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  2. Ausgabe 5-6/2026
  3. Betrugskriminalität

Betrugskriminalität

Vertrauen als Angriffswaffe

Ob Schockanruf oder Anlagebetrug: Betrüger setzen auf emotionale Manipulation, um ihre Opfer zu Geldzahlungen oder „Investitionen“ zu bewegen.

Samstagmorgen, Kaffee am Tisch – plötzlich klingelt das Telefon. Eine ruhige, akzentfreie Stimme meldet sich: „Ihr Enkelkind hatte im Ausland einen schweren Verkehrsunfall. Wenn Sie sofort eine Kaution bezahlen, muss es nicht ins Gefängnis.“ Im Hintergrund ist eine vertraute Stimme zu hören. Panik setzt ein. Genau darauf zielen Schockanrufe ab: auf Angst, Zeitdruck und den Beschützerinstinkt. Am Telefon wird eine Extremsituation inszeniert. „Ein aktueller Trick ist etwa der Anruf eines angeblichen österreichischen Spitals, das dringend Bargeld für die Behandlung eines Angehörigen verlangt“, erklärt Daniela Summer vom Büro für Kriminalprävention und Opferschutz im Bundeskriminalamt.

Organisierte Kriminalität.

Psychologischer Druck: Ziel ist es, die Opfer möglichst lange am Telefon zu halten
Psychologischer Druck: Ziel ist es, die Opfer möglichst lange
am Telefon zu halten © Vicentia - stock.adobe.com

Die Täter geben sich als Polizisten, Anwälte oder Ärzte aus – professionell, überzeugend und glaubwürdig. Dahinter stehen häufig international organisierte Betrugsnetzwerke, die wie Callcenter strukturiert sind. „Aus Datenlecks oder Telefonverzeichnissen werden gezielt älter klingende Namen ausgewählt und kontaktiert“, erklärt Summer. Ziel der Täter ist es, die Opfer möglichst lange am Telefon zu halten. „Sobald jemand auflegt, kann er durchatmen, nachdenken oder Hilfe holen“, sagt Summer. Die Gespräche dauern oft mehrere Stunden. Währenddessen sammeln die Betrüger gezielt Informationen über Bargeld, Schmuck oder Kontoguthaben. Anschließend werden die Opfer unter Druck gesetzt, Geld von Banken zu beheben oder Wertgegenstände zu übergeben. Teilweise kommen dafür Mittelsmänner zum Einsatz. Gleichzeitig wird den Opfern eingeschärft, niemandem zu vertrauen – auch nicht Bankmitarbeitern oder Angehörigen. Jede Rücksprache könnte den Betrug aufdecken.
Im Jahr 2025 wurden in Österreich rund 700 Schockanrufe mit einem Gesamtschaden von etwa zehn Millionen Euro registriert. Bis März 2026 kamen bereits rund 200 weitere Fälle mit einem Schaden von insgesamt drei Millionen Euro hinzu. Die tatsächliche Zahl dürfte höher liegen, da viele Betroffene aus Scham keine Anzeige erstatten. „Sobald jemand am Telefon eine dramatische Geschichte erzählt, sollte man innehalten und prüfen, ob das plausibel ist“, rät Summer. „Wer unter Druck gesetzt und nach Geld oder Wertgegenständen gefragt wird, sollte sofort auflegen und Hilfe holen.“ Die Polizei empfiehlt, den Kontakt abzubrechen, Angehörige über bekannte Telefonnummern zu verständigen oder die Polizei zu kontaktieren. Denn seriöse Behörden fordern niemals Geld oder Wertgegenstände am Telefon.
Dass hinter den Taten organisierte kriminelle Strukturen stehen, zeigt ein Fahndungserfolg Ende Februar 2026: Ermittlern gelang es, eine Betrügergruppe in Wien und Tschechien zu zerschlagen. Dabei wurden 23 Tatverdächtige aus mehreren europäischen Ländern identifiziert und 17 Personen festgenommen. Der Schaden betrug 4,8 Millionen Euro.

Menschen erkennen.

Ein Schwerpunkt der polizeilichen Präventionsarbeit ist die Aufklärung der Bevölkerung über Betrugsformen – insbesondere von älteren Menschen. Dafür wurde die Kampagne „Achtung Schockanrufe“ ins Leben gerufen. Im Fokus stehen Kooperationen mit Seniorenvereinen, Pflegeeinrichtungen, sozialen Diensten und Gemeinden. Vorträge, Informationsveranstaltungen und Medienkampagnen sollen potenzielle Opfer sensibilisieren. Gleichzeitig richtet sich die Prävention auch an jüngere Menschen, die Angehörige informieren und unterstützen können. „Es geht darum, die Menschen zu sensibilisieren“, betont Summer. „Je besser die Betrugsmaschen bekannt sind, desto eher reagieren Betroffene im Ernstfall richtig – und legen sofort auf.“

Auch Anlagebetrug beginnt oft harmlos – mit Anzeigen in sozialen Medien, die hohe Renditen, „einmalige Chancen“ oder schnelle Gewinne versprechen. Was wie ein attraktives Investment wirkt, ist häufig Teil eines professionell organisierten Betrugssystems. Wer auf solche Angebote reagiert, wird meist rasch kontaktiert. „Die Täter versuchen herauszufinden, über wie viel Geld die Betroffenen verfügen und wie viel sie bereit sind zu investieren“, erklärt Summer. Kurz darauf folgt die nächste Stufe: Ein angeblicher Anlageberater meldet sich, eine professionell gestaltete Online-Plattform wird eingerichtet und erste Gewinne werden vorgetäuscht. Bereits Einzahlungen ab 250 Euro reichen aus, um Vertrauen aufzubauen. Teilweise werden sogar kleinere Gewinne ausbezahlt. Ziel der Täter ist es jedoch, die Opfer zu immer höheren Investitionen zu bewegen. „Die Geschädigten werden so lange zum Nachzahlen gedrängt, bis kein Geld mehr verfügbar ist“, sagt Summer. Danach bricht der Kontakt ab, die Plattform verschwindet und das investierte Geld ist verloren. Ein Warnsignal sind Überweisungen auf wechselnde Auslandskonten. In den vergangenen fünf Jahren wurden österreichweit rund 11.000 Fälle von Anlagebetrug angezeigt. Der Gesamtschaden belief sich auf 335 Millionen Euro.

Recovery-Scam.

Nach dem ersten Betrug folgt oft der nächste: Monate oder sogar Jahre später melden sich angebliche Ermittler, Anwälte oder Vertreter internationaler Behörden. Sie behaupten, die Täter ausgeforscht zu haben, und versprechen, das verlorene Geld zurückzuholen. Voraussetzung ist eine Gebühr oder Vorauszahlung. „Besonders perfide ist, dass die Täter über detaillierte Informationen verfügen“, erklärt Summer. „Die Daten stammen häufig aus dem ursprünglichen Betrug.“ Das macht die Geschichte glaubwürdig – und führt viele Betroffene erneut in die Falle.

Pig-Butchering.

Diese Form des Anlagebetrugs basiert auf langfristiger Manipulation. Die Täter bauen über Wochen oder Monate hinweg Vertrauen auf – häufig über soziale Medien oder Dating-Plattformen. „Es wird eine Beziehung aufgebaut, die später gezielt ausgenutzt wird“, sagt Summer. Erst wenn eine emotionale Bindung entstanden ist, drängen die Betrüger ihre Opfer zu Investitionen. Das Muster ist immer ähnlich: Vertrauen schaffen, hohe Gewinne in Aussicht stellen und schließlich das investierte Geld verschwinden lassen. Der wirksamste Schutz vor Anlagebetrug ist Information. Die Polizei empfiehlt, Anbieter sorgfältig zu prüfen, im Internet nach Warnungen und Erfahrungsberichten zu suchen und nur bei registrierten Unternehmen zu investieren. Hilfreiche Informationen bieten Plattformen wie Watchlist Internet sowie die Unternehmensdatenbank der Finanzmarktaufsicht. „Versprechen außergewöhnlich hoher Gewinne sollten immer skeptisch hinterfragt werden“, betont Summer. „Bei genauerem Hinsehen wirken viele Angebote unseriös.“

Julia Brunhofer/Herbert Zwickl

Schockanrufe

Vor Betrug schützen

  • Ruhe bewahren: Keine Entscheidungen unter Druck treffen
  • Misstrauisch sein: Bei emotionalen Geschichten oder hohen Gewinnversprechen sofort hinterfragen
  • Keine Daten preisgeben: Weder finanzielle Informationen noch Zugangsdaten weitergeben
  • Kontakt abbrechen: Verdächtige Anrufe oder Nachrichten sofort beenden
  • Selbst nachprüfen: Angehörige oder Institutionen nur über bekannte Kontakte erreichen
  • Keine Übergaben: Geld oder Wertsachen niemals an Unbekannte übergeben
  • Anbieter prüfen: Unternehmen online recherchieren und in offziellen Datenbanken kontrollieren
  • Hilfe holen: Im Zweifel sofort Polizei (133) oder Vertrauenspersonen kontaktieren

Öffentliche Sicherheit, Ausgabe 7-8/2026

 Druckversion des Artikels (pdf, 141 kB)

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