Bundesstelle für Sektenfragen
Kinder in sektenartigen Strukturen
In der Online-Veranstaltung „Verborgene Gewalt: Ausbeutung und Traumatisierung von Kindern in sektenartigen Strukturen“ am 28. November 2025 in Wien klärten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Bundesstelle für Sektenfragen darüber auf, wie man sektenartige Gemeinschaften erkennt.
„Filterblasenkinder“ wachsen in abgeschlossenen religiösen oder weltanschaulichen Gemeinschaften auf
© wetzkat - stock-adobe.com (KI generiert)
Es ist nicht immer der große Guru, der seinen Anhängern Freuden im Jenseits verspricht, wenn sie gehorchen und sich strengen Regeln unterwerfen. Auch weltliche oder virtuelle Gemeinschaften können sektenartige Strukturen aufweisen. Sie gefährden die psychische und körperliche Gesundheit ihrer Mitglieder und geraten durch strafrechtlich relevante Handlungen immer wieder ins Visier polizeilicher Ermittlungen. Besonders vulnerabel sind Kinder und Jugendliche, die über ihre Eltern in solche Gruppen hineingezogen werden oder sich ihnen aus eigener Initiative anschließen.
In der Online-Veranstaltung „Verborgene Gewalt: Ausbeutung und Traumatisierung von Kindern in sektenartigen Strukturen“ am 28. November 2025 in Wien klärten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Bundesstelle für Sektenfragen darüber auf, wie man sektenartige Gemeinschaften erkennt, und spannten dabei einen Bogen von der Mühl-Kommune der 1970er-Jahre bis hin zu ausschließlich online agierenden Gruppierungen der heutigen Zeit. Auch eine ehemals Betroffene kam zu Wort.
Mühl-Kommune.
Als „Reformbewegung, die bessere Menschen hervorbringen soll“, sah Otto Mühl sein Gesellschaftsprojekt – und sich selbst als Therapeut, obwohl er nie eine entsprechende Ausbildung absolviert hatte. So skizzierte die Psychologin und Psychotherapeutin Ulrike Schiesser, Geschäftsführerin der Bundesstelle für Sektenfragen, den Gründer der Kommune am burgenländischen Friedrichshof. Hinter der Fassade einer glücklich scheinenden Gemeinschaft, die sich als Befreiung von autoritären Strukturen wie der klassischen Ehe präsentierte, verbargen sich Gewalt und sexueller Missbrauch – auch und insbesondere an Kindern. Sie mussten im Namen einer „freien“ Sexualität Erwachsene küssen, Mädchen ihre „erste Nacht“ mit Mühl verbringen. Minderjährige wurden gezwungen, beim „Kinderpalaver“ vor der versammelten Gemeinschaft zu berichten, ob sie gegen die von Mühl vorgegebenen strengen Regeln verstoßen hatten. 1991 wurde Mühl wegen sexuellen Missbrauchs Minderjähriger, Missbrauch eines Autoritätsverhältnisses und Verstoßes gegen das Suchtmittelgesetz zu sieben Jahren Freiheitsstrafe verurteilt.
In einem Interview mit Schiesser erzählte Inka Winter, die in ihrer Kindheit acht Jahre am Friedrichshof verbracht hatte, von ihren Erfahrungen: „16-jährige Mädchen haben reihenweise mit Männern schlafen müssen, waren schutzlos. Ihre Eltern sind gehirngewaschen worden und haben gedacht, das ist normal.“ Auch den Kindern wurde vermittelt, dass alles richtig sei, was Mühl sagte – und das eigene Gefühl, da stimme etwas nicht, falsch. „Auch nach dem Ende der Kommune hatten wir nicht die Kraft und das Bewusstsein, etwas zu tun. Wir waren auf uns allein gestellt“, beschreibt Winter die langfristigen Auswirkungen auf die Kinder der Kommune, die laut Schiesser vielfach unter Traumafolgestörungen litten.
Go&Change.
Als aktuelles Beispiel für eine sektenartige Gemeinschaft mit Parallelen zur Mühl-Kommune führte Schiesser „Go&Change“ im deutschen Lülsfeld in Unterfranken an. Wenige Jahre nach der Gründung im Jahr 2017 wurde Kai K., Gründer und Oberhaupt der Gruppe, wegen Vergewaltigung und mehreren Gewalttaten verurteilt. Ehemalige Mitglieder berichteten über Psychoterror, Sex-Exzesse und Drogenkonsum.
Filterblasen.
Diplompädagogin Sarah Pohl, Leiterin der zentralen Beratungsstelle für Weltanschauungsfragen des Landes Baden-Württemberg, widmete sich in ihrem Vortrag den „Filterblasenkindern“. Diese Kinder wachsen in abgeschlossenen religiösen oder weltanschaulichen Gemeinschaften auf und haben kaum Kontakte zu Außenstehenden. Ihr Leben wird durch starre Regeln und Verbote bestimmt, gleichzeitig bietet ihnen die Gruppe aber auch Halt und vermittelt ihnen ein Gefühl der Zugehörigkeit. „Kommt ein Filterblasenkind in die Schule, beginnen Loyalitätskonflikte. Das Kind möchte auch in der Schule dazugehören“, sagte Pohl. Gemeinsame Aktivitäten mit Schulkollegen werden von den Eltern jedoch meist verboten, die Welt „draußen“ gilt als gefährlich und böse. Als Jugendliche oder junge Erwachsene fangen Betroffene oft an, diese Vorstellung anzuzweifeln – und stehen damit vor einer schweren Entscheidung: Wenn sie sich nicht mehr an die Spielregeln der Gemeinschaft halten, werden sie ausgeschlossen und verlieren damit auch die Verbindung zu ihrer Familie. Ohne Unterstützung durch Personen außerhalb der Gruppierung besteht die Gefahr, dass sie in einer toxischen Beziehung landen – oder in einer anderen sektenartigen Gemeinschaft.
Pro Ana.
Die Psychologin Jasmina Eifert beschrieb virtuelle Gruppen mit sektenartigen Strukturen. Ende der 1990er-Jahre begannen junge Mädchen, die unter Essstörungen litten, sich online über ihre Erkrankung und über Erfahrungen mit Therapien auszutauschen. Das Netzwerk hat sich gewandelt, statt Therapieempfehlungen dominieren nun Kommentare, in denen Therapien abgelehnt und Essstörungen verharmlost bzw. sogar verherrlicht werden. Im „Skinnytalk“ stellen Mädchen Verhaltensweisen wie hungern, erbrechen oder übermäßig Sport betreiben als erstrebenswert dar. Zur „Thinspiration“ posten sie Bilder ihrer extrem abgemagerten Körper oder Sprüche wie „Pretty girls dont’t eat.“
In Online-Communitys wie „Pro Ana“ oder „Pro Bea“ (Kürzel für die Ausdrücke „Für Anorexie“ bzw. „Für Bulimie“) kommunizieren jedoch nicht nur weibliche Jugendliche, sondern auch sogenannte „Coaches“ – erwachsene Männer, die anbieten, den Mädchen zu „helfen“, weiter abzunehmen. „Die Coaches sind sexuell-sadistisch motiviert, fordern sexuell explizite Aufnahmen und fordern die Mädchen zu selbstverletzendem Verhalten auf, das auf Video oder Foto festgehalten werden soll. Zum Teil kommt es bei realen Treffen auch zu Hands-on-Delikten“, erklärte Eifert.
Mitglieder der Pro-Ana-Szene müssen strenge Regeln befolgen. Dazu gehört etwa, täglich maximal 1.000 Kalorien zu sich zu nehmen, wöchentlich Spiegel-Selfies in enger Kleidung bzw. Unterwäsche zu posten oder an Hunger-Challenges teilzunehmen. Wer die Regeln bricht, wird zu Erbrechen, Fasten oder stundenlangem Sport gedrängt. Die Folgen reichen vom Verlust sozialer Kontakte außerhalb der Gruppe über Gesundheitsschäden aufgrund der starken Gewichtsabnahme bis zu Selbstverletzungen und Suizid.
764.
Das Online-Netzwerk „764“ wurde 2021 vom damals 15-jährigen Bradley Chance Cadenhead gegründet und nach der Postleitzahl seines Wohnorts in Texas benannt. Cadenhead nutzte Sextortion, um Minderjährige zu Straftaten und Selbstverletzung zu nötigen. Nach seiner Verurteilung zu einer langjährigen Haftstrafe im Jahr 2023 galt das Netzwerk offiziell als aufgelöst, existiert jedoch in Form dezentraler Untergruppen weiter. Laut Eifert orientieren sich diese Gruppen an den von Cadenhead etablierten Praktiken. Über Online-Spiele wie Minecraft oder Roblox sowie über Messenger-Dienste nehmen die Gruppenmitglieder Kontakt zu Minderjährigen auf und manipulieren sie dazu, ihnen Nacktaufnahmen von sich zu schicken. Mit diesen, zum Teil aber auch mit KI-generierten Bildern, werden die Opfer erpresst, strafbare Handlungen zu begehen – von der Verbreitung extremistischer Inhalte über Sachbeschädigung bis hin zu Gewalt gegen Tiere und Menschen. Je „erfolgreicher“ ein Gruppenmitglied dabei ist, desto höher steigt es in der Hierarchie der Gruppe. Einen besonders hohen Status kann man erreichen, wenn man ein Opfer dazu gebracht hat, Suizid zu begehen. Das wird einem unter dem Pseudonym „White Tiger“ bekannten 764-Mitglied aus Hamburg vorgeworfen.
Sextortion.
Wie man von Sextortion betroffene Kinder unterstützen kann, erklärte Barbara Buchegger, pädagogische Leiterin von Saferinternet.at. Zunächst sei es für Eltern und Lehrkräfte entscheidend, die Situation richtig einzuschätzen, denn Verhaltensänderungen wie Rückzug haben oft auch andere Ursachen. Ein Handyverbot hält Buchegger für kontraproduktiv, da es das Kind von seinem sozialen Umfeld isolieren würde. Sie empfiehlt stattdessen, Beweise zu sichern, den Vorfall bei der jeweiligen Plattform zu melden und gegebenenfalls Anzeige zu erstatten. Dabei sei es besonders wichtig, das Kind nicht für das Geschehene zu verurteilen.
Rosemarie Pexa
Öffentliche Sicherheit, Ausgabe 3-4/2026
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