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Deutschland

Mit Wärmebild auf Tätersuche

Sie suchen Vermisste, verfolgen Straftäter, koordinieren Großeinsätze aus der Luft und unterstützen bei Waldbränden und Hochwasserlagen: die Polizeifliegerstaffel Nordrhein-Westfalen.

Polizeifliegerstaffel Nordrhein-Westfalen: Unterstützung der Feuerwehr im Sauerland bei der Bekämpfung eines Waldbrandes. Der Flieger staffel stehen sechs Hubschrauber des Typs Airbus H 145 sowie zwei Kleinflugzeuge des Typs Cessna C182 zur Verfügung
Polizeifliegerstaffel Nordrhein-Westfalen: Unterstützung der Feuerwehr im Sauerland bei der Bekämpfung eines Waldbrandes. Der Flieger staffel stehen sechs Hubschrauber des Typs Airbus H 145 sowie zwei Kleinflugzeuge des Typs Cessna C182 zur Verfügung © Polizeifliegerstaffel NRW

Während eine Hubschrauberbesatzung der Polizei im Sauerland die Feuerwehr bei der Bekämpfung eines Waldbrandes unterstützt, findet eine weitere Crew am Rheinufer bei Düsseldorf eine vermisste Seniorin. Kaum sind die Rettungskräfte am Boden eingetroffen und der Hubschrauber auf dem Rückweg zum nahegelegenen Flughafen, erreicht die Besatzung die nächste Unterstützungsanforderung aus Essen: In einem Szeneviertel wurde in eine Arztpraxis eingebrochen, mindestens ein Täter ist flüchtig. Wenige Minuten später kreist der Hubschrauber über Essen und unterstützt die Fahndung. Mithilfe der Wärmebildkamera entdeckt die Crew eine Person, die sich in einer Mülltonne versteckt hält. Die Einsatzkräfte am Boden werden präzise an das Versteck herangeführt, der Verdächtige festgenommen.

Ein Einsatzgebiet mit 18 Millionen Einwohnern.

Die Hubschrauber der Polizeifliegerstaffel der Landespolizei Nordrhein-Westfalen mit dem Funkrufnamen „Hummel“ erreichen jeden Ort des rund 18 Millionen Einwohner zählenden Bundeslandes in höchstens 30 Minuten. Die Staffel verfügt über zwei Flugeinsatzgruppen an den Flughäfen Düsseldorf und Dortmund und ist rund um die Uhr einsatzbereit. An beiden Standorten stehen insgesamt sechs Hubschrauber des Typs Airbus H145 sowie zwei Kleinflugzeuge des Typs Cessna C182 zur Verfügung. Rund 2.000 Alarmierungen verzeichnet die Staffel jährlich – insgesamt wurden seit dem Erstflug im Jahr 1962 mehr als 250.000 Flugstunden absolviert.
In Düsseldorf ist die Polizeifliegerstaffel in einem eigenen Hangar nahe zweier stark frequentierter Start- und Landebahnen stationiert. Die Hubschrauber starten und landen meist ohne größere Einschränkungen durch den zivilen Flugverkehr. Polizeihauptkommissar Rudi Claßen, Flugeinsatzkoordinator und Pilot, erläutert: „Wir kooperieren eng mit dem Tower und nutzen Sonderan- und -abflugverfahren. Bei zeitkritischen Actual Missions erhalten wir auf Anfrage Priorität.“

„Wir haben dich im Blick“.

Zu den häufigsten Einsatzanlässen gehören die Suche nach Vermissten und die Fahndung nach Straftätern. Darüber hinaus unterstützen die Polizeiflieger bei Verkehrsunfällen, Großveranstaltungen und Katastrophenlagen mit Aufklärung aus der Luft. Mitunter sucht eine Crew nach illegalen Suchtmittel-Plantagen.
Bei Fahndungen können flüchtige Täter aus großer Distanz verfolgt werden, ohne Unbeteiligte zu gefährden. „Wir nutzen dabei meist keine Scheinwerfer“, berichtet Claßen. „Unsere hochauflösenden Wärmebildkameras sind wesentlich effektiver.“ Deren Aufnahmen werden auf dem Bildschirm des Operators mit Straßen und Hausnummern überlagert, ohne erkennen zu lassen, dass der Täter beobachtet wird. So können Einsatzkräfte am Boden punktgenau an gesuchte Personen herangeführt werden. Die leistungsstarken Suchscheinwerfer dienen dazu, Einsatzorte auszuleuchten oder Bodenkräfte zu einem bestimmten Punkt zu lotsen. Mitunter senden sie damit eine beruhigende Botschaft an hilflose Personen: „Wir haben dich im Blick – Hilfe ist unterwegs.“
Für die Justiz transportiert die Fliegerstaffel Gefangene, Asservate und Beweismittel. Gemeinsam mit der Feuerwehr unterstützt sie zudem die Bekämpfung von Waldbränden mithilfe von „Bambi-Buckets“ – Außenlastbehältern für Löschwasser. Der Operator kniet dabei im Hubschrauber oder steht auf der Kufe, um die Wasserabwürfe präzise auszulösen. Bei hoher Waldbrandgefahr werden zusätzlich Cessna-Maschinen für Aufklärungsflüge eingesetzt.
Auch im Luftraumschutz übernimmt die Polizeifliegerstaffel wichtige Aufgaben – etwa bei Staatsbesuchen mit erhöhter Gefährdungslage. Dann werden Sperrgebiete eingerichtet und der Einsatzabschnitt Luft koordiniert. Claßen erinnert an die Karlspreisverleihung in Aachen: „Aufgrund der Größe des Sperrgebietes wurde dieses in mehrere Sektoren aufgeteilt und mit mehreren Hubschraubern überwacht.“

Polizeifliegerstaffel Nordrhein-Westfalen: Zwei Airbus-Hubschrauber und eine Cessna fliegen über die Düsseldorfer Innenstadt
Polizeifliegerstaffel Nordrhein-Westfalen: Zwei Airbus-Hubschrauber und eine Cessna fliegen über die Düsseldorfer Innenstadt © Polizeifliegerstaffel NRW

Taucher in der „Hummel“.

Bei zeitkritischen Sonderlagen wie Geiselnahmen, Entführungen oder Amoklagen transportieren die „Hummeln“ spezialisierte Einsatzkräfte. Dazu zählen Taucher, Höhenretter, Verhandlungsgruppen und SEK-Vorauskommandos, die bei Bedarf aus bis zu 30 Metern Höhe abgeseilt werden können. Einige Aufgaben werden inzwischen von Drohnen übernommen. Dafür richtete die Polizei NRW im Jahr 2021 das Kompetenzzentrum Drohnen als Fachbereich der Polizeifliegerstaffel ein. Darin werden Technik, Ausbildung und Einsatzunterstützung im Bereich des polizeilichen Drohneneinsatzes koordiniert. „Wir selbst gehen nicht mit den Drohnen in den Einsatz“, erklärt Claßen. „Es gibt unterschiedliche Dienststellen, die operativ damit arbeiten. Wir koordinieren im Bedarfsfall die Unterstützung.“
Während der Flutkatastrophe 2021 arbeiteten die Besatzungen bis an ihre Belastungsgrenze. Obwohl die Rettung von Menschen aus überfluteten Gebieten nicht zu den Aufgaben der Polizei gehört, unterstützte die Fliegerstaffel bei Evakuierungen von Hausdächern. Hohe Belastungen brachte auch die Räumung des Hambacher Forstes mit sich. Bei dem mehrwöchigen Großeinsatz kam es immer wieder zu Angriffen auf Einsatzkräfte, darunter Steinwürfe und auch das Abschießen von Feuerwerkskörpern in Richtung Polizei und Polizeihubschrauber. „Für die Hubschrauberbesatzungen war das besonders gefährlich, weil Feuerwerksraketen in der Luft erhebliche Risiken verursachen können“, erinnert sich Claßen.

Live-Bilder zur Lagebeurteilung.

Neben je einem Piloten und Copiloten finden in den Hubschraubern bis zu sechs weitere Personen Platz. Drittes Crew-Mitglied ist je nach Mission der „Operator“. Im Alarmhubschrauber bedient er unter anderem die Video- und Wärmebildkamera. „Er kann das Live-Bild direkt an Polizeiführer am Boden übertragen, die es für ihre Lagebeurteilung nutzen“, erklärt Claßen. An beiden Standorten disponieren Einsatzkoordinatoren die eingehenden Anforderungen. Sie erstellen Dienstpläne, beraten Behörden hinsichtlich der Einsatzmöglichkeiten und bereiten Informationen – etwa Suchgebiete – für die Besatzungen auf. Nimmt der Einsatzkoordinator einen Auftrag an, prüft der Pilot die konkrete Durchführbarkeit. „Jeder Pilot muss für bestimmte Spezialverfahren freigeschaltet sein – etwa für Abseil- oder Löscheinsätze mit dem Bambi-Bucket.“
Grundsätzlich versucht die Polizeifliegerstaffel, jede anfordernde Behörde bestmöglich zu unterstützen. Doch manchmal diktiert das Wetter die Grenzen des Einsatzes. Besonders gefrierender Regen gilt als Ausschluss­kriterium, da er Masse und Aerodynamik des Hubschraubers erheblich beeinträchtigt. Auch schlechte Sichtverhältnisse können Einsätze unmöglich machen.

Berge vor dem Hubschrauber.

Ausgebildet werden die Polizeiflieger an der „Luftfahrerschule für die Polizei in Deutschland“ in Sankt Augustin bei Bonn. „Nahezu alle Länderpolizeien bringen ihre Fluglehrer und Maschinen ein“, erläutert Claßen. Dadurch würden die angehenden Piloten auf dem später eingesetzten Muster ausgebildet und seien nahezu „combat-ready“ für den Einsatzalltag. Teil der Ausbildung ist eine Gebirgsausbildung in den Alpen. „So haben wir dann einmal richtige Berge vor dem Hubschrauber gesehen“, sagt Claßen. Der Ausbildung gehen eine fliegerpsychologische Untersuchung am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Hamburg sowie ein Auswahlverfahren in Düsseldorf voraus. „Ein Bewerber muss ins Team passen. Wir legen großen Wert darauf, keine Einzelkämpfer einzustellen“, betont Claßen.
Zuvor müssen die angehenden Piloten bereits ein duales Studium absolviert und Erfahrungen im regulären Polizeidienst gesammelt haben. Denn wer die Arbeit am Boden kenne, könne aus der Luft wirkungsvoller unterstützen. Später folgen Spezialausbildungen – etwa für Nachtflüge oder Waldbrandeinsätze.
Erstmals kam 2026 zudem der Flugsimulator „Rotor Sky“ aus Linz für die Instrumentenflugausbildung zum Einsatz. In einsatzfreien Zeiten stehen Fortbildung, Einsatznachbereitung und technische Kontrollen im Mittelpunkt. Jede Schicht beginnt mit einer Preflight-Inspection. „Wir prüfen innen und außen auf visuell oder akustisch wahrnehmbare Unregelmäßigkeiten“, erklärt Claßen. Nach jedem Flug folgen Nachflugkontrollen, zum Dienstende zusätzlich umfangreiche Abschlusskontrollen.

Deutsche und niederländische Kollegen im Austausch.

Der Austausch mit den Polizeifliegern der Niederlande ist eng. „Die Grenze ist unkompliziert. Die Staffeln besuchen sich gegenseitig“, berichtet Claßen. Grundlage dafür ist ein deutsch-niederländischer Vertrag, der grenzüberschreitende Flüge ermöglicht. Die Abstimmung erfolgt über das Lagezentrum der Landesregierung NRW. Im Funk nutzen beide Seiten eine gemeinsame Tetra-Gruppe. Die Hubschrauber der Bundespolizei übernehmen Aufgaben des Grenzschutzes und der Bahninfrastruktur. Anders als die Landespolizei fliegen sie häufig präventive Streifen. Auch die Polizeiflieger NRW führen Kontrollflüge entlang des Rheins und der Kanäle durch – etwa gemeinsam mit der Wasserschutzpolizei zur Erkennung von Gefahren oder Schifffahrtshindernissen.

Vom Fußgänger zum Piloten.

Das Schönste an seinem Beruf sei das Fliegen, erklärt Claßen. Kaum jemand habe vor der Ausbildung eine Pilotenlaufbahn eingeschlagen. „Alle sind hier vom Fußgänger zum Piloten ausgebildet worden.“ Technikaffinität und Teamgeist seien in der Flugeinsatzgruppe unverzichtbar. Gleichzeitig motiviere viele der Gedanke, die Kolleginnen und Kollegen am Boden wirksam unterstützen zu können. „Wir sind das fliegende Auge für die Kräfte unten und warnen vor möglichen Gefahren“, sagt Claßen.
Neben der fachlichen Ausbildung müsse die Persönlichkeit zur Aufgabe passen. Unabhängig davon, wie dynamisch oder belastend eine Einsatzlage werde, müsse der Hubschrauber jederzeit sicher beherrscht werden. „Es ist wichtig, engagiert zu sein – aber immer unter permanenter Selbstkontrolle. Jeder muss seine Grenzen kennen und auch unter Stress die Kontrolle behalten“, sagt Claßen. „First fly the aircraft. Alles andere kommt danach.“

Benedikt Haufs


Öffentliche Sicherheit, Ausgabe 7-8/2026

 Druckversion des Artikels (pdf, 736 kB)

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