Interview
„Bindeglied und Impulsgeber“
Andreas Achatz, seit 3. März 2025 Generalsekretär im Bundesministerium für Inneres, über Herausforderungen, die persönliche Motivation hinter seinem Engagement und wie sein Weg vom Polizeipraktikanten zum Generalsekretär führte.
Andreas Achatz: „In Zeiten knapper Budgets müssen wir noch effizienter und zielgerichteter arbeiten.“
© Tobias Bosina
Sie sind seit Kurzem im Amt. Was waren Ihre ersten Eindrücke – und worauf haben Sie in den ersten Wochen besonders Wert gelegt?
Das Ressort ist mir nicht fremd – ich kenne es seit über vier Jahrzehnten. Als ich 2022 als Kabinettschef von Bundeskanzler Karl Nehammer in das Bundeskanzleramt gewechselt bin, habe ich immer betont: Ich werde ins Innenministerium zurückkehren. Die Vielfalt des Innenressorts, die Breite der Themen, die Möglichkeiten der Mitgestaltung – das ist einzigartig. Es ist ein genialer Arbeitsplatz, und es erfüllt mich mit Freude, wieder hier wirken zu dürfen.
Der „Ausflug“ ins Bundeskanzleramt war prägend – ich konnte dort Einblicke in politische Prozesse auf höchster Ebene gewinnen. Diese fachlichen und persönlichen Erfahrungen bringe ich jetzt mit zurück in mein „Heimatressort“. In den ersten Wochen ist es mein Ziel gewesen, mich intensiv mit den laufenden Projekten vertraut zu machen. Vieles hat sich weiterentwickelt, zahlreiche Vorhaben – wie etwa die Kriminaldienstreform oder große Infrastrukturprojekte – sind jetzt in der Umsetzungsphase. Darüber hinaus habe ich mich intensiv mit den Vorbereitungen zu den Budgetverhandlungen befasst, um sicherzustellen, dass wir die notwendigen Mittel für die Aufrechterhaltung der öffentlichen Sicherheit zur Verfügung haben.
Das Bundesministerium für Inneres gilt als eines der vielseitigsten Ressorts. Worin besteht diese Vielseitigkeit konkret?
Die Polizei ist sicherlich die sichtbarste Säule, aber das Ressort ist weit mehr. Es reicht von der Sicherheitsverwaltung bis zur Cybersecurity. In der Polizei selbst gibt es auch eine enorme Bandbreite an Aufgaben: Von der klassischen Dienststelle über die Kriminalpolizei, die WEGA oder die Flugpolizei bis hin zu spezialisierten Einheiten wie den Cybercrime-Ermittlern des Bundeskriminalamts.
Ein gutes Beispiel für diese Vielseitigkeit ist das Projekt „Gemeinsam.Sicher“, das in Wien unter anderem mit der Grätzlpolizei umgesetzt wird. Es zeigt, wie bürgernahe Polizeiarbeit funktionieren kann.
Gleichzeitig haben wir mit technischen Berufen, mit Expertinnen und Experten für Cyber-Sicherheit oder im Betrieb unserer Rechenzentren und Netzwerkleitstellen, eine große Palette an Karrierewegen in allen Berufen. Es ist ein Arbeitgeber, der viele Möglichkeiten bietet – für ganz unterschiedliche Talente.
Sie haben Ihre Laufbahn als Polizist begonnen. Was hat Sie damals zur Polizei geführt?
Ich bin 1977 mit fünfzehn Jahren zur Polizei gekommen. Damals hat der Polizeiberuf für mich etwas Mythisches gehabt – als Jugendlicher habe ich unbedingt ein Teil davon sein wollen. Ich habe in Wien die dreijährige Polizeipraktikanten-Ausbildung absolviert und bin dann im achten Bezirk im Streifendienst eingesetzt gewesen, bin später Wachkommandant gewesen und habe mich laufend weitergebildet. Sei es als Sportlehrer an der Polizeischule, später als Offizier – all diese Stationen haben mich geprägt. Ich habe das große Glück gehabt, in unterschiedlichen Bereichen tätig zu sein und die Entwicklung des Polizeiberufs über Jahrzehnte mitzuerleben. Und ich kann sagen: Diese Arbeit erfüllt mich bis heute mit großer Hochachtung. Es ist ein Beruf, den man mit Herz und Haltung ausüben muss.
Die Rolle des Generalsekretärs ist eine zentrale Schnittstelle zwischen Politik und Verwaltung. Wie verstehen Sie diese Aufgabe?
Die Hauptaufgabe sehe ich in der Koordination und strategischen Steuerung der Sektionen. Es geht darum, ein gemeinsames Wirken aller Organisationseinheiten zu ermöglichen – auf der Ebene der Sektionsleitungen, aber auch in der operativen Umsetzung. Ein ganz wesentlicher Aspekt ist die Übersetzung politischer Zielsetzungen in fachlich-strategische Handlungsanleitungen für alle Organisationseinheiten. Der Generalsekretär fungiert hier als Bindeglied und Impulsgeber – zwischen der politischen Leitung und der Verwaltung, zwischen Strategie und Praxis.
Welche Herausforderungen sehen Sie für das Ressort – und wo gibt es Veränderungspotenzial?
Wir stehen derzeit vor mehreren Herausforderungen. Es braucht den entschlossenen Kampf gegen den Terrorismus und Extremismus, egal von welcher Seite er sich darstellt.
Die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung und Sicherheit bleibt das Kernthema, ebenso wie die Migrationspolitik und die konsequente Bekämpfung des Schlepperwesens.
Ein immer wichtigeres Feld ist die Bekämpfung der Cyber-Kriminalität. Die Fallzahlen sind 2024 leicht gesunken im Vergleich mit 2023. Essenziell ist die weitere Umsetzung der Kriminaldienstreform vor allem im Bereich Cybercrime. Es ist wichtig, flächendeckend in Österreich Ansprechpersonen bei der Polizei für solche Fälle zu haben.
Ein weiterer Schwerpunkt wird die Optimierung der Mittelverwendung sein. In Zeiten knapper Budgets müssen wir noch effizienter und zielgerichteter arbeiten. Das betrifft sowohl interne Prozesse als auch die Weiterentwicklung der IT-Infrastruktur.
Künstliche Intelligenz wird auch im Sicherheitsbereich zunehmend wichtig. Welche Rolle spielt das Thema im BMI?
Künstliche Intelligenz wird ein bedeutender Bestandteil zukünftiger Sicherheitsstrategien sein. Wir stehen in engem Austausch mit anderen Ressorts, etwa dem Bundeskanzleramt, um ressortübergreifende Lösungen zu entwickeln. Die Idee ist, Synergien zu schaffen – es soll keine Insellösungen geben, sondern ein abgestimmtes Vorgehen, das gleichzeitig die spezifischen Anforderungen jedes Ressorts berücksichtigt.
Andreas Achatz: „Ich habe das große Glück gehabt, in unterschiedlichen Bereichen tätig zu sein und die Entwicklung des Polizeiberufs über Jahrzehnte mitzuerleben.“
© Tobias Bosina
Im Raum stehen Einsparungen im öffentlichen Dienst. Wie kann man unter diesen Bedingungen die Leistungsfähigkeit der Polizei aufrechterhalten?
Effizienzsteigerung ist das Gebot der Stunde – und genau dort setzt zum Beispiel unsere Immobilienstrategie an. Die bestehenden Objekte zu sanieren wäre in vielen Fällen kostenintensiver als Neubauten. Deshalb setzen wir auf moderne Sicherheitszentren, die Synergien schaffen: Zum Beispiel in Wien, wo im Sicherheitszentrum Wien, neun sicherheitskritische Organisationseinheiten an einem Standort zusammengeführt werden sowie die Verlegung der Landespolizeidirektion Wien vom Schottenring in die Vorgartenstraße und die Zusammenführung von diversen dislozierten Organisationseinheiten der Landespolizeidirektion an einen Standort.
Oder das neue Bildungszentrum in Süßenbrunn, das als Standort die geliebte und vertraute, aber veraltete Marokkanerkaserne ablösen soll – ein Meilenstein für die Ausbildung zu-künftiger Polizistinnen und Polizisten.
Diese Projekte sind nicht nur Investitionen in die Sicherheit, sondern auch in die Wirtschaft. Eine IHS-Studie aus 2021 hat ergeben, dass eine Investition von bis zu 2 Milliarden in die Sicherheitsinfrastruktur eine Wertschöpfung von rund 2,5 Milliarden Euro generieren wird – davon allein 750 Millionen in Form von Steuereinnahmen. Rund 22.000 Menschen werden im Zuge dieser Vorhaben beschäftigt sein. Gerade in wirtschaftlich herausfordernden Zeiten sind solche Impulse wertvoll.
Was motiviert Sie täglich – und was bedeutet für Sie „guter öffentlicher Dienst“?
Die Freude an der gemeinsamen Aufgabe. Ich arbeite mit einem großartigen Team zusammen – mit Bundesminister Gerhard Karner und seinem Team, mit den Führungskräften und mit allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Haus. Das tägliche Ziel ist, gemeinsam für die Sicherheit im Land zu sorgen – das ist unsere Aufgabe, unsere Verantwortung, und das ist auch unsere Motivation. Ein guter öffentlicher Dienst bedeutet für mich: verlässlicher Service für die Menschen in diesem Land. Die Bürgerinnen und Bürger sollen sich unterstützt, verstanden und gut betreut fühlen. Die Polizei genießt ein hohes Ranking im jährlichen Vertrauensindex – das ist hart erarbeitet. Und es zeigt auch, wie wichtig es ist, dass wir dieses Vertrauen jeden Tag aufs Neue rechtfertigen.
Interview: M. J. Löff
Zur Person
Andreas Achatz trat 1977 als Polizeipraktikant in die Polizei Wien ein. Nach Absolvierung der Grundausbildung startete Achatz seinen Dienst im achten Bezirk in Wien. 1992 wechselte er als Sportlehrer in die Polizeischule Wien. 1999 begann Achatz die zweijährige Offiziersausbildung. Danach wechselte er zur Wiener Einsatzgruppe Alarmabteilung (WEGA) und war dort über zwei Jahre lang Kompaniekommandant.
Ab 2004 baute Achatz das neue Sportreferat im Bundesministerium für Inneres auf. Das Referat hatte zwei Aufgaben: den Polizeisport neu zu organisieren und ein Sicherheitskonzept für die damals bevorstehende Fußball-Europameisterschaft 2008 auszuarbeiten.
Nach der Fußball-Europameisterschaft wurde Achatz Leiter des Bildungszentrums in Wien, wo unter seiner Führung die Grundausbildungslehrgänge von 12 auf 24 aufgestockt wurden sowie der Personalstand von 30 auf 60 Lehrerinnen und Lehrer.
Berufsbegleitend absolvierte Achatz das Bachelorstudium Polizeiliche Führung und das Masterstudium Strategisches Sicherheitsmanagement in Wiener Neustadt. Im August 2011 wechselte er ins Kabinett der damaligen Innenministerin Johanna Mikl-Leitner. Dort war er für Polizeiangelegenheiten, für Präventionsprojekte, Cyber-Sicherheit, das Bundeskriminalamt sowie Bau- und Liegenschaftsangelegenheiten zuständig. Im Herbst 2016 wurde Achatz zum Leiter der Gruppe IV/A ernannt. Im Jänner 2017 wurde er vom damaligen Innenminister Wolfgang Sobotka zum stellvertretenden und in weiterer Folge zum Kabinettschef ernannt.
Achatz war Kabinettschef von Innenminister Karl Nehammer während dessen Amtszeit im Innenressort. Achatz leitet auch das Kabinett von Innenminister Gerhard Karner. Mit Wirksamkeit vom 1. Jänner 2022 wurde er zum Leiter der Sektion IV (Service) im Bundesministerium für Inneres bestellt. Im September 2022 wechselte Achatz als Kabinettschef von Bundeskanzler Karl Nehammer ins Bundeskanzleramt und wurde im Zuge der Regierungsbildung im März 2025 zum Generalsekretär des Bundesministeriums für Inneres bestellt.
Öffentliche Sicherheit, Ausgabe 5-6/2025
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