Radikalisierung
Polykrisen als Nährboden
Warum radikalisieren sich Menschen und welche Rolle spielt das aktuelle Weltgeschehen dabei? In unsicheren Zeiten suchen Menschen Halt – und finden ihn manchmal bei radikalen Gruppen, deren Ideologien Orientierung versprechen.
Die Welt scheint aus den Fugen. Eine Krise jagt die nächste: Kriege, Inflation, Energieengpässe, Klimakatastrophen. Viele Menschen fühlen sich überfordert, verunsichert, manchmal hilflos. Für radikale Ideologien ist das ein idealer Nährboden.
Die Frage, warum sich Menschen radikalisieren und inwiefern weltweite Veränderungen eine Rolle spielen, beleuchtete David Blum bei seinem Vortrag „Radikalisierung im Zeitalter globaler Umbrüche“ am 21. Oktober 2025 in der Karl-Franzens-Universität in Graz. Blum ist Leiter des Geschäftsbereichs „Defense & Security“ von Accenture Österreich. Davor war er im Bundesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung (BVT), im Bundeskanzleramt sowie im Innenministerium tätig. Außerdem war er der stellvertretende Direktor der Direktion Staatsschutz und Nachrichtendienst (DSN).
Ideologien seien nach Blum oft nur ein Werkzeug, das verletzten oder ängstlichen Menschen Halt verspricht – die eigentliche Ursache liegt in den emotionalen Krisen, Isolation und Überforderung. „Manche Menschen kommen mit dem eigenen psychologischen Rüstzeug nicht mehr mit einer Situation zurecht“, sagte der Sicherheitsexperte.
Mehr als nur eine Ideologie.
Radikalisierung: Algorithmen auf Social-Media-Plattformen
können Ängste und Unsicherheiten verstärken
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Radikalisierung beginnt selten mit einer Überzeugung, meist mit einer emotionalen Schieflage: Ein Verlust, eine Kränkung oder soziale Ausgrenzung werfen einen Menschen aus der Bahn. In dieser Phase treten Extremistinnen und Extremisten in Erscheinung. Sie bieten mit ihrer Ideologie Unterstützung, Gemeinschaft, einfache Antworten, ein Feindbild und damit das Gefühl von Kontrolle. Ob die Ideologie rechtsextrem, linksextrem oder islamistisch ist, spielt oft eine untergeordnete Rolle.
Ein Beispiel aus Blums Arbeit verdeutlicht: Eine Jugendliche trennt sich von ihrem 15-jährigen Freund und beginnt mit seinem besten Freund eine Beziehung. Daraufhin wird der 15-Jährige in der Schule gemobbt und zieht sich zurück, nachdem er sich auch von seinen Eltern nicht unterstützt fühlt. Erst in einer Gruppierung, die ihn aufnimmt und ihm wieder ein Zugehörigkeitsgefühl vermittelt, beginnt er, deren rechtsextreme Ideen zu übernehmen. Ein Jahr später verlässt er die Szene aufgrund seiner Mitgliedschaft in einem Fußballverein. Drei Jahre später findet er erneut Halt in einer radikalisierten Umgebung – diesmal in islamistischen Kreisen. Das Beispiel zeigt: Die Ideologie ist austauschbar.
Polykrisen als Nährboden.
Radikalisierung wächst in unsicheren Zeiten, in „Polykrisen“. Herausforderungen wie die Pandemie, geopolitische Machtverschiebungen, Cyber-Angriffe und Lieferkettenprobleme überlagern sich und erzeugen permanente Unruhe. Selbst wenn die Bedrohung abstrakt bleibt, empfinden die Menschen sie im Alltag.
Extremistinnen und Extremisten nutzen diese Unsicherheit aus. Sie destabilisieren mit Desinformation, Polarisierung, dem Schüren von Misstrauen gegenüber Institutionen. Es handelt sich um eine „asymmetrische Kriegsführung der Neuzeit“, deren Ziel nicht der militärische Sieg ist, sondern die innere Zersetzung eines Systems.
Brandbeschleuniger. Die Digitalisierung verstärkt die Dynamik: Algorithmen auf Social-Media-Plattformen schüren Ängste und Unsicherheiten oft automatisch. Extremistische Akteurinnen und Akteure nutzen gesellschaftliche Spaltung aus, etwa mit Debatten über soziale Gerechtigkeit oder Identität. Sie treiben die Polarisierung voran und machen Menschen empfänglich für einfache Erklärungen einer komplexen Welt. Hinzu kommt die Faszination für autoritäre Vorbilder: Staaten, die Stärke und Ordnung demonstrieren, wirken attraktiv für Menschen, die demokratische Systeme als schwach erleben.
Resilienz.
Es gibt keine Lösung für Radikalisierung, sie lässt sich nicht durch Kontrollen oder Gesetze stoppen. Prävention muss im Alltag der Menschen ansetzen. Das Vertrauen in Institutionen ist ein zentrales Anliegen: Menschen müssen erleben, dass die Demokratie funktioniert und Probleme gelöst werden. Gleichzeitig braucht es Dialogfähigkeit. Die Menschen müssen streiten lernen und konstruktiv zu diskutieren. Wer Angst hat, Konflikte zu führen, lässt Raum für Polarisierung und Radikalisierung.
Amelie Hofer
Öffentliche Sicherheit, Ausgabe 1-2/2026
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