Albanien
Ausbildung in alpiner Rettung
Know-how-Vermittlung: Einsatzkräfte der albanischen Polizei wurden als schnelle Eingreiftruppe in alpiner Rettung ausgebildet
© Alpinpolizei
Die österreichische Alpinpolizei bildet ihre albanischen Kollegen in Rettungstechniken aus. Schritt für Schritt wird die albanische Polizei bei Eigen- und Fremdunfällen im Gebirge einsatzfähig.
Bei der Suche nach Cannabis-Anbauflächen rutschte ein Einsatzfahrzeug der albanischen RENEA-Antiterroreinheit von einer gebirgigen Schotterpiste in eine Schlucht. Am Unglücksort in den nordalbanischen Alpen missglückte die Eigenrettung durch albanische Kollegen. Erstmals in einer solchen Lage wurde ein KFOR-Hubschrauber für medizinische Evakuierung („Medevac“) aus dem benachbarten Kosovo angefordert. Das amerikanische Team des Hubschraubers nahm den Einsatz an, flog nach Albanien und zog die beiden verletzten Polizisten mit einer Winde in einer schwierigen Rettungsaktion aus dem 800 Meter tiefen Tal. Einer der beiden Verletzen wurde bewusstlos ins Militärkrankenhaus in Tirana geflogen und verstarb dort. Dies ereignete sich im Mai 2022.
Die albanische Polizei verfügte damals über einen Hubschrauber der Antiterroreinheit RENEA („Reparti i Neutralizimit të Elementit të Armatosur“) in der Hauptstadt Tirana und hatte keine alpinpolizeilichen Einheiten. Daher entstand nach dem Unfall der Wunsch, Einsatzkräfte als schnelle Eingreiftruppe in alpiner Rettung auszubilden – für Eigenunfälle und als Such- und Rettungsdienst in den unwegsamen Bergen Albaniens. Diese sind in ihrer Ursprünglichkeit landschaftlich beindruckend, stellen aber im Einsatzfall mit ihrer schwach ausgebauten Infrastruktur und ohne Netzempfang im Hochgebirge hohe Anforderungen.
Unwegsames Einsatzgebiet.
Die im Norden Albaniens gelegenen Prokletije – die Nordalbanischen Alpen – gehören zum Dinarischen Gebirge, das sich von Nordostitalien bis nach Nordalbanien zieht. Sie sind nicht nur aufgrund ihrer Geografie ein besonderes Einsatzgebiet, denn lange waren sie aus politischen Gründen nicht erschlossen: Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts wurden Grenzübergänge während des Nationalismus geschlossen und im Kommunismus war das Gebiet als militärisches Sperrgebiet isoliert.
Viele Verkehrswege wurden unterbrochen. Kartografiert wurde das Gebiet erstmals von italienischen und österreichischen Vermessern in den 20er-Jahren des letzten Jahrhunderts, also im gesamteuropäischen Vergleich sehr spät.
Die dortige Landschaft ist karstig, eiszeitlich geprägt mit tiefen schluchtartigen Einschnitten und Steilwänden alpinen Charakters bis fast auf 2.700 Meter über der Adria. Höchster Berg Albaniens ist der Korab (2.764 m) im Korabgebirge, auf der albanisch-nordmazedonischen Grenze. Der Tourismus, der an den albanischen Küsten ausgeprägt ist, läuft in den Bergen gegenwärtig erst sehr zaghaft an, hat aber in den letzten zwei Jahren vor allem um die Ortschaften Theth und Valbona stark zugenommen.
Die albanischen Berge sind Lebensraum von Bären und Wölfen. Die Polizei ist hier mit Wildrodungen, Betäubungsmittelanbau, wilder Jagd und Fischerei, illegalem Bauen und Müllablagern konfrontiert.
Hohe Motivation.
Alpinausbildung: Österreichische Alpinpolizisten (rote Jacken) mit ihren albanischen Kollegen <br<© Alpinpolizei
Der Wunsch einer Ausbildung für Gebirgseinsätze wurde bereits im Oktober 2022 umgesetzt: In Verbindung mit der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit (OSZE) bildet die österreichische Alpinpolizei albanische Polizeikräfte aus.
„Sie waren bei Ausbildungsbeginn absolute Anfänger“, sagt Martin Loitlesberger, Ausbildungsleiter der österreichischen Alpinpolizei. „Aber eine Basisausbildung ist auch innerhalb weniger Tage möglich“, erklärt er. „Wenn man bei null anfängt, kann man in fünf Tagen rasch viel vermitteln. Man beginnt mit Materialkunde, z. B. wie funktioniert ein Klettergurt und wie gehe ich mit der Ausrüstung um. Wie sichere ich mich, seile und lasse mich ab?“ Dann folgen einfache Rettungstechniken.
Vermittelt wurde das Training vom österreichischen Verbindungsbeamten (Polizeiattaché) in Albanien. Albanische Sponsoren wie Banken und Versicherungen unterstützten die Ausbildung. Einen Teil finanzierte die OSZE. „Die österreichische Polizei hat einen guten Ruf in Albanien, da Österreich mit als erstes Land die Unabhängigkeit Albaniens anerkannt hat“, betont Martin Loitlesberger. Problematisch sei nach dem ersten Training der Versuch gewesen, weitere Ausrüstung zu beschaffen, da albanische Zwischenhändler dieses mit einem hohen Aufschlag angeboten hätten.
Bei der Abschlussübung im Oktober 2022 nahmen hochrangiger Vertreter der albanischen Polizei, Österreichs Botschafter Christian Steiner und Clarisse Pasztory, stellvertretende OSZE-Botschafterin, teil. Darauf aufbauend trainierten im März 2025 erneut vier Ausbildner der österreichischen Alpinpolizei 28 Polizeibeamte in den Bergen von Korça. „Die Polizeibeamten erhielten eine Auffrischung ihrer Ausbildung in den Bereichen Rettungseinsätze und taktisches Verhalten bei der Polizeiarbeit in den Bergen“, berichtet Martin Loitlesberger. „Zudem beinhaltete der Kurs intensive Übungen zur schnellen Reaktion in Notfällen und zur Evakuierung von Verletzten.“
Bei der Abschlusszeremonie betonte Clarisse Pasztory, dass die OSZE weiterhin gemeinsam mit dem österreichischen Innenministerium an der Ausbildung der albanischen Alpinpolizei arbeiten werde. Die Aufgaben der OSZE-Präsenz in Albanien umfassen verschiedene Bereiche wie Rüstungskontrolle, Bekämpfung des Menschenhandels, Initiativen zur Korruptionsbekämpfung sowie der Kapazitätsaufbau von Strafverfolgungsbehörden. Für den Aufbau der alpinpolizeilichen Fähigkeiten plant Hamdi Fjora, Direktor der Nationalen Sicherheitskräfte Albaniens, ein Multiplikatoren-Konzept: Einige Polizeibeamte sollen an einem „Training-the-Trainer“-Programm teilnehmen und ihre Fähigkeiten ausbauen. Seit dem letzten Kurs hat die albanische Polizei erfolgreich einzelne Gebirgseinsätze durchgeführt.
Sind die albanischen Kollegen neu mit den alpinen Einsatztechniken konfrontiert, so treffen die österreichischen Alpinpolizisten ihrerseits auf eine Herausforderung ganz anderer Natur: die albanische Sprache. Albanisch, indogermanischen Ursprungs, hat im Laufe der Jahrhunderte Lehnwörter aus dem Altgriechischen, Lateinischen und Türkischen übernommen, doch Sprachforscher kennen die Wurzeln der Sprache nicht. Während des Trainings übersetzte Doruntina Aigner, deren Eltern vor einer Generation aus dem Kosovo nach Oberösterreich auswanderten.
Benedikt Haufs
Öffentliche Sicherheit, Ausgabe 11-12/2025
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