Polizeizentrum Braunau
Ein Ort mit neuer Aufgabe
Aus dem historisch belasteten Gebäude in Braunau am Inn ist ein Polizeizentrum geworden. Mit der Eröffnung am 22. Juli 2026 erhielt der Ort eine neue Bestimmung im Dienst des demokratischen Rechtsstaats.
Das neue Polizeizentrum in Braunau am Inn beherbergt heute die Polizeiinspektion und das Bezirkspolizeikommando Braunau am Inn. Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Polizei und Verwaltung eröffneten es am 22. Juli 2026
© Gerd Pachauer
Der Eröffnung war ein mehr als 15 Jahre dauernder Prozess vorausgegangen. Nach der Überführung des Gebäudes in das Eigentum der Republik Österreich wurde es zu einem neuen Polizeizentrum umgestaltet. Seine Eröffnung hatte aufgrund der Geschichte des Gebäudes besondere symbolische Bedeutung. Innenminister Gerhard Karner betonte, die Republik übernehme Verantwortung für den historisch belasteten Ort und gebe ihm mit der Nutzung durch die Polizei eine neue Aufgabe. „Unsere Polizei steht für Demokratie und Rechtsstaatlichkeit, für Freiheit, Sicherheit und Menschenwürde – und vor allem deren kompromisslose Verteidigung gegen alle, die sie bedrohen“, sagte Karner.
Rund 200 Gäste aus Politik, Verwaltung, Polizei, Medien und der Bevölkerung nahmen an der Eröffnung des neuen Polizeizentrums teil. In dem Gebäude sind künftig die Polizeiinspektion und das Bezirkspolizeikommando Braunau am Inn untergebracht.
In zwei Gesprächsrunden blickten Landespolizeidirektor Andreas Pils, Bürgermeister Johannes Waidbacher, die ehemaligen Innenminister Wolfgang Peschorn und Wolfgang Sobotka sowie Sektionschef i. R. Hermann Feiner auf die bisherigen Entwicklungen zurück. Im Mittelpunkt standen die wesentlichen Weichenstellungen, die den Weg zur heutigen Nutzung des Gebäudes als Polizeizentrum ebneten. Wolfgang Sobotka bezeichnete die Umgestaltung als sichtbares Zeichen gegen jede Verherrlichung des Nationalsozialismus: „Mit der architektonischen Neugestaltung und der Nutzung als Polizeizentrum setzt die Republik ein klares Zeichen gegen die Mystifizierung des Geburtshauses Adolf Hitlers durch Neonazis.“
Den Festakt rundeten Ansprachen von Innenminister Gerhard Karner und Landeshauptmann Thomas Stelzer sowie die Segnung der Kreuze für die neue Dienststelle durch die Polizeiseelsorge ab. Bereits vor der Eröffnung informierten das Innenministerium und die Landespolizeidirektion Oberösterreich nationale und internationale Delegationen über den Umgang der Republik Österreich mit der historisch belasteten Liegenschaft.
Chronologie der Umgestaltung.
Seit den 1970er-Jahren war das Gebäude in Braunau vom Bundesministerium für Inneres angemietet und an die Lebenshilfe Oberösterreich weitervermietet. Als die Eigentümerin notwendige Umbauten für eine barrierefreie Nutzung ablehnte, zog die Lebenshilfe 2011 aus. Das Gebäude stand anschließend jahrelang leer. Mehrere Versuche der Republik, die Liegenschaft für eine neuen Nutzung zu erwerben, scheiterten. 2015 setzte die damalige Innenministerin Johanna Mikl-Leitner eine interdisziplinäre Expertenkommission ein. Diese empfahl, alle rechtlichen Möglichkeiten auszuschöpfen, um eine nationalsozialistische Instrumentalisierung des Gebäudes dauerhaft zu verhindern. Nachdem weitere Kaufverhandlungen erfolglos geblieben waren, beschloss der Nationalrat 2016 einstimmig das Enteignungsgesetz. Damit ging die Liegenschaft in das Eigentum der Republik Österreich über.
Über die künftige Nutzung entschied eine zweite Expertenkommission unter der Leitung von Hermann Feiner. Sie sprach sich gegen einen Abriss ebenso aus wie gegen jede Nutzung, die die Verbindung des Gebäudes mit Adolf Hitler weiter verstärken könnte. Empfohlen wurden eine tiefgreifende architektonische Umgestaltung und eine behördliche oder soziale Nutzung. Nachdem eine neuerliche Nutzung durch die Lebenshilfe nicht zustande gekommen war, entschied das Innenministerium 2019, das Gebäude als Polizeizentrum zu verwenden. Nach einem internationalen Architekturwettbewerb begannen 2023 die Umbauarbeiten. Mit der Eröffnung im Juli 2026 erhielt das Gebäude seine neue Bestimmung.
Neuer Abschnitt.
Mit der Eröffnung des Polizeizentrums erhielt die belastete Adresse eine neue Bestimmung. Das Gebäude steht heute für Rechtsstaatlichkeit, demokratische Werte und den verantwortungsvollen Umgang mit der Geschichte.
Landespolizeidirektor Andreas Pilsl betonte die Bedeutung des neuen Standorts für die Polizeiarbeit: „Mit dieser Dienststelle wurden ordentliche Arbeitsbedingungen geschaffen und zugleich dem historischen Kontext Rechnung getragen.“
Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte.
Der Gedenkstein vor dem Polizeizentrum Braunau erinnert mit seiner Inschrift an Frieden, Freiheit und Demokratie
© Gerd Pachauer
Die Polizei setzt sich nicht nur mit ihrer historischen Verantwortung auseinander, sondern verankert diese auch in Forschung, Ausbildung und Öffentlichkeitsarbeit. Ein zentrales Ergebnis ist das vom Innenministerium initiierte Forschungsprojekt „Polizei 1938–1945“. Die daraus entstandene Wanderausstellung „Hitlers Exekutive. Die österreichische Polizei und der Nationalsozialismus“ ist seit 2024 öffentlich zugänglich. Sie vermittelt erstmals einen umfassenden Überblick über die Rolle der österreichischen Polizei vor, während und nach der Zeit des Nationalsozialismus. Anhand ausgewählter Biografien werden Schicksale, Handlungsspielräume sowie Brüche und Kontinuitäten sichtbar.
Die Forschungsergebnisse sind Teil der polizeilichen Grundausbildung. Polizeischülerinnen und -schüler besuchen die Ausstellung und absolvieren das E-Learning-Modul „Hitlers Exekutive“. Ab 18. September 2026 wird die Wanderausstellung im Bezirksmuseum Braunau gezeigt. Damit soll auch dort die Auseinandersetzung mit der Geschichte sowie die Bedeutung von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit vermittelt werden.
Stephan Mlczoch
Öffentliche Sicherheit, Ausgabe 9-10/2026
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