Interview
„Kompetenz und Kooperation“
General Dieter Csefan, seit Oktober 2025 Landespolizeivizepräsident in Wien, spricht er über seinen Wechsel in den uniformierten Dienst, aktuelle Herausforderungen und die Bedeutung von Kooperation.
Dieter Csefan: „Sicherheit ist eine
gemeinsame Aufgabe, die nur im
Zusammenspiel aller Akteure funktioniert.
“ © LPD Wien
Wie groß war die Umstellung für Sie beim Wechsel vom Kriminaldienst in den uniformierten Dienst?
Die Umstellung ist geringer, als man vielleicht denkt. In meiner letzten Funktion war ich bereits überwiegend strategisch tätig und nur noch selten operativ im Einsatz. Meine Aufgabe bestand vor allem darin, Entscheidungen auf Managementebene zu treffen. Insofern hat sich daran wenig geändert. Als ich damals von der Landespolizeidirektion ins Bundeskriminalamt gewechselt bin, habe ich bildlich gesprochen die Pistole gegen den Kugelschreiber getauscht. Den Kriminaldienst habe ich außerdem nicht hinter mir gelassen: Ich bin weiterhin für das Landeskriminalamt Wien zuständig, mit rund 1.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.
Was waren die größten Umstellungen?
Neu war vor allem die Rückkehr zur Uniform – und dass ich mich je nach Termin mehrmals täglich umziehen muss. Fachlich liegt der Schwerpunkt nun stärker auf Personalthemen. Bei 8.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ergeben sich laufend Veränderungen, etwa durch Pensionierungen oder Nachbesetzungen. Gerade bei Führungspositionen ist die Auswahl entscheidend für die Qualität der gesamten Organisation. Auch Disziplinarangelegenheiten gehören zu meinem Aufgabenbereich. Hier hilft mir meine Erfahrung aus dem Kriminaldienst, Situationen rasch und fundiert einschätzen zu können.
Wie sieht Ihr Arbeitsalltag aus?
Er beginnt täglich mit einer Morgenbesprechung mit allen Büro- und Abteilungsleitern. Das mag im digitalen Zeitalter altmodisch wirken, ist aber äußerst effizient: Themen lassen sich schnell, direkt und verbindlich klären – ein klarer Vorteil in einer Organisation wie der Polizei in Wien. Ein großer Teil meiner Arbeit entfällt auf Repräsentationsaufgaben – etwa bei Ernennungen oder Ehrungen. Das ist nicht nur Formalität, sondern Ausdruck von Wertschätzung gegenüber unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Gleichzeitig sind externe Termine entscheidend für den Aufbau und die Pflege von Netzwerken. Kooperation funktioniert nur, wenn sie im Vorfeld gelebt wird. Bei meinen Antrittsbesuchen setze ich bewusst auf direkten Austausch. Oft lassen sich Anliegen im persönlichen Gespräch schneller lösen. Zusätzlich habe ich Fragerunden eingeführt, um Rückmeldungen aus der Organisation aufzunehmen. Daraus ist bereits eine umfangreiche Aufgabenliste entstanden, die ich Schritt für Schritt abarbeite.
Was sind derzeit die Herausforderungen für die Sicherheit in Wien?
Wien bleibt eine sehr sichere und lebenswerte Stadt – das zeigt auch die aktuelle Kriminalstatistik. Gleichzeitig verschiebt sich der Fokus: Zunehmend auffällig ist eine kleine Gruppe sehr junger Täter unter 14 Jahren, die für eine Vielzahl von Delikten verantwortlich ist. Diese Form der Jugendkriminalität steht derzeit im Zentrum unserer Arbeit.
Ein weiterer Schwerpunkt ist die Sicherheit im öffentlichen Raum. Polizeipräsenz allein reicht dabei nicht aus: Es braucht Prävention, gezielte Maßnahmen und klare rechtliche Instrumente wie Schutz- und Waffenverbotszonen. Sicherheit ist letztlich eine gemeinsame Aufgabe, die nur im Zusammenspiel aller Akteure funktioniert.
Was macht Wien im internationalen Vergleich besonders?
Die Polizeiausbildung in Österreich ist auf sehr hohem Niveau – auch im internationalen Vergleich. Die Abbruchquote spiegelt wider, dass die Anforderungen bewusst hoch gesetzt sind, und steht im Kontext der großen Verantwortung gegenüber der Bevölkerung. Ein weiterer Vorteil ist unsere Einsatzfähigkeit: In Wien können wir rasch, flexibel und mit ausreichenden Kräften reagieren und so Situationen schnell unter Kontrolle bringen. Entscheidend ist aber vor allem die enge Zusammenarbeit zwischen Polizei, Stadt, Behörden und Justiz. Während andere Länder dafür eigene Modelle entwickeln, ist diese Kooperation in Wien seit jeher gelebte Praxis – aktuell war das etwa rund um den Eurovision Song Contest sichtbar.
Dieter Csefan: „Monatelange Vorbereitung und ein umfang-
reiches Sicherheitskonzept gewährleisteten einen reibungs-
losen Ablauf des Eurovision Song-Contests in Wien.“
© LPD Wien
Welche Auswirkungen hat der Eurovision Song-Contest auf die Wiener Polizei gehabt?
Die Abhaltung eines solchen Großevents hat uns als Polizei enorm gefordert. Wir sind dabei von Polizeieinheiten anderer Bundesländer unterstützt worden und können auf große Erfahrung im Umgang mit solchen Lagen zurückgreifen. Wien ist damit international im Rampenlicht gestanden, die Shows sind weltweit übertragen worden. Hinter den Kulissen ist das bereits seit vielen Monaten ein Kraftakt gewesen. Hier hat die Wiener Polizei eng mit der Stadt Wien, den Stadthallenbetreibern, dem ORF, der EBU und privaten Sicherheitsdienstleistern zusammengearbeitet. Neben Shows und Proben mit Publikum und duzenden Nebenevents sind auch Demonstrationen angekündigt gewesen, teils international mobilisiert. Gleichzeitig haben sich Delegationen aus rund 100 Ländern, Medienvertreter und zahlreiche Gäste in Wien befunden.
Welche Bilanz kann man nach dem ESC ziehen?
In der ESC-Woche waren, samt Unterstützung anderer Bundesländer und Bayrischer Kolleginnen und Kollegen, rund 3.500 Polizistinnen und Polizisten im Einsatz: neben GSOD, Objekt- und Personenschutz waren es Sprengstoffkundige Organe (SKO), Drohnen-Experten, Kolleginnen und Kollegen der Direktion für Spezialeinheiten (DSE), der Cobra, des Verfassungsschutzes und des Bundeskriminalamts. Im Vorfeld wurden bereits 22.000 Personen polizeilich sicherheitsüberprüft und die Veranstaltungsorte akribisch durchsucht und abgesperrt. 500 ernstzunehmende Cyber-Angriffe konnten abgewehrt werden, diese stellten aber zu keiner Zeit eine Gefahr dar. Trotz einzelner sicherheitspolizeilicher Vorfälle verlief die Veranstaltung aus polizeilicher Sicht insgesamt ruhig und geordnet. Die Bilanz zeigt also, dass wir ausgezeichnet vorbereitet waren und gemeinsam mit allen Beteiligten für einen sicheren Ablauf für Teilnehmerinnen und Teilnehmer, Gäste und Bevölkerung gesorgt haben.
Braucht es besondere Voraussetzungen, um in Wien Polizistin oder Polizist zu werden?
Die Aufnahmebedingungen sind österreichweit einheitlich. Die Anforderungen unterscheiden sich zwischen Stadt und Land – vor allem durch die Dynamik und Komplexität einer Großstadt. Wichtig ist, dass man diesen Beruf aus Überzeugung ergreift. Die Ausbildung ist anspruchsvoll, der Alltag oft fordernd. Gleichzeitig ist die Tätigkeit sinnstiftend: Man leistet einen wesentlichen Beitrag zur Sicherheit und zum gesellschaftlichen Zusammenhalt. Gerade in Zeiten häufiger Jobwechsel bietet der Polizeiberuf Stabilität und Verlässlichkeit.
Interview: Maria Rennhofer-Elbe
Zur Person
Dieter Csefan, BA MA trat im November 1998 nach der Matura in die Wiener Polizei ein. Nach der Grundausbildung begann er seinen Dienst in der Polizeiinspektion Keplergasse in Wien-Favoriten. Nach dem Kriminalbeamtenkurs (2003/2004) wechselte er in das Kriminalkommissariat Süd (heute LKA-Außenstelle Süd). 2006 folgte der Schritt in die damalige Kriminaldirektion (heute Zentralstelle des Landeskriminalamts), wo er in der Suchtmittelbekämpfung tätig war. Mit der E1-Ausbildung und dem Studium „Polizeiliche Führung“ an der Fachhochschule Wiener Neustadt (Abschluss 2013) wechselte Csefan in das Bundeskriminalamt. Dort war er zunächst in der Bekämpfung organisierter Kriminalität tätig und leitete in den Folgejahren zahlreiche Sonderkommissionen – unter anderem zu Arzneimittelfälschung, Doping, Schutzgelderpressung, zur Ibiza-Causa sowie zur Wirecard-Affäre. 2020 übernahm er die Leitung der Abteilung „Ermittlungen, allgemeine und organisierte Kriminalität sowie verdeckte Ermittlungen“. Von 2023 bis März 2024 war er zudem geschäftsführender stellvertretender Direktor des Bundeskriminalamts. Mit 2. Oktober 2025 wurde Csefan zum Landespolizeivizepräsidenten in Wien bestellt und übernahm den Geschäftsbereich A. Er folgte auf Michael Lepuschitz. Csefan ist verheiratet und Vater einer Tochter und eines Sohnes.
Öffentliche Sicherheit, Ausgabe 7-8/2026
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