Porträt
Kämpfer gegen Spielbetrüger
Der leitende Kriminalbeamte Ernst Sprung war ein international anerkannter Experte für die Bekämpfung des illegalen Glücksspiels und des Spielbetrugs. Im KZ Dachau rettete er Leopold Figl das Leben.
Kripo-Oberst Ernst Sprung: Sachverständiger für Glückspiel
und Spielbetrug © Ferdinand Germadnik
Als der albanische König Ahmet Zogu mit seinem Gefolge am 20. Februar 1931 das Wiener Operntheater verließ und in der Operngasse in ein Auto stieg, tauchten zwei Männer auf. Sie schossen mehrmals auf das Auto des Königs. Der Monarch blieb unverletzt, aber sein Adjutant wurde tödlich in den Kopf getroffen und der albanische Hofminister erlitt eine Schussverletzung am linken Unterschenkel. Die beiden Attentäter wurden überwältigt. Es handelte sich um zwei in Wien wohnende Exilalbaner. Sie gaben an, dass sie Zogu als einen „Verräter am albanischen Volk“ erschießen wollten.
Unter den Sicherheitswachebeamten, die zum Schutz des albanischen Königs während des Opernbesuchs in Wien eingesetzt waren und in die Schießerei gerieten, befand sich der 22-jährige Ernst Sprung. Das Attentat auf den albanischen König war das erste dramatische Ereignis im Leben des jungen Polizisten, weitere folgten.
Ernst Sprung, geboren am 17. März 1909 in Nagyvaszsony (Großwaschon), absolvierte die Grundschule in Wien und maturierte am Stiftsgymnasium Melk an der Donau. Am 31. Dezember 1929 trat er als Sicherheitswachebeamter in die Polizeidirektion Wien ein und schloss die Polizeischule mit „vorzüglich“ ab. 1932 wechselte Sprung zur Kriminalpolizei und versah als Kriminalbeamten-Anwärter Dienst bei der Staatspolizei, beim Kommissariat Wien-Leopoldstadt und im Sicherheitsbüro. Nach der Definitivstellung im Juni 1934 kam er in das Kommissariat Wien-Wieden. Als illegale Nationalsozialisten im Juli 1934 einen Putsch versuchten, wurde Sprung beim Einsatz gegen die Aufständischen verletzt.
Ab April 1935 diente er wieder bei der Staatspolizei, zu deren Hauptaufgaben die Bekämpfung illegaler Nazi-Aktivitäten zählte. Berufsbegleitend begann Sprung das Jus-Studium.
1938 begann er mit dem gehobenen Fachkurs für den Kriminaldienst, konnte aber die einjährige Offiziersausbildung in der Rossauer Kaserne nicht abschließen. Denn am 12. März 1938 drangen Truppen des Deutschen Reichs in Österreich ein und die Nationalsozialisten übernahmen die Macht in Österreich.
KZ-Häftling in Dachau.
Versprachiger Dachauverbands-Mitgliedsausweis von Ernst
Sprung © Privat
Einen Tag vor der nationalsozialistischen Machtübernahme traf Ernst Sprung im Gebäude der „Vaterländischen Front“ auf dem Platz Am Hof Guido Zernatto, den Staatssekretär im Bundeskanzleramt und Generalsekretär der „Vaterländischen Front“, der Einheitspartei im autoritären Ständestaat. Der aus Kärnten stammende Politiker und Schriftsteller bereitete seine Flucht nach Bratislava vor und bot Sprung an, mitzufahren. Sprung lehnte ab und meinte, er habe „nichts zu befürchten“, er habe ja nur „seinen Dienst gemacht“.
Der Kriminalbeamte irrte sich. Während Guido Zernatto und seine Frau – ausgestattet mit falschen Reisepässen – über Ungarn nach Frankreich gelangten und 1940 in die USA emigrierten, wurde Ernst Sprung noch in der Nacht des 12. März in seiner Wohnung im vierten Bezirk festgenommen, in das Polizeipräsidium gebracht und am frühen Morgen in das Polizeigefangenenhaus eingeliefert. Von dort kam er in einen Notarrest in der Hermanngasse und Mitte Juli 1938 wurde er in das Konzentrationslager Dachau transportiert.
Eines der Fachbücher von Ernst Sprung
© Archiv
Ernst Sprungs Konviktsdirektor im Stiftsgymnasium Melk war auch Gartendirektor des Stiftspark, in dem sich eine landwirtschaftliche Versuchsanstalt befand. Benötigte der Gartendirektor Hilfskräfte, holte er sich einige interessierte Schüler, darunter Ernst Sprung. So erlangte der Gymnasiast viele Kenntnisse über die Flora und Fauna. Dieses Wissen kam ihm im Konzentrationslager Dachau zugute. Ihm wurde die Aufsicht über die Glashäuser in der Plantage übertragen und später wurde er dort „Oberkapo“. Da die SS-Mannschaft im KZ an möglichst hohen Erträgen aus der Gärtnerei interessiert war, hatten Sprung und seine Mithäftlinge in der Plantage gewisse Erleichterungen. Sprung konnte bei Bedarf sofort Häftlinge anfordern, außerdem durften Lagerstrafen über Plantagenarbeiter nur mit Zustimmung des SS-Hauptamtes verhängt werden. Sprung nutzte sein Privileg aus und ließ sich viele Österreicher zuteilen, darunter Priester und ehemalige Beamte, die dadurch bessere Bedingungen im KZ vorfanden.
Einen Österreicher ließ er sich öfters kommen, um ihn immer wieder die Plantage vermessen zu lassen. Es handelte sich um Leopold Figl, der in der Lagerhaft schwer misshandelt worden war. „Figl hätte nicht überlebt, wenn ich nicht gewesen wäre“, vermerkte Sprung in einer Erinnerungsnotiz für das Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes (DÖW) in Wien. Leopold Figl, nach Kriegsende erster Bundeskanzler der Zweiten Republik, bedankte sich in einem Brief bei Ernst Sprung. Dass er das KZ überlebt habe, habe er Sprung zu verdanken, schrieb Figl. Am 4. März 1941 wurde Ernst Sprung aus dem KZ Dachau entlassen und drei Monate später in eine Arbeitskompanie nach Norddeutschland beordert. Ab 1943 arbeitete er in einer Druckerei.
Experte für Spielbetrugsbekämpfung.
Grabstätte von Ernst Sprung auf dem
Neustifter Friedhof in Wien © Werner
Sabitzer
Nach dem Ende der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft 1945 kehrte Ernst Sprung nach Wien zurück, teilweise zu Fuß. Im September 1945 trat er wieder in den Dienst der Bundespolizeidirektion Wiener ein. Nebenberuflich nahm er das rechtswissenschaftliche Studium wieder auf. Als leitender Kriminalbeamter versah er Dienst bei der Staatspolizeilichen Abteilung und später im Wiener Sicherheitsbüro, wo er ab 1950 eine Organisationseinheit leitete. Im Lauf der Jahre entwickelte er sich zu einem international anerkannten Experten für die Bekämpfung des illegalen Glücksspiels und des Spielbetrugs.
In diesem Bereich wirkte er auch als gerichtlich beeideter Sachverständiger. Sprung verfasste Fachbücher über das Falschspiel mit Karten und Würfeln und im Roulette („Würfeln – Spiel und Betrug“, 1968; „Roulette – Spiel und Betrug“, 1967). Dazu kamen viele Artikel in Fachzeitschriften. Ein Sachbuch („Korrigiertes Glück. Falschspiel in Praxis und Theorie“) schrieb er 1954 mit dem bekannten Zauberkünstler und Taschenspieler „Allan“ (Albin Neumann).
Ernst Sprung war Vortragender auf Kongressen und in Fachseminaren; er beriet unter anderem die „Österreichische Spielbanken AG“ (seit 1985 „Casinos Austria AG“).
Als im September 1948 die „Vereinigung der Bundeskriminalbeamten und deren Freunde“ (heute: „Vereinigung Kriminaldienst Österreich“/VKÖ) wiedergegründet wurde, wählten die Delegierten Ernst Sprung zum Obmann. Er übte dieses Amt bis 1981 aus und wurde danach zum Ehrenpräsidenten der Vereinigung ernannt.
Ernst Sprung war 1964 Mitglied der von Innenminister Franz Olah eingesetzten Kommission zur Reform der Sicherheitsbehörden. Er war auch Ehrenvorsitzender der KZ-Lagergemeinschaft Dachau. Oberst i. R. Ernst Sprung starb am 27. Juli 1992. Er wurde auf dem Friedhof Neustift in Wien bestattet.
Werner Sabitzer
Quellen/Literatur:
Ernst Sprung: Ein Mordsmassel. Erzählte Geschichte. Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes (DÖW) , Wien,
Polizeiarchiv Wien
Öffentliche Sicherheit, Ausgabe 7-8/2026
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