Disasrer Victim Identification
Opfer rechtswirksam identifizieren
Katastrophen, Anschläge, Großschadenslagen: Disaster Victim Identification (DVI) verbindet Polizei, Forensik und Medizin zu einem präzisen Instrument zur rechtswirksamen Identifizierung von Opfern.
Das DVI-Team Austria umfasst rund 280 Mitglieder aus den Bereichen der Kriminalpolizei, Daktyloskopie, Technik, Gerichtsmedizin, Odontologie und psychologischen Einsatzbegleitung
© Gerd Pachauer
Wenn ein Ereignis viele Tote und Verletzte fordert, sind die ersten Stunden von der Rettung von Überlebenden, dem Verschaffen eines Lageüberblicks und der Herstellung von Sicherheit geprägt. Doch es geht nicht nur um das Bewältigen der akuten Situation, sondern auch um die Phase danach: Personen müssen eindeutig identifiziert werden – nicht nur, um Angehörigen Gewissheit zu geben, sondern auch, um rechtliche Folgefragen, wie etwa Verlassenschaftsfragen, Witwenpensionen oder Versicherungsleistungen, klären zu können. Das DVI-Team ermöglicht durch standardisierte und interdisziplinäre Verfahren bei Katastrophen, Terror- oder Großschadenslagen die rechtswirksame Identifizierung der Opfer. Das DVI-Team ist keine „stehende“ Einheit, sondern besteht aus speziell ausgebildeten Expertinnen und Experten aus den Ermittlungs- und Assistenzbereichen der Landeskriminalämter, insbesondere aus Tatort-, Analyse- und Fahndungsgruppen, die je nach Lage bundesweit zusammengezogen und national sowie international tätig werden können. Die zentrale Steuerung, Koordinierung und Vernetzung mit internationalen DVI-Teams erfolgen über das Büro 6.3 Tatort des Bundeskriminalamts (BK) unter der Leitung von Ministerialrat Mag. Gerhard Ranftl.
Der Expertenpool ist in sieben Einsatzabschnitte gegliedert: Bergung, Post Mortem (PM), Ante Mortem (AM), Identifizierung/Reconciliation, Dokumentation sowie Streugut und Technik.
Das DVI-Team Austria umfasst rund 280 Mitglieder aus den Bereichen der Kriminalpolizei, Daktyloskopie, Technik, Gerichtsmedizin, Odontologie und psychologischen Einsatzbegleitung. Für daktyloskopische und DNA-basierte Identifizierungen wird das Team durch das Büro 6.1 des Bundeskriminalamts, Zentraler Erkennungsdienst, unterstützt. Für die Dokumentation eines Schadensortes kann der 3D-Laserscanner des Tatortbüros eingesetzt werden.
Internationale DVI-Übung in Ungarn: DVI-Team Austria; Trümmerstadt als Übungsstätte; Erfassung aller Merk male, die zur Identifizierung eines Opfers wichtig sind
© Bundeskriminalamt
Von der Bergung bis zur „Reconciliation“ folgt die Katastrophenopferidentifizierung einem festen, nachvollziehbaren Ablauf, der auch unter großem Zeit- und Einsatzdruck zuverlässig funktioniert. Der Identifizierungsprozess gliedert sich in vier Phasen: Bergung, Post-Mortem (PM), Ante-Mortem (AM) und Identifizierung (Reconciliation).
In der Post-Mortem-Phase werden bei unbekannten Leichen oder Verletzten, die an ihrer Identifizierung nicht mitwirken können, alle Merkmale erfasst, die zur Feststellung der Identität erforderlich sind. Dazu gehören gerichtsmedizinische, zahnmedizinische, daktyloskopische (Fingerabdrücke) und molekulargenetische (DNA-)Untersuchungen. In der Ante-Mortem-Phase werden Vergleichsdaten aus dem Leben der vermissten Person erhoben. Das können Zahnschemata, Röntgenbilder, Fingerabdrücke, DNA-Proben oder Hinweise auf besondere körperliche Merkmale sein. Abschließend folgt die Identifizierungsphase (Reconciliation). Hier werden die Post-Mortem- und Ante-Mortem-Daten miteinander verglichen. Stimmen die Merkmale ausreichend überein, erfolgt die rechtswirksame Identifizierung. In fordernden Einsätzen bewähren sich standardisierte Abläufe, weshalb Fachkenntnisse, eine Grundausbildung und die Teilnahme an Aus- und Fortbildungen für die Aufnahme in den Expertenpool Voraussetzungen sind. Zusätzlich ist das Team in internationale Netzwerke eingebunden – unter anderem als Mitglied im „Standing Committee on DVI-Matters“ bei Interpol und im EU-DVI-Netzwerk. Diese Vernetzung ist so wichtig wie praktisch: Sie schafft eine gemeinsame Sprache, einheitliche Abläufe und direkte Kontakte, die bei bilateralen oder multinationalen Einsätzen von besonderer Wichtigkeit sind.
Internationales Szenarien-Training.
Vom 22. bis 24. September 2025 fand in Hajdúszoboszló, Ungarn, eine internationale DVI-Übung statt. Übungsort war das Trainingszentrum der ungarischen Generaldirektion für Katastrophenmanagement. Beteiligt waren Einsatzkräfte aus zehn Nationen, darunter Ungarn, Belgien, Deutschland, Frankreich, Jordanien, Marokko, Rumänien, Saudi-Arabien, die Slowakei und Österreich. Vertreten wurde Österreich durch eine DVI-Expertin und sieben DVI-Experten aus mehreren Bundesländern. Das Übungsszenario simulierte einen terroristischen Bombenanschlag auf ein Flüchtlingszentrum mit rund 200 Betroffenen. Im Fokus standen Rettungs- und Bergungsmaßnahmen, die Abarbeitung eines Ermittlungsfalles sowie die Identifizierung von Opfern. Nach einer Erstintervention durch ungarische Kräfte arbeiteten international gemischte DVI-Teams – unter Einbindung ungarischer Gerichtsmediziner und Odontologen – an der Bergung und der PM-Datenerhebung gemäß Interpol-Standards.
Gelände, Zeitdruck und Belastung.
Das ungarische Trainingszentrum bot moderne Übungsanlagen, darunter ein Erdbebensimulationszentrum mit „Trümmerstadt“ und verbarrikadierten Containern. Dort mussten sich die teilnehmenden Rettungskräfte mit schweren Geräten durch enge und dunkle Bereiche arbeiten, was eine erschwerte Kommunikation und Koordination bedeuteten. Hinzu kamen lange Übungszeiten bis in die Nacht, niedrige Nachttemperaturen und eine einfache Unterbringung in Zelten. Diese Rahmenbedingungen sind mehr als Kulisse, denn sie dienen dazu zu testen, ob die interdisziplinäre Zusammenarbeit der Einsatzorganisationen, der Teamzusammenhalt und die Arbeitsprozesse auch unter Müdigkeit, Kälte und in einem fordernden Umfeld standhalten.
Neben der fachlichen DVI-Arbeit unter realitätsnahen Einsatzbedingungen liegt der Mehrwert solcher Übungen im internationalen Erfahrungsaustausch und in der Erweiterung bestehender Netzwerke. Die DVI-Übung stärkte das gemeinsame Ziel, bei Einsatzlagen rasch, abgestimmt und professionell zu handeln. Für das österreichische DVI-Team stellte die Teilnahme eine wertvolle fachliche wie persönliche Erfahrung zur Stärkung der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit bei künftigen Katastropheneinsätzen dar.
Romana Tofan
Öffentliche Sicherheit, Ausgabe 3-4/2026
Druckversion des Artikels (PDF, 446 kB)