Fachkonferenz
Schutz kritischer Infrastruktur
Schutz kritischer Infrastruktur, Blackout, Störfallmanagement, Stressbewältigung und Desinformation waren Themen der Fachkonferenz Unternehmenssicherheit und Personenschutz am 11. September 2024 in der Burg Deutschlandsberg in der Steiermark.
Cordula Simon und Stefan Auer, Forschende des Austrian Center for Intelligence, Propaganda and Security Studies (ACIPSS) informierten über „Digitale Desinformation & Manipulation – Herausforderungen und Werkzeuge für höhere Manipulationsresilienz“. Sie boten im Kontext von Desinformation und Fake News einen Einblick in die Zusammenhänge zwischen neuen Kommunikationstechnologien und dem mit ihnen einhergehenden medialen Wandel, erklärten psychologische Effekte bei der Informationsverarbeitung und informierten über Verschwörungsdenken und Radikalisierung. Die beiden Experten zeigten auf, wie der Siegeszug von Social Media mit dem Niedergang von Printmedien und Recherchejournalismus, zusammen mit menschlicher Voreingenommenheit, dem Wunsch nach Bestätigung und Gruppenzugehörigkeit sowie die durch unser Klickverhalten gesteuerten Algorithmen gefährliche Synergien bilden, die zunehmend die Grundfesten unserer Demokratie, unserer Diskurse und unser Verständnis von Wahrheit erschüttern.
Das Thema Blackout und seine Folgen wurde von Gottfried Pausch, Bundesheeroberst in Ruhe, ehemaliger Vizepräsident der „Österreichischen Gesellschaft für Krisenvorsorge“ in Form eines Workshops mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern erarbeitet.
Ö̈sterreich dürfe stolz darauf sein, dass die Versorgung mit elektrischer Energie bislang sehr gut funktionierte und in den letzten 15 Jahren nur ganz wenige Stromausfälle zu verzeichnen waren, die binnen kürzester Zeit wieder behoben werden konnten. Andere europäische Staaten waren hingegen bereits mit großräumigen Strom- und Infrastrukturausfällen konfrontiert, die längere Zeit anhielten und erhebliche Teile der Gesellschaft lahmlegten. Die Wahrscheinlichkeit eines Blackouts in Europa nimmt nach Ansicht von Energieexperten zu, weil unter anderem die Bedeutung moderner Informations- und Kommunikationstechnologien zur Steuerung der komplexen Stromnetze steigt und dadurch vermehrt Störungen auftreten, die die Versorgung mit elektrischer Energie gefährden.
Da die Folgen eines Blackouts katastrophal sind, ist es wichtig, dass sich die Bevölkerung mit einem derartigen Szenario beschäftigt und Vorbereitungen trifft, um zumindest zwei Wochen ohne Strom und funktionierende Infrastruktur unbeschadet zu überstehen. In seinem Vortrag analysierte Pausch die möglichen Auswirkungen eines Blackouts auf Österreich und schlug Maßnahmen vor, wie Familien, Betriebe, Behörden, Einsatz-, Rettungs- und Hilfsorganisationen eine derartige Katastrophe bewältigen könnten.
Profiling.
Fachkonferenz: Stefan Auer und Cordula Simon informierten über „Digitale Desinformation & Manipulation – Herausforderungen und Werkzeuge für höhere Manipulationsresilienz“ © Closeprotection
Die ehemalige peruanische Undercover-Agentin Caballero Susana erklärte, wie man Profiling zum Schutz kritischer Infrastruktur nutzen kann. Speziell im Umkreis kritischer Infrastruktur sei es wichtig, geschultes und vertrauenswürdiges Sicherheitspersonal sowohl vor den Bildschirmen als auch vor Ort zu haben, um mögliche Gefahren zu erkennen und den Schaden für Leib, Leben und negative Auswirkungen auf die Reputation für das Unternehmen so klein wie möglich zu halten. Sie stellte die wesentlichen Techniken des Profilings von Personen anhand ihres Aussehens, ihrer Körpersprache, ihres Gesichtsausdrucks und ihres emotionalen Ausdrucks dar. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer lernten, verschiedene Hinweise zu erkennen, zu analysieren und zu interpretieren, die Einblicke in die Identität, Stimmung und Absichten einer Person geben können. Wenn man Körperhaltung, Gesten und Bewegungen versteht, könne man Anzeichen von Stress, Selbstvertrauen, Angst oder Ruhe erkennen, erklärte Caballero. Die Expertin vermittelte grundlegende Fähigkeiten zur Analyse und Interpretation sowohl physischer als auch emotionaler Eigenschaften von Personen.
Peter Endress von der Swiss Platinum Consulting AG stellte die Alarm-, Notfall- und Störfallmanagement-Plattform EVALARM zur Absicherung kritischer Infrastruktur sowie zur Absicherung von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in öffentlichen Einrichtungen wie Gemeindeämter und Kundencentern anhand von Praxisbeispielen vor.
Herbert Unger, freier gewerblicher Datenschutzbeauftragter, brachte Ansätze zum Schutz kritischer Infrastruktur und wies auf Schwachstellen hin, wie beispielsweise nicht besetzte Schlüsselpositionen im Bereich Sicherheit, veraltete Software und frei zugängliche Daten (Open Data) eines Unternehmens oder einer Organisation.
Aufgrund nicht geplanter Stellen oder wegen fehlender Budgets komme es vor, dass Schlüsselpositionen wie die des Sicherheitsbeauftragten, NIS-Beauftragten, Geheimschutzbeauftragten oder Datenschutzbeauftragten nicht besetzt würden, erklärte Unger. Das stelle ein wesentliches Problem bei der Gefahrenabwehr für kritische Infrastruktur dar. Die Grundschulungen und laufenden Weiterbildungen dieser Spezialistinnen und Spezialisten sowie die Schulung von Führungspersonal und Angestellten kritischer Infrastruktur stellen das Fundament für den Schutz und die Gefahrenabwehr dar. Veraltete Software, vor allem in technischen Anlagen, zusammen mit Sicherheitslücken im EDV- und Kommunikationsnetzwerk samt fehlender Wartung sind ein Einfallstor für Cyber-Angriffe.
Neue Entwicklungen wie Open Data, Drohnenaufklärung, KI und die detaillierte Abbildung kritischer Infrastruktur in Geo- Informationssystemen der Länder oder im Internet machen es Angreifern über offen zugängliche Daten leicht, kritische Infrastruktur zu orten.
Forensik.
Albert Quehenberger, Gründer der A|Q Forensics GmbH, referierte über Cybercrime und die „Human Firewall“ sowie über die Herausforderungen des geänderten Finanzverhaltens aufgrund der Digitalisierung und den Einsatz von Kryptowährungen. Quehenberger erläuterte, wie mithilfe von Blockchain-Technik verdächtige Transaktionen forensisch analysiert und kriminelle Netzwerke enttarnt werden können. In einem Beispiel wurde der Ermittlungsverlauf von der Analyse verdächtiger Transaktionen bis zur Aufdeckung von kriminellen Strukturen skizziert. Abgerundet wurde der Vortrag durch eine Übung, bei der die Teilnehmerinnen und Teilnehmer frei zugängliche Daten (Open-Source-Intelligence) in einem simulierten Fall analysierten und Erkenntnisse für den praktischen Einsatz sammelten.
Selbststärkung.
Der Veranstalter, Sicherheitsexperte und Autor Markus Schimpl, stellte sein Buch „Handlungsfähig in Extremsituationen“ vor. Er sprach über die Wirkung von Adrenalin in Extremsituationen sowie über Mut, Angst, Stress, Motivation und vor allem das Erkennen von und den Umgang mit gesundheitsgefährdenden Parametern.
Zum Thema Stressbewältigung referierte der Gesundheitstrainer und Tao-Kalligrafielehrer Martin Veigl (Gastkommentar im Buch Handlungsfähig in Extremsituationen) und erklärte die Besonderheiten der Tao-Kalligrafie, die uns mit einfachen Übungen hilft, schnell wieder innere Ruhe, Resilienz als auch Fokussierung aufzubauen. Eingesetzt werden diese Mental-Health-Anwendungen entweder bewegt oder meditativ und können geschrieben werden. Schulen, Arztpraxen und Unternehmen nutzen diese Kunst der Selbststärkung.
Simulationen.
Daniel Huber, der Geschäftsführer von Simblast, nahm zum Thema „Impakt- und Ansprengvorgänge an kritischer Infrastruktur – Optimierung des baulichen Schutzes mithilfe der numerischen Simulation“, online an der Veranstaltung teil. Numerische Simulation ermöglicht es, komplexe Systeme und Phänomene computerbasiert zu analysieren und vorherzusagen. Durch die Anwendung mathematischer Modelle und Algorithmen kann man Experimente virtuell durchführen, Risiken minimieren und Ressourcen effizienter nutzen.
Simblast hat sich auf die Berechnung von Anprall-, Beschuss- und Ansprengvorgängen spezialisiert und stellt diese Dienstleistungen der Sicherheits- und Verteidigungsindustrie sowie Behörden zur Verfügung. Die möglichen Auswirkungen und Schäden von realen Bedrohungen (Beschuss-, Anspreng- und Impaktvorgänge) können mit Hilfe von Hochleistungsrechnern ermittelt werden. Mit diesen Erkenntnissen können Schutzkonzepte etwa an kritischer Infrastruktur überprüft oder die Wirksamkeit von physischen Perimetern bei zukünftigen Projekten bereits in der Planungsphase berücksichtigt werden. Neben einer erheblichen Kosteneinsparung im Vergleich mit einem konventionellen Realversuch liefern Simulationen der Simblast GmbH auch deutlich schnellere Erkenntnisse zur Wirksamkeit einer Schutzkonstruktion.
Die 5. Fachkonferenz Unternehmenssicherheit und Personenschutz findet von 4. bis 5. Juni 2025 ebenfalls in der Burg Deutschlandsberg statt. Hauptthema wird die Steigerung der Widerstandsfähigkeit und Resilienz sein. Zielgruppen sind Vertreter des Managements und Risikomanagements, Geschäftsführer sowie Sicherheitsverantwortliche. Infos unter www.closeprotection.at
Handlungsfähig in Extremsituationen
„Handlungsfähig in Extremsituationen – Der Umgang mit Adrenalin“ ist das neueste Buch von Markus Schimpl, einem Autor und Experten für Selbstverteidigung, Stressbewältigung und mentale Stärke. Das Buch richtet sich nicht nur an Einsatzkräfte und Fachleute, die in belastenden und risikoreichen Situationen arbeiten – von Spezialeinheiten über Rettungskräfte bis hin zu Extremsportlern. Es liefert wertvolle Einblicke und praktische Ansätze, um in Extremsituationen handlungsfähig zu bleiben und das eigene Stresslevel gezielt zu steuern. Zwar liegt der Fokus des Buches auf der Anwendung in Risikosituationen, doch Schimpl schreibt, dass die Techniken universell einsetzbar seien – sei es im beruflichen Alltag oder im privaten Leben. Der Autor bietet Ansätze für Motivation, Stressbewältigung und Gesundheit. Schimpl beleuchtet Themen, wie die Aktivierung des „Bauchgefühls“ und die Bedeutung mentaler Vorbereitung auf Extremsituationen.
Die Fähigkeit, intuitiv die richtige Entscheidung zu treffen, lässt sich laut Schimpl trainieren und verbessern. Mit dem Leitsatz „Keep cool, don’t freeze“ vermittelt er Übungen und Methoden, um in kritischen Momenten Ruhe zu bewahren und situationsgerecht zu reagieren. In einem Kapitel widmet er sich der Überwindung von Furcht und zeigt, wie Einsatzkräfte und Extremsportler lernen, mit ihrer Furcht umzugehen, ohne von ihr gelähmt zu werden. Schimpl greift auf seine Erfahrung zurück, um den Leser durch Techniken zur Angstreduktion und Selbstkontrolle zu führen. Interviews und Gastbeiträge von Hochleistungsexperten, darunter Extremsportlern, Weltrekordhaltern, Mitgliedern von Spezialeinheiten und Undercover-Agenten. Persönlichkeiten wie der Schwimmweltmeister Markus Rogan, der Kraftsportler Franz Müllner und Tenniscoach Günter Bresnik teilen ihre Strategien, um mentale und körperliche Herausforderungen zu meistern.
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Markus Schimpl: Handlungsfähig in Extremsituationen, Leopold Stocker Verlag, Graz, 2024
Öffentliche Sicherheit, Ausgabe 1-2/2025
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