Schweiz
Anti-Terror-Zusammenarbeit
Vor 50 Jahren wurde in der Schweiz der erste „Anti-Terror-Kurs“ für Polizeikorps organisiert und damit der Grundstein für die späteren Polizei-Sondereinheiten gelegt. Im November 2024 gab es in Aarau ein Veteranentreffen.
Veteranentreffen: Festakt zum 50-jährigen Bestehen der Schweizer Anti-Terror- Kurse im Gebäude der Kantonspolizei Aargau
© Kapo Aargau
Europa war in den frühen 1970er-Jahren mit einer Welle von Terroranschlägen konfrontiert – dahinter standen Terrorgruppen wie „Al Fatah“, die „Volksfront zur Befreiung Palästinas“, der „Schwarze September“, oder die „Rote Armee Fraktion“. Neben dem „Hijacking“ von Flugzeugen, Entführungen und Bombenanschlägen gilt die Geiselnahme während der Olympischen Spiele 1972 in München als Wendepunkt, der binnen weniger Jahre zur Bildung zahlreicher europäischer Polizei-Sondereinheiten führte. Zu den ersten Anti-Terror-Einheiten zählte die deutsche „GSG 9“, die im Herbst 1972 gegründet wurde und rasch Kontakte mit Kollegen aus der Schweiz und Österreich pflegte sowie deren Aufbauarbeiten unterstützte. „Damit wurde der Grundstein für die Aus- und Weiterbildung der ersten Sondereinheiten in der Schweiz gelegt“, sagt Dr. Léon Borer, ehemaliger Kommandant der Kantonspolizei Aargau und einer der „Männer der ersten Stunde“, die in der Schweiz nach dem Anschlag in München ein neues Ausbildungskonzept im Kampf gegen den Terrorismus entwickelten.
Der erste „Anti-Terror-Kurs“ der Schweiz fand 1974 auf dem Grenadierwaffenplatz Isone im Kanton Tessin stat. Die Ausbildungsinhalte waren militärisch geprägt. Das Schwergewicht lag auf Schießen unter Belastung, Häuserkampf unter Einsatz von Handgranaten und Flammenwerfer, Seil- und Sprengausbildung, Präzisionsschützenausbildung, Observation, der Bewältigung von komplexen Lagen mit Hubschrauber-Einsatz sowie einer Karateausbildung.
„Die große Unterstützung der Armee mit Material und Hilfspersonal hat diese neuartige nationale Anti-Terror-Ausbildung überhaupt erst möglich gemacht“, betont André Zumsteg, Hauptmann i. R., und langjähriger Einsatzchef der Kantonspolizei Aargau. Experten des wissenschaftlichen Dienstes der Stadtpolizei Zürich unterstützten die Spezialausbildung in den Bereichen der Sprengausbildung, von Zündmechanismen oder der Peilung von Fahrzeugen. Das Konzept sollte dem Umstand begegnen, dass die Schweiz über keine bundesweite Polizeieinheit verfügte und die Polizeikorps in den einzelnen Kantonen und Städten auf ein einheitliches Niveau in der Bekämpfung terroristischer Bedrohungen gebracht werden sollten. „Man suchte für die Kurse Freiwillige und Geeignete für Spezialaufgaben mit Risikopotenzial. Diese wurden zu Instruktoren ausgebildet und gaben das Wissen in ihren Polizeikorps weiter“, berichtet André Zumsteg. „Die Kurse bildeten damit das Fundament der heutigen Spezialeinheiten.“
Abzeichen
© Gregor Wenda
50 Jahre nach dem Beginn des ersten nationalen Kurses in der Schweiz trafen einander im November 2024 20 Veteranen, die den ersten „Isone-Kurs“ im Jahr 1974 organisiert bzw. besucht hatten. Sie blickten im Rahmen eines Festaktes in Aarau zurück auf die Ursprünge des polizeilichen Sondereinheiten-Wesens der Schweiz und analysierten die nationale und internationale Weiterentwicklung der Terrorbekämpfung.
„Der erste Kommandant des Gendarmerieeinsatzkommandos, Johannes Pechter, war mit seinem Stellvertreter Kurt Werle wiederholt als Gast zu den Schweizer Kursen eingeladen. Auch der erste Kommandant der deutschen GSG 9, Ulrich Wegener, war dabei“, erinnert sich Léon Borer. „Aus dieser Zeit rührt eine sehr enge freundschaftliche Zusammenarbeit zwischen Anti-Terror-Experten aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, aber auch aus Frankreich.“ Die spätere Schaffung internationaler Netzwerke wie des ATLAS-Verbundes europäischer Spezialeinheiten ab 2001 fußte auf jenen fachlichen Verbindungen, die ab den 1970er-Jahren durch persönliche Kontakte und Austauschprogramme zwischen diesen Staaten aufgebaut wurden. „Die Instruktoren-Kurse, die alle zwei Jahre in Isone durchgeführt wurden, haben die Polizeilandschaft verändert“, erklärt André Zumsteg. Heute hat das Schweizerische Polizei-Institut (SPI) in Absprache mit der Konferenz der Kantonalen Polizeikommandanten (KKPKS) die Koordinaton der Schweizer Anti-Terror-Kurse übernommen. Schweizer Sondereinheiten haben mehrmals bei den Combat-Team-Conferences, den „Olympischen Spielen der Sondereinheiten“ am Sitz der GSG 9 in Deutschland, den ersten Platz belegt.
„Die Gründung der ersten Sondereinheiten in der Schweiz vor rund 50 Jahren, die stetige Weiterentwicklung und die Zusammenarbeit mit anderen Einheiten wie der GSG 9, der Cobra und im ATLAS-Verbund haben dazu beigetragen, dass unsere Sondereinheiten heute zu den besten der Welt zählen“, unterstreicht Léon Borer. „Das Fundament dafür ist vor Jahrzehnten in Isone gelegt worden.“
Gregor Wenda
Öffentliche Sicherheit, Ausgabe 3-4/2025
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