Exekutivgeschichte
Das „zehnte Bundesland“
In der Besatzungszeit gab es in Oberösterreich zwei Landesgendarmeriekommanden – das LGK Oberösterreich in Linz und das LGK für das russisch besetzte Mühlviertel in Urfahr.
Gendarmerie-Oberst Alois Renoldner: 1. Kommandant des LGK Mühlviertel
© Familienarchiv Renoldner
Während in fast allen Teilen Österreichs der Krieg beendet war, wurde in Oberösterreich (Gau „Oberdonau“) noch gekämpft. Beim letzten Bombenangriff auf Linz am 25. April 1945 wurde auch das Gebäude des Landesgendarmeriekommandos (LGK) in der Tegetthofstraße/ Stockhofstraße zerstört. Das Gebäude brannte tagelang, fast alle Unterlagen verbrannten, außer den Personalakten, die zuvor nach Kirchdorf an der Krems gebracht worden waren.
Soldaten der dritten US-Armee rückten am 1. Mai 1945 in Oberösterreich ein und besetzten in knapp einer Woche das gesamte Bundesland mit Ausnahme östlicher Teile des Mühlviertels. Am 5. Mai 1945 kamen die US-Truppen mit Jeeps und Panzern am Linzer Hauptplatz an und der Linzer Oberbürgermeister Franz Langoth übergab die Stadt kampflos an den US-Brigadegeneral Willard Ames Holbrook. Am 7. Mai erfolgte die Kapitulation der Heeresgruppe „Ostmark“ in St. Martin im Innkreis und zwei Tage später begegneten einander amerikanische und sowjetische Soldaten an der Enns. Mit Inkrafttreten der bedingungslosen Kapitulation der Deutschen Wehrmacht am 9. Mai 1945 endete der Zweite Weltkrieg in Europa.
Bei der Bildung der Besatzungszonen beanspruchten die Sowjets unter anderem das österreichische Gebiet nördlich der Donau. Mit dem Londoner Abkommen vom 4. Juli 1945 wurde das gesamte Mühlviertel der sowjetischen Besatzungszone zugerechnet. Die US-Amerikaner räumten bis zum 8. August 1945 das Mühlviertel und überließen es den russischen Besatzern. Oberösterreich bestand nun aus einem amerikanischen und einem sowjetischen Sektor, mit der Donau als Grenze. Das Mühlviertel, also das oberösterreichische Gebiet nördlich der Donau, war nun vom übrigen Oberösterreich getrennt. Auch die Linzer Stadtbezirke nördlich der Donau waren russisch besetzt.
LGK Mühlviertel.
In Urfahr wurde am 14. August 1945 die „Zivilverwaltung Mühlviertel“ als quasi zweite „Landesregierung“ in Oberösterreich gebildet. Zwei Tage später wurde in der Rudolfstraße 1 in Urfahr das LGK für das Mühlviertel (auch LGK Nord genannt) eingerichtet, mit vorerst nur 30 Gendarmen. Das Mühlviertler LGK bestand aus zwei Gendarmerieabteilungskommanden (GAK), dem GAK Nr. 1 (Urfahr) und dem GAK Nr. 2 – (Freistadt) mit Sitz in Urfahr.
Erster Kommandant des LGK Mühlviertel wurde der Gendarmerieoffizier Alois Renoldner, ein Verfolgter des nationalsozialistischen Regimes. Renoldner, geboren am 2. Mai 1884 in Hainbach, trat 1905 in die Gendarmerie ein. Er versah Dienst in verschiedenen Gendarmerieposten in Oberösterreich und war in den 1930er-Jahren als Gendarmeriemajor in Linz tätig. Am 13. März 1938, dem Tag nach dem Einmarsch nationalsozialistischer Truppen in Österreich, wurde Alois Renoldner in seiner Dienststelle in Linz auf Betreiben des stellvertretenden Landesgendarmeriekommandanten Oberst Josef Kaiser, eines Nationalsozialisten, verhaftet. Nach fünfmonatiger Gestapo-Haft wurde Renoldner als „Schutzhäftling“ in das Konzentrationslager Dachau gebracht, wo er gedemütigt und schwer misshandelt wurde. Im Februar 1939 wurde er unter Auflagen aus dem KZ Dachau entlassen. Danach arbeitete er bei einer Krankenversicherung. Nach Kriegsende wurde wieder in die Gendarmerie aufgenommen und übernahm 1946 als Oberst die Leitung des LGK Mühlviertel. Er musste viel improvisieren, erst im Mai 1947 wurde eine in Urfahr eine Gendarmerieausbildungsstätte eingerichtet. Provisorische Gendarmen absolvierten hier zwei theoretische Kurse und Postenkommandanten die Chargenschule. Oberst Arnold Renoldner trat 1949 in den Ruhestand. Als Landesgendarmeriekommandant für das Mühlviertel folgte ihm Major Johann Kohout. Er leitete zuvor das Gendarmerieabteilungskommando Urfahr.
Sicherheitsdirektion Mühlviertel.
Wie in allen Bundesländern wurde auch im Mühlviertel eine Sicherheitsdirektion eingerichtet. Sie bestand vom 1. August 1945 bis zum 15. August 1955. Leiter war der Politiker und Landesbeamten Johann Sebinger in Urfahr. Er war auch Referent für Sicherheit bei der Zivilverwaltung Mühlviertel.
Grenzgendarmen.
Die sowjetischen Besatzer besetzten die österreichischen Zollhäuser entlang der Grenze, verboten aber der österreichischen Zollwache die Grenzkontrolle. Stattdessen mussten Grenzgendarmerie-Dienststellen eingerichtet werden und ab dem Sommer 1946 kontrollierten Gendarmen bis 1947 gemeinsam mit Sowjetsoldaten die Staatsgrenze zur CSSR. Die Grenzgendarmen, darunter ehemalige Wehrmachtssoldaten, suchten sich in Schöneben und Sonnenwald private Quartiere und organisierten die Versorgung – damals herrschte noch Lebensmittelknappheit. In einer Dorfschule wurde eine Gemeinschaftsküche eingerichtet, in der Schüler und Gendarmen ein Mittagessen bekamen.
Morde, Überfälle, Verschleppungen.
Die wenigen und unzureichend bewaffneten Gendarmen waren bei der Kriminalitätsbekämpfung und Aufrechterhaltung der öffentlichen Ruhe, Ordnung und Sicherheit überfordert. Ihnen war es verboten, gegen Besatzungssoldaten und „Displaced Persons“ (DP) einzuschreiten, wenn diese Straftaten verübt hatten. DP waren ehemalige ausländische Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter sowie Flüchtlinge. Sie waren meist in Lagern und Heimen untergebracht. Auf österreichischem Gebiet befanden sich zu Kriegsende 1945 insgesamt 1,5 Millionen DP, ein Jahr später waren noch immer 500.000. Betreut wurden die Displaced Persons, darunter viele vertriebene „Volksdeutsche“, anfangs von den Besatzungsmächten. Ab dem Frühjahr 1946 übernahm die United Nations Relief and Rehabilitation Administration (UNRRA) die Versorgung der DP.
Im Mühlviertel stieg die Zahl der Morde, Raubüberfälle, Plünderungen, Vergewaltigungen, Racheakte und sonstigen Übergriffe nach Kriegsende stark an. Von der Gendarmerie im Mühlviertel wurden vom 15. August bis zum 31. Dezember 1945 70 Morde dokumentiert, 1946 waren es 33, im Jahr darauf 14, 1948 24 und 1949 17 Morde. Nicht inbegriffen sind jene Opfer, die in den ersten Monaten nach Kriegsende ermordet, von Zwangsarbeitern und KZ-Häftlingen aus Rache erschlagen oder von Amerikanern und Russen bei Übergriffen erschossen wurden. Die Zahl der Vergewaltigungen von Mädchen und Frauen durch Besatzungssoldaten war hoch.
Die Besatzer verschleppten mindestens 82 Menschen aus dem Mühlviertel in die Sowjetunion, darunter die Lokomotivführer und Zugbegleiter jenes Güterzuges, der am 22. November 1945 am Saurüssel wegen Überladung entgleiste. Dabei kamen mehrere russische Soldaten ums Leben. Obwohl die Eisenbahner die Besatzer auf die Gefahr einer Entgleisung hingewiesen und nur unter Zwang gefahren waren, wurden sie wegen Sabotage verhaftet. Der Zugführer konnte 1953 aus Sibirien heimkehren, der Lokführer starb in Russland. Von den verschleppten Mühlviertlern kamen bis 1955 nur 16 zurück, 20 starben in Russland.
Wiedereingliederung.
Nach der Unterzeichnung des Staatsvertrags am 15. Mai 1955 und Wiederherstellung der vollen Souveränität Österreichs zogen die sowjetischen Besatzer nach und nach aus Österreich ab. Mit Kundmachung der oberösterreichischen Landesregierung vom 1. August 1955 wurde die Auflösung der „Zivilverwaltung Mühlviertel“ beschlossen. Ihre Mitglieder kamen am 11. August 1955 zur letzten Sitzung und das Mühlviertel wurde wieder vollständig in das Bundeslandes Oberösterreich eingegliedert. Die Sicherheitsdirektion und das Landesgendarmeriekommando für das Mühlviertel wurden bis 15. August 1955 aufgelöst.
Werner Sabitzer
Quellen/Literatur:
Landesgendarmeriekommando für Oberösterreich (Hg.): 120 Jahre Landesgendarmeriekommando Oberösterreich 1874 bis 1994. LEIRO Druck- und Verlagsgesellschaft, Linz 1994
Renoldner, Arnold: Die Gendarmerie des Mühlviertels in schwerer Zeit. In: Landesgendarmeriekommando für Oberösterreich (Hg.): 150 Jahre Gendarmerie in Oberösterreich. K. Werner Druck- und Verlagsanstalt, 2000, S. 36-37
Renoldner, Klemens: Geschichte zweier Angeklagter. Sonderzahl Verlag, Wien 2023
Zivilverwaltung Mühlviertel aufgelöst. In: Wiener Zeitung, 12. August 1955, S. 2
Öffentliche Sicherheit, Ausgabe 3-4/2026
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