OPEC-Überfall
Geiseln und Tote
Vor 50 Jahren wurde Wien zum Schauplatz des internationalen Terrorismus. Terroristen nahmen im OPEC-Generalsekretariat 62 Geiseln, unter ihnen elf Erdölminister. Drei Menschen wurden getötet.
Terrorüberfall mit Geiselnahme auf die im OPEC-Haus tagenden Erdölminister: Polizisten der Einsatzgruppe vor Ort
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Der Sicherheitswachebeamte Hermann Cesar war am 21. Dezember 1975 direkt am Eingang zum OPEC-Generalsekretariat am Dr. Karl-Lueger-Ring Nr. 5 in Wien positioniert, wo gerade die Erdölministerkonferenz tagte. Kurz vor 11.30 Uhr kam eine sechsköpfige Gruppe auf ihn zu. Es waren junge Leute, drei Araber darunter, alle dick vermummt in Wintermänteln und mit Sporttaschen in den Händen. Sie gingen an Cesar vorbei. „Die Herrschaften haben freundlich gegrüßt, ich glaube, sie haben Grüß Gott gesagt oder guten Tag, Herr Inspektor. Ich hatte keinen Auftrag, die Leute zu kontrollieren“, gab Cesar später an. Er war nur für die Regelung der Ab- und Zufahrt zuständig gewesen.
Die lockeren Sicherheitsvorkehrungen zählten zu den Hauptgründe dafür, dass sich an diesem Sonntagvormittag vor 50 Jahren eine der spektakulärsten Straftaten des internationalen Terrorismus in Wien abspielte. Bundeskanzler Bruno Kreisky räumte Anfang 1976 vor dem Nationalrat ein, dass man einen „entscheidenden Fehler“ gemacht habe: Die OPEC war für die am „wenigsten gefährdete Institution“ in Wien gehalten worden, weil bekannt war, dass einige der Mitgliedsstaaten zu den Förderern des internationalen Terrorismus zählten. Also war man davon ausgegangen, dass für die OPEC kein Sicherheitsrisiko bestünde.
In den Räumen der OPEC versahen zwei Staatspolizisten Dienst: Der 60-jährige Anton Tichler, der zwei Monate vor der Pensionierung stand, und der 59-jährige Josef Janda. Die Anweisung an sie lautete, im Gefahrenfall möglichst nicht von der Schusswaffe Gebrauch zu machen, sondern Meldung zu machen. Funkgeräte standen ihnen dafür nicht zur Verfügung. Der einzige zusätzliche Sicherheitsmann, ein gebürtiger Iraker, war bei der OPEC beschäftigt und versah den Dienst unbewaffnet.
Bei der Gruppe, die an Cesar vorbei die OPEC betreten hatte, handelte es sich um ein Terrorkommando. Es stand unter Führung des Venezolaners Illich Ramirez Sanchez, genannt „Carlos“. Er hatte sich als Freiwilliger dem Palästinensischen Volksbefreiungsfront-Spezialkommando von Wadi Haddad angeschlossen. Diese Gruppe war von Libyens Diktator Muammar al-Gaddafi beauftragt worden, die OPEC ins Visier zu nehmen – insbesondere die Erdölminister des Iran und Saudi-Arabiens. Diese standen für eine Politik des billigen Öls, was Gaddafi beenden wollte. Vollstrecken sollte das Haddads Terrorgruppe. Zu diesem Zweck wurde sie von den Libyern mit Waffen und „Inside-Information“ über den Grundriss des OPEC-Generalsekretariats versorgt. Auch andere OPEC-Mitglieder wie Irak und Algerien sollen die Geiselnahme unterstützt haben.
Geiseln und Tote.
Terrorüberfall: Abtransport des verletzten Geiselnehmers Hans-Joachim Klein
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Im 1. Stock angekommen, stürmte das Terrorkommando in den Empfangsbereich. Auf dieser Etage befanden sich zwölf Büros, die Telefonzentrale sowie der große Konferenzraum. Die Terroristen feuerten in die Luft und trieben alle Anwesenden zusammen. Es gelang ihnen, die Räume unter ihre Kontrolle zu bekommen und dabei 62 Geiseln – darunter elf Erdölminister – zu nehmen. Drei Todesopfer waren zu beklagen: der Staatspolizist Anton Tichler, der Leibwächter des irakischen Erdölministers, Ala Saces al-Khafazi, und das libysche Delegationsmitglied Jussuf Izmirli. Für die tödlichen Schüsse auf Tichler und den Leibwächter war eine der beiden deutschen Linksextremisten verantwortlich, die zu dem Terrorkommando zählten: Gabriele Kröcher-Tiedemann, genannt „Nada“. Der libysche Delegierte war in einem Handgemenge von Carlos erschossen worden.
Der zweite Staatspolizist Janda versteckte seine Dienstwaffe in einer Schreibtischlade und rief bei der Wiener Polizeidirektion am Schottenring an: „Überfall auf die OPEC! Es wird mit Maschinenpistolen geschossen.“ In diesem Moment war es 11.44 Uhr und 50 Sekunden. Insgesamt drei Notrufe waren aus dem OPEC-Gebäude abgesetzt worden. „Unverzüglich nach Einlangen dieser Mitteilungen hat der Informationsdienst den für diese Fälle vorgesehenen Alarmplan aktiviert und zunächst das Einsatzkommando und Funkwagen zum OPEC-Gebäude beordert“, hieß es später es im offiziellen Bericht des Bundeskanzleramts.
Um 11.50 Uhr traf das Einsatzkommando (EKO) der Bundespolizeidirektion Wien am Schauplatz ein. Einer der ersten Berichte der Staatspolizei lässt das Chaos erahnen, das zu diesem Zeitpunkt dort herrschte: „Vor dem Gebäude der OPEC waren mehrere Sicherheitswachebeamte und zwei Fernsehreporter anwesend. Aus dem Gebäudeeingang waren wiederholte Schussdetonationen hörbar, die sowohl auf Einzel- als auch auf Dauerfeuer von automatischen Waffen schließen ließen. Aus dem Hausflur ertönten Rufe von unbekannten Personen, dass im Hause Terroristen anwesend sind, die Handgranaten werfen wollen.“
Illich Ramirez Sanchez, genannt „Carlos“, Anführer des Terrorkommandos
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Das Einsatzkommando bestand aus acht Beamten, die mit Stahlhelmen, Uzi-Maschinenpistolen und zwei schusssicheren Westen ausgerüstet waren. Es handelte sich um ältere, beleibte Männer. Man hatte sie bewusst ausgewählt, weil sie als erfahren galten. Deshalb würden sie in gefährlichen Situationen ruhig bleiben und nicht gleich schießen. Moderne Bedrohungen wie Terrorismus hatten bei der Konzeption des EKO noch keine Rolle gespielt. Noch am 3. September 1975, wenige Wochen vor der OPEC-Geiselnahme, hatte Innenminister Otto Rösch Forderungen nach einer „Anti-Terrorgruppe“ eine Absage erteilt – mit der Begründung „es gebe erfreulicherweise keinen Terror in Österreich“. Erst Ende 1977 sollten die Weichen für die Einrichtung des Gendarmerieeinsatzkommandos (GEK), des heutigen Einsatzkommandos Cobra (EKO Cobra), gestellt werden.
Einsatzleiter Ernst Wallaschek befahl dem EKO-Trupp, die Lage zu erkunden. Drei der acht EKO-Polizisten drangen in den ersten Stock vor. Angeführt wurden sie von dem 52-jährigen zu 42 Prozent kriegsversehrten Kurt Leopolder. Als sie in das Foyer eindrangen, fanden sie den sterbenden al-Khafazi und versuchten, ihn zu retten. „In dem Moment“, schilderte Leopolder, „detonierte eine Handgranate und es fielen mehrere Schüsse aus einer oder mehreren automatischen Waffen.“ Er hielt seine Uzi blind um die Ecke und feuerte Salven nach rechts, während ihn ein Kollege mit Munition versorgte. Der dritte EKO-Mann hatte Ladehemmung. Schließlich wurde einer der Terroristen, der Deutsche Hans-Joachim Klein, von einem Querschläger in den Bauch getroffen. Leopolder erlitt einen Durchschuss beider Gesäßbacken und Oberschenkel. Von dieser Verletzung sollte er sich nicht mehr erholen und blieb teilweise gelähmt. 1976 bekam Leopolder eine Medaille, 5.000 Schilling Überbrückungshilfe und wurde pensioniert. Die OPEC bezahlte ihm monatlich 2.600 Schilling. Am 15. Juli 1984 verstarb er 61-jährig.
Nach der Schießerei kam es zu keinem weiteren Vorstoß der Polizei. Um 11.20 Uhr hatte die Polizei einen Kordon rund um den Einsatzort gezogen. Welches Drama sich in der Wiener Innenstadt abspielte, wurde einem Großteil der Öffentlichkeit bewusst, als man um 12.11 Uhr die ORF-Übertragung vom Ski-Slalom in Schladming kurz nach dem Siegeslauf von Hans Hinterseer unterbrach. Fernsehsprecherin Ina Frank verlas einen Aufruf des Generalinspektors der Sicherheitswache, Günther Bögl: Dieser forderte die Mitglieder der fünften und sechsten Kompanie auf, sofort in Dienstadjustierung in die Rossauer Kaserne einzurücken.
Krisenstab.
Flughafen Wien-Schwechat: Verabschiedung der Terroristen und Geiseln durch Innenminister Otto Rösch
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Im Bundeskanzleramt tagte ein Krisenstab. Bundeskanzler Kreisky stieß erst gegen 18 Uhr dazu. Er war am Morgen des 21. Dezember 1975 gerade mit dem Schlafwagen aus Wien zum Winterurlaub in Lech am Arlberg eingetroffen und die Rückreise nahm fast den ganzen Tag in Anspruch. Kreisky übernahm den Vorsitz: „Er ließ sich kurz berichten und merkte und sagte: „Damit wir uns richtig verstehen, die werden morgen ausgeflogen.“ Das schrieb Finanzminister Josef Staribacher, einer der Sitzungsteilnehmer, in sein Tagebuch.
Die Verhandlungen, die vor Ort der irakische Chargé d'Affaires führte, kamen zu einem raschen Abschluss: Im Austausch für die 30 OPEC-Angestellten wurde es den Terroristen gestattet, am Morgen des 22. Dezember 1975 mit ihren 30 Geiseln – elf Minister sowie 19 Delegierte und Mitarbeiter – an Bord eines AUA-Fluges nach Algier auszufliegen. Dem schwer verletzten Terroristen Klein hatte eine Notoperation im AKH das Leben gerettet. Carlos bestand darauf, dass er mitgenommen wurde. Das Risiko, das der Sauerstoffbehälter, mit dem Klein beatmet wurde, explodieren könnte, ging man ein. Um 9.16 Uhr hob die DC-9 ab.
Das Drama sollte sich bis zum 23. Dezember 1975 hinziehen. Von Algier war das Terrorkommando mit den letzten 17 Geiseln, darunter der saudi-arabische und iranische Erdölminister, nach Tripolis (Libyen) weitergeflogen. Dort fanden sie keine Aufnahme. Offenbar wollte Gaddafi mit dem Unternehmen nichts mehr zu tun haben. Carlos blieb nichts anderes übrig, als nach Algier zurückzufliegen, wo seine Geiseln nach Zahlung eines Lösegeldes freikamen.
Die Strafverfolgung.
Die OPEC hatte kein Interesse an der Aufklärung, weil einige ihrer wichtigsten Mitgliedstaaten in die Geiselnahme verwickelt waren. Die Tatortaufnahme am 22. Dezember 1975 musste um 11.30 Uhr beendet werden. Dadurch war die Spurensicherung ungenügend. Österreich wollte alles vermeiden, was zu einer Abwanderung der OPEC hätte führen können. Das wäre im Vorfeld der UNO-City-Eröffnung (1979) ein schlechtes Signal gewesen. Algerien, der Irak und Libyen zählten zu Befürwortern, dass die internationale Organisation in Wien verbleiben sollte, was den Handlungsspielraum einschränkte.
Als Kröcher-Tiedemann 1977 in der Schweiz verhaftet wurde, gab es keinen Auslieferungsantrag. Zu sehr fürchtete man, dass es zu einem Befreiungsversuch kommen könnte. Nachdem Carlos 1994 in Paris in Haft genommen worden war, wurde nur ein Staatsanwalt zu einer Vernehmung geschickt.
Die OPEC-Geiselnahme war in vielerlei Hinsicht eine Wegmarke in der Entwicklung des modernen Terrorismus. Die Tat war als „Joint Venture“ grenzübergreifend vorbereitet, organisiert und durchgeführt worden. Im Rückblick zeigt sich, wie sehr sich die Bedrohung gewandelt hat.
Die OPEC-Geiselnahme war staatlich gesteuert, um ein Ziel durchzusetzen. Das war das Fazit, das der saudische Vizeölminister Turki ibn Faisal Anfang 1976 gegenüber dem österreichischen Botschafter zog: „Der Ablauf der Aktion und insbesondere die beiden Schlussphasen in Algier und Tripolis haben gezeigt, dass die Terroristengruppe nicht […] aus eigener Initiative gehandelt hat, sondern dass dies eine auf staatlicher Ebene wohl vorbereitete Aktion gewesen ist, die sich dieser Gruppe gewissermaßen als Fachleute bedient hat.“
In den 50 Jahren seither hat sich terroristische Gewalt entgrenzt und ist zu einer Bedrohung für die gesamte Gesellschaft geworden. Anstelle von Kaderorganisationen dominiert derzeit ein unberechenbarer „homegrown“ Tätertypus, der sich von außen inspiriert, jederzeit zum Handeln entschließen kann. Gleichzeitig ist die Breitenwirkung dank sogenannter „sozialer Medien“ ungleich mächtiger, als sich das Carlos im Jahr 1975 jemals hätte erträumen können.
Thomas Riegler
Öffentliche Sicherheit, Ausgabe 11-12/2025
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