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  2. Ausgabe 5-6/2025
  3. Kriminalität

Kriminalität

Tatort Krankenhaus

Diebstähle, Suchtgiftdelikte, tätliche Angriffe – die typischen Bedingungen in einem Krankenhaus begünstigen die Begehung gewisser Straftaten.

Krankenhäuser sind aufgrund ihrer Größe, der hohen Besucherfrequenz, der Anzahl an Bediensteten und anderen Umständen oft ein idealer Platz für Straftäter
Krankenhäuser sind aufgrund ihrer Größe, der hohen Besucherfrequenz, der Anzahl an Bediensteten und anderen Umständen oft ein idealer Platz für Straftäter
© AKH Wien

Eine Stadt in der Stadt – so bezeichnet Prof. Dr. Leopold-Michael Marzi, Leiter der Stabsstelle Vorfallsabwicklung und Prävention in der ärztlichen Direktion des Allgemeinen Krankenhauses ­Wien (AKH), „sein“ Krankenhaus. Mit mehr als 10.000 Bediensteten sowie 14.000 Patientinnen und Patienten sowie täglichen Besucherinnen und Besuchern ist es das größte Krankenhaus Österreichs. Es liegt nahe, dass sich bei einer Anzahl an Menschen, die der Bevölkerung von Eisenstadt entspricht, Straftaten ereignen. Welche das sind, schilderte Marzi am 12. Februar 2025 bei einem Vortrag im Bildungszentrum der Vereinigung Kriminaldienst Österreich (VKÖ).

Diebstähle.

Leopold-Michael Marzi, Leiter der Stabsstelle Vorfallsabwicklung und Prävention im AKH Wien
Leopold-Michael Marzi, Leiter der Stabsstelle Vorfallsabwicklung und Prävention im AKH Wien
© AKH Wien

Die für Krankenhäuser typischen Bedingungen begünstigen gewisse Straftaten, etwa Diebstähle durch das eigene Personal bzw. durch – häufig wechselndes – Fremdpersonal. Die Fläche des AKHs von einer Viertelmillion Quadratmeter und die vielen Gänge bieten ideale Fluchtwege. Da Hygiene oberstes Gebot ist, müssen jeden Tag Tausende Wäschestücke und Handtücher gewechselt werden. Die Schmutzwäsche wird vor dem Transport in eine externe Wäscherei nicht abgezählt, sondern nur gewogen, wodurch ein „Schwund“ oft lange unentdeckt bleibt. 2014 häuften sich Beschwerden, weil in einigen Bereichen ständig Handtücher fehlten. Der Verdacht, dass jemand schmutzige Handtücher entwendete, bestätigte sich: Die Täterin, eine serbische AKH-Mitarbeiterin, wurde erwischt, als sie gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten AKH-Handtücher in ein Auto lud. Die Mitarbeiterin hatte im AKH Bunker für gebrauchte Wäsche angelegt und die Beute in ihrer Freizeit abgeholt. In einem weiteren Fall führten anonyme Anzeigen zu grenzüberschreitenden Ermittlungen mit Ungarn, wo Wäsche mit AKH-Logo aufgetaucht war. Der Täter konnte nicht ausgeforscht werden, aber der Schwund verringerte sich deutlich.
Auch Bereiche, zu denen Außenstehende keinen Zutritt haben, sind von Diebstählen betroffen. Zuletzt wurden im Februar 2025 im OP-Bereich Medikamente gestohlen, was nun durch Taschenkontrollen verhindert werden soll. Dass eine derartige Maßnahme eine präventive Wirkung hat, zeigten die Kontrollen bei den Eingängen während der Pandemie: Die Zahl der Diebstähle sank und ist und bisher nicht auf das Niveau vor Corona gestiegen.

Illegale Geschäfte.

Manche Fälle, etwa ein illegaler Zigarettenhandel, konnten mit Hilfe von „Kommissar Zufall“ gelöst werden. Im AKH arbeitende Personen haben die Möglichkeit, eine Personalwohnung zu einem günstigen Preis zu mieten; die elektrischen Anlagen der Wohnung werden seitens des AKHs in regelmäßigen Abständen überprüft. Bei einer derartigen Überprüfung entdeckte man drei Stangen Zigaretten. Ermittlungen der Finanzpolizei ergaben, dass der beim Patiententransport tätige Mieter die Wohnung einer kriminellen Gruppierung als Bunker überlassen hatte. In der Wohnung wurden weitere 168 Stangen Zigaretten gefunden.
Auch organisierte Bettlergruppen nutzen die Besonderheiten eines Krankenhauses für ihre Zwecke. Sie betteln nicht im AKH, sondern auf der Brücke, die über den Gürtel von der U6 zum Krankenhaus führt und zu einem Drittel zum AKH gehört. Warum man hier auf reiche Gaben hoffen kann, zeigte sich laut Marzi in einem Gespräch mit einer großzügigen Spenderin: „Die Frau hat gesagt: ‚Ich habe gerade erfahren, dass ich doch keinen Krebs habe. Dafür bin ich so dankbar, dass ich dem armen Mann zehn Euro gegeben habe.‘“
Mit den Bettlern hat sich Marzi ebenfalls unterhalten – und erfahren, dass diese zum Teil zum Betteln gezwungen werden. Den Großteil ihrer Einnahmen müssen sie abliefern und für die Wohnmöglichkeit in einer Bettlerunterkunft überhöhte Summen bezahlen. Diese Tatsache nutzte ein türkischer AKH-Mitarbeiter für sein „Geschäftsmodell“: Im Winter ließ er Bettler in den unterirdischen Räumen, in denen sich die Heizungsanlagen des AKHs befinden, übernachten und kassierte dafür pro Person drei Euro.

Drogendelikte.

Ungebetene Gäste finden sich oft auch in den Toilettenanlagen im Eingangsbereich des AKHs, wovon weggeworfene Spritzen zeugen. An die Drogen kommen Süchtige im nahegelegenen U-Bahn-Bereich. Marzi hat selbst einmal beim U6-Aufzug die Anbahnung eines Deals verfolgt – und das illegale Geschäft verhindert.
Als Suchtmittel lassen sich auch jene Medikamente missbrauchen, die im AKH in Suchtgiftschränken aufbewahrt werden. Die Gabe eines potenziell Sucht erzeugenden Medikaments an einen Patienten muss von einem Arzt genehmigt, die Entnahme aus dem Suchtgiftschrank protokolliert werden.
Einem suchtkranken Angehörigen des medizinischen Personals gelang es eine Zeit lang, unbemerkt Medikamente für sich abzuzweigen. Schließlich fiel auf, dass immer dann, wenn die Person Nacht- oder Feiertagsdienst hatte, besonders viele dieser Medikamente verabreicht wurden. Im AKH, wie in jedem Krankenhaus, sind erschlichene Gesundheitsleistungen ein Thema. Dazu zählt die Verwendung der E-Card einer anderen Person durch jemanden, der nicht krankenversichert ist. Ein „Klassiker“ ist die Vortäuschung von Erkrankungen, z. B. in Zusammenhang mit einem Antrag auf Frühpension. Mitunter wird dabei versucht, Ärzte emotional unter Druck zu setzen.

Aggressionen.

In den letzten Jahren hat die Aggression von Patienten oder deren Angehörigen gegenüber Ärzten und medizinischem Personal stark zugenommen. Laut einer 2024 durchgeführten Studie im Auftrag der Wiener Ärztekammer waren 55 Prozent der befragten Wiener Ärzte in den vergangenen zwei Jahren verbaler, 24 Prozent psychischer und 16 Prozent körperlicher Gewalt ausgesetzt. Kommt es im AKH zu einer verbalen oder körperlichen Attacke, bekommt der Angreifer für fünf Jahre Hausverbot.

Rosemarie Pexa


​Öffentliche Sicherheit, Ausgabe 5-6/2025

 Druckversion des Artikels (pdf, 363)

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