Internationaler Roma-Tag
„Vermächtnis Oberwart“
Das Parlament beging den internationalen Roma-Tag am 8. April 2025 als Gedenktag, da sich das Roma-Attentat von Oberwart zum 30. Mal jährte.
Veranstaltungsteilnehmer: Die Volksgruppenbeiräte Vladimir Mlynar (Slowaken), Bernhard Sadovnik (Slowenen), NR-Präsident Walter Rosenkranz, Bundesratspräsidentin Andrea Eder-Gitschthaler, Volksgruppenbeirat- Vorsitzender der Roma, Emmerich Gärtner-Horvath, Volksgruppenbeirat Josef Buranits (Kroaten)
© Parlamentsdirektion / Ulrike Wieser
Im Februar 1995 hat der folgenschwerste Anschlag einer Briefbomben-Serie vier Roma-Angehörigen das Leben genommen. Josef Simon, Karl Horvath, Erwin Horvath und Peter Sarközi starben durch eine Explosion, als sie eine Tafel mit der Inschrift „Roma zurück nach Indien!“ entfernen wollten, die vom Attentäter Franz Fuchs platziert worden war.
Die Volksgruppe der Roma sei keine Randgruppe, sondern ein bedeutender Teil unserer Gesellschaft, hielt Nationalratspräsident Walter Rosenkranz fest. Die Errichtung eines Denkmals zur Erinnerung an die im Nationalsozialismus verfolgten und ermordeten Roma und Sinti halte er für einen längst überfälligen Schritt. Er hoffe sehr, dass die laufende Standortsuche bald zu einem guten Ergebnis geführt werde.
Das Roma-Attentat von Oberwart habe als Anschlag auf die Roma und damit auf unsere Gesellschaft tiefe Spuren hinterlassen, hielt Europa- und Integrationsministerin Claudia Plakolm in einer Videobotschaft fest. Der internationale Roma-Tag werde seit 1990 weltweit als Zeichen für Anerkennung, Erinnerung und Zusammenhalt begangen. Heuer stehe der Tag zudem im Zeichen des Gedenkens an das Attentat.
1995 sei mit dem Attentat in Oberwart mit einem Mal der alte Hass wieder über die Roma hereingebrochen, sagte der Vorsitzende des Volksgruppenbeirates der Roma, Emmerich Gärtner-Horvath. Es sei dies für die Volksgruppe die schwerste Stunde seit dem Völkermord gewesen – auch deshalb, weil man die Roma selbst verdächtigt und die Opfer diffamiert hatte. Letztlich sei das Begräbnis der Opfer aber zu einem Staatsakt geworden. Seit der Gründung des Volksgruppenbeirats 1995 seien mittlerweile vielfältige Roma-Organisationen und Kultur- und Medienprojekte in der Volksgruppe in ganz Österreich gegründet worden. Seit längerer Zeit gebe es die ständige Volksgruppenkonferenz der sechs autochthonen Volksgruppen, um gemeinsame Lösungen mit den Verantwortlichen der Ministerien zu finden. Gärtner-Horvaths Appell richtete sich an die Politik, die wichtige Volksgruppenarbeit weiterhin zu unterstützen.
Psychotraumatologin Brigitte Lueger-Schuster von der Universität Wien sprach zum Thema „Historisches Trauma, Terror und Psyche“. Roma hätten jahrhundertelange Ausgrenzung erlebt, kontinuierliche massive Diskriminierung, Ausbeutung und Rassismus, sagte Lueger-Schuster. Im Nationalsozialismus waren Roma von Massenvernichtung bedroht, über 5.000 Menschen seien etwa in das katastrophale Getto von Lodz überführt worden. Das mit diesen historischen Ereignissen zusammenhängende kollektive Trauma sei verbunden mit der Wahrnehmung von „institutionellem Betrug“ auf psychologischer Ebene wie etwa systematische Vernachlässigung oder Verleugnung von Rechten – auch nach 1945.
Briefbombenopfer Theo Kelz, Terrorismusforscher Paul Schliefsteiner © Siegbert Lattacher
In einer Podiumsdiskussion wurde vor dem Hintergrund des erneut aufflammenden Antiziganismus über das „Vermächtnis Oberwart“ diskutiert. In Anwesenheit von Angehörigen ging es auch um die Frage, ob und wie traumatische Ereignisse überwunden werden können und welche Spuren Traumafolgestörungen im Leben hinterlassen. Als Lernbetreuerin versuche Sarah Gärtner-Horvath mit Kindern darüber zu sprechen, was es bedeute, Volksgruppenangehörige zu sein und warum sie mit Hass oder Beschimpfungen konfrontiert würden. Oft würden Vorurteile von den Eltern an die Kinder weitergegeben. Als zukünftige Lehrkraft sei es ihr wichtig, die Geschichte über das Attentat und die örtliche Geschichte insgesamt zu vermitteln.
Als „hoffentlich unvorstellbar“ bezeichnete es Historiker und Terrorismusforscher Paul Schliefsteiner, dass in der heutigen Zeit wie 1995 in Oberwart die Opfer als Erste verdächtigt würden. Was es aber nach wie vor brauche, seien Ressourcen und Anlaufstellen, die niederschwellig zur Verfügung stünden, noch bevor etwas passiert sei. In der Geschichtsbetrachtung fehle ihm generell die Perspektive der Opfer, sagte er.
Theo Kelz, pensionierter Polizist und Überlebender eines Anschlags 1994 in Klagenfurt, berichtete, dass er aufgrund einer Rohrbombe damals beide Hände verloren hatte. Mit einer einzigartigen Transplantation beider Hände im März 2000 sei ihm später ein Lebenswunsch erfüllt worden. Er sprach sich gegen Hass oder Rachegefühle aus, denn mit diesen komme man nicht weiter.
Was die Therapie der Traumata betrifft, könne man Brigitte Lueger-Schuster zufolge etwa ein spezielles Ambulatorium für Volksgruppen andenken. Aus ihrer Sicht wäre es wünschenswert, Volksgruppen als vollintegrierten Teil einer Gesellschaft zu sehen und, dass niemand mehr an einem Trauma leiden müsse und ausreichend Wissen darüber vorhanden sei, was in der psychosozialen Versorgung notwendig sei.
Öffentliche Sicherheit, Ausgabe 5-6/2025
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