Nachrichtendienste
Frauen im Geheimdienst
Drei ehemalige Agentinnen berichteten an der Hochschule Campus Wien erstmals in Österreich öffentlich über ihre Tätigkeit während des Kalten Krieges. Ihre Geschichten zeigen, wie Frauen für den KGB und die Hauptverwaltung Aufklärung der DDR arbeiteten, Informationen beschafften und geheime Operationen unterstützten – oft fernab der Spionageklischees.
Ehemalige Agentinnen Lilli Pöttrich, Beatrice Schevitz und
Heidi Thiel © HCW/Thomas Goiser
Das Kolloquium an der Hochschule Campus Wien am 17. April 2026 war eine Premiere: Erstmals in Österreich berichteten ehemalige Mitarbeiterinnen von Nachrichtendiensten öffentlich über ihre Aufgaben und Erfahrungen. „Unsere Vorstellung von Spionage ist männlich dominiert, da gibt es gewisse Stereotype“, sagte Martin Langer, Leiter des Fachbereichs Risiko- und Sicherheitsmanagement der Hochschule Campus Wien. Um komplexe Lagen beurteilen zu können, benötigten Nachrichtendienste unterschiedliche Perspektiven – auch jene von Frauen.
Dass Nachrichtendienste derzeit wieder stärker in den Fokus rücken, sagte Peter Gridling, ehemaliger Direktor des Bundesamtes für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung: „Die regelbasierte Ordnung zerfällt und die Rolle der Nachrichtendienste wird wieder wichtiger.“ Der Beitrag von Frauen sei bei der Auseinandersetzung mit Spionage lange unterschätzt worden.
Der Politikwissenschafter Helmut Müller-Enbergs, ehemaliger Leiter der Spionageabwehr beim Verfassungsschutz Berlin, sieht darin ein Versäumnis. „Es ist belegbar, dass Frauen regelmäßig die qualifiziertesten und besten Quellen eines Nachrichtendienstes sind“, sagte er. Rückblickend schilderten sie ihre Erfahrungen oft differenzierter als viele ihrer männlichen Kollegen, die sich gern als „Supermänner, die immer einen Plan gehabt und nie Fehler gemacht haben“ darstellten. Ehemalige Agentinnen räumten häufiger eigene Fehler und Schwierigkeiten ein.
KGB-Spionin Heidi Thiel mit einem Necessaire mit
Geheimfach © Romy Pexa
Heidi Thiel war vom sowjetischen Geheimdienst KGB entsandt und ihr Ehemann Wolfhard Thiel agierte als „Schläfer“ in den USA. Im Fall einer Ausweisung sowjetischen Botschaftspersonals vor einem Krieg sollten sie die Führung der im Land verbliebenen Agenten der UdSSR übernehmen. Heidi Thiel wuchs in der DDR auf und identifizierte sich mit dem Staat. „Ich war politisch sehr motiviert in der Richtung, dass man einen Staat aufgebaut hatte, von dem nie wieder Krieg ausgehen sollte“, sagte sie. Ihr damaliges Bild der Hauptverwaltung A (HV A), der für Auslandsspionage zuständigen Abteilung des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS), bezeichnete sie rückblickend als „verklärt – positiv, aber unerreichbar“. Während ihres Lehramtsstudiums in Deutsch und Russisch lernte sie auf einer politischen Veranstaltung ihren späteren Mann kennen. Zwei Jahre später fragte sie ein Vertreter des MfS, ob sie grundsätzlich zur Zusammenarbeit bereit wäre. Sie sagte zu. Worum es ging, erfuhr sie kurz nach der Hochzeit. Dass ihr Mann bereits für den KGB tätig war, wusste sie nicht. Als er ihr einen Besuch von „Arbeitskollegen“ ankündigte, erwartete sie Wissenschaftler von der Akademie der Wissenschaften. Die Besucher sprachen Russisch und unterbreiteten ihr in einer „netten Runde“ das Angebot, für den KGB zu arbeiten. Wieder sagte sie zu. Es folgte eine Ausbildung zur Agentin, zunächst in der DDR, später mit ihrem Mann in der Sowjetunion. Freunden und Verwandten erzählte das Paar, Wolfhard Thiel habe ein Stellenangebot „irgendwo in Sibirien“ erhalten. Tatsächlich saßen beide in einem Moskauer Plattenbau und lernten, sich wie US-Amerikaner zu verhalten und zu sprechen.
Nach Abschluss der Ausbildung sollten sie auf getrennten Wegen und mit wechselnden Identitäten nach New York reisen und sich dort scheinbar zufällig kennenlernen. Heidi Thiels Route führte über Österreich. Im Zug nach Salzburg sollte sie ihren bisherigen Pass vernichten und einen neuen verwenden. Die gefälschten Dokumente befanden sich in einem Geheimfach ihres Reise-Necessaires. Dabei trat ein unerwartetes Problem auf: „Wir haben in der Ausbildung nie trainiert, wie man einen Pass zerstört. Pässe sind so stabil, dass man sie nicht zerschneiden, nicht zerreißen, nicht verbrennen kann.“ Schließlich entsorgte sie das Dokument über die Zugtoilette. Am Salzburger Bahnhof kam es zu einer Überraschung: Aufgrund einer ungeplanten Routenänderung traf sie ihren Mann. Entgegen den Vorschriften übernachteten sie im selben Hotel, bevor sich ihre Wege trennten und erst in New York erneut kreuzten.
In den Vereinigten Staaten besuchten sie jene Orte, die sie laut ihren Legenden bereits kannten. Das dafür nötige Geld erhielten sie vom KGB – über „tote Briefkästen“ oder bei Übergaben im Vorbeigehen. Eine Social-Security-Card konnte der sowjetische Geheimdienst jedoch nicht beschaffen. Deshalb mussten sich die Thiels eine legale Existenz von Grund auf aufbauen. Heidi Thiel arbeitete zunächst als Reinigungskraft in einem burmesischen Druckereibetrieb. Die Familien in der DDR wussten nichts von ihrem Aufenthaltsort. Offiziell lebten die Thiels weiterhin in Sibirien. Bereits in Moskau hatten sie zahlreiche Briefe vorbereitet, die der KGB zu Geburtstagen und anderen Anlässen verschickte. Die Angehörigen antworteten und wunderten sich, dass die Thiels nie auf aktuelle Ereignisse eingingen. Den Inhalt der Antworten erhielten die Agenten über ein Kurzwellenfunkgerät in codierter Form.
Nach außen führten die beiden ein normales Leben. Das Ende ihrer Mission kam abrupt. „Heute ist die DDR gestorben“, sagte Wolfhard Thiel eines Tages zu seiner Frau. Die DDR war ihre Heimat. Sie beschlossen zurückzukehren und ihre Tätigkeit für den KGB zu beenden. Nach dem Mauerfall, so ihre Einschätzung, würde die Sowjetunion nicht mehr lange bestehen.
Der KGB hatte dafür gesorgt, dass während ihrer Abwesenheit weiterhin Sozialversicherungsbeiträge in der DDR eingezahlt wurden. Weder der Aufenthalt in der Sowjetunion noch jener in den USA schien offiziell auf. Enttarnt wurden die beiden dennoch. In den Karteien des MfS waren ihre Namen mit einem kleinen „F“ versehen – dem Kürzel für „Freunde“, also Mitarbeiter des befreundeten KGB.
Beatrice Schevitz nahm den umgekehrten Weg. Die Amerikanerin Beatrice Schevitz übersiedelte mit ihrem Ehemann Jeffrey Schevitz von den USA nach Deutschland. Während er für die Hauptverwaltung Aufklärung (HV A), den Auslandsnachrichtendienst der DDR, Quellen anwarb, organisierte sie den Transport der beschafften Informationen in die DDR. Schevitz entstammte einer wohlhabenden, sozial engagierten jüdischen Familie. Sie gehörte zur Bewegung der „Neuen Linken“, wie Jeffrey Schevitz, damals Professor an ihrer Universität. Als er einen Lehrauftrag am John-F.-Kennedy-Institut für Nordamerikastudien der Freien Universität Berlin erhielt, begleitete sie ihn nach Deutschland. Dort lernten beide in der DDR lebende Amerikaner kennen. Das „Experiment einer sozialistischen DDR“ hatte sie so fasziniert, dass sie beim MfS die Übersiedlung in die DDR beantragten.
Die Staatssicherheit hatte andere Pläne. Das Ehepaar sollte Informationen in der Bundesrepublik beschaffen. Jeffrey Schevitz kamen seine US-amerikanische Herkunft und Erfahrungen mit der CIA zugute, die Jahre zuvor versucht hatte, ihn anzuwerben. Er gab sich als Vertreter eines Unternehmens in Washington aus und knüpfte Kontakte zu zwei Quellen, die ihn regelmäßig mit Informationen versorgten.
Schmuggel.
Beatrice Schevitz fotografierte die Unterlagen ab und organisierte deren Transport in die DDR. Sie fuhr mit dem Nachtzug nach Ostberlin, versteckte die Filmrollen in einer Zugtoilette, markierte das Versteck mit einem Schminkstift und verließ den Zug. Ein unverfänglicher Telefonanruf kündigte dem Empfänger die Ankunft der Sendung an.
Nach dem Mauerfall wurden zahlreiche amerikanische Staatsbürger enttarnt, die in Westberlin für die HV A spioniert hatten. Dem Ehepaar Schevitz gelang es rechtzeitig, alle Unterlagen zu vernichten. Die Methode war ungewöhnlich: Mit zwei Säcken voller geschredderter Dokumente fuhren sie zum Karneval nach Mainz und verteilten die Papierstreifen unter den Feiernden. Einer Verurteilung entgingen sie nicht, die Strafen fielen jedoch mild aus. „Wir haben zugegeben, dass wir für die HV A gearbeitet haben, aber nur im Auftrag der CIA. Jeffrey hat vier Jahre auf Bewährung bekommen, ich habe Bußgeld bezahlen müssen, dann ist das Verfahren eingestellt worden.“
Lilli Pöttrich war in der Bundesrepublik aufgewachsen und während ihres Jus-Studiums von der HV A angeworben worden. Kurz nachdem sie an einem Sommerlager in der DDR teilgenommen hatte, standen zwei junge Männer der HV A vor ihrer Tür. Unter dem Vorwand einer wissenschaftlichen Erhebung über westdeutsche Studenten führten sie ein Gespräch mit ihr. Wenig später folgte eine Einladung nach Ostberlin.
Es blieb nicht bei einem Besuch. Ihre ostdeutschen Kontaktpersonen machten ihr deutlich, dass sie aufgrund ihres politischen Engagements in Westdeutschland kaum Karriere als Juristin machen würde. Sie boten ihr die Mitarbeit in der HV A an. Sie sollte ihre politische Haltung scheinbar ändern, sich am rechten Rand der SPD positionieren und eine Stelle im Auswärtigen Amt anstreben. Pöttrich willigte ein.
Nach einer Ausbildung in Verschlüsselungstechniken, der Nutzung toter Briefkästen und dem Verhalten bei Observationen kehrte sie nach Westdeutschland zurück. Noch vor Studienabschluss bewarb sie sich beim Auswärtigen Amt. Dank guter Leistungen und ihrer von der HV A unterstützten Vorbereitung auf die Sicherheitsüberprüfung wurde sie aufgenommen. Zunächst arbeitete sie in der Zentrale im Bereich Wirtschafts- und Währungspolitik, später in Bangladesch und schließlich in Paris bei der KOKOM-Konferenz zur Kontrolle von Hochtechnologieexporten.
Auch Lilli Pöttrich wurde enttarnt. Als besonders schmerzlich empfand sie nicht die Verurteilung zu zwei Jahren auf Bewährung, sondern die spätere Erkenntnis: „Das Bittere an der Geschichte ist, dass man im Nachhinein sagen muss, das Gesellschaftsmodell, das man unterstützt hat, ist ja nicht nur durch den Sieg seiner Gegner zugrunde gegangen, sondern auch an seinen eigenen Problemen. Sich das einzugestehen, ist dann doch ein bisschen schwierig.“
Rosemarie Pexa
Öffentliche Sicherheit, Ausgabe 7-8/2026
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