Kriminalgeschichte
Dem Galgen entkommen
Martin Czibula ermordete zu Beginn des 20. Jahrhunderts mindestens drei Menschen und verübte weitere Verbrechen. Wurde er festgenommen, täuschte er eine Geisteskrankheit vor.
Serienmörder Martin Czibula
© Zeichnung in der Illustrierten Kronen-Zeitung von 6. August 1912
Der Partieführer im Steinbruch der Gemeinde Wien in Sievering, entdeckte am 13. November 1911 in einer Mulde im Gspöttgraben blutige Steine, die mit Reisig bedeckt waren. Er vermutete ein Wildererversteck und entfernte einige Steine. Dabei kam eine zur Faust geballte Hand zum Vorschein. Der Partieführer verständigte seine Kollegen und lief den Gspöttgraben hinunter in die Sieveringer Straße, wo er einen Wachmann antraf. Der Polizist eilte mit dem Partieführer zur grausigen Fundstelle.
Unter den Steinen lagen zwei tote Männer. Ihre Schädel waren zertrümmert. Das Wiener Sicherheitsbüro übernahm den Fall. In einem Gebüsch in der Nähe des Fundortes entdeckten die Ermittler einen Hammer. Es handelte sich um die Mordwaffe. Auch Kleidungsstücke der Toten wurden gefunden. An dieser Stelle dürfte der Doppelmord verübt worden sein. Die Leichen dürften dann in den Gspöttgraben geschleift und verscharrt worden sein.
Bei den Mordopfern handelte es sich um den 40-jährigen Johann Hlowetzky und den 38-jährigen Florian Konecny. Die kroatischstämmigen Männer arbeiteten seit einigen Tagen bei einer Firma, die im Auftrag der Stadt Wien in Sievering Grabungen für einen Wasseranschluss an die zweite Hochquellenleitung vornahm. Die Männer hatten keine Unterkunft, sondern schliefen in einem Heuschober oder in einem Verschlag in der Nähe des Sieveringer Steinbruchs. Sie waren am 12. November 1911, einem Sonntag, zuletzt gesehen worden. Da sie als mittellos galten, schlossen die Ermittler einen Raubmord zunächst aus und vermuteten eher einen Racheakt, da Hlowetzky und Konecny am Sonntagvormittag in einer Branntweinausschank in der Sieveringer Straße mit anderen Arbeitern einen heftigen Streit hatten, der mit einer Prügelei im Freien endete. Die Kriminalisten nahmen als Tatverdächtigen bzw. möglichen Mitwisser des Doppelmordes zwei Arbeiter fest, die bei der Rauferei am Vortag beteiligt gewesen waren. Auch ein dritter Arbeiter geriet ins Visier der Ermittler, war aber nicht greifbar. Die beiden Festgenommenen wurden bald entlassen, da sie ihre Unschuld durch ein einwandfreies Alibi nachweisen konnten.
„Von Gott beauftragt“.
Am Montagmorgen des 13. Novembers erschien beim Schichtenkontrollor des Steinbruchs ein Mann, der sich als „Franz Huber“ ausgab und Florian Konecny als krank meldete. Der Schichtenkontrollor stellte auf Ersuchen des Mannes einen Krankenzettel für Konecny aus. Dem Steinbrucharbeiter kam dieses Verhalten seltsam vor und er verständigte die Polizei. Als besonderes Merkmal nannte er, dass „Franz Huber“ einen „slowakischen Spitzhut“ getragen habe.
Bei der Fahndung trafen Polizisten in einem Gartensalettl in der Salmannsdorfer Straße einen Mann an, der sich als der in Wien geborene, 35 Jahre alte „Zimmermann Franz Huber“ ausgab und im Salettl genächtigt hatte. Die Tätowierungen an seinen Armen wiesen aber eher auf einen Fleischhauer hin als auf einen Zimmermann. So zeigte eine Tätowierung einen Ochsen mit einem Beil im Maul. Deshalb wurde der Mann festgenommen und eingehender verhört. Ein Polizist aus Pressburg (Bratislava), der sich zwecks Ermittlungen nach einem Doppelmord in Pressburg im Sicherheitsbüro befand, vermutete, dass es sich beim Festgenommenen um den geflüchteten, in Budapest verurteilten Raubmörder Martin Czibula handeln könnte. Als der Festgenommene merkte, dass seine Tarnung aufgeflogen war, fing er wirr zu reden an und verhielt sich sonderbar. Um die wahre Identität des Mordverdächtigen nachzuweisen, holten die Kriminalisten seine Mutter nach Wien. Bei der Gegenüberstellung erkannte ihn diese sofort und redete ihm zu, ein Geständnis abzulegen. Daraufhin gab der Verdächtige zu, der gesuchte Raubmörder von Budapest zu sein und auch die beiden Erdarbeiter erschlagen zu haben. Er behauptete, „von Gott beauftragt“ worden zu sein, die Männer zu töten, weil Gott betrunkene Leute hassen würde. Danach verweigerte er weitere Aussagen.
Weitere Indizien und Beweise sprachen für die Täterschaft Czibulas. Bei ihm wurden blutige Kleidungsstücke, eine Arbeitsbestätigung des einen und die Schuhe des anderen Mordopfers von Sievering sichergestellt. Außerdem sagten Zeugen aus, Czibula zur Tatzeit beim Steinbruch gesehen zu haben. Czibula wurde auch wegen des Doppelmords in Pressburg verhört. Die Indizien und Beweise reichten aber für eine Anklageerhebung nicht aus.
Gspöttgraben in Wien-Sievering: Schauplatz eines Doppelmordes 1911
© Werner Sabitzer
Martin Czibula, geboren 1876 in Budapest, arbeitete als Gärtner und Fleischhauer und wurde mehrmals straffällig. 1900 wurde er in das Infanterieregiment Nr. 26 eingezogen. Er desertierte, stahl Geld und flüchtete nach Budapest. Dort erschlug er am 8. Oktober 1901 einen Kutscher, raubte die Kutsche mit einer Milchladung und verkaufte die Milch auf der Straße. Dabei wurde er verhaftet. Er hatte die Taschenuhr und die Stiefel des Mordopfers bei sich. Die Leiche wurde am nächsten Tag gefunden, verscharrt in einem Straßengraben. Czibula behauptete, Mathias Pöttös zu heißen und aus Böhmen zu stammen. Er hatte einem Kollegen namens Mathias Pits das Arbeitsbuch gestohlen und den Familiennamen auf Pöttös verfälscht. Schließlich gestand er den Raubmord. Da er als Infanteriesoldat desertiert war, unterstand er der Militärgerichtsbarkeit. In der Untersuchungshaft täuschte er vor, geisteskrank zu sein. Deshalb wurde sein Geisteszustand untersucht; er wurde aber für zurechnungsfähig erklärt. Ein Militärgericht verurteilte ihn zum Tod durch den Strang. Czibula wurde begnadigt und zu 15 Jahren schweren Kerkers verurteilt. Nach einiger Zeit in der Militärstrafanstalt wurde er als möglicherweise „irrsinnig“ in das Militär-Irrenhaus in Tyrnau eingewiesen. Von dort konnte er am 22. Juni 1911 flüchten. Sechs Tage nach seiner Flucht vergewaltigte Czibula in Komorn ein Mädchen. Als das Opfer um Hilfe rief, überwältigten Passanten den Täter und übergaben ihn der Polizei. Da sich Czibula wirr gebärdete, wurde er wieder ärztlich untersucht. Die Gerichtspsychiater bezeichneten ihn als geistesschwach, aber zurechnungsfähig. Dennoch wurde Czibula am 3. November 1911 aus der Untersuchungshaft entlassen. Er fuhr nach Wien, wo er neun Tage später den Doppelmord in Sievering verübte.
Kerker statt Strang.
Bei der Begutachtung wegen der Bluttat im Gspöttgraben kamen die Psychiater zum Schluss, dass Martin Czibula schwachsinnig, jedoch zur Tatzeit zurechnungsfähig gewesen sei. Er wurde wegen meuchlerischen Doppelmordes, Vergewaltigung und Betrugs angeklagt. Das Betrugsdelikt bestand darin, dass Czibula sich mit dem ergaunerten Krankenzettel als Florian Konecny ausgegeben hatte, um Krankenkassenbeträge zu kassieren. Der Täter ging davon aus, dass die Leichen seiner Mordopfer nicht so schnell gefunden würden.
Das Garnisonsgericht Wien schlug im August 1912 dem Korpskommandanten vor, Czibula wegen des Doppelmordes zum Tod durch den Strang zu verurteilen. Das oberste Militärgericht ließ nochmals prüfen, ob der Verurteilte geisteskrank sei, und änderte nach Vorlage der Gutachten das Todesurteil in 20 Jahre schweren Kerkers ab. Das Urteil wurde Czibula am 7. Mai 1913 mitgeteilt. Eine Woche danach wurde er, schwer bewacht, mit der Eisenbahn nach Budapest gebracht, wo er die wegen des Kutschermordes verhängte Kerkerstrafe absitzen musste, bevor er die 20-jährige Freiheitstrafe des Wiener Militärgerichts anzutreten hatte.
Werner Sabitzer
Quellen/Literatur:
Der Mörder des Kutschers Vitéz; in: Pester Lloyd, 16. Oktober 1901, S. 11
Ein Doppelmord im „Gspöttgraben“; in: Illustrierte Kronen-Zeitung, 14. November 1911, S. 6-8
Der zweifache Mord im Sieveringer Steinbruch; in: Illustrirtes Wiener Extrablatt, 16. November 1911, S. 4-5
Der Doppelmord in Sievering; in: Illustrierte Kronen-Zeitung, 30. März 1912, S. 2-3
Der Doppelraubmord im Gspöttgraben; in: Illustrierte Kronen-Zeitung, 6. August 1912, S. 9-10
Der Doppelmord Sievering; in: Die Neue Zeitung, 6. Mai 1913, S. 4-5
Einlieferung des Mörders Szibula nach Ungarn; in: Die Zeit, 15. Mai 1913, S. 6
Zeitreise in die Exekutivgeschichte
Sonderausstellung
Sonderausstellung in Linz: Bundespolizei, Zollwache, UNO-Friedenseinsätze
© Klaus Windischbauer
Die Zusammenführung der Bundesgendarmerie, der Sicherheitswache, des Kriminaldienstes und eines Teils der ehemaligen Zollwache zur neuen Bundespolizei mit 1. Juli 2005 war das größte Verwaltungsinnovationsprojekt seit 1945 in Österreich. Aus Anlass des 20-jährigen Bestehens des österreichweit einheitlichen Wachkörpers Bundespolizei gibt es in Linz-Ebelsberg seit Mai 2025 eine Sonderausstellung des Exekutivhistorischen Vereins OÖ. Die Schau umfasst drei Abschnitte: 20 Jahre Bundespolizei, 195 Jahre Zollwache und 65 Jahre UNO-Friedenseinsätze.
Die Zollwache wurde 1830 als Gränzwache errichtet. 1835 wurde die Gefällenwache aufgestellt, die 1843 mit der Gränzwache zur Finanzwache vereinigt wurde. 1920 wurde die Finanzwache in Zollwache und Steueraufsicht geteilt. Die Zollwache wurde 2004 aufgelöst. Über 1.000 Beamte wechselten in das BMI und wurden im Juli 2005 in die Bundespolizei eingegliedert.
UNO-Friedenseinsätze.
1960 nahmen karenzierte und bei der UNO angestellte Exekutivbeamte aus Österreich erstmals bei einer UN-Mission teil, und zwar bei der UN Operation in the Congo (UNOC). Die erste offizielle Entsendung österreichischer Polizisten und Gendarmen erfolgte im Frühling 1964 zur UNFICYP nach Zypern.
Unter den Exponaten der Sonderausstellung im Wehrgeschichtlichen Museum befinden sich Uniformstücke, Ausrüstungsgegenstände, historische Bilder und Dokumente, Korps- und Funktionsabzeichen, Distinktionen, Zeitleisten, Personaldatenblätter und Dienststellennschilder. Kurator der Sonderausstellung ist der pensionierte Polizeibeamte Klaus Windischbauer. Er hat im Vorjahr in Linz bereits eine Sonderausstellung organisiert und war 2019 für die Sonderausstellung „170 Jahre Bundesgendarmerie“ im Mühlviertler Schlossmuseum in Freistadt verantwortlich. Die Ausstellung wurde unterstützt von der historischen Abteilung des BMI, von der LPD Oberösterreich, der OÖ-Landes-Kultur GmbH und vom Schlossmuseum Freistadt. Die Schau ist bis 25. Oktober 2025 geöffnet.
Sonderausstellung „195 Jahre Zollwache – 65 Jahre UNO-Friedenseinsätze – 20 Jahre Bundespolizei“; Wehrgeschichtliches Museum Oberösterreich in der ehemalige Hiller-Kaserne, 4030 Linz-Ebelsberg, Bau 9, ehv-ooe@gmx.at, www.wehrgeschichte-ooe.at, Kontakt für Führungen: Klaus Windischbauer, +43-699-11778890, wklaus@drei.at
Öffentliche Sicherheit, Ausgabe 7-8/2025
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