Polizeigeschichte
Kriminalität und Psychoanalyse
Der Sigmund-Freud-Schüler Theodor Reik aus Wien war der erste Psychologe in Österreich, der die Psychoanalyse für die Kriminalpsychologie nützte.
Theodor Reik: Psychoanalytiker und
Kriminalpsychologe © Nlm
Theodor Reik, geboren am 12. Mai 1888 in Wien, studierte Psychologie, Philosophie, Literatur und Religion in Wien. Nachdem er Sigmund Freuds Werk „Die Traumdeutung“ gelesen hatte, kontaktierte Reik 1910 den Begründer der Psychoanalyse, wurde dessen Schüler und nahm an den Treffen der „Mittwochsgesellschaft“ und der „Wiener Psychoanalytischen Vereinigung“ teil. Sigmund Freud unterstützte den Studenten finanziell, um ihm die Ausbildung zum Psychoanalytiker zu ermöglichen. Er riet Reik, nicht Medizin zu studieren, sondern sich eingehend mit der Psychoanalyse zu beschäftigen. Das Fehlen des Medizinstudiums bereitete Reik aber später Probleme bei seiner Arbeit als Psychoanalytiker. Reiks 1912 angenommene Dissertation mit dem Titel „Flaubert und seine ,Versuchung des heiligen Antonius‘“ war die erste auf psychoanalytischer Grundlage stehende literaturkritische Studie.
1911 wurde Reik Mitglied der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung (WPV). Er verfasste psychoanalytische Studien über die Schriftsteller Johann Wolfgang von Goethe, Richard Beer-Hoffmann und Arthur Schnitzler. 1913 zog er nach Berlin, wo er sich bei dem Neurologen und Psychiater Karl Abraham fortbildete, dem Wegbereiter der Psychoanalyse in Deutschland. 1915 erhielt Reik mit seiner Abhandlung „Die Pubertätsriten der Wilden“ den Preis der WPV für die beste wissenschaftliche Arbeit auf dem Gebiet der angewandten Psychoanalyse. Von Jänner 1915 bis Oktober 1918 diente Reik als Kavallerieoffizier im Ersten Weltkrieg. Nach Kriegsende wurde er zweiter Sekretär und Bibliothekar der WPV. 1921/22 arbeitete er am Berliner Psychoanalytischen Institut (BPI). Danach kehrte er nach Wien zurück, wo er bis 1928 Sekretär der WPV war.
1925 sorgte eine Anklage gegen Reik wegen „Kurpfuscherei“ für Aufsehen. Damals durften nur Ärzte psychoanalytische Behandlungen durchführen und Reik galt rechtlich als medizinischer „Laie“. Ihm wurde vorgeworfen, psychoanalytische Therapien betrieben zu haben, ohne Arzt zu sein. Sein Mentor Sigmund Freud verfasste 1926 die Schrift „Zur Frage der Laienanalyse“, in der er sich für eine fundierte psychotherapeutische Ausbildung einsetzte sowie für die Zulassung auch anderer Berufssparten zur Psychotherapie und Psychoanalyse. Die Anklage wegen „Kurpfuscherei“ wurde 1927 eingestellt.
Emigration.
1928 kam Reik erneut nach Berlin, wo er im BPI als Dozent arbeitete. Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme 1933 in Deutschland flüchtete er nach Den Haag. Er trat der Psychoanalytischen Vereinigung der Niederlande bei, bildete als Kontrollanalytiker Psychoanalytiker aus und hielt Vorlesungen in Den Haag, Amsterdam und Leyden. Seine Frau Ella Oratsch emigrierte 1934 mit dem gemeinsamen Sohn Adam nach Israel. Im gleichen Jahr heiratete Reik in den Niederlanden Marija Čubelić. Aus dieser Ehe entstammte die Tochter Miriam Margaret Reik.
1938 flüchtete Theodor Reik in die USA. Als Nicht-Mediziner konnte er allerdings kein ordentliches Mitglied der New Yorker Psychoanalytischen Gesellschaft werden. Er lehrte Psychoanalyse am „William Alanson White Institute“ und gründete 1948 in New York die „National Psychological Association for Psychoanalysis“ (NPAP), die auch Nicht-Medizinern offenstand. Der NPAP angeschlossen war eine Klinik, die bis heute seinen Namen trägt („Theodor Reik Clinical Center“). Die NPAP ist Herausgeberin der Fachzeitschrift „The Psychoanalytic Review“.
Fast 300 Werke.
Theodor Reik: 300 Werke © Nlm
Theodor Reik trug wesentlich zur Verbreitung der Psychoanalyse in Nordamerika bei, sowie im deutschen Sprachraum nach 1945. Er verfasste etwa 50 Bücher über Psychologie und Psychoanalyse sowie knapp 250 Aufsätze, Abhandlungen und sonstige Beiträge. Reik schrieb vor allem über die Anwendung der Psychoanalyse auf Literaturwissenschaft und Kunst, über die Psychopathologie des Alltags, über die Kriminologie sowie über Ethik und Religion des Judentums. Einige seiner Monografien wurden weltbekannt, darunter das Werk „Hören mit dem dritten Ohr: die innere Erfahrung eines Psychoanalytikers“. Darin geht es um die Erforschung der Vorgänge im Inneren des Analytikers während der Analyse des Unbewussten einer Person. Unter Reiks grundlegenden kriminalpsychologischen Werken befinden sich „Verbrecher aus Schuldbewusstsein“ (1915), „Geständniszwang und Strafbedürfnis: Probleme der Psychoanalyse und der Kriminologie“ (1925), „Der unbekannte Mörder: Von der Tat zum Täter“ (1932) und die Studie „Aus Leiden Freuden. Masochismus und Gesellschaft“ (1940), ein Werk über den Sado-Masochismus.
Theodor Reik untersuchte, was die Psychoanalyse, die seelische Forschung nach der Methode von Freud, zum Problem des unbekannten Verbrechers beitragen könne und der Kriminalistik zu sagen habe. „Von den seelischen Vorgängen im Verbrecher wissen wir noch sehr wenig“, schrieb Reik im Buch „Der unbekannte Mörder“. Es werde zu wenig beachtet, dass der Täter im Augenblick der Tat ein anderer sei als vorher und nachher.
Auch in der Erforschung der Tatmotive, in der Deutung und Bewertung der Indizien und in der Urteilsbildung herrsche vielfach bei Kriminalisten und Juristen ein naives Vertrauen in das eigene Verständnis fremder Seelenvorgänge und in die eigene psychologische Erkenntnis. Die Psychologie der Kriminalisten sei oft noch eine so primitive, dass sich daraus die große Zahl schwerer Justizirrtümer erklären müsse.
Psychologische Fehler beim Finden und Erklären des Tatbestandes und des Urteils seien oft tief in unbewussten seelischen Vorgängen begründet, deren Entstehung und Wirken Reik psychologisch zu erklären versucht: „Diese unbewussten Motive beeinflussen Staatsanwälte, Sachverständige und Geschworene, sie beeinflussen die Sicherheit der richterlichen Entscheidung.“ Reik beleuchtet kritisch die Einstellung der Kriminalisten zum „Tatbestand“, die oft genug zu einem irrtümlichen „Sieg der Logik über die Widersprüche der Realität“ führe.
Im 1948 erschienenen Werk „Hören mit dem dritten Ohr“ berichtet Theodor Reik über seine Erfahrungen als Psychoanalytiker. „Hören mit dem dritten Ohr“ bedeute zu hören, was Worte nicht sagen. Der Analytiker höre nicht nur, was der Patient spricht, sondern auch, „was aus seinen eigenen unbewussten Tiefen auftaucht“. In der Psychoanalyse seien nicht die Worte das Wichtigste. Es erscheine wichtiger zu „erkennen, was das Sprechen verbirgt und was das Schweigen offenbart“.
Der vielfach ausgezeichnete Psychoanalytiker Dr. Theodor Reik starb am 31. Dezember 1969 in New York. Bis zu seinem Tod war er als Psychoanalytiker auch in eigener Praxis tätig. In Berlin erinnert seit Mai 2005 eine Gedenktafel an ihn und sein Wirken.
Werner Sabitzer
Quellen/Literatur:
Freeman, Erika: Insights. Conversations with Theodor Reik. New Jersey 1971
Mühlleitner, Elke: Biographisches Lexikon der Psychoanalyse. Die Mitglieder der Psychologischen Mittwoch-Gesellschaft und der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung 1902-1938. Tübingen 1992
Müller, Thomas: „Reik, Theodor“, in: Neue Deutsche Biographie 21 (2003), S. 331-332; http://www.deutsche-biographie.de/.html 27.4.2026, © Historische Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften
Rattner, Josef: Theodor Reik, in: derselbe: Klassiker der Psychoanalyse. 2. Auflage, Beltz Verlag, Weinheim 1995, S. 770–799
Schildknecht, Doris: Theodor Reik und sein Hören mit dem dritten Ohr. Ein Beitrag zur Theorie des Zuhörens und Verstehens. Verlag für Tiefenpsychologie und Anthropologie, Bad Rappenau 2016
Sherman, Murray H.: Dr. Theodor Reik: A Life Devoted to Freud and Psychoanalysis. Psychoanalytic Review 57/1971, 535-543
Öffentliche Sicherheit, Ausgabe 7-8/2026
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