Kriminalgeschichte
Schüsse auf den Sozialrevolutionär
Vor 100 Jahren erschoss ein junger Nationalsozialist den bekannten Wiener Schriftsteller Hugo Bettauer. Die Ermittlungen gegen den Mörder waren schlampig und die Gerichtsverhandlung eine Farce.
Mordopfer Hugo Bettauer: erfolgreicher und umstrittener Schriftsteller
© Werner Sabitzer
Hugo Maximilian Bettauer war der meistgelesene Wiener Schriftsteller und Journalist der frühen 1920er-Jahre. Sein bekanntester Kriminalroman „Stadt ohne Juden“ wurde 1924 verfilmt. In der Kinofassung seines Romans „Die freudlose Gasse“ spielte Greta Garbo die Hauptrolle. Bettauer hätte als Autor wohl noch einige Werke herausgebracht, wenn er nicht Opfer eines politisch motivierten Attentats geworden wäre.
Am Dienstag, den 10. März 1925, gegen 15:15 Uhr, betrat ein junger Mann die Redaktionsräume von „Bettauers Wochenschrift“ in der Lange Gasse 5-7 im achten Wiener Bezirk. Er ersuchte, zum Herausgeber Hugo Bettauer geführt zu werden, um ihm einen Brief zu überreichen. Bettauer bat den Besucher in sein Arbeitszimmer. Dort schoss der Mann fünfmal auf den Journalisten und Autor. Zwei Projektile drangen in die Lunge ein, zwei in den Arm und ein Geschoß in die Bauchspeicheldrüse Bettauers. Der Schwerverletzte torkelte in den Empfangsraum der Redaktion, wo er zusammenbrach.
Nach einer Notoperation im Allgemeinen Krankenhaus schien sich der Zustand des Opfers zu verbessern, aber sechs Tage später starb Bettauer an einer Blutvergiftung, die offenbar zu spät erkannt worden war.
Beliebt und umstritten.
Hugo Maximilian Bettauer wurde am 18. August 1872 in Baden geboren. Nach dem frühen Tod seines aus Lemberg stammenden Vaters zog die Familie nach Wien. Als 16-Jähriger riss der Gymnasiast von zu Hause aus, fuhr nach Alexandria in Ägypten, wurde aber bald zurück nach Österreich überstellt. Mit 18 Jahren konvertierte er vom Judentum zur Evangelischen Kirche.
Nach der Matura war er Einjährig-Freiwilliger bei den Kaiserjägern in Innsbruck, desertierte aber wegen der brutalen Verhältnisse beim Heer und flüchtete nach Zürich. Er arbeitete als Journalist und heiratete seine Jugendfreundin Olga aus Wien. Das Paar emigrierte in die USA, wo seine Frau als Schauspielerin in Stummfilmen auftrat. Die Ehe scheiterte und Bettauer kehrte nach Europa zurück. Er war Redakteur bei der „Berliner Morgenpost“ und machte sich als Enthüllungsjournalist einen Namen, missfiel aber den preußischen Machthabern. Bettauer wurde entlassen und aus Preußen ausgewiesen. Nach kurzer Zeit als Journalist in München arbeitete er in Hamburg, wo er ebenfalls wegen seiner kritischen Beiträge ausgewiesen wurde. Mit seiner zweiten Ehefrau zog Bettauer nach New York und arbeitete für mehrere deutsch-amerikanische Zeitungen. Außerdem schrieb er Romane.
Rückkehr nach Wien.
Gedenktafel für Hugo Bettauer in der Lange Gasse 21 in Wien-Josefstadt
Nachdem Kaiser Franz Joseph I. anlässlich seines 60. Thronjubiläums eine allgemeine Amnestie erlassen hatte, kehrte der ehemalige Deserteur Bettauer als amerikanischer Staatsbürger mit seiner Familie nach Wien zurück. Er schrieb für die Tageszeitung „Die Zeit“ und als Korrespondent für das „New Yorker Morgenjournal“. Während des Ersten Weltkriegs war er für die „Neue Freie Presse“ tätig, wurde aber entlassen, weil er in Lemberg eine Ersatzschreibmaschine seines Arbeitgebers verkauft hatte. In der Ersten Republik war Bettauer wieder österreichischer Staatsbürger. Er schrieb für Wiener Zeitungen und als Korrespondent für New Yorker Publikationen. Sein Bekanntheitsgrad als Schriftsteller stieg. In seinen Romanen verarbeitete er vor allem das Thema Verbrechen. Er setzte sich für Arme, Schwache und Unterdrückte ein, beriet sie und unterstützte sie finanziell.
„Lebenskultur und Erotik“.
In seinen Schriften wandte sich Hugo Bettauer gegen Antisemitismus und kritisierte die bürgerliche Doppelmoral und soziale Missstände. Er wandte sich gegen die Obrigkeit, insbesondere gegen Bundeskanzler Ignaz Seipel.
Sehr auflagenstark, aber umstritten, war Bettauers Periodikum „Er und Sie – Wochenschrift für Lebenskultur und Erotik“. Hauptthemen waren Sexualaufklärung und Lebensberatung. Propagiert wurde unter anderem freie Sexualität für Frauen sowie Straffreiheit von Abtreibung und homosexuellen Handlungen. „Er und Sie“ führte zu einer antisemitischen Pressekampagne. Hugo Bettauer und Mitherausgeber Rudolf Olden wurden wegen Kontaktinseraten in „Er und Sie“ im September 1924 wegen Pornografie und Kuppelei angeklagt, aber freigesprochen.
Als „Sozialrevolutionär“ fiel Bettauer bei den Konservativen und Rechten in Ungnade. Die Zahl seiner Feinde wuchs, vor allem unter den Nationalsozialisten, die zunehmend an Einfluss gewannen. Bettauer bekam Drohbriefe und auf Flugzetteln wurde seine Ermordung gefordert.
Umstrittenes Urteil.
Grabtafel Hugo Bettauers im Urnenhain beim Wiener Zentralfriedhof
© Werner Sabitzer
Nach dem Attentat auf Hugo Bettauer schloss sich der Täter im Arbeitszimmer des Schriftstellers ein, wartete auf das Eintreffen der Polizisten und ließ sich festnehmen. Wegen Angstzuständen musste er beim Eskortieren in das Kommissariat Josefstadt von zwei Polizisten gestützt werden. Beim Attentäter handelte sich um den 20-jährigen Otto Rothstock, einen Gelegenheitsarbeiter und Nationalsozialisten. Bei der ersten Vernehmung prahlte Rothstock mit der Tat und behauptete, „Teil einer großen Sache“ zu sein.
Das Interesse der Polizei und Justiz an einer Aufklärung des Mordfalls war nicht allzu hoch. Die Kriminalbeamten stuften Rothstock als Einzeltäter ein, ernsthafte Ermittlungen zu einem möglichen Komplott blieben aus.
Beim Geschworenenprozess im Oktober 1925 im Landesgericht für Strafsachen Wien wurde Otto Rothstock einstimmig des Mordes für schuldig gesprochen, aber gleichzeitig wegen einer „Geisteskrankheit“ für zurechnungsunfähig erklärt. Der Staatsanwalt verzichtete auf Berufung. Der Mörder wurde nach 18 Monaten in einer psychiatrischen Anstalt als „geheilt“ entlassen. Rothstock gab später an, mit dem Mord habe er der NSDAP einen „neuen Kampfimpuls“ geben wollen. Er beteiligte sich auch am Putschversuch der Nationalsozialisten im Juli 1934 in Österreich und flüchtete nach der Niederschlagung nach München. Er blieb in Deutschland.
Gedenktafeln.
In Erinnerung an Hugo Bettauer wurde am 18. Juni 2002 an der Fassade des ehemaligen Redaktionsgebäudes der Zeitschrift „Er und Sie“ in der Lange Gasse 21 in Wien-Josefstadt eine Gedenktafel angebracht. Die Inschrift der Tafel lautet: „Hugo Bettauer / Schriftsteller und Journalist / 18.8.1872 – 26.3.1925“.
Werner Sabitzer
Quellen/Literatur:
Valentin Fuchs: Die Hinrichtung Hugo Bettauers. Zur Aufarbeitung eines rechtsextremen politischen Attentats. Promedia, Wien 2022
Wiener Stadt- und Landesarchiv, Landesgericht für Strafsachen, A11: 1749/1925 – Strafverfahren Otto Rothstock
Öffentliche Sicherheit, Ausgabe 3-4/2025
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