Kriminalgeschichte
„Doktor Mord“ und seine Opfer
Ein Tiroler Sadist quälte und ermordete in den 1970er-Jahren mindestens drei Frauen. Als Heiratsschwindler und Hochstapler brachte er viele heiratswillige Frauen um ihr Geld.
Eine junge Frau erschien am 2. Februar 1978 in ein einem Polizeiwachzimmer in Innsbruck und schilderte den Polizisten, dass sie in der Nacht zuvor von einem Mann mit einer Faustfeuerwaffe bedroht und gezwungen worden sei, in sein Auto zu steigen. Er habe sie in seine Wohnung gebracht, gefoltert und vergewaltigt. Ihr sei es gelungen zu flüchten. Die Schilderungen der Serviererin klangen so unglaublich, dass die Polizisten an ihrer Richtigkeit zweifelten.
Die Ermittler konnten den Täter ausforschen und vernahmen ihn am nächsten Tag. Es handelte sich um den 39-jährigen Tiroler Elmar S. Er hatte in Innsbruck ein Café betrieben, war aber in die Insolvenz geschlittert. Er hatte auch als Hotelkaufmann, Schiffssteward und Vertreter für Kosmetikartikel gearbeitet. Der Verdächtige galt als Hochstapler und Heiratsschwindler. In Deutschland wurde er mehrfach wegen Körperverletzung, Betrug, Amtsanmaßung, Diebstahl und Unterschlagung verurteilt.
Wegen der Vergewaltigung musste sich Elmar S. im Juni 1979 im Landesgericht Innsbruck verantworten. Der Tiroler Gerichtspsychiater Heinz Prokop beschrieb den Angeklagten in seinem Gutachten als „Triebtäter gefährlichsten Grades“. Eine schwerwiegende Beeinträchtigung der Schuldfähigkeit liege nicht vor. Als der Verteidiger eine weitere Begutachtung wegen einer möglichen Schilddrüsenerkrankung beantragte, wurde die Verhandlung vertagt. Das Gericht traf unverständlicherweise keine aufenthaltsbeschränkende Anordnung, so dass sich der Angeklagte nach Bayern absetzen konnte.
Frauenmorde.
JVA München-Stadelheim: U-Haft für Elmar S. und seine
Geliebte © Werner Sabitzer
Einige Wochen später wurden in Bayern zwei Frauen ermordet. Am Morgen des 7. Juli 1979 entdeckte man die Leiche der 41-jährigen Unternehmerin und Millionenerbin Karin S.-K. in ihrer Villa in Grünwald bei München. Ihr Mörder hatte sie im Schlafzimmer aufgebahrt. Das Opfer war mit Alkohol und Schlafmittel betäubt und erdrosselt worden.
Im Keller eines ehemaligen Exerzitienhauses der Jesuiten am Starnberger See wurde im Juli 1979 die nackte Leiche der 35-jährigen Anwaltssekretärin Sonnhilde W. entdeckt. Der Mörder hatte den Körper mit Schnitten übersät und die Augen ausgestochen.
Beide Frauen waren geschieden und in beiden Fällen fehlten Wertgegenstände der Mordopfer. Die Münchner Kriminalisten gingen einer Reihe von Spuren nach. Beide Frauen hatten auf eine Kontaktanzeige in der „Süddeutschen Zeitung“ geantwortet. In dieser Annonce suchte ein „Arzt, verw., 41 J., 184, dunkel, 79 kg, mit besteingeführter Privatklinik, herrlichem Besitz in Nizza, anhanglos“ eine „adäquate Partnerin zur baldigen Ehe“. Die gewünschte Frau sollte „aus Paritätsgründen“ vermögend sein.
In der Wohnung von Sonnhilde W. fanden die Kriminalpolizisten einen Notizzettel mit der Telefonnummer von „Dr. Karl Theodor Herzog“. Die Ermittlungen führten zum Tiroler Elmar S., der sich in Bayern niedergelassen hatte. Die Indizien und Beweise verdichteten sich: Im Wohnzimmer der Villa von Karin S.-K. befand sich ein Blumenstrauß. Die Mutter des Opfers sagte aus, dass sich der Strauß vor dem Besuch des mutmaßlichen Mörders noch nicht im Wohnzimmer befunden habe. Die Angestellte eines Blumenladens am Hauptbahnhof München erkannte auf einem Foto Elmar S. einwandfrei als den Käufer des Blumenstraußes. An der Nachttischlampe von Karin S.-K. wurden Fussel gesichert, die von einem Handschuh des Verdächtigen stammten. Im Haus von Elmar S. wurden unter anderem ein Nerzmantel und eine Ledertasche von Sonnhilde W. sichergestellt. Elmar S. und seine Geliebte Ingrid Helmtrud von H. kamen Mitte Juli 1979 in Untersuchungshaft in die Justizvollzugsanstalt München-Stadelheim. Er hatte sie ebenfalls als Heiratswilliger über ein Zeitungsinserat kennengelernt. Ingrid Helmtrud von H. hatte Euroschecks von Sonnhilde W. eingelöst und einen höheren Lire-Betrag des Mordopfers Karin S.-K. in Mark gewechselt. Sichergestellt wurden auch Folterinstrumente und Plastiksäcke, die laut dem Staatsanwalt über den Kopf der Opfer gezogen worden waren und zum Ersticken geführt hätten.
Elmar S., der einige Jahre in Augsburg gewohnt hatte, wurde zu fünfzehn ungeklärten Frauenmorden befragt, die ab 1963 im Raum Augsburg verübt worden waren. Der Staatsanwalt sah aber keine Parallelen zu den beiden Frauenmorden.
Heiratsschwindler.
Der attraktive Elmar S. hatte schon vor den Morden immer wieder Frauen über Kontaktanzeigen kennengelernt und finanziell ausgebeutet. 1972 kam es zu einer Gerichtsverhandlung, weil Elmar S. einer Münchner Unternehmerin die Ehe versprochen, sie nach Kanada gelockt und ausgenommen hatte. In diesem Prozess behauptete er, „acht- bis zehnmal am Tag“ mit der Klägerin Sex gehabt zu haben, auch mit „Lustwerkzeugen“. Er inserierte als „Dr. Herzog“ und mit anderen falschen Namen, wie „Dr. Rebe“, „Dr. Kaulbach“ und „Clemens von Fürstenried“.
Justizanstalt Stein an der Donau: Mörder Elmar S. verbüßt hier seine lebenslange Freiheitsstrafe © Werner Sabitzer
Lebenslange Freiheitstrafe.
Im Juni 1981 wurde im Landgericht München das Schwurgerichtsverfahren gegen Elmar S. abgehalten. Laut gerichtspsychiatrischem Gutachten galt der Angeklagte als schuldfähig, intelligent und raffiniert. Zeugen sagten aus, dass der Angeklagte „sexuelle Perversionen“ mit „besonderen Abnormitäten“ praktiziert habe. Er soll sich geäußert haben, man könne zu Geld kommen, wenn man alleinstehende, vermögende Frauen in Höhlen locke, mit ihnen sadistische Spiele treibe und sie töte. Außerdem würde er gerne erleben, wie eine strangulierte Frau kurz vor ihrem Tod einen „Superorgasmus“ habe.
Elmar S. wurde wegen zweifachen Mordes schuldig gesprochen und zu zweimal lebenslanger Haft verurteilt. Er kommentierte das Urteil mit Beschimpfungen wie „Scheißurteil“ und „Justizblamage“. Da der Strafverteidiger gegen das Urteil berief, kam es zu einem Revisionsverfahren. Gerichtspsychiater Hermann Witter von der Universität Saarbrücken begutachtete den Angeklagten und kam zur Ansicht, dass eine „schwere seelische Abartigkeit“ und Symptome „süchtiger sexueller Entgleisung“ vorlägen. Der Begutachtete sei psychopathisch verwahrlost“ und ein „gelegentlicher Impulstäter“, dessen Aggressionen sich vorwiegend in „anal-sadistischer Destruktivität“ entladen würden. Das Revisionsgericht bestätigte das Urteil des Erstgerichts.
Ingrid Helmtrud von H. wurde als Mitwisserin und Hehlerin bei den Münchner Frauenmorden zu einem Jahr bedingter Freiheitsstrafe verurteilt.
Ein dritter Mord.
Im Jahr 1986 gestand Elmar S. in der Justizanstalt einen weiteren Frauenmord und beschuldigte seine damalige Geliebte Ingrid Helmtrud von H. als Mittäterin. Nach dem Geständnis des Verurteilten wurde sie wieder verhaftet.
Im Frühjahr 2013 sorgte Elmar S. neuerlich für Schlagzeilen. Aus der Justizanstalt Stein an der Donau, wohin er zur Verbüßung seiner lebenslangen Freiheitsstrafe überstellt worden war, versuchte er, seine vermögende Schwägerin zu erpressen. Er forderte sie mit einem Brief auf, 900.000 Schilling (heutige Kaufkraft: 218.000 Euro) an seine Kinder zu überweisen. Wenn nicht, werde er brisante Details zum Tod ihres Mannes veröffentlichen. Die Schwägerin ließ sich nicht erpressen und sandte den Brief an die Direktion der Justizanstalt Stein. Elmar S. wurde wegen versuchter Erpressung zu weiteren zweieinhalb Jahren verurteilt. Der aufsehenerregende Kriminalfall fand enormen Niederschlag in den Boulevardmedien. Die „BILD“-Zeitung brachte eine Serie über „Dr. Mord“ und auch in der Zeitschrift „Quick“ konnte man den Kriminalfall in einer Serie nachlesen.
Werner Sabitzer
Quellen/Literatur:
Allen zugetan. In: Der Spiegel, Nr. 18/1981
Mauz, Gerhard: „Aufschrei des Zorns und der Empörung“. In: Der Spiegel, Nr. 25/1981
Liedtke, Rüdiger: Elmar S. alias „Dr. Herzog“. Vom Heiratsschwindler zum Doppelmörder. In: ders.: Kriminal-Chronik. Die aufsehenerregendsten Fälle der letzten 30 Jahre. Eichborn Verlag, Frankfurt/Main 1992; S. 39-45
Öffentliche Sicherheit, Ausgabe 7-8/2026
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