Interview
Polizist und IT-Pionier
Vom Streifenpolizisten zum IT-Pionier: Wolfgang Müller hat die Digitalisierung der österreichischen Sicherheitsbehörden über vier Jahrzehnte mitgestaltet. Im Gespräch blickt er auf technische Meilensteine, gesellschaftliche Veränderungen und den Menschen hinter der Technik zurück.
Als Wolfgang Müller 1983 seinen Dienst bei der Wiener Polizei antrat, wurden Fahndungen über Fernschreiber übermittelt und Akten in Metallschränken verwaltet. Mehr als vier Jahrzehnte später verantwortet er als „Chief Technical Officer“ der Direktion Digitale Services die digitale Infrastrukturen des Innenministeriums. Vom ersten selbst programmierten Aktenverwaltungssystem über BAKS und den Digitalfunk BOS Austria bis hin zum Geoinformationssystemen und künstlicher Intelligenz hat er die Digitalisierung der österreichischen Sicherheitsbehörden mitgestaltet.
Wolfgang Müller: Technik muss den Einsatz unterstützen –
nicht umgekehrt © BMI/G. Pachauer
Sie sind 1983 in die Polizei eingetreten. Wie hat Ihr Weg begonnen?
Ich bin am 1. September 1983 in den Exekutivdienst bei der damaligen Bundespolizeidirektion Wien eingetreten. Nach der Polizeischule war ich in der Sicherheitswacheabteilung Margareten tätig und versah Dienst im fünften und neunten Wiener Gemeindebezirk. Diese Jahre haben mich geprägt. Nach der Ausbildung steht man plötzlich im echten Polizeialltag und erkennt rasch, worum es im Kern geht: um Menschen, Verantwortung und Situationen, die sich nicht planen lassen.
Bereits beim Bundesheer hatte ich als Sanitäter erlebt, wie wichtig Hilfeleistung und Einsatzbereitschaft sind. Das Helfen in Notlagen und der Dienst am Menschen begleiten mich bis heute. Schon früh wurde ich in die Polizeidirektion beordert und wirkte bei Großveranstaltungen und besonderen Lagen in der Einsatzleitung mit. Für einen jungen Polizisten war das eine außergewöhnliche Chance. Nach ersten Erfahrungen im Außendienst erhielt ich Einblick in die komplexen Abläufe von Einsatzführung, Koordination und Dokumentation. Damals allerdings noch mit einem Werkzeug, das heute museal wirkt: einer mechanischen Schreibmaschine.
Ihr Interesse an EDV und Technik war schon damals ungewöhnlich ausgeprägt. Woher kam diese Begeisterung?
Neugier war wahrscheinlich der entscheidende Antrieb. Meine Eltern sagten oft scherzhaft, es gebe nur zwei schwierige Tage im Jahr: meinen Geburtstag und Weihnachten. Denn alles, was ich geschenkt bekam, wurde zunächst zerlegt – nicht aus Zerstörungsfreude, sondern weil ich verstehen wollte, wie es funktioniert. Diese Neugier begleitet mich bis heute. Bereits in der Schule beschäftigte ich mich mit EDV, zu einer Zeit, als Computer noch keineswegs selbstverständlich waren. Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich mit einer Reisetasche voller Lochkarten zu einem Großrechner ging, um eine einfache Berechnung durchführen zu lassen. Heute klingt das kurios, damals war es ein kleines Abenteuer. Mein erstes größeres IT-Projekt entstand Ende der 1980er-Jahre im Generalinspektorat Wien. Die Aktenevidenz wurde damals noch über Karteikästen geführt. Mir war klar, dass sich viele Abläufe mit den neuen technischen Möglichkeiten wesentlich effizienter gestalten ließen. So entstand eine Datenbank, mit der Akten elektronisch erfasst und durchsucht werden konnten. Der praktische Nutzen sprach sich rasch herum. Kurz darauf erhielt ich eine Einladung ins Innenministerium. Mein erster Gedanke war: „Was habe ich angestellt?“ Beim Gespräch sagte der Präsidialchef sinngemäß: „Ah, Sie sind das. Sie machen jetzt hier EDV.“ Auf meine Frage, wie viele Mitarbeiter es in diesem Bereich bereits gebe, antwortete er trocken: „Sie.“ Damit begann meine Laufbahn in der polizeilichen Informationstechnologie.
1991 wechselten Sie ins Innenministerium. Wie muss man sich diese Anfangszeit der polizeilichen IT vorstellen?
1991 erfolgte meine Versetzung in die Generaldirektion für die öffentliche Sicherheit. Damals waren Bundespolizei und Bundesgendarmerie organisatorisch und technisch noch weitgehend getrennte Systeme. Die polizeiliche Arbeit war stark vom Fernschreiber geprägt. Fahndungen und Informationen wurden ausgedruckt, in Mappen abgelegt und im Außendienst überprüft. Für mich war klar, dass die Zukunft nicht in einzelnen Computern, sondern in vernetzten Informationssystemen liegt.
Die zentrale Frage lautete: Wie können Informationen dort verfügbar sein, wo sie gebraucht werden? Niemand sollte sich darauf verlassen müssen, dass wichtige Hinweise zufällig zur richtigen Zeit am richtigen Ort eintreffen. Aus dieser Überlegung entwickelte sich später die Idee von BAKS – einem gemeinsamen Informations- und Kommunikationssystem für die Sicherheitsbehörden.
Der Chief Technical Officer prägte zentrale Digitalisierungs-
projekte des Innenministeriums – von den ersten Netzwerken
bis zu moderner IT-Infrastruktur © BMI/G. Pachauer
BAKS wurde zu einem der zentralen Systeme des BMI. Was war Ihnen dabei besonders wichtig?
BAKS war für mich nie nur ein IT-Projekt. Es ging darum, die Arbeit von Polizei und Verwaltung grundlegend zu verbessern. Informationen sollten standortübergreifend verfügbar sein und die Zusammenarbeit erleichtern. Ein entscheidender Moment war eine Einladung in die damalige Bundespolizeidirektion Graz. Der dortige Polizeidirektor hieß ebenfalls Müller und beklagte, dass die Gendarmerie bereits über EDV-Systeme verfügte, die Polizei jedoch noch nicht. Ich sagte: „Geben Sie mir drei Monate Zeit.“ In den darauffolgenden Sommermonaten entstand BAKS 3.
Als die erste große Netzwerkinstallation erfolgreich lief, war das ein Durchbruch. In den folgenden Jahren waren wir mit unserem Team in ganz Österreich unterwegs, um das System auszurollen. Eine weitere große Herausforderung war die Zusammenführung der IT-Systeme von Polizei und Gendarmerie. Entscheidend war, die Stärken beider Welten zu vereinen und daraus eine gemeinsame Lösung zu entwickeln. Dass uns das gelungen ist, erfüllt mich bis heute mit Stolz.
Der Digitalfunk BOS Austria ist eines Ihrer größten Projekte. Warum hat Sie dieses Thema so stark geprägt?
Ab 2009 übernahm ich die Funktion des Programmverantwortlichen für den Digitalfunk BOS Austria. Das Projekt befand sich damals in einer schwierigen Phase. In solchen Situationen braucht man ein klares Ziel. Für mich war der Grundgedanke immer einfach: Die Menschen im Einsatz tragen das Funkgerät jeden Tag am Gürtel. Wenn sie es in die Hand nehmen, muss es funktionieren. Punkt.
Heute ist der Digitalfunk BOS Austria das größte Funknetz Österreichs. Mehr als 132.000 registrierte Funkgeräte nutzen rund 1.760 Basisstationsstandorte im gesamten Bundesgebiet. Die Verfügbarkeit liegt bei über 99,99 Prozent. Ein Einsatzfunknetz unterscheidet sich grundlegend von einem kommerziellen Mobilfunknetz. Kommunikation muss auch dort funktionieren, wo sich nur wenige Menschen aufhalten, aber Hilfe benötigt wird – auf Bergen, in Tälern oder bei Großschadensereignissen.
Der Digitalfunk hat mich nicht nur fachlich geprägt. Durch die Mitarbeit an diesem Projekt lernte ich zahlreiche Einsatzorganisationen und ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kennen. Daraus entstanden viele wertvolle Kontakte und Freundschaften. Uns alle verband das gemeinsame Anliegen, mit unserer Arbeit einen Beitrag für die Sicherheit der Menschen und das Funktionieren unserer Gesellschaft zu leisten.
Mit Geoinformation und ELKOS begleiteten Sie weitere große Entwicklungsschritte. Was war daran besonders?
Die Geoinformation eröffnete mir eine neue Perspektive. Für die Polizei ist der Ortsbezug von Informationen besonders wichtig, weil polizeiliches Handeln fast immer an einen konkreten Ort gebunden ist. Auf dieser Grundlage entstanden zahlreiche Anwendungen, die Einsatzkräfte dabei unterstützen, Informationen schneller zu erfassen und Entscheidungen fundierter zu treffen. Ein weiterer Meilenstein war das Projekt „Leitstellen Neu“ mit dem Einsatzleit- und Kommunikationssystem ELKOS. Ziel war es, Notruf, Digitalfunk, Einsatzleitsystem und geografische Informationssysteme zu einer gemeinsamen Plattform zusammenzuführen. Heute werden darüber jährlich rund 3,5 Millionen Notrufe abgewickelt. Das klingt technisch, im Kern geht es jedoch um etwas sehr Menschliches: Am Anfang steht jemand, der Hilfe braucht, und am Ende muss rasch Hilfe vor Ort eintreffen. Dieser Gedanke begleitet mich seit Beginn meiner Laufbahn. Wenn es gelingt, Menschen in schwierigen Situationen rasch zu helfen, dann war es ein guter Tag.
Sie sind heute Chief Technical Officer der Direktion Digitale Services. Nach mehr als 40 Dienstjahren sind Sie noch immer voller Elan. Was treibt Sie an?
Mit der Einrichtung der Direktion Digitale Services durfte ich die Funktion des Chief Technical Officer übernehmen. Heute begleite ich die technische Weiterentwicklung zentraler Informations- und Kommunikationssysteme des Innenministeriums und beschäftige mich mit strategischen Fragen der IT- und Systemarchitektur. Was mich nach fast 43 Dienstjahren noch immer antreibt, ist die besondere Rolle des Innenministeriums. Die Polizei ist Teil der Gesellschaft und erlebt gesellschaftliche Entwicklungen oft unmittelbar. Genau das macht diese Aufgabe so spannend.
Künstliche Intelligenz ist dafür ein gutes Beispiel. Lange Zeit war sie vor allem ein Thema für Forschungseinrichtungen und Spezialisten. Heute ist sie in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Ich bin überzeugt, dass sie große Chancen bietet – vorausgesetzt, wir setzen sie verantwortungsvoll und mit Augenmaß ein. Polizistinnen und Polizisten sind in vieler Hinsicht Wissensarbeiter. Sie führen Spuren, Hinweise, Beweise und Informationen zusammen, bis daraus ein Gesamtbild entsteht. Wenn IT und KI dabei helfen können, schneller, strukturierter und präziser zu arbeiten, bleibt mehr Zeit für das Wesentliche: für den Menschen, für Gespräche, für Lagebeurteilungen und für Entscheidungen.
Vielleicht hatte ich einfach das Glück, zu einem Zeitpunkt in die Polizei einzutreten, als die Digitalisierung gerade begann. Ich durfte diese Entwicklung über mehr als vier Jahrzehnte begleiten und mitgestalten – vom Fernschreiber über BAKS und den Digitalfunk bis hin zu Geoinformationssystemen und Künstlicher Intelligenz. Bei aller technischen Veränderung ist eines jedoch gleich geblieben: Technik muss den Einsatz unterstützen – nicht umgekehrt. Am Ende geht es immer um die Menschen, die Hilfe leisten, und um jene, die Hilfe benötigen. Das war 1983 so – und das gilt auch heute noch.
Interview: Michaela Jana Löff
Zur Person
Wolfgang Müller ist Chief Technical Officer (CTO) der Direktion Digitale Services (IV/DDS) im Innenministerium. Seine Laufbahn begann 1983 im Exekutivdienst bei der Bundespolizeidirektion Wien. Nach Tätigkeiten in der Exekutive und im Generalinspektorat wechselte er 1991 in die Zentralleitung des Innenministeriums und widmete sich dem Aufbau und der Weiterentwicklung polizeilicher Informations- und Kommunikationssysteme. In den folgenden Jahrzehnten prägte Müller zentrale Digitalisierungsprojekte des BMI maßgeblich mit. Zu den bedeutendsten Vorhaben zählen das Büroautomations- und Kommunikationssystem BAKS, das BMI-Netzwerk, der Digitalfunk BOS Austria sowie das Einsatzleit- und Kommunikationssystem ELKOS.
Heute bringt er seine Erfahrung in den Bereichen Netzwerktechnik, kritische Kommunikationsinfrastrukturen, Geoinformation, Einsatzleitsysteme und Enterprise-Architektur in die strategische Weiterentwicklung der digitalen Sicherheitsinfrastruktur Österreichs ein.
Öffentliche Sicherheit, Ausgabe 7-8/2026
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