Fortbildung
Lebensbedrohliche Einsatzlagen
50 Polizeibedienstete der bayerischen und der österreichischen Polizei beschäftigten sich in einem Führungskräfte-Seminar im Fortbildungsinstitut der bayerischen Polizei (BPFI) in Ainring mit den komplexen Herausforderungen bei der Bewältigung von lebensbedrohlichen Einsätzen.
Seminar Einsatzlagen: Polizeibedienstete aus Bayern und Österreich tauschten Erfahrungen aus zur Bewältigung von lebensbedrohlichen Einsätzen
© Andrea Reischer
Die Polizeidirektoren Alexander Matzner und Karl Müller präsentierten das Ausbildungskonzept Einsatzmanagement in der bayerischen Polizeiausbildung. Ziel des Konzepts sei vor allem, die Ausbildung „praxisbezogener“ und „handlungsorientierter“ zu gestalten. Das Konzept umfasst fünf Bereiche: Theorievermittlung, virtuelles Training-Einsatzmanagement, Einsatzführungstraining, polizeiliches Einsatztraining sowie Hilfsmittel, Einsatz und Checklisten.
Matzner und Müller erklärten, wie die Ausbildung bereits im ersten Semester mit einfachen Einsatzlagen beginnt und in der Ausbildung sowohl quantitativ als auch qualitativ gesteigert wird. Müller berichtete von seinen Erfahrungen bei der Bewältigung des Amoklaufs im Olympia-Einkaufszentrums 2016 in München. Dabei betonte er die zentrale Rolle der Einsatzführung aus dem Einsatzführungsraum.
Polizeihauptkommissar Oliver Kleinschmidt referierte zum Thema „Good Practice: Vorbereitung auf Ad-hoc-Lagen in den Verbänden am Beispiel Mittelfranken“.
Erster Polizeihauptkommissar Andreas Summer stellte die „Einsatzfortbildung beim BPFI Ainring“ vor. Dabei ging es insbesondere um die Umsetzung von Einsatzgrundsätzen wie Kommunikation, Struktur sowie Führung und Entscheidungsfindung. Neben den allgemeinen Inhalten wie der Rechtslage und taktischen Grundsätzen berichteten auch externe Referenten, darunter Ernst Albrecht aus Österreich und Kollegen aus Bayern, über Großschadens- und lebensbedrohlichen Einsätze.
Polizeioberkommissar Jürgen Schaffrat sprach über die „taktische Einsatzanalyse“. Deren Ziel für die Aus- und Fortbildung formulierte er wie folgt: „Einsatztraining muss man an die Realitäten des Alltags anpassen, also aktiv in Einsätze reingehen und für das Training aufarbeiten, um neue Trends und Anforderungen abzubilden und zeitgerecht darauf zu reagieren.“
Schnelle Reaktionskräfte.
Brigadier Ernst Albrecht stellte die Schnellen Reaktionskräfte (SRK) der österreichischen Polizei vor. Die SRK wurden nach dem Terroranschlag am 2. November 2020 in Wien aufgestellt. Hintergrund war die Erkenntnis, dass es in den österreichischen Bundesländern – mit Ausnahme Wiens – an adäquat ausgerüsteten, ausgebildeten und vor allem schnell verfügbaren Einheiten fehlte, die in der ersten Phase der Lagebewältigung eingesetzt werden konnten.
Rund ein Jahr nach dem Terroranschlag wurden daher die SRK gemeinsam mit den Schnellen Interventionsgruppen (SIG) und der Bereitschaftseinheit (BE) ins Leben gerufen. Besonders die SIG soll in den Bundesländern außerhalb Wiens als WEGA-ähnliche Einheit ersteinschreiten, bis das Einsatzkommando Cobra eintrifft. Die Wiener Einsatzgruppe Alarmabteilung (WEGA) ist eine Spezialeinheit der Landespolizeidirektion Wien. Das Einsatzkommando Cobra gehört als Sondereinheit zur Generaldirektion für die öffentliche Sicherheit.
Unterstützungskommandos.
Erster Polizeihauptkommissar Andreas Niedermair beleuchtete die Fähigkeiten der Unterstützungskommandos (USK) bei Ad-hoc-Lagen. Ihr Einsatzspektrum reicht von der Bewältigung von Ordnungsdienstlagen bis hin zur Unterstützung der Spezialeinsatzkommandos (SEK) bei der „Funktionssicherung“ in Lagen mit erhöhter Gefährdung und lebensbedrohlichen Einsätze. Er gab einen Überblick über Aufgaben und Arbeitsweise des USK Dachau und stellte verschiedene Einsätze vor – darunter Messerlagen, Betäubungsmittel-Lagen, Demo-Lagen, Fahndungen nach Tötungsdelikten und die Vollstreckung von Durchsuchungsbeschlüssen. Diese Beispiele verdeutlichen die Vielseitigkeit dieser Einheit.
Den Abschluss bildete eine Vorstellung der Fähigkeiten der bayerischen Unterstützungskommandos (USK) bei Ad-hoc-Lagen am Beispiel des USK Mittelfranken vom Ersten Polizeihauptkommissar Dino Gheri und Polizeihauptkommissar Manfred Fiegl.
Einsätze.
Polizeivizepräsident Ralf Krämer aus Rheinland-Pfalz präsentierte die Amok-Fahrt vom 1. Dezember 2020 in der Fußgängerzone in Trier. Er berichtete aus persönlicher Sicht über die Einsatzlage, die sich in der Weihnachtszeit ereignet und zahlreiche Tote und Verletzte gefordert hatte. Krämer schilderte die Problematik der unklaren Gefahrenlage, die sich aus zahlreichen Notrufen und der ersten Information über viele Verletzte, einen silbernen SUV und dessen Fluchtrichtung ergaben. Er betonte, dass derartige Einsätze trotz Vorbereitung eine extreme Ausnahmesituation darstellen, und unterstrich die Notwendigkeit, in der Chaosphase schnell Struktur zu schaffen. Zudem thematisierte er die Herausforderungen in der Zeit nach der Tat. Er hob hervor: „Wenn man so eine Lage hat, dann ist die Anteilnahme nach dem Ereignis überwältigend“. Aus diesem Grund unterhielt die Polizei Trier eine Woche lang am Trierer Hauptmarkt einen Polizeibus mit Präventionskräften als Anlaufstelle für die Bevölkerung.
Die Majore Aleš Strach und Josef Jerabek von der tschechischen Polizei referierten über die Amoklage an der Universität Prag im Dezember 2023. Sie schilderten die Ereignisse beginnend mit einem Doppelmord im Wald von Klánovice, der schließlich in den Amoklauf an der Universität Prag mündete. Strach und Jerabek präsentierten den Einsatzablauf sowie das Vorgehen des Täters anhand zahlreicher Videos, darunter Aufnahmen aus Bodycams. Zudem berichteten sie über die Lessons Learned der tschechischen Polizei.
Polizistenmord.
Polizeivizepräsident Christof Gastauer aus Rheinland-Pfalz berichtete über den Polizistenmord in Kusel, bei dem in den Nachtstunden eine Kollegin und ein Kollege von einem Wilderer getötet wurden. Er thematisierte neben der Lagedarstellung auch die Vorstellung der Besonderen Aufbauorganisation (BAO), die Einsatznachbereitung sowie die Folgen für die Polizeiorganisation. Ein besonderer Fokus lag auf der Nachbereitung unter den Aspekten persönlicher Betroffenheit, Schock, Trauer, Betreuung und Nachsorge. Im Zuge dessen wurde eine Bericht erstellt, aus dem gemeinsame Empfehlungen für die Polizei Rheinland-Pfalz abgeleitet wurden.
Das Seminar fand von 14. bis 18. Oktober 2024 im Fortbildungsinstitut der bayerischen Polizei (BPFI) in Ainring statt. Die Initiatoren waren Polizeidirektor Dr. Bernd Bürger vom BPFI Ainring und Chefinspektor Mag. Thomas Greis, MA, MAS von der Sicherheitsakademie Wien.
Bernd Bürger/Thomas Greis
Öffentliche Sicherheit, Ausgabe 3-4/2025
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