Italien
Weltpolizeimuseum im Bahnhof
In einem stillgelegten Bahnhof in San Biagio di Callalta in der Nähe von Venedig befindet sich seit 2017 ein Privatmuseum mit Polizeiuniformen und Polizeiabzeichen aus aller Welt.
World Police Museum in San Biagio di Callalta: Uniformen, Kappen, Helme, Kommunikationsmittel und andere Exponate © Gregor Wenda
World Police Museum (Museum der Polizei aus aller Welt) steht über dem Eingang eines zweistöckigen Ziegelbaus in der italienischen Kleinstadt San Biagio di Callalta, etwa eine halbe Autostunde von Venedig entfernt. Hinter dem Gebäude fahren Züge ein und ab, Durchsagen kündigen die Verbindungen an.
„Früher war das der Bahnhof von San Biagio di Callalta, heute wird der Bahnverkehr über moderne Plattformen in der Nähe abgefertigt“, erzählt Michele Mastrosimone. Er ist Polizeibediensteter in der Quästur, dem Polizeipräsidium der Provinz Treviso, und seit 2017 Inhaber des World Police Museum. Als die italienische Eisenbahngesellschaft ankündigte, aufgelassene Bahnhofsgebäude an gemeinnützige Organisationen zu verschenken, witterte Mastrosimone vor rund zehn Jahren die Chance, ein neues Zuhause für seine umfangreiche Polizeisammlung zu finden. Durch seine Kontakte mit der US-amerikanischen National Police Defense Foundation, einer gemeinnützigen Stiftung, die im Einsatz verletzten Polizeibediensteten unter die Arme greift und auch in Italien vertreten ist, war es möglich, das Gebäude zu übernehmen. „Ich habe mit Freunden und Familie viel Zeit und Energie in die Renovierung des alten Hauses gesteckt. Meine größte Stütze ist meine Frau Elisa“, betont Mastrosimone.
Im Mai 2017 wurde sein langgehegter Traum Wirklichkeit – die erste Ausstellung konnte eröffnet werden. Mastrosimone sieht das Museum als Ort der Begegnung und der Information über das internationale Polizeiwesen. Nach Vereinbarung stehen die Räume jedermann zur Besichtigung offen. Zu Gast waren bereits Polizeibeamte und Sammler, Schülergruppen, Reisende und Persönlichkeiten aus Politik und Verwaltung. „Dank der Unterstützung der Stadtverwaltung von San Biagio di Callalta sind wir bis heute wahrscheinlich das einzige Polizeimuseum, das in einem Bahnhof untergebracht ist“, sagt Mastrosimone.
Vom Vater zum Sohn.
Michele Mastrosimones Vater Pietro stand von 1956 bis 1996 im Dienst der nationalen Polizei, der Polizia di Stato. Knapp vor seiner Pensionierung trat Michele 1995 in die Fußstapfen des Vaters. „Er hat mir die Liebe zur Arbeit der Exekutive und das Interesse an Polizeigeschichte und an Uniformen mitgegeben“, sagt Mastrosimone. Die Dienstkleidung von Vater Pietro hat einen Ehrenplatz im Museum. Jacken, Hosen, Metallmarken, Medaillen, Tellerkappen, Hüte, Bücher, Grafiken, Fotos, Modellautos, Stationsschilder, Fahnen, Waffen, eine Notrufsäule und ein Funktisch sind in mehreren Räumen zu finden.
Ins Auge sticht ein lebensgroßes Pferdemodell samt Reiterfigur in der roten Uniform eines kanadischen „Mountie“. Das älteste Objekt ist das Dienstbuch eines Polizisten aus Verona aus dem 19. Jahrhundert.
Italien und Österreich.
1852 wurde in Sardinien ein ziviles Korps der öffentlichen Sicherheit eingerichtet – in Abgrenzung zu den militärisch organisierten Carabinieri, die seit 1814 bestanden. Die Niederlage Österreichs in der Schlacht von Solferino 1859 ebnete den Weg zu einem gemeinsamen italienischen Königreich: Viktor Emanuel II. von Sardinien wurde 1861 der erste König; Turin wurde Hauptstadt. Mit der Einheit Italiens wurde das Korps der öffentlichen Sicherheit auf das gesamte Staatsgebiet ausgedehnt und eine Generaldirektion für die öffentliche Sicherheit eingerichtet.
Dass die Geschichte Italiens mit der österreichischen Geschichte verwoben ist, hat Michele Mastrosimone im Museum gewürdigt – etwa durch Objekte der österreichischen Polizei und durch ein Widmungsschreiben des Bundesministeriums für Inneres, das er 2018 – anlässlich einer Sonderausstellung zum Ende des Ersten Weltkriegs – von der damaligen Staatssekretärin Karoline Edtstadler erhalten hat. „Vor über hundert Jahren standen sich Österreich-Ungarn und Italien als Feinde gegenüber, heute ist es unsere Aufgabe, der damaligen Opfer zu gedenken und die Freundschaft der Staaten zu pflegen“, betont Mastrosimone.
World Police Museum: Exponate zum Thema Verkehrsabteilung; Sammlung von Kappen ausländischer Polizeibehörden © Gregor Wenda
Polizeigeschichte.
Aufgrund der Vielfalt von Wachkörpern in Italien hat sich Michele Mastrosimone dazu entschieden, im Museum nur die Polizia di Stato näher zu beleuchten. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde das Korps der Königlichen Garde für die öffentliche Sicherheit (Corpo della Regia Guardia per la Pubblica Sicurezza) gegründet, in das die seit 1890 bestehenden städtischen Wachen fusioniert wurden. Zur Professionalisierung der kriminalistischen Arbeit wurde 1919 ein eigenständiges Korps von Ermittlungsagenten eingerichtet. Nach der Machtübernahme der Faschisten wurden die Königliche Garde und das Korps der Ermittlungsagenten 1925 zum Korps der öffentlichen Sicherheitsagenten (Corpo degli Agenti di Pubblica Sicurezza) zusammengeführt; 1943 wurde das Korps in die Streitkräfte aufgenommen, blieb aber dem Innenministerium unterstellt.
Nach dem Sturz Benito Mussolinis wurde die Garde für die öffentliche Sicherheit (Corpo delle Guardie di Pubblica Sicurezza) zur neuen polizeilichen Organisation. Bis zur Befreiung Italiens vom NS-Regime 1945 unterstützten Mitglieder dieses Korps die Partisanen im Kampf gegen die Nazis. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges und der Gründung der italienischen Republik 1946 kamen der Garde wichtige Funktionen zur Aufrechterhaltung der Ruhe, Ordnung und Sicherheit zu. Mit der zunehmenden Motorisierung wurde die Verkehrspolizei ausgebaut, ab 1959 gab es ein Frauenpolizeikorps (Polizia Femminile), das für Frauen und Minderjährige eingesetzt wurde. Im April 1981 wurde die Garde für die öffentliche Sicherheit von der neu geschaffenen Nationalpolizei (Polizia di Stato) abgelöst, das Frauenpolizeikorps wurde abgeschafft.
Umfangreiche Sammlung.
Michele Mastrosimone: Polizist und Inhaber des World Police Museum © Gregor Wenda
Das World Police Museum zeigt aus allen Epochen der italienischen Polizeigeschichte Uniformen, Abzeichen und Gedenkstücke, dazu kommen Memorabilien aus aller Welt. Etwa 80 Uniformen, 150 Kappen und mehr als 1.000 Stoffabzeichen aus über 100 Staaten sind derzeit zu sehen. „Leider ist der Platz im ehemaligen Bahnhof sehr beschränkt, sonst könnte ich aus meiner persönlichen Sammlung 250 komplette Uniformen, über 200 Mützen und mehr als 10.000 Aufnäher ausstellen“, sagt Michele Mastrosimone. Einige Objekte sind derzeit am Dachboden verstaut. Der Polizist versucht in seiner Freizeit unter anderem, die Polizeisysteme Italiens in der wenig beleuchten Zwischenkriegszeit zu erforschen und Sammelstücke von Polizeibehörden afrikanischer Staaten oder aus dem ozeanischen Raum für das Museum zu bekommen. Durch Kollegen und Freunde, bei Reisen, beim Besuch von Börsen und Sammlertreffen, aber auch über Internetkäufe kommen laufend neue Stücke hinzu. Seit 2017 kann der Museumsinhaber eine Originaluniform der vatikanischen Gendarmerie präsentieren. „Das Korps der Vatikan-Gendarmerie ist sehr klein und Anfragen von Sammlern haben in aller Regel keinen Erfolg“, berichtet Mastrosimone. Durch persönliche Kontakte gelang es ihm, eine Ausnahme zu erwirken. Da die Angehörigen der vatikanischen Gendarmerie typischerweise Italiener sind und mit der Polizia di Stato und den Carabinieri zusammenarbeiten, besteht ein unmittelbarer Konnex zu Italien.
Maskottchen.
Das World Police Museum ist auf Facebook und Instagram zu finden. Dadurch können Fans mitverfolgen, welche Ausstellungen gerade laufen und welche Neuigkeiten im Museum zu finden sind. Der italienische Cartoonist Valentino Villanova hat zwei Maskottchen für das Museum geschaffen, die einen humorvolle Abwechslung zu den fachbezogenen Exponaten bieten und vor allem Kinder ansprechen sollen: „Es sind Tierfiguren und Symbole für die Stärke und den Mut der Polizei“, sagt Mastrosimone. Der Polizist „Leo“, ein Löwe, und die Polizistin „Polly“, eine Füchsin, sind auf Zeichnungen an verschiedenen Stellen im Museums zu sehen und wurden auch als Schlüsselanhänger produziert.
Gregor Wenda
Öffentliche Sicherheit, Ausgabe 1-2/2025
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