aus einer ehemals reichen Magnatenfamilie in Siebenbürgen und erbte ausgedehnte Güter in Siebenbürgen. Vor dem Ersten Weltkrieg zog Nopcsa nach Wien. Sein bedeutendstes Werk, eine umfangreiche Studie über Albanien, wurde allerdings nicht veröffentlicht.
Die Botschafter einigten sich aber auf Prinz Wilhelm zu Wied. Der aus deutschem Uradel stammende Prinz wurde im Frühjahr 1914 als König von Albanien eingesetzt. Er bezog eine bescheidene Residenz in Durrës, konnte sich aber in dem krisengeschüttelten Land nicht durchsetzen. Nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs verließen seine Frau und er nach nur sechs Monaten Regierungszeit am 3. September 1914 Albanien. Franz von Nopcsa trat aus dem Albanien-Komitee aus und betätigte sich nicht mehr politisch. 1933 erschoss er in seiner Wiener Wohnung seinen Lebensgefährten und sich selbst.
Bevor der deutsche Prinz Wilhelm zu Wied als König von Albanien eingesetzt wurde, soll Otto Witte fünf Tage lang auf dem albanischen Thron gesessen sein. Das behauptet zumindest Witte selbst. In seinem erstmals 1932 erschienenen Buch „Fünf Tage König von Albanien“ schilderte er neben seiner angeblich abenteuerlichen Lebensgeschichte die Umstände, die ihn zum Kurzzeit-Monarchen im Land der Skipetaren gemacht haben sollen.

Otto Witte (Büste auf dem Grabstein): angeblicher Kurzzeitkönig von Albanien
Otto Witte (Büste auf dem Grabstein): angeblicher Kurzzeitkönig von Albanien
© Werner Sabitzer

Otto Karl Witte, geboren am 16. Oktober 1872, stammte aus einer Schaustellerfamilie und fuhr als Kind von Jahrmarkt zu Jahrmarkt. Die Schule besuchte er kaum. Seinen Erzählungen zufolge sei er schon mit neun Jahren als Zauberlehrling und Seiltänzer bei einer Italientour aufgetreten. Als Zwölfjähriger sei er ausgerissen und über die Schweiz nach Italien gekommen. In Mailand sei er von einer reichen Witwe aufgenommen worden. Danach sei er über Venedig, Triest, Budapest nach Belgrad gereist, habe dort als Hilfsarbeiter gearbeitet und am serbischen Hof Zauberkunststücke vorgeführt. Auf der „Walz“ seien sein Kollege und er in Mazedonien überfallen und entführt worden. Sie hätten das Lösegeld nicht zahlen können und seien nach Konstantinopel geflüchtet. Dort habe Witte auf einem Dampfschiff gearbeitet und sich mit dem Verkauf von Schmuggelware über Wasser gehalten. Mit einer Expedition sei er in die Region des blauen Nils gelangt und in Abessinien sei er von König Menelik II., dem „Negus Negesti“ (König der Könige), empfangen worden. Die Königstochter habe ein Auge auf den jungen Deutschen geworfen und Witte sei mit ihr ausgerissen. In der sudanesischen Hafenstadt Sawakin seien sie von Polizisten festgenommen worden. Die Prinzessin sei zu ihren Eltern gebracht worden und Witte habe seinen Erzählungen nach vor der Vollstreckung des Todesurteils aus dem Gefängnis flüchten können.
Wittes nächste Stationen seien Beirut, Jerusalem und Kairo gewesen. Er sei bei zahlreichen Expeditionen dabei gewesen und in Konstantinopel sei er für die französische Fremdenlegion angeworben worden. Nach kurzer Zeit sei er in einer Offiziersuniform geflüchtet, habe einen gefälschten Pass auf dem Namen „Graf Hohenthal“ gekauft und sei wieder einmal im Bett einer reichen Witwe gelandet. Auf der Schiffsfahrt nach London habe er eine junge Griechin kennengelernt, die seine Geliebte geworden, aber bald mit einem anderen, angeblich reichen Mann nach Amerika gereist sei.
Zurück in Deutschland sei Witte als Zirkusclown aufgetreten und als Schausteller herumgezogen. Er habe sich einer russischen Expedition nach Ägypten und zum Viktoriasee angeschlossen, sei per Schiff nach Indien gekommen und habe Südafrika durchwandert. Er sei Menschenfressern entkommen, habe geraubte Pygmäenmädchen befreit und sie nach Deutschland mitgenommen. Die weiteren Geschichten in Wittes Buch blieben fantastisch. Er sei erfolgreicher Spion des türkischen Geheimdienstes gewesen, habe verschleppte deutsche Frauen aus einem Bordell in Sansibar befreit und viele weitere Abenteuer erlebt.

„König von Albanien“.

Otto Witte soll dem türkischen Prinzen Halim Eddin ähnlich gesehen haben. Deshalb habe er beschlossen, die Identität des Prinzen anzunehmen, um Albanien „aufzumischen“. Die Fantasieuniform habe er von einem Wiener Kostümverleiher erhalten. Als „Halim Eddin“ sei es Witte gelungen, zum General Essad Pascha zu gelangen, dem Befehlshaber der türkischen Truppen in Teilen Albaniens. Er habe den General überzeugen können, ihn zum albanischen Herrscher zu machen. Essad Pascha wiederum habe verhindern wollen, dass der von Deutschland und Österreich unterstützte Prinz Wilhelm zu Wied auf den albanischen Thron gelangt. Tatsächlich sei Witte daraufhin am 15. März 1913 zum König von Albanien ausgerufen worden. Unter anderem habe man ihm einen Harem mit höheren Töchtern zur Verfügung gestellt. Am vierten Tag von Wittes angeblicher Herrschaft sei aus Konstantinopel ein Telegramm eingelangt. Daraus sei hervorgegangen, dass sich der echte Prinz Halim Eddin in Konstantinopel aufhalte und der zum König ausgerufene Prinz ein Betrüger sein müsse. Witte habe daraufhin Essad Pascha und einen anderen türkischen General verhaften lassen und das Telegramm zerrissen. In der Nacht habe „König“ Witte jedoch beschlossen zu fliehen – unter Mitnahme eines Teils des Kronschatzes. In Arbeiterkleidung habe er mit einem Vertrauten Albanien verlassen und sei nach Deutschland zurückgekehrt.
Otto Witte, Wahrsager, Entfesselungskünstler, Feuerschlucker und Schaubudenbetreiber, betrieb in der Zwischenkriegszeit ein Gasthaus in Bad Kreuznach, gründete eine politische Partei und wollte Abgeordneter im Reichstag werden. Nach dem Zweiten Weltkrieg lebte er als stadtbekanntes Original in Berlin-Pankow und übersiedelte in den 1950er-Jahren nach Hamburg, wo er am 13. August 1958 starb. Seine Geschichte, Kurzzeitkönig von Albanien gewesen zu sein, erwies sich als reine Behauptung. Auch die abenteuerlichen Ereignisse auf seinen Reisen dürften großteils von Witte erfunden worden sein. Witte bestand aber darauf, als „ehemaliger König von Albanien“ angesprochen zu werden. Es gelang ihm auch, den Titel als Künstlernamen offiziell in seinen Reisepass eintragen zu lassen. Über den Hochstapler wurden Theaterstücke und Romane verfasst und für viele Deutsche bleibt Otto Witte der „König von Albanien“.

Werner Sabitzer

Quellen/Literatur:
Hála, Józef: Franz Baron von Nopcsa. Anmerkungen zu seiner Familie und seine Beziehungen zu Albanien. Eine Bibliographie. Geologische Bundesanstalt (Wien), Ungarische Geologische Landesanstalt (Budapest). Wien 1993
Robel, Gert: Franz Baron Nopcsa und Albanien. In: Albanische Forschungen. Band 5. Otto Harrassowitz, Wiesbaden 1966
Schmidt-Neke, Michael: Pseudologia phantastica und Orientalismus: Albanien als imaginäre Bühne für Spiridion Gopčević, Karl May und Otto Witte, In: Jahrbuch der Karl-May-Gesellschaft, 2006, S. 151–183
Wencker-Wildberg, Friedrich: Ungekrönte Könige, Versuch einer Weltgeschichte des Abenteurers. Bertelsmann Verlag, Gütersloh 1959
Witte, Otto: Fünf Tage König von Albanien. Hamburg 1932


Öffentliche Sicherheit, Ausgabe 9-10/2026

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