Kriminalgeschichte
Rachemord am Landeshauptmann
Im Mai 1932 erschoss ein Betrunkener den früheren Landeshauptmann des Burgenlands, Anton Schreiner. Es handelte sich um einen Rachemord, nicht um ein politisches Attentat.
Gedenktafel für Anton Schreiner in Neudörfl; Ex-Landeshauptmann Anton Schreiner: 1932 aus Rache ermordet
© Werner Sabitzer, ÖNB
Geburtshaus von Anton Schreiner in Neudörfl
© Werner Sabitzer
Anton Schreiner, Landtagsabgeordneter und ehemaliger Landeshauptmann des Burgenlands, befand sich am 23. Mai 1932 in seiner Ziegelei in Walbersdorf bei Mattersburg. Stephan Zeltner, ein Gelegenheitsarbeiter und Musikant aus Rohrbach, kam am frühen Vormittag in die Ziegelei und suchte nach Schreiner. Er traf ihn bei der Stiege zum Presshaus. Zeltner zog eine Steyr-Armeepistole und schoss aus kurzer Distanz zweimal auf den 59-jährigen Politiker. Ein Projektil ging daneben, das zweite traf Schreiner in die Brust und zerfetzte die Lungenschlagader. Der Verletzte wurde in seine Wohnung gebracht, wo er einige Minuten später starb. Schreiner hinterließ seine Frau, einen Sohn und zwei Töchter, von denen eine kurz zuvor den burgenländischen Landesrat Johann Karall geheiratet hatte.
Stephan Zeltner war Hilfsarbeiter in der Ziegelei, wo auch sein Vater und sein Bruder Hermann arbeiteten. Der 30-Jährige hatte zwei Jahre vor der Bluttat gekündigt, sich einem Wanderzirkus angeschlossen, danach Gelegenheitsarbeiten ausgeübt und als Musiker in Gasthäusern etwas Geld verdient. Nach der Tat flüchtete er nach Marz und trank in einem Gasthaus einen halben Liter Wein. Danach stellte er sich im Gendarmerieposten Marz und legte ein Geständnis ab. Der Mord sei nicht politisch motiviert, sondern ein Vergeltungsakt gewesen. Anton Schreiner hatte Hermann Zeltner, den Bruder des Mörders, entlassen, weil er am 22. Mai 1932 nach einer durchzechten Nacht zu spät zur Arbeit gekommen war. Der Buchhalter hatte den Entlassenen aufgefordert, später am Tag wiederzukommen, mit der Begründung, Schreiner werde ihn sicher wieder einstellen.
Als Stephan Zeltner von der Entlassung seines Bruders erfuhr, holte er die Pistole aus seiner Wohnstätte, die Anton Schreiner gehörte, verabschiedete sich von seinen zwei kleinen Kindern und begab sich in die Ziegelei, um Schreiner zur Rede zu stellen.
Politikermörder Stephan Zeltner (mit Ziehharmonika)
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Anton Schreiner, geboren am 19. September 1873 in Neudörfl als Sohn eines Fleischhauers und Gastwirts, besuchte die Volksschule in Wiener Neustadt und maturierte 1893 an der Realschule in Ödenburg (Sopron, Ungarn). Er absolvierte die k. u. k. Technische Militärakademie, diente als Leutnant im Festungsartillerieregiment Nr. 1 in Wien und wurde 1901 in den Reservestand versetzt. Schreiner bewirtschaftete danach den Besitz in Walbersdorf mit der Ziegelei und einem landwirtschaftlichen Betrieb. Während des Ersten Weltkriegs diente er als Hauptmann der Reserve, zuletzt als Festungskommandant in Pola (Pula, Kroatien). Anfang 1918 lehrte er Artillerie und Schießwesen an der Technischen Militärakademie in Mödling und nach Kriegsende kehrte er nach Walbersdorf zurück. Schreiner wurde 1921 Mitglied des Leitungsausschusses der Christlichsozialen Partei für Westungarn und im Jahr darauf Mitglied der Verwaltungsstelle für das Burgenland. Diese Institution wurde mit dem „ersten Burgenlandgesetz“ vom 25. Jänner 1921 offiziell geschaffen. Von 1924 bis 1931 arbeitete Schreiner in der Burgenländischen Handels- und Gewerbekammer und ab Juli 1929 war er Landesparteiobmann der Christlichsozialen. Von Jänner 1928 bis Juli 1929 und von Dezember 1930 bis Jänner 1931 war er Landeshauptmann im Burgenland und Abgeordneter zum Nationalrat. Danach war Schreiner bis zu seinem gewaltsamen Tod Landtagsabgeordneter.
Vier Jahre Kerker.
Nach dem Mordopfer Anton Schreiner ist in Neudörfl eine Gasse benannt
© Werner Sabitzer
Die Geschworenengerichtsverhandlung gegen Stephan Zeltner wegen Mord wurde am 18. Jänner 1933 fortgesetzt, nachdem der Prozess im Oktober 1932 unterbrochen worden war, um den geistigen Zustand des Angeklagten abzuklären.
Zeltner, der wegen Wilderei und Diebstahls vorbestraft war, hatte sich in der ersten Verhandlung schuldig erklärt, aber die Mordabsicht bestritten. Er habe in der Nacht auf den 23. Mai bei einem Fest musiziert und getrunken. Auf dem Heimweg in der Früh habe er von einem Bekannten erfahren, dass sein Bruder Hermann entlassen worden sei. Er habe daraufhin zu Schreiner gehen wollen, um sich vor ihm zu erschießen. Der Politiker habe ihn aber abgewiesen, ihm vorgeworfen, er sei stark betrunken, ihn an der Schulter gepackt und zur Türe gedrängt. Was dann passiert sei, wisse er nicht mehr. Auch bei der zweiten Verhandlung blieb der Angeklagte bei dieser Version. Die Geschworenen erkannten Zeltner schuldig, aber nicht wegen Mordes, sondern wegen Totschlags. Der Angeklagte wurde unter Anwendung des außerordentlichen Milderungsrechts zu vier Jahren schweren Kerkers verurteilt, verschärft durch ein hartes Lager vierteljährlich. Der Oberste Gerichtshof verwarf im April 1933 die Nichtigkeitsbeschwerde des Strafverteidigers.
In Neudörfl erinnert die Schreinergasse an den ermordeten Ex-Landeshauptmann. Anlässlich des 150. Geburtstags von Anton Schreiner wurde über Betreiben seiner Großnichte Rosa Klenner im Oktober 2023 an der Fassade seines Geburtshauses in der Hauptstraße 100 in Neudörfl eine Gedenktafel angebracht.
Werner Sabitzer
Quellen/Literatur
Behofsits S.: Schreiner Anton. In: Österreichisches Biographisches Lexikon 1815–1950 (ÖBL). Band 11, Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien 1999
Kriegler, Johann: Politisches Handbuch des Burgenlandes. Band 1: (1921–1938). Verlag Rötzer, Eisenstadt 1972
Der Mord an dem Landeshauptmann Schreiner. In: Reichspost, 24. Oktober 1932, S. 5
Öffentliche Sicherheit, Ausgabe 7-8/2025
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