ACIPSS-Tagung
Angriff auf das Vertrauen
Desinformation ist zu einer strategischen Herausforderung für demokratische Staaten geworden. Eine Tagung in Graz beleuchtete ihre sicherheits-, gesellschafts- und medienpolitischen Auswirkungen sowie mögliche Gegenmaßnahmen.
ACIPSS-TAGUNG: Lucas M. Schubert, Alexander Dubowy, Thomas Goiser, Cordula Simon, Gabriele Schmölzer, Martin Bernhard, Matthias Kettemann, Paul Schliefsteiner
© Julius Aurel
Staatliche und nicht staatliche Akteure nutzen Informationsräume gezielt, um öffentliche Debatten zu beeinflussen, gesellschaftliche Konflikte zu verschärfen und das Vertrauen in demokratische Institutionen zu schwächen. Mit diesen Entwicklungen beschäftigte sich die 36. Tagung des Austrian Center for Intelligence, Propaganda and Security Studies (ACIPSS) am 10. Juni 2026 in Graz. Sechs Vorträge beleuchteten das Thema aus unterschiedlichen Perspektiven. Eröffnet wurde die Konferenz von Gabriele Schmölzer, Dekanin der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Graz, an der das ACIPSS seit April 2025 als Zentrum angesiedelt ist. Sie betonte die Bedeutung einer wissenschaftlich fundierten Auseinandersetzung mit Desinformation – auch für die rechtswissenschaftliche Ausbildung. Das Thema müsse auf der Grundlage wissenschaftlicher Analysen ebenso aus juristischer Sicht behandelt werden.
Vertrauen als Angriffsziel.
Matthias C. Kettemann von der Universität Innsbruck befasste sich mit der Rolle sozialer Medien. Plattformen unterlägen zwar gesetzlichen Sorgfalts- und Risikominderungspflichten, zugleich sei jedoch die Informationskompetenz der Nutzerinnen und Nutzer entscheidend. Desinformation diene nicht nur der Verbreitung falscher Inhalte, sondern ziele auch darauf ab, das Vertrauen in seriöse Berichterstattung zu untergraben. Demokratische Systeme könnten grundsätzlich mit Desinformation umgehen. Werde sie jedoch gezielt verstärkt, seien organisierte Gegenmaßnahmen erforderlich.
Wie Behörden mit gesteuerter Desinformation umgehen können, erläuterte Martin Bernhard vom Bundesministerium für Inneres. Ausgehend von aktuellen Erscheinungsformen in Österreich zeigte er Handlungsbedarf auf. Dazu zählen die Weiterentwicklung rechtlicher Grundlagen, einheitliche Ausbildungsstandards zur Stärkung der Medienkompetenz und der Ausbau eines gesamtgesellschaftlichen Ansatzes.
Propaganda als hybrider Angriff.
Alexander Dubowy analysierte russische Einflussoperationen anhand seines Modells der „Propaganda-Pyramide“. Er ordnete sie als hybride und politische Angriffe auf Europa ein. Eine besondere Herausforderung liege neben dem ausgeprägten methodischen Know-how in der zugrunde liegenden Ideologie. Diese sei taktisch flexibel und daher nur schwer zu kontern.
Thomas Goiser, Unternehmens- und PR-Berater sowie Podcaster, näherte sich dem Thema aus Sicht der Öffentlichkeitsarbeit. Auf Grundlage der Arbeiten des PR-Pioniers Edward Bernays untersuchte er historische und aktuelle Kampagnen und verglich deren Methoden mit Propaganda- und Desinformationsoperationen. Dabei verwies er auch auf leicht umsetzbare „Low-Tech“-Maßnahmen wie Stickerkampagnen, die zuletzt in Wien zugenommen hätten und durchaus Wirkung entfalten könnten.
Ideologien im digitalen Raum.
Lucas Maximilian Schubert von der Universität der Bundeswehr München führte die Wirksamkeit von Desinformation u. a. auf den Bedeutungsverlust identitätsstiftender gesellschaftlicher Erzählungen zurück. Propaganda und online verbreitete Ideologien wie Akzelerationismus – also das Konzept, dass Kapitalismus und technologischer Fortschritt nicht gebremst, sondern beschleunigt werden soll, oder „Dark Enlightenment“ – eine antidemokratische, antiegalitäre und reaktionäre politische Philosophie – übernähmen teilweise deren Funktion. Zugleich vernetzten sich entsprechende Strömungen untereinander und knüpften Verbindungen zu rechts- und linksextremistischen Milieus.
Cordula Simon, Schriftstellerin sowie Mitarbeiterin des Kabarettarchivs und des ACIPSS, richtete den Blick auf die Empfängerinnen und Empfänger von Desinformation. Auf Grundlage ihrer Erfahrungen in Wissenschaft und Vermittlungsarbeit arbeitete sie insbesondere die Bedeutung individueller Wahrnehmungsverzerrungen und der Sprache heraus. Beide könnten als Angriffsflächen für Manipulation dienen, böten aber zugleich Ansatzpunkte für Prävention und Aufklärung.
Die Vorträge verdeutlichten die Vielschichtigkeit der Bedrohung: Desinformation verbreitet nicht nur falsche Behauptungen, sondern greift das Vertrauen in Medien, Institutionen und demokratische Prozesse an. Wirksame Gegenmaßnahmen erfordern das Zusammenwirken von Staat, Wissenschaft, Medien und Zivilgesellschaft. Bewusstseinsbildung, Bildung und Informationskompetenz bleiben dabei entscheidend.
Dieter Bacher
Öffentliche Sicherheit, Ausgabe 9-10/2026
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