Vor 100 Jahren
„Urfax“ und Polizeiattachés
Bei der dritten internationalen Polizeikonferenz in New York 1925 wurden einige Innovationen für die Polizeiarbeit vorgestellt, darunter ein Telekopiersystem für Fahndungsfotos und Fingerabdrücke.
Polizeipräsident Johann Schober (unten Mitte) und Delegierte anderer Staaten auf der Überfahrt zur internationalen Polizeikonferenz nach New York
© Polizeiarchiv Wien
Bevor am 7. September 1923 in Wien bei der zweiten internationalen Polizeikonferenz die permanente „Internationale kriminalpolizeiliche Kommission in Wien“ – IKPK („Commission Internationale de Police Criminelle“), die spätere „Interpol“, gegründet wurde, gab es bereits mehrere internationale Kongresse, um die Polizeikooperation zu institutionalisieren. Mit dem ersten kriminalpolizeilichen Kongress im April 1914 in Monaco wurde der Grundstein für die internationale Polizeikooperation gelegt. Zum Folgekongress im August 1916 in Bukarest und zur Gründung einer internationalen Kommission kam es allerdings wegen des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs nicht mehr.
New Yorker Polizeikonferenzen.
Ein wesentliches internationales Vernetzungstreffen gab es 1922 in New York City, initiiert von New Yorks Polizeichef (Commissioner) Richard Edward Enright. Wesentliche Punkte der „International Police Conference“ waren die Standardisierung der Polizeisysteme und Arbeitsmethoden, eine engere Zusammenarbeit der Polizeibehörden, die Einrichtung eines Zentralpolizeibüros für den Kriminalnachrichtendienst und eines Nachrichtenaustauschdienstes über Verbrecher, ebenso die Einführung einer zweckmäßigen Kontrollmethode bei grenzüberschreitender Kriminalität. An diesem Kongress nahmen nur Delegierte aus Amerika teil; eine Umsetzung der Vorschläge kam nicht zustande. Wenig erfolgreich verlief auch der nächste internationale Polizeikongress in New York City im Jahr 1923.
Vom 12. bis 16. Mai 1925 wurde in New York City im Hotel Waldorf-Astoria die dritte internationale Polizeikonferenz abgehalten. Mehrere Teilnehmer stammten aus Deutschland und Ungarn. Österreichs Polizeichef Johann Schober wurde als Gast eingeladen. Zwei Jahre zuvor hatte er mit der Gründung der IKPO in Wien die heute weltumspannende Interpol initiiert. An der dritten Internationalen Polizeikonferenz in New York nahmen Mitglieder der „International Police Conference“ und Polizeichefs aus vielen Teilen der Welt teil, über 1.000 Delegierte und Gäste aus 41 Staaten. Es wurden acht Komitees eingesetzt. Schwerpunkte waren die internationale Polizei-Zusammenarbeit, der Nachrichtenaustausch und Polizeiwissenschaft.
Telekopierer.
John J. Carthy präsentierte bei der Polizeikonferenz ein Telekopiersystem für Fahndungsbilder und Fingerabdrücke.
© Wikimedia Commons
Ein Tagungsthema waren Identifizierungssysteme für die Kriminalpolizei (Fernidentifizierung und Fingerabdrucksysteme). John J. Carty, Vizepräsident der US-amerikanischen Telefon- und Telegraphengesellschaft, berichtete über den Einsatz des Telefotographen als Hilfsmittel der Polizei, etwa für die Übermittlung von Fingerabdrücken und Fotografien über das Telefon. Den Teilnehmern wurde ein praktisches Beispiel vorgeführt. Ein Schwarz-Weiß-Foto des Polizeichefs Enright wurde in New York City aufgenommen und mit dem Flugzeug 4.200 Kilometer nach San Francisco gebracht. Von San Francisco wurde das Porträtbild mittels Telefonfernübertragung wieder nach New York zurückgeschickt, wo es acht Minuten später vom Telefotographen ausgedruckt wurde.
Vom Bild wurde ein durchscheinender Film angefertigt und auf einen Zylinder gesetzt. Der Film durchlief die Maschine und acht Minuten später wurde das Bild am anderen Ende des Telefondrahtes wieder zusammengesetzt. Möglich war die Telekopie durch einen Lichtstrahl, der über den Film lief. Wo das Bild schwarz war, wurde das Licht aufgehalten, bei Grautönen drang das Licht verschieden intensiv durch. Fiel der Lichtstrahl auf den Apparat, wurde ein Strom durch die Leitung gesandt und das Bild bewegte sich weiter bis zu einer dunklen Stelle, wo kein Strom ausgelöst und daher kein Impuls an die Leitung weitergegeben wurde. Voraussetzung für die Übertragung war, dass sich das Bild an der Empfängerstation synchronisch bewegte. Die beiden Filme im Sender- und Empfängergerät mussten sich genau mit derselben Geschwindigkeit auf dem Zylinder bewegen. Bei praktischen Versuchen im Büro für Verbrecheridentifizierung in New York wurde festgestellt, dass die Abbildungen von Fingerabdrücken und Bildern von Kriminellen, die nach dem neuen Verfahren übermittelt worden waren, den gleichen Wert hatten wie die Originale. Ein Knackpunkt waren die hohen Kosten für das „Ur-Fax“. Für die Polizei in New York waren die Kosten damals unerschwinglich.
Fingerabdrucksysteme.
Fingerabdruckspuren: Viele unterschiedliche Identifizierungssysteme bei den europäischen Strafverfolgungsbehörden in den 1920er-Jahren
© Polizeiarchiv Wien
Captain Golden von der New Yorker Polizei berichtete über Probleme, verursacht durch unterschiedliche Fingerabdrucksysteme. Golden war mit einer Studienkommission durch Europa gereist und hatte festgestellt, dass die Polizeibehörden in acht Hauptstädten mit unterschiedlichen Identifizierungssystemen arbeiteten. In Paris wurde das System innerhalb von zwölf Jahren dreimal gewechselt. In den besuchten Ländern gab es 20 unterschiedliche Fingerabdruck-Identifizierungssysteme. Captain Golden propagierte die Einführung eines einheitlichen universellen Systems für die Unterteilung bei den Fingerabdrücken.
Polizeiattachés.
Vorschläge, in Gesandtschaften und Konsulaten Polizeiattachés zu installieren, gab es schon bei den vorangegangenen internationalen Polizeikonferenzen. Auch bei der dritten New Yorker Konferenz waren Polizeiattachés ein Tagesordnungspunkt. Wiens Polizeipräsident und IKPO-Gründungspräsident Hans Schober hielt in seiner Gastrede diesen Vorschlag für „undurchführbar“ und verwies auf den beim Internationalen Polizeikongress 1923 in Wien gefassten gegenteiligen Beschluss. Schober sah in der New Yorker Tagung wohl auch eine „Gegenveranstaltung“ zur IKPO. Italien entsandte schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts Polizeiattachés in andere Länder; ab 1920 auch das Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen. In Wien waren in den frühen 1920er-Jahren Polizeivertreter aus dem Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen, Italien, Ungarn, Rumänien und der Tschechoslowakei stationiert.
Weitere Themen waren unter anderem Möglichkeiten für die polizeiliche Fachausbildung und Ausforschung, die Gesetzgebung über Schusswaffen, Verkehrsprobleme, illegale Drogen, die Registrierung von Ausländern sowie ein Auslieferungsvertrag zwischen den Staaten. Es sollte einheitliche Formulare für die Auslieferungsmodalitäten geben, wenn nötig in verschiedenen Sprachen.
Resolutionen.
Richard E. Enright: Initiator der internationalen Polizeikonferenzen
© NYPD
Bei der New Yorker Polizeikonferenz wurde unter anderem beschlossen, ein Komitee von zehn Fingerabdruckspezialisten einzurichten, um ein neues, einheitliches Klassifikationssystem auszuarbeiten, das die Vorzüge der verschiedenen Systeme umfassen sollte. Die Delegierten wurden ersucht, dem Austausch von Informationen zwischen den Polizeibehörden Aufmerksamkeit zu widmen und Anfragen von Konferenzmitgliedern um Information über Verbrecher und ihre Taten oder über die Identifizierung bekannter Verbrecher rasch und eingehend zu erledigen. Außerdem wurde beschlossen, ein internationales Polizeiregister (Fernidentifizierungsbüro) für Fotos und Fingerabdrücke von Verbrechern auf der ganzen Welt anzulegen. Leiter dieses Büros unter dem Dach der Polizei in Kopenhagen war der dänische Spitzenpolizist und Fingerabdruck-Identifizierungsexperte Hakon Jörgensen. Er war auch Gründungsmitglied der IKPO in Wien und Ehrenpräsident der internationalen Polizeikonferenz in New York.
Bis zur Einrichtung eines Nationalpolizeibüros durch den Kongress der USA sei das auf der Konferenz in New York City gegründete Büro als offizielles Büro für die USA anzusehen. Daher sollten alle Informationen über die Tätigkeit und Identifikation der Kriminellen, die zur Verhinderung von gefährlichen Straftaten oder zur Festnahme von Verbrechern von Wert sein können, an das New Yorker Büro gesendet werden.
Ein weiterer Konferenzbeschluss befasste sich mit der Empfehlung an die Staaten, Gesetze zum Verbot und zur Regelung des Waffenhandels einzuführen und das Tragen von am Körper verborgenen Waffen zu verbieten.
Nach der dritten internationalen Polizeikonferenz verlor diese Institution an Bedeutung. Die USA waren bei der IKPO durch das Bundeskriminalpolizeiamt FBI vertreten.
Werner Sabitzer
Öffentliche Sicherheit, Ausgabe 11-12/2025
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