Ars Electronica 2025
Panik – ja oder nein?
Ist in Zeiten der Unsicherheit Panik angebracht oder soll man diese als Weckruf begreifen? Die Ars Electronica 2025 in Linz versuchte, Antworten zu geben.
RoadLAB: mobile Experimentierwerkstatt für Jugendliche
© Kurt Hickisch
Seit 1979 wird in Linz die Ars Electronica abgehalten, eine Plattform für Kunst, Technologie und Gesellschaft. Medienkünstler stellen mit den Mitteln der Informations- und Kommunikationstechnologie ihre Sichtweise zu Problemen der heutigen Gesellschaft dar und versuchen, Entwicklungen weiter zu denken. Das Motto der Ars Electronica 2025 lautete „Panic – Yes/No?“.
Seit 1987 prämiert der Prix Ars Electronica alljährlich die besten Medienkunstwerke der Welt. 2025 wurden 3.987 Bewerbungen aus 98 Ländern eingereicht. Eines der mit der Goldenen Nica in der Kategorie New Animation Art ausgezeichneten Werke war die in ihrer beklemmenden Inszenierung zum Thema Panik passende Installation „Requiem for an Exit“ von Frode Olde (NO): In einem ansonsten völlig abgedunkelten Raum wurde auf einen vier Meter hohen Roboter ein übergroßes, hyperrealistisches menschliches Gesicht projiziert. Mit einer zu den Worten synchronisierten ausdrucksstarken Mimik monologisierte dieses Phantom über Genozide aus der Menschheitsgeschichte.
Künstliche Intelligenz.
Fiktive Grenzkontrolle: Nach automatischer Auswertung persönlicher Daten kann die Einreise verhindert werden
© Kurt Hickisch
In „AI War Cloud Database“ dokumentierte Sarah Ciston (US) mithilfe von großflächigen grafischen Arbeiten KI-Systeme, die sowohl kommerziell als auch militärisch genutzt werden. Sie wirft damit die Frage auf, wie die neuen Technologien gestaltet, reguliert und angewendet werden. „Large Language Writer“ legt die innere Funktionsweise von KI offen. Das Projekt EuroStack (euro-stack.info) von Francesca Bria stellt sich die Frage, wie Europa die digitale Souveränität rückerlangen und eine digitale Zukunft gestalten kann, die europäische Werte wie Fairness, Offenheit und Umweltverantwortung widerspiegelt. „Entangled Digital Sovereignity“ stellt ein Beziehungsgeflecht zwischen führenden KI-Unternehmen, staatlichen Akteuren und machtvollen Stakeholdern dar.
Welche Auswirkungen der Einsatz von KI durch staatliche Autoritäten haben könnte, wurde am Beispiel einer nachgebildeten Grenzkontrollstelle der fiktiven Republik Threshold aufgezeigt. Vor der Grenzkontrolle war ein umfangreiches Formular mit einer Menge von persönlichen Daten auszufüllen. Die Auswertung erfolgte anhand von vorhandenen, aus Aktivitäten in sozialen Medien gewonnenen Daten nach Kriterien wie Loyalität, Unterordnung, konservativer Einstellung und Bekanntheitsgrad. Letztlich wurde im Anlassfall dem Probanden auf Grund politischer Voreingenommenheit (political bias) die Einreise in die Republik Threshold verweigert. Maßgebend dafür waren ein nach einer Einreise möglicherweise zum Tragen kommendes nicht-konformes Verhalten und eine hohe Aktivität in sozialen Medien.
Fakes.
Ebenfalls geeignet, Besorgnisse zu erregen, waren im Stil von Boulevard-Zeitungen reißerisch aufgemachte Schlagzeilen wie „Wolpertinger in Linz gesichtet!“, „Jogger von Monster mit glühenden Augen gejagt“, „Tiktok explodiert“. Doch: Der Wolpertinger ist bloß ein bayerisches Fabelwesen, zumeist als Hase mit Hirschgeweih dargestellt. Die von der Johannes Kepler Universität (JKU) und dem Linz Institute of Technology (LIT) gestaltete Installation sollte die Mechanismen der Misinformation erkennen lassen, wie rasch wir uns durch knallige, nicht hinterfragte Information verwirren und allenfalls beeinflussen lassen. Ist eine Schlagzeile wahr oder dient sie nur als Blickfänger (Clickbait)? Im Inneren des Ausstellungsraumes konnte man an Touchscreens in einer Misinformation Challenge (https://wolpertinger.cp.jku. at) sein Urteilsvermögen gegenüber aufgestellten Behauptungen testen, indem zwischen glaubwürdig oder manipuliert (shady) zu unterscheiden war.
Ein Bild von Papst Franziskus in einem stylischen Steppmantel der Marke Balenciaga ging 2023 viral um die Welt und wurde von vielen für wahr gehalten. An diesem Beispiel zeigte die Präsentation „Anatomy of Non-Fact“ auf, wie KI-generierte Bilder zur Verbreitung von Falschinformation beitragen, aber auch, wie derartige Fakes erkannt werden können, etwa an Artefakten (Blobsters). Im Fall des „Balenciaga-Papstes“ war dies eine verzerrte Nachbildung der Brille. Allzu glatt oder weich wirkende Bilder deuten auf eine ästhetische Überarbeitung hin oder um Bildfehler (Glitches) zu überdecken (Blobifizierung). Als häufiger Fehler der generativen KI zwischen 2022 und 2024 wurden Abweichungen bei der Anzahl von Fingern (Polidactyliten) bezeichnet. Deep Realities entstehen durch Koordination mehrerer Bilder, was die Verifikation erschwert. Derartige, in Plattformen wie Reddit generierte, ausdrucksstarke Bilder werden über entsprechende Informationsnetzwerke verbreitet. Ähnlich dem Papst-Bild verbreiteten sich 2023 auch Bilder einer angeblichen Festnahme des US-Präsidenten Donald Trump.
Jugendarbeit.
„Requiem for an Exit“: Mit der Goldenen Nica in der Kategorie New Animation Art ausgezeichnetes Werk
Kurt Hickisch
Mit dem roadLAB des Technischen Museums Wien (tmw.at/roadlab), einer mobilen Experimentierwerkstatt (MakerSpace), sollen Jugendliche in Schulen und anderen Bildungseinrichtungen mit digitalen Fertigungstechniken wie 3D-Drucker, Lasercutter, Schneidplotter, vertraut gemacht werden, um damit kreativ umgehen zu können. Der E-Bus, der alle diese Gerätschaften mit sich führt, kann über ein Buchungsformular angefordert werden. Wichtigste Voraussetzung ist, dass ein Parkplatz für den Bus bereitgestellt werden kann. Pro Jahr erfolgen etwa 30 solcher Ausfahrten. Die Aktionen werden vom Bundesministerium für Frauen, Wissenschaft und Forschung gefördert.
Beim MakerSpace der Plastic Garage Linz, einer gemeinnützigen Initiative für Kunststoff-Recycling, konnten Plastikabfälle geschreddert und dann in einer handbetriebenen Spritzgussmaschine zu Gebrauchsgegenständen umgearbeitet werden.
Bei CoderDojo Linz, einem Verein, der sich zum Ziel gesetzt hat, Kinder und Jugendliche für Elektronik, Programmieren und Robotik zu interessieren, wurde unter anderem ein Lötworkshop angeboten. Kinder konnten lustige Bee Bots mit den Richtungstasten am Rücken programmieren und dann auf den Weg schicken. Und: Wer die Augen vor der Wirklichkeit verschließen wollte, konnte sich in der Nähküche, einer offenen Nähwerkstatt, eine Augenmaske nähen.
Das Ars-Electronica-Festival zählte über 122.000 Besuche. Es nahmen 1.472 Künstler/-innen, Wissenschaftler/-innen und Aktivist/-innen aus 83 Ländern teil. 440 Partnerorganisationen waren involviert. In den fünf Tagen wurden 684 Veranstaltungen abgehalten. Das nächste Ars Electronica Festival findet vom 9. bis 13. September 2026 wiederum in Linz statt.
ars.electronica.art
Kurt Hickisch
Öffentliche Sicherheit, Ausgabe 3-4/2026
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