Organisierte Kriminalität
Cybercrime, Waffen, Gewalt
Österreich fungiert als Transitroute, Umschlagplatz, Aktionsraum und Rückzugsort für Mitglieder krimineller Netzwerke. Künftig rechnet man mit erheblichen Auswirkungen des Ukraine-Konflikts: Von den Kampfhandlungen traumatisiert und ohne Perspektive, werden viele den Schritt in die Kriminalität wählen.
Schwerpunktaktion der Polizei gegen grenzüberschreitende Kfz-Kriminalität
© Bundeskriminalamt
Österreich ist von organisierter Kriminalität (OK) stark betroffen. Das zeigen nicht zuletzt die Ermittlungen der AG ACHILLES, die verdeutlicht haben, dass das Bundesgebiet für international agierende Tätergruppen eine zentrale Rolle einnimmt. Österreich ist zugleich Transitroute, Umschlagplatz, Aktionsraum und Rückzugsort für Mitglieder krimineller Netzwerke. Das Deliktsspektrum der organisierten Kriminalität reicht von schweren Gewaltdelikten über Suchtmittelhandel, Menschen- und Waffenhandel, Cybercrime und Wirtschaftskriminalität bis hin zu Einbrüchen, Erpressungen, Betrugshandlungen und Geldwäsche. Die organisierte Kriminalität ist häufig nicht klar von einzelnen Deliktsbereichen trennbar: Insbesondere der Suchtmittelhandel in relevanten Mengen, aber auch Geldwäsche- und Cybercrime-Delikte sind bei entsprechender Dimension nahezu immer auf organisierte Strukturen zurückzuführen. Im Bundesgebiet sind unterschiedlichste ethnisch und regional geprägte Tätergruppen aktiv. Dazu zählen:
- Die Balkanmafia, deren Netzwerke in Deliktsbereichen wie Gewalt, Waffenhandel, Geldwäsche und vor allem Suchtmittelhandel aktiv sind und dabei international eine wesentliche Rolle als Lieferstrukturen einnehmen
- Russischsprachige Tätergruppen, die Österreich als Wohnsitz sowie als Standort für Treffen und die Abwicklung finanzieller Aktivitäten nutzen. Ermittlungen belegten umfangreiche Geldflüsse, insbesondere Investitionen in den Immobiliensektor. Auch ukrainische Tätergruppen sind mittlerweile in zahlreichen Bereichen der russischsprachigen organisierten Kriminalität aktiv und nutzen Österreich als Operations- und Rückzugsraum. Die „Diebe im Gesetz“ stellen eine spezielle Form organisierter Kriminalität im Raum der ehemaligen Sowjetunion dar. Es handelt sich um eine in den 1930er- bis 1950er-Jahren in Gulags entstandene, streng abgeschottete Organisation von Berufsverbrechern, deren Mitglieder ihr gesamtes Leben der Begehung von Straftaten widmen und andere Kriminelle bei der Umsetzung illegaler Aktivitäten unterstützen. Die Angehörigen stammen aus Russland, Tschetschenien, Georgien, Moldau, der Ukraine, Weißrussland, Aserbaidschan und Armenien.
- Die italienische Mafia ist in Österreich verdeckt und strukturell verankert. Sie nutzt das Bundesgebiet weniger als offenen Aktionsraum für Gewalt, sondern als Rückzugs-, Vernetzungs- und Finanzstandort. Als zentrale Anknüpfungspunkte gelten Gastronomiebetriebe, Hotels und Wettbüros, die häufig zur Kontaktpflege, Einflussnahme und Geldwäsche genutzt werden. Auftreten und Geschäftsführung wirken nach außen unauffällig und angepasst. Die Organisationen agieren abgeschottet, halten strikt am Schweigekodex (Omertà) fest und sind international eng vernetzt.
- Die rivalisierenden montenegrinischen Clans Kavac und Skaljari, die seit Jahren in weiten Teilen Europas gewaltsame Auseinandersetzungen austragen.
- Rockerbanden wie die Hells Angels oder Bandidos, die nicht nur als Motorradclubs auftreten, sondern deren Mitgliedern auch Gewalt-, Eigentums-, Suchtmittel- und Waffendelikte sowie Menschenhandel und Straftaten nach dem Verbotsgesetz vorgeworfen werden. Aufgrund ihrer Abschottung nach außen und ausgeprägter Loyalitätsstrukturen stellen Rockerbanden eine besondere Herausforderung für die Strafverfolgungsbehörden dar. 2023 gelang der AG CORIUM des Bundeskriminalamts jedoch ein gezielter Schlag gegen diese Gruppierungen mit Festnahmen und umfangreichen Waffen-Sicherstellungen.
OK-Gruppierungen agieren arbeitsteilig, international vernetzt und passen ihre Strukturen laufend an neue Rahmenbedingungen an. Ein prägendes Merkmal moderner OK ist der verstärkte Einsatz technischer und digitaler Mittel. Verschlüsselte Kommunikationsdienste, internationale Finanzströme und professionelle Logistiksysteme ermöglichen eine effiziente Steuerung krimineller Aktivitäten über Ländergrenzen hinweg und erschweren die Strafverfolgung erheblich.
Für die Bekämpfung der organisierten Kriminalität in Österreich ist im Bundeskriminalamt das Büro 3.1 zuständig. Die Ermittlerinnen und Ermittler analysieren Strukturen, Netzwerke und Arbeitsweisen der Tätergruppen und arbeiten dabei eng mit den Landeskriminalämtern zusammen. „Zudem stehen wir mit Polizeibehörden anderer Staaten im Austausch und kooperieren eng mit Europol und Interpol“, erklärt der Leiter des OK-Büros, Jürgen Jevsnikar. „Nur gemeinsam können wir den Herausforderungen der internationalen OK begegnen.“
Künftig rechnet man mit erheblichen Auswirkungen des Ukraine-Konflikts. „Ähnlich wie nach dem Ende des Jugoslawienkriegs werden ehemalige Kriegskämpfer und große Mengen an Waffen nach Westeuropa gelangen“, erklärt Jevsnikar. „Von den Kampfhandlungen traumatisiert und ohne Perspektive, werden viele den Schritt in die Kriminalität wählen. Hier rechnen wir mit einem deutlichen Anstieg der organisierten Kriminalität in Österreich. Darauf werden wir uns rasch einstellen müssen, um Österreich für diese Strukturen so unattraktiv wie möglich zu machen.“
Herbert Zwickl/Maria Rennhofer-Elbe
Öffentliche Sicherheit, Ausgabe 3-4/2026
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