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  2. Ausgabe 9-10/2026
  3. Europäische und internationale Zusammenarbeit

Europäische und internationale Zusammenarbeit

Brückenbauer der Sicherheit

Sie arbeiten meist unbeachtet von der Öffentlichkeit. Wenn grenzüberschreitende Kriminalität, Terrorismus oder internationale Großereignisse rasche Zusammenarbeit erfordern, verbinden österreichische Sicherheitsattachés die Sicherheitsbehörden – wie zwischen Österreich und Frankreich.

Olympische Spiele 2024 in Paris: Empfang des österreichischen Polizeikontingents in der österreichischen Botschaft. Sprengstoffspürhundeführer der österreichischen Polizei sicherten Wettkampfstätten, Bahnhöfe und weitere Einsatzorte
Olympische Spiele 2024 in Paris: Empfang des österreichischen Polizeikontingents in der österreichischen Botschaft. Sprengstoffspürhundeführer der österreichischen Polizei sicherten Wettkampfstätten, Bahnhöfe und weitere Einsatzorte
© BPD, Privat

Ein österreichischer Sprengstoffspürhund kontrollierte eine Wettkampfstätte der Olympischen Spiele in Paris. Wenige Kilometer entfernt unterstützten österreichische Polizeikräfte die Einreisekontrollen am Flughafen Paris-Charles-de-Gaulle. Hinter den Kulissen liefen im Verbindungsbeamtenbüro des Bundesministeriums für Inneres an der österreichischen Botschaft die Fäden zusammen. Von hier aus koordinierte die Sicherheitsattachée den Einsatz mit den französischen Behörden, bündelte Informationen und stellte den Kontakt zwischen den beteiligten Dienststellen her. Der Austausch und die gegenseitige Unterstützung, die während der Olympischen und Paralympischen Spiele 2024 durch die Entsendung von 27 österreichischen Polizistinnen und Polizisten für die Öffentlichkeit sichtbar wurde, ist ein Beispiel für die österreichisch-französische Zusammenarbeit im Sicherheitsbereich. Sicherheitsattachés fördern den Informationsaustausch zwischen den Sicherheitsbehörden beider Staaten, begleiten grenzüberschreitende Ermittlungen und unterstützen internationale Fahndungen. Entscheidend sind nicht technische Systeme, sondern persönliche Netzwerke und gegenseitiges Vertrauen.

Olympische Spiele als Bewährungsprobe.

Frankreich stand vor den Olympischen und Paralympischen Spielen 2024 vor einer der größten sicherheitspolizeilichen Herausforderungen seiner jüngeren Geschichte. Neben der hohen Terrorgefahr galt die Sicherheitslage angesichts der enormen Zahl erwarteter Gäste, der aufwendigen Eröffnungsfeier im öffentlichen Raum entlang der Seine sowie Sorgen über Cyber-Angriffe und Spionage als außergewöhnlich anspruchsvoll. 44 Staaten unterstützten den Einsatz mit rund 1.800 Polizeikräften. Österreich beteiligte sich. Koordiniert wurde der Beitrag durch die vom Innenministerium eingerichtete „Taskforce Paris 2024“ in Zusammenarbeit mit dem Verbindungsbeamtenbüro in Paris. „Der Plan war wohl, Paris und die Austragungsorte mit starker Präsenz von Polizei und Gendarmerie zu fluten“, sagt Harald Gonner, Kommandant des EKO-Cobra-Stützpunktes West und Verbindungsmann des österreichischen Kontingents zum Österreichischen Olympischen und Paralympischen Komitee.

Sicherheitsattachés als Schaltstelle.

Wenige Gehminuten vom französischen Innenministerium im achten Arrondissement entfernt befindet sich die österreichische Botschaft in Paris, gelegen zwischen der Seine und dem Invalidendom. Hier ist das Verbindungsbeamtenbüro des Bundesministeriums für Inneres untergebracht.
Sicherheitsattachés sind vom Innenministerium ins Ausland entsandte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die in einem Gastland als Botschaftsmitarbeitende akkreditiert sind – so auch an der österreichischen Botschaft in der Rue Fabert in Paris. Während der Olympischen und Paralympischen Spiele 2024 lief hier die Information zum österreichischen Engagement im Sicherheitsbereich zusammen. Das Büro koordinierte den österreichischen Beitrag mit den französischen Sicherheitsbehörden, unterstützte die eingesetzten Polizeikräfte und sorgte dafür, dass Entscheidungen rasch abgestimmt werden konnten. Gerade bei einem Großeinsatz mit mehreren Einsatzorten und Tausenden beteiligten Sicherheitskräften erwiesen sich kurze Kommunikationswege als Erfolgsfaktor.
„Herausfordernd war die zeitlich gestaffelte und örtlich unterschiedliche Verwendung der österreichischen Einsatzkräfte“, erinnert sich Kontingentskommandantin Bezirksinspektorin Mirneta Becirovic. Informationen muss­ten rasch zwischen den österreichischen und französischen Stellen fließen, organisatorische Fragen oft innerhalb kürzester Zeit geklärt werden. Die österreichischen Einsatzkräfte arbeiteten eng mit ihren französischen Kolleginnen und Kollegen zusammen. Sprengstoffspürhundeführer kontrollierten Wettkampfstätten, Bahnhöfe, Hotels, Fahrzeuge und Boote entlang der Seine. Österreichische Polizistinnen und Polizisten unterstützten die Einreisekontrollen am Flughafen Paris-Charles-de-Gaulle, während Entschärfungsspezialisten in Lille eingesetzt waren. Neben dem operativen Einsatz boten die Spiele Gelegenheit zum fachlichen Austausch. Erfahrungen wurden weitergegeben, Arbeitsweisen verglichen und neue Kontakte geknüpft. „Wir haben viel voneinander gelernt und es sind Freundschaften entstanden“, erinnert sich Sprengstoffspürhundeführer Heinrich Rangger.
Die Erfahrungen aus Paris wurden später bei anderen internationalen Großveranstaltungen innerhalb Europas genutzt. So waren sie zuletzt wertvolle Grundlage für das gemeinsame Einsatzkonzept beim diesjährigen G7-Gipfel im französischen Évian-les-Bains, dessen sicheren Ablauf auf Anfrage Frankreichs zwei österreichische Sprengstoffhundeführer mit Hunden unterstützten.
Die Olympischen Spiele waren lediglich ein besonders sichtbares Beispiel für die Arbeit einer Sicherheitsattachée. Im Arbeitsalltag unterstützen Verbindungsbeamtinnen und -beamte bei kriminalpolizeilichen Anfragen oder Ermittlungen, vermitteln Best-Practice-Beispiele zwischen den Behörden, klären personenbezogene Anfragen im Migrationsbereich ab und bearbeiten viele andere Anfragen – oft unter Zeitdruck und mit besonderer Sensibilität.
Verbindungsbeamtinnen und -beamte ersetzen keine bestehenden polizeilichen Kanäle wie Interpol oder Siena, sondern bilden einen zusätzlichen Kommunikationskanal. Sie verfügen über keine hoheitlichen Befugnisse, kennen jedoch die Sicherheitsstrukturen beider Staaten, sprechen die Sprache ihrer Partner und wissen, wen sie im entscheidenden Moment kontaktieren müssen. Oft genügt ein persönlicher Anruf, um einen Informationsaustausch anzustoßen, der auf formellem Weg deutlich mehr Zeit in Anspruch nehmen würde. Gerade diese Verbindung aus Fachkompetenz, persönlichem Vertrauen und gewachsenen Netzwerken macht Sicherheitsattachés zu unverzichtbaren Brückenbauern der internationalen Polizeiarbeit.
„Eine Kollegin oder ein Kollege aus dem BMI mit persönlichen Kontakten im jeweiligen Land und Kenntnis der BMI-Sachverhalte ist die ideale Schnittstelle und übernimmt in einer herausfordernden globalen Sicherheits- und Migrationslage eine wichtige Vermittlungsfunktion“, sagt Gruppenleiterin Franziska Kandolf.

Treffen des Netzwerks „Résopolis“ in Paris: Sicherheitsattachés zahlreicher Staaten und Vertreterinnen und Vertreter französischer Sicherheitsbehörden tauschen regelmäßig Erfahrungen und Informationen aus
Treffen des Netzwerks „Résopolis“ in Paris: Sicherheitsattachés zahlreicher Staaten und Vertreterinnen und Vertreter französischer Sicherheitsbehörden tauschen regelmäßig Erfahrungen und Informationen aus
© Résopolis

Persönliche Kontakte als Erfolgsfaktor.

Gerade in Frankreich mit seinem komplexen Sicherheitsapparat sind Systemkenntnis und persönliche Ansprechpartner von besonderem Wert. Bei einem Fahndungsfall in Südfrankreich zum Beispiel wurde mit großer Hartnäckigkeit und guten Kontakten nach monatelangen Ermittlungen der Aufenthaltsort eines mit österreichischem EU-Haftbefehl gesuchten Betrügers ausgeforscht; er wurde schließlich von einer französischen Spezialeinheit festgenommen.
„Die französischen Kollegen arbeiteten sehr zielgerichtet und professionell. Wir waren gefühlt in Echtzeit dabei“, erinnert einer der zuständigen österreichischen Ermittler.
Wie wertvoll persönliche Netzwerke sind, zeigte sich auch bei der Bekämpfung der internationalen Rip-Deal-Kriminalität. Dabei handelt es sich um eine Betrugsform organisierter Clankriminalität. Aufgrund des Hinweises eines französischen Kriminalbeamten wurde ein in Österreich gesuchter Verdächtiger ausgeforscht. Die entscheidenden Informationen gelangten über die österreichische Sicherheitsattachée unmittelbar an die zuständigen Ermittler. „Die Rückmeldung zum Beschuldigten, die wir über die Verbindungsbeamtin erhalten haben, war wie eine Goldmine in der Arktis“, sagt Mario Kaintz von der Zentralstelle zur Bekämpfung von Rip-Deal-Kriminalität im Landeskriminalamt Wien.
Wie entscheidend kurze Kommunikationswege im Ermittlungsalltag sein können, zeigte sich auch bei umfangreichen Erhebungen gegen eine osteuropäische Einbrecherbande. Nachdem Verdächtige in Frankreich kontrolliert worden waren, galt es rasch Informationen zum verwendeten Fahrzeug sowie zur genannten Anschrift einzuholen.
„Ein Verbindungsbeamter kennt die richtigen Ansprechpartner und weiß, wen er im Notfall auch spätabends anrufen kann. Diese direkten Kontakte können für den Erfolg von Ermittlungen entscheidend sein“, sagt Tamara Kerbl, Leiterin der Abteilung EU und Internationales im Bundesministerium für Inneres, die selbst Verbindungsbeamtin in Rumänien und Spanien war.
„Internationale Polizeiarbeit ist weit mehr als der Austausch von Daten,“ sagt die Referatsleiterin des Attachéwesens, Ireen Winter.

Internationale Netzwerke stärken die Zusammenarbeit.

Die Zusammenarbeit zwischen Österreich und Frankreich reicht weit über einzelne Ermittlungsverfahren hinaus. Sie umfasst Bekämpfung des Terrorismus, organisierter Kriminalität, Cybercrime, illegaler Migration sowie den Schutz kritischer Infrastruktur und internationaler Großveranstaltungen. Viele dieser Bedrohungen machen nicht an Staatsgrenzen halt und erfordern europäische Zusammenarbeit.
Frankreich zählt aufgrund seiner Erfahrungen mit Terroranschlägen und der Sicherung internationaler Großereignisse zu den wichtigsten sicherheitspolitischen Partnern Österreichs. Der kontinuierliche fachliche Austausch ermöglicht beiden Staaten, voneinander zu lernen und Strategien gemeinsam weiterzuentwickeln.
Ein bedeutendes Forum dafür ist das vom französischen Innenministerium koordinierte Netzwerk „Résopolis“. Sicherheitsattachés zahlreicher Staaten treffen dort regelmäßig mit Vertreterinnen und Vertretern französischer Sicherheitsbehörden zusammen. Fachvorträge, Arbeitsbesuche und gemeinsame Diskussionen fördern den Wissensaustausch – vor allem aber persönliche Netzwerke. Über ihre Kolleginnen und Kollegen in Paris hat die Verbindungsbeamtin bereits unbürokratisch und rasch Reisebewegungen oder personenbezogene Daten mit südamerikanischen Ländern abgeklärt.
Von Bedeutung ist auch der Austausch zwischen dem österreichischen Verbindungsbeamtenbüro in Paris und dem französischen Sicherheitsattaché an der Botschaft in Wien. Viele Anfragen lassen sich oft schnell im direkten Gespräch klären.
„Wir beraten uns und helfen uns gegenseitig. Letztlich verfolgen wir dasselbe Ziel: die Stärkung der Zusammenarbeit im Sicherheitsbereich zwischen unseren Ländern“, sagt Oberstleutnant Christophe Richard, Leiter des französischen Verbindungsbeamtenbüros in Wien.

Sicherheit über Grenzen hinweg.

Wie eng die Partnerschaft zwischen Österreich und Frankreich ist, zeigt auch die gegenseitige Anerkennung ihrer Zusammenarbeit. So wurde der Generaldirektor für die öffentliche Sicherheit Franz Ruf mit der Légion d'Honneur, der höchsten staatlichen Auszeichnung Frankreichs, geehrt. Grund für die Ehrung war die wiederholte, erfolgreiche Zusammenarbeit mit Frankreich im Laufe der Karriere von Franz Ruf.
Der Generaldirektor betonte im Rahmen der Ordensverleihung, dass die erfolgreiche polizeiliche Zusammenarbeit das Ergebnis der ausgezeichneten Zusammenarbeit auf allen Ebenen sei. Er würdigte die zahlreichen Kolleginnen und Kollegen in Österreich und Frankreich, die diese Partnerschaft täglich mit Professionalität, Engagement und gegenseitigem Vertrauen mit Leben erfüllten.
Die Kooperation zwischen der Sicherheitsexekutive beider Länder ist in einer Zeit wachsender Herausforderungen von besonderer Bedeutung. Internationale Polizeiarbeit beginnt nicht erst an der Staatsgrenze. Sie beginnt dort, wo Menschen Verantwortung übernehmen, Vertrauen schaffen und Brücken zwischen Sicherheitsbehörden bauen. Genau das tun die österreichischen Sicherheitsattachés – Tag für Tag, meist fernab der Öffentlichkeit. Ihr Beitrag bleibt oft unsichtbar. Für die Sicherheit Europas ist er unverzichtbar.

B.G.H/E.L.

Sicherheitsattachés des BMI

Aufgaben und Ausbildung Sicherheitsattachés (Verbindungsbeamtinnen und Verbindungsbeamte) vertreten das Innenministerium an österreichischen Vertretungsbehörden. Sie fördern die europäische sowie internationale Zusammenarbeit der Sicherheitsbehörden und unterstützen österreichische Dienststellen bei grenzüberschreitenden Ermittlungen, Sicherheitsfragen und internationalen Einsätzen.

Der Weg zum Sicherheitsattaché

  • Voraussetzung: Polizeibedienstete ab dem Dienstgrad E2b sowie Bedienstete des gehobenen und höheren Verwaltungsdienstes (v2/a2 bzw. v1/a1)
  • Das Auswahlverfahren besteht aus einem mehrstufigen Assessment-Center
  • Nach erfolgreichem Abschluss Absolvierung einer achtwöchigen Ausbildung
  • Entsendung als Attaché bzw. Attachée ins Ausland. Dauer: vier Jahre
  • Danach Möglichkeit einer An­schluss­verwendung in einem weiteren Gastland, bevor die Verbindungsbeamtinnen und -beamten an ihre Dienststellen in Österreich zurückkehren

Weltweites Netzwerk

Derzeit vertreten sieben Verbindungsbeamtinnen und 21 Verbindungsbeamte das Bundesministerium für Inneres auf vier Kontinenten. Das Verbindungsbeamtenbüro des Bundesministeriums für Inneres an der österreichischen Botschaft in Paris wird von Dr. Elisabeth Lemmerer geleitet. Für ihre Verdienste um die österreichisch-französische Sicherheitszusammenarbeit wurde sie am 13. April 2026 vom französischen Botschafter in Österreich, Matthieu Peyraud, mit der Médaille de la Sécurité intérieure ausgezeichnet.


Öffentliche Sicherheit, Ausgabe 9-10/2026

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