Zeitgeschichte
Zwischen Pflicht und Verbrechen
Die Wanderausstellung „Hitlers Exekutive. Die österreichische Polizei und der Nationalsozialismus“ wurde am 9. März 2026 im Schloss Hartheim eröffnet. Das begleitende Forschungskolloquium widmete sich neuen Erkenntnissen zur Rolle der Polizei im Nationalsozialismus.
Schloss Hartheim: Eröffnung der Wanderausstellung „Hitlers Exekutive. Die österreichische Polizei und der Nationalsozialismus“
© LPD OÖ/Mayrhofer
Dass die Ausstellung wenige Tage vor dem Jahrestag des „Anschlusses“ Österreichs an das Deutsche Reich im Schloss Hartheim eröffnet wurde, war bewusst gewählt. Der Lern- und Gedenkort erinnert an eine der zentralen Tötungsanstalten der nationalsozialistischen „Aktion T4“, in der mehr als 30.000 Menschen mit Behinderungen, psychischen Erkrankungen sowie KZ-Häftlinge ermordet wurden. Die Ausstellung verbindet die Geschichte der österreichischen Polizei unmittelbar mit einem Ort nationalsozialistischer Gewaltverbrechen.
„Die Polizei von damals war zentrale Stütze eines Unrechtsregimes, die Polizei von heute arbeitet auf Grundlage von Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechten. Die Auseinandersetzung mit der Geschichte ist daher ein wichtiger Bestandteil der Polizeiausbildung“, sagte Sektionschef Mathias Vogl, der die Ausstellung in Vertretung von Innenminister Gerhard Karner eröffnete. Die erste Führung absolvierte eine Polizeischulklasse des Bildungszentrums Linz.
Dokumente, Fotografien und Biografien veranschaulichen die Rolle der Polizei im Nationalsozialismus
© Mathias Sandau / Agentur Simply Different
Anhand von Dokumenten, Fotografien und Biografien zeichnet die Ausstellung die Polizei als tragende Säule der nationalsozialistischen Diktatur nach. Österreichische Polizisten und Gendarmen waren an Verfolgung, Deportationen, Kriegsverbrechen und dem Holocaust beteiligt. Zugleich zeigt die Ausstellung, dass individuelles Handeln auch innerhalb des Systems unterschiedlich ausfallen konnte – von Anpassung und Täterschaft bis hin zu vereinzeltem Widerstand. Thematisiert werden zudem der „Anschluss“ 1938 sowie personelle Kontinuitäten nach 1945.
Einen besonderen Bezug zum Ausstellungsort stellt die Biografie des aus Ebensee stammenden Polizisten Franz Stangl her. Er war zunächst stellvertretender Büroleiter der Tötungsanstalt Hartheim und leitete später die Vernichtungslager Sobibor und Treblinka. Sein Lebensweg steht beispielhaft für die Verstrickung einzelner Polizeibeamter in die nationalsozialistische Vernichtungspolitik.
„Die Ausstellung ist ein Meilenstein in der Auseinandersetzung mit der NS-Herrschaft in Österreich“, sagte Florian Schwanninger, Leiter des Lern- und Gedenkorts Schloss Hartheim. Sie zeige, wie rasch rechtsstaatliche Strukturen zerstört werden können und welche Bedeutung demokratische Institutionen für eine offene Gesellschaft haben.
Die Ausstellung entstand im Rahmen des Forschungsprojekts „Die Polizei in Österreich: Brüche und Kontinuitäten 1938 –1945“, das vom Bundesministerium für Inneres gemeinsam mit der Universität Graz, dem Ludwig Boltzmann Institut für Kriegsfolgenforschung, dem Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes und dem Mauthausen Memorial durchgeführt wurde. Die historische Abteilung des BMI begleitet die wissenschaftliche Aufarbeitung der Geschichte der österreichischen Polizei und war maßgeblich an der Entwicklung und Umsetzung der Ausstellung beteiligt.
Neue Perspektiven der Forschung.
IV. Hartheimer Forschungskolloquium: Internationale Expertinnen und Experten widmeten sich der Rolle der Polizei im Nationalsozialismus
© Mathias Sandau / Agentur Simply Different
Die Ausstellung bildete zugleich den Ausgangspunkt für das IV. Hartheimer Forschungskolloquium unter dem Titel „Im Einsatz für den ,Volkskörper‘. Die Polizei im Nationalsozialismus“. Veranstaltet wurde es vom Lern- und Gedenkort Schloss Hartheim gemeinsam mit dem Ludwig Boltzmann Institut für Kriegsfolgenforschung, der Universität Graz und dem Bundesministerium für Inneres. Internationale Expertinnen und Experten aus Österreich, Deutschland und Dänemark beleuchteten ideologische Grundlagen, Ausbildung, Handlungsspielräume und Täterbiografien der Polizei im Nationalsozialismus. Im Mittelpunkt standen unter anderem die Kriminalpolizei, die Beteiligung von Polizeibeamten an der „NS-Euthanasie“, die Verfolgung homosexueller Menschen sowie die Biografien zentraler Täter wie Franz Stangl und Christian Wirth.
Die Beiträge machten deutlich, dass Polizeibeamte vielfach nicht nur Befehle ausführten, sondern aktiv an der Umsetzung der nationalsozialistischen Gewaltpolitik beteiligt waren. Zugleich zeigten die Forschungen, wie eng Polizei, „Euthanasie“-Verbrechen und Holocaust personell miteinander verflochten waren und, dass zahlreiche Karrieren nach 1945 nahezu bruchlos fortgesetzt werden konnten. Die wissenschaftliche Aufarbeitung dient dabei nicht allein der historischen Rekonstruktion. Sie leistet auch einen wichtigen Beitrag zur Reflexion über Rechtsstaatlichkeit, Verantwortung und den Schutz demokratischer Werte. Den Abschluss bildete eine gemeinsame Führung durch die Ausstellung, bei der die Forschungsergebnisse anhand der ausgestellten Dokumente und Biografien vertieft wurden.
Österreich-Tour wird fortgesetzt.
Nach Schloss Hartheim wird die Wanderausstellung in Braunau (18. September bis 23. Oktober 2026), Frastanz (9. November bis 16. April 2027) und Innsbruck (ab Mai 2027) gezeigt. Damit erreicht die wissenschaftliche Aufarbeitung der Rolle der österreichischen Polizei im Nationalsozialismus weitere Bundesländer und trägt die Auseinandersetzung mit Verantwortung, Rechtsstaatlichkeit und Erinnerungskultur einem breiten Publikum näher.
Eva-Marina Strauß
Schwarzes Kreuz
Erinnerung bewahren
Das Österreichische Schwarze Kreuz und das Bundesministerium für Inneres vertiefen ihre Zusammenarbeit bei der Pflege von Kriegs- und Opfergräbern. Im Mittelpunkt der jährlichen Festsitzung des Österreichischen Schwarzen Kreuzes am 10. Juni 2026 im Innenministerium standen die Erinnerungskultur und die künftige Zusammenarbeit.
Jedes Kriegs- und Opfergrab erzählt von Gewalt und menschlichem Leid. Die Erhaltung dieser Gräber ist in Österreich eine gesetzlich verankerte Aufgabe des Bundesministeriums für Inneres (BMI). Wahrgenommen wird sie von der Abteilung für historische Angelegenheiten in Zusammenarbeit mit dem Österreichischen Schwarzen Kreuz (ÖSK), das sich seit Jahrzehnten ehrenamtlich der Pflege von Kriegs- und Opfergräbern im In- und Ausland widmet. Die jährliche Festsitzung des ÖSKs fand erstmals im BMI statt. Im Mittelpunkt standen die Weiterentwicklung der Zusammenarbeit sowie die Bedeutung der Kriegsgräberfürsorge als Beitrag zur historischen Erinnerungskultur und Friedenserziehung.
Innenminister Gerhard Karner und ÖSK-Präsident Stefan Karner
© Karl Schober
Das Kriegsgräberfürsorgegesetz bildet seit 1948 die rechtliche Grundlage für die Erhaltung und Pflege von Kriegs- und Opfergräbern. Dazu zählen Gräber aus dem Ersten und Zweiten Weltkrieg, Ruhestätten von Opfern des Holocaust und anderer Gewaltverbrechen der NS-Zeit. Das Gesetz ermöglicht es, diese Aufgabe gemeinsam mit Vereinen und Privatpersonen wahrzunehmen. „Seit mehr als 100 Jahren leistet das Österreichische Schwarze Kreuz Friedensarbeit im besten Sinn des Wortes“, sagte Innenminister Gerhard Karner. Die Pflege der Gräber bewahre Orte des stillen Gedenkens und erinnere daran, wohin Krieg, Hass, Antisemitismus und Rassismus führen können.
Neben der Erinnerungskultur stand die Weiterentwicklung der Zusammenarbeit zwischen dem BMI und dem ÖSK im Mittelpunkt der Festsitzung. Geplant sind eine Intensivierung der wissenschaftlichen Zusammenarbeit bei der zeithistorischen Einordnung von Kriegs- und Opfergräbern sowie eine Neugestaltung der vertraglichen Grundlagen für deren Betreuung.
ÖSK-Präsident Stefan Karner betonte, Kriegs- und Opfergräber machten Menschen aller Generationen bewusst, wie zerbrechlich Frieden sei. Gleichzeitig kündigte er an, seine Jugend- und Informationsarbeit auszubauen, die internationale Zusammenarbeit zu vertiefen und den Blick verstärkt auf zivile Opfer von Kriegen und totalitären Regimen zu richten.
Markus Fochler
Öffentliche Sicherheit, Ausgabe 9-10/2026
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