Kriminalgeschichte
„Akt von beispielloser Rohheit“
Schüsse in Kopf und Lunge, weitere Schussverletzungen und ein zertrümmerter Schädel durch Schläge eines Räubers mit einem Zaunpfahl: Das Opfer überlebte, die Raubbeute war gering. Dieser Kriminalfall spiegelt das Sicherheits-, Rettungs- und Gerichtswesen der Zwischenkriegszeit wider.
Raubopfer Lorenz Steiner als Soldat im Ersten Weltkrieg
© Familienarchiv Steiner
Die Zwischenkriegszeit in Österreich war von Wirtschaftskrisen, Arbeitslosigkeit und Verschuldung geprägt. Die Armutskriminalität war hoch, Diebstähle, Einbrüche, Überfälle und Raubmorde häuften sich. Bevorzugte Kriminalitätsopfer auf dem Land waren neben Geschäftsleuten Bauern, bei denen nach einem Vieh- oder Holzverkauf Geld vermutet wurde.
Eine Bluttat aus Geldnot war der brutaler Raubüberfall auf einen Landwirt im April 1936 im Gurktal in Kärnten. Der Landwirt Lorenz Steiner vulgo Christian in Psein, damals Gemeinde Pisweg, befand sich am 26. April 1936 von Weitensfeld im Gurktal auf dem Heimweg. Begleitet wurde er von seinem Halbbruder aus Weitensfeld. Auf dem Waldweg begegneten sie einem Schuhmacher aus dem Pseiner Nachbarort Grua, der sich mit einem unbekannten Mann unterhielt. Der Fremde fragte Steiner, ob er ihm eine Kuh verkaufen könne. Steiner verneinte und der Unbekannte verschwand im Wald. Auf der halben Strecke nach Psein verabschiedete sich Steiners Halbbruder und kehrte nach Weitensfeld zurück. Bei der Abzweigung nach Grua trennten sich auch Steiner und der Schuhmacher.
Etwa zehn Minuten später pfiff ein Geschoß an Steiners Kopf vorbei. Der Landwirt dachte zunächst, es handle sich um den Geller eines Jägers. Er drehte sich um und sah wenige Meter entfernt jenen Fremden auf dem Boden liegen, der ihn kurz zuvor angesprochen hatte. Der Unbekannte richtete eine Pistole auf Steiner und schoss neuerlich. Das Projektil durchschlug die Lunge des Opfers. Der Schwerverletzte flüchtete, der Täter verfolgte ihn, holte ihn ein und schoss aus kurzer Distanz erneut auf Steiner. Das Projektil durchbohrte das Gesicht des Opfers. Steiner hörte insgesamt sieben Schüsse. Er glaubte, dass die Pistole nun leer geschossen sei und rannte trotz der Schussverletzungen weiter, verfolgt vom Täter. Als er über einen Weidenzaun steigen wollte, schlug ihm der Unbekannte mit einem Zaunpfahl mehrmals auf den Kopf. Steiner brach bewusstlos zusammen. Der Täter raubte ihm die Geldbörse mit 6,50 Schilling Bargeld, nach heutigem Wert knapp 30 Euro. Die Brieftasche, in der sich mehr Geld befand, fand der Räuber nicht.
Steiner wurde eine Stunde nach der Tat gefunden, mit dem Holzwagen nach Weitensfeld gebracht und mit dem Rettungsauto in das Krankenhaus Friesach gefahren. Seine Lunge war zweimal durchschossen worden und Unter- und Oberkiefer waren zertrümmert. Außerdem hatte er durch die Schläge schwere Schädelverletzungen erlitten. Das Opfer schwebte lange in Lebensgefahr und verbrachte zwei Monate im Krankenhaus. Danach war Steiner noch mehr als zwei Monate arbeitsunfähig und musste sich einer weiteren Operation unterziehen.
Fahndung nach dem Räuber.
Lorenz Steiner in den 1970er-Jahren: Schüsse in Kopf und Körper, schwere Schädelverletzungen durch Schläge mit einem Zaunpfahl überlebt
Gendarmeriebeamte verhafteten bald einen Verdächtigen, der jedoch mangels stichhaltiger Beweise wieder freigelassen wurde. Weitere Männer wurden als Verdächtige verhört, aber bei den Ermittlungen gab es vorerst keinen entscheidenden Erfolg. Gegen Jahresende 1936 gelang es dem Kommandanten des Gendarmeriepostens Weitensfeld, Johann Habel, einen Verdächtigen auszuforschen. Der Schuhmacher aus Grua hatte ihm einen entscheidenden Hinweis auf die Person des Täters gegeben. Es handelte sich um den 27-jährigen Gelegenheitsarbeiter Emil Gursch, geboren in Steinbichl. Er wohnte in Schaumboden, war verheiratet und hatte zwei Kinder. Postenkommandant Habel gelang es, Gursch im Bezirk Neumarkt in der Steiermark auszuforschen und festzunehmen. Der Verdächtige wurde zum Gendarmerieposten Weitensfeld gebracht, wo er ein Geständnis ablegte. Gursch gab an, dass er Lorenz Steiner über eine Abkürzung im Wald überholt und hinter Bäumen versteckt auf sein Opfer gewartet habe. Dann habe er mehrmals auf Steiner geschossen. Die geraubte Geldbörse habe er weggeworfen, weil sich darin fast kein Geld befunden habe. Die Pistole habe er bei seinem Schwager in St. Urban versteckt.
Das wahrscheinliche Motiv des Räubers: Lorenz Steiner hatte Holz an die landwirtschaftliche Holzgenossenschaft in Kleinglödnitz geliefert und hätte am Tag des Überfalls das Geld erhalten sollen. Gursch, der gelegentlich für den Holzhändler geschlägert hatte, dürfte davon erfahren und den Überfall geplant haben. Der Holzhändler zahlte aber an diesem Tag die vereinbarte Summe an Steiner aber nicht aus. Nach der Bluttat in Psein lockte Gursch einigen Fleischhauern in St. Veit an der Glan Bargeld als „Anzahlung“ heraus, indem er behauptete, er könne ihnen ein Kalb zu einem sehr günstigen Kilopreis verkaufen. Er beging weitere Betrügereien und tauchte unter.
Lebenslanger Kerker.
Emil Gursch hätte dem Standgericht in Graz überstellt werden sollen, dort hätte ihm die Hinrichtung gedroht. Das standrechtliche Verfahren wurde von der Bundesregierung im November 1933 eingeführt. Dieser „kurze Prozess“ galt für die Verbrechenstatbestände Mord, Brandstiftung und öffentliche Gewalttätigkeit durch boshafte Beschädigung fremden Eigentums. Das Verfahren richtete sich gegen Straftäter, die auf frischer Tat betreten wurden oder deren Schuld ohne Verzug feststellbar war. 1934 wurde das Standrechtsverfahren verschärft. Der Staatsanwalt des Standgerichts entschied aber, den Fall Gursch vor einem regulären Strafgericht zu verhandeln.
Emil Gursch wurde wegen des Verbrechens des Raubes unter erschwerenden Umständen und wegen Übertretung des Waffenpatents angeklagt. Um eine günstigere Haftstrafe zu bekommen, behauptete er, es hätte sich nicht um einen Raubüberfall gehandelt, sondern um einen Racheakt. Lorenz Steiner hätte ihm 1926 einige „Watschen“ gegeben, weil er über dessen Grund gegangen wäre. Deshalb hätte er Steiner fast zehn Jahre später einen „Denkzettel verpassen“ wollen. Lorenz Steiner bezeichnete diese Darstellung als Lüge. Er habe Gursch als Kind gekannt, aber seitdem nie wieder gesehen. Auch das Gericht glaubte die Version des Angeklagten nicht. Der Staatsanwalt bezeichnete den Raubüberfall als einen „Akt von beispielloser Rohheit“. Im Hinblick auf die Häufung von Raubüberfällen forderte der Staatsanwalt zur Abschreckung die Höchststrafe.
Der Schwurgerichtshof sprach den Angeklagten schuldig. Emil Gursch wurde zu einer lebenslangen schweren Kerkerstrafe verurteilt, verschärft durch Dunkelhaft an jedem Jahrestag der Tat. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Gursch wie andere Häftlinge zum Minenräumen eingesetzt. Dabei dürfte er ums Leben gekommen sein.
Werner Sabitzer
OK-Bekämpfung
Operation „Achilles“
Innenminister Gerhard Karner, Brigadier Daniel Lichtenegger (BK)
© Jürgen Makowecz
Brigadier Daniel Lichtenegger, BA MA MA, Leiter des Büros 3.3 (Suchtmittelkriminalität) im Bundeskriminalamt, erhielt von Innenminister Gerhard Karner am 7. Jänner 2025 das Silberne Ehrenzeichen der Republik für die erfolgreiche Leitung der Operation „Achilles“. Der operative Leiter der Arbeitsgemeinschaft „Achilles“ im Bundeskriminalamt ist seit April 2021 federführend an den Ermittlungen gegen derzeit rund 7.000 Personen beteiligt, die Mafia-Organisationen unter anderem aus dem Westbalkan wie Serbien und Montenegro angehören. In Zusammenarbeit mit dem US-amerikanischen FBI, dem DEA sowie europäischen Strafverfolgungsbehörden wurden Unterhaltungen der Verdächtigen via Kryptohandys entschlüsselt und Österreich zur Verfügung gestellt. Darin ging es unter anderem um einen noch nie dagewesenen Umfang des organisierten Drogenhandels, Waffenhandels und schwerster Gewalttaten wie Folter und Auftragsmorde. In Österreich arbeiten rund 200 Ermittlerinnen und Ermittler des Bundeskriminalamts mit dem Kernteam der AG Achilles sowie der Landeskriminalämter, der Direktion Staatsschutz und Nachrichtendienst, an diesem größten Ermittlungskomplex der kriminalpolizeilichen Geschichte Österreichs. Sie werten Chats, Fotos und Videos von derzeit rund 7.000 Personen mit Bezug zu Österreich aus. Aufgrund der riesigen Datenmengen werden die Ermittlungen noch Jahre dauern.
Öffentliche Sicherheit, Ausgabe 3-4/2025
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