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  2. Ausgabe 5-6/2026
  3. Jugendkriminalität

Jugendkriminalität

Gewalt wird zur Bühne

Kinder und Jugendliche begehen immer häufiger schwere Straftaten, filmen ihre Taten und verbreiten die Aufnahmen in sozialen Medien. Verantwortlich ist keine breite Entwicklung, sondern eine kleine Gruppe von Intensivtätern. Polizei, Jugendhilfe und Stadt Wien versuchen gegenzusteuern.

Die Zahlen sind alarmierend. Während die Kriminalität in Wien insgesamt rückläufig ist, wächst ein Problem: Immer jüngere Kinder werden als Tatverdächtige registriert. Die Zahl der Verdächtigen unter zehn Jahren ist zuletzt um mehr als 30 Prozent gestiegen, auch bei den 10- bis 14-Jährigen zeigt die Entwicklung nach oben. Jugendliche sind zudem überproportional häufig an bestimmten Delikten beteiligt, etwa bei Einbrüchen. Hinter diesen Zahlen steht allerdings kein Massenphänomen. Vielmehr ist es eine kleine Gruppe von Intensivtätern, die für einen großen Teil der Straftaten verantwortlich ist. Rund 30 bis 40 Kinder und Jugendliche begehen teils Dutzende, manche sogar Hunderte Delikte. „Wir sprechen hier von Systemsprengern“, sagt Dieter Csefan, Landespolizeivizepräsident in Wien. „Sie fallen durch alle Netze – und ziehen andere mit.“

Gewalt als Inszenierung.

Jugendkriminalität: Eine kleine Gruppe von Intensivtätern ist für einen Großteil der Straftaten verantwortlich
Jugendkriminalität: Eine kleine Gruppe von Intensivtätern ist
für einen Großteil der Straftaten verantwortlich
© BMI/T. Bosina

Die Delikte reichen von Raubüberfällen und Einbrüchen bis hin zu schweren Körperverletzungen. Auffällig ist dabei ein neuer Faktor: die Inszenierung der Gewalt. Viele Täter filmen ihre Straftaten und verbreiten die Aufnahmen über soziale Medien. Dokumentiert werden etwa gewaltsame Raubüberfälle, Einbrüche in Geschäfte oder Angriffe auf bereits am Boden liegende Opfer. Gewalt wird zur Bühne, Aufmerksamkeit zur Belohnung. „Früher hat man aufgehört, wenn das Opfer am Boden lag. Heute wird weitergemacht – für die Aufmerksamkeit im Netz“, beschreibt Csefan die Entwicklung.

Warum Kinder straffällig werden.

Die Ursachen sind vielfältig, zeigen aber ähnliche Muster. Häufig fehlen stabile Familienstrukturen, eine regelmäßige Tagesstruktur und soziale Kontrolle. Viele der betroffenen Kinder besuchen keine Schule mehr oder wurden suspendiert. Andere leben als unbegleitete Minderjährige oder in schwierigen familiären Verhältnissen. Die Folge sind lange Phasen ohne Beschäftigung und Orientierung. Öffentliche Räume werden zu Treffpunkten, Gruppendynamiken verstärken problematisches Verhalten und senken die Hemmschwelle für Straftaten.

Das Dilemma der Strafunmündigkeit.

Besonders herausfordernd ist die Situation bei Kindern unter 14 Jahren. Sie sind strafunmündig und können daher strafrechtlich nicht zur Verantwortung gezogen werden. Die Polizei kann einschreiten, Personen anhalten und sie den Erziehungsberechtigten oder Betreuungseinrichtungen übergeben. Eine strafrechtliche Verfolgung oder Bestrafung ist jedoch nicht möglich. Für die Einsatzkräfte entsteht dadurch häufig der Eindruck eines Kreislaufs, in dem dieselben Personen immer wieder auffällig werden.

Neue Wege der Intervention.

Um auf diese Entwicklung zu reagieren, setzt die Wiener Kinder- und Jugendhilfe (MA 11) seit 2026 auf neue Maßnahmen. Dazu gehört eine geschlossene sozialpädagogische Einrichtung für unmündige Intensivtäter – die sogenannte „Auszeit-WG“. Die Einrichtung bietet ein eng betreutes Umfeld mit psychologischer Begleitung, Anti-Gewalt-Training und Betreuung rund um die Uhr. Das Angebot ist bewusst klein gehalten und als letzte Maßnahme vorgesehen. „Es ist ein Anfang. Jede einzelne Straftat, die verhindert werden kann, hat spürbare Auswirkungen“, sagt Csefan.

Prävention statt Reaktion.

Neben solchen Interventionsmaßnahmen setzt die Polizei gemeinsam mit Sozial- und Bildungseinrichtungen verstärkt auf Prävention. Ziel ist es, gefährdete Kinder möglichst früh zu erreichen.
Das Modell umfasst mehrere Stufen:

  • Frühe Intervention durch Gespräche mit Eltern und Kindern nach ersten Delikten.
  • Monitoring und Begleitung über einen längeren Zeitraum.
  • Intensivbetreuung bei wiederholter oder schwerer Delinquenz.

Ziel ist es, problematische Entwicklungen zu stoppen, bevor sich kriminelle Verhaltensmuster verfestigen. Die Entwicklung zeigt, dass Jugendkriminalität mehr als ein Polizeithema ist. Schule, Sozialarbeit, Jugendhilfe, Familien und Politik sind gleichermaßen gefordert. Denn die Herausforderung besteht nicht in einer großen Zahl jugendlicher Straftäter, sondern in einer kleinen Gruppe besonders auffälliger Kinder und Jugendlicher. Sie frühzeitig zu erreichen und wirksam zu unterstützen, bleibt eine der Aufgaben der Kriminalprävention.


Öffentliche Sicherheit, Ausgabe 7-8/2026

 Druckversion des Artikels (pdf, 932 kB)

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