Rumänien
Voneinander lernen
Die österreichische Alpinpolizei und die rumänische Gebirgsgendarmerie wollen künftig in der Ausbildung kooperieren. Ziel beider Seiten ist es, von den Erfahrungen des jeweils anderen zu lernen.
Rumänische Gebirgsgendarmen retten jährlich 500 bis 800 Menschen © Gebirgsgendarmerie Rumänien
Mit einer Gesamtlänge von über 900 Kilometern und bis zu 350 Kilometern Breite nehmen die Karpaten fast ein Drittel des rumänischen Staatsgebiets ein. Höchster rumänischer Gipfel ist der 2.544 Meter hohe Moldoveanu in den Transsilvanischen Alpen, einem touristisch wenig erschlossenen Gebiet der Südkarpaten. Im Gegensatz zu den zumeist dicht erschlossenen Alpen weisen die Karpaten trotz ihrer touristischen Infrastrukturen weitläufig dünn besiedelte Gebiete sehr ursprünglichen Charakters mit viel Wald und starker Wildtierpopulation auf.
Für die Sicherheit in den Karpaten ist die Gebirgsgendarmerie – die „Jandarmeria Montană“ – zuständig. Sie gehört zur rumänischen Gendarmerie, die dem dortigen Innenministerium unterstellt und nach militärischen Grundsätzen für die Sicherstellung der öffentlichen Ordnung im gesamten Staatsgebiet Rumäniens verantwortlich ist.
Bären und Wölfe.
Gesetzlich ist die Gebirgsgendarmerie mit der Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung und Sicherheit in den Berggebieten – also der Verhinderung und Bekämpfung von Straftaten – beauftragt. Dazu zählen die Unfallverhütung und Prävention sowie – als Einsatzschwerpunkte – die Suche, Rettung und Bergung von Personen. Ihre medizinischen Versorgungstätigkeiten beschränken sich auf lebensrettende Sofortmaßnahmen und den Transport in ein Krankenhaus. Darüber hinaus besteht eine enge Zusammenarbeit mit der rumänischen Bergrettungsorganisation „Salvamont“.
Die Gebirgsgendarmerie informiert über Risiken der Wildtierfütterung und über Verhaltensregeln – beispielsweise in Präventionsvorträgen an Schulen. Außerdem überwacht sie die Einhaltung der Jagd-, Fischerei- und Umweltschutzgesetze. Bei Einsätzen mit gefährlichen oder notleidenden Tieren ist die Gebirgsgendarmerie befugt, Waffen – wie Betäubungsmittel, Gummigeschoße oder Ultraschall – zu nutzen, um Tiere zu immobilisieren oder zu töten, wenn diese das Leben oder die körperliche Unversehrtheit von Personen oder ihres Eigentums gefährden. Gleiches gilt, wenn die Gebirgsgendarmen selbst gefährdet werden. Andererseits schützen sie auch Wildtiere vor den Menschen: Die Gebirgsgendarmerie nahm beispielweise am Projekt über die Bären- und Wolfspopulation mit der Europäischen Kommission und dem Life-Connect-Karpaten-Verband teil.
Wie groß ist die Gefahr durch Wildtiere in der Realität?
Die rumänische Gebirgsgendarmerie verfügt über 600 Einsatzkräfte © Gebirgsgendarmerie Rumänien
Die Wolfspopulation Rumäniens ist groß, aber bisher wurden keine Übergriffe auf Touristen verzeichnet. Gefährlicher sind Braunbären. Denn in Rumäniens Karpaten lebt mit rund 8.000 Braunbären die zweitgrößte Bärenpopulation Europas. Die Bären dringen in Gebäude ein und greifen Personen an. Beispielsweise ereignete sich im Juli 2024 eine tödliche Bärenattacke auf eine 19-jährige Wanderin. Als Bergretter und Gebirgsgendarmerie eintrafen, griff der Bär diese auch an und wurde getötet.
Insgesamt 600 Einsatzkräfte und 77 Gebirgsgendarmerieposten verteilen sich auf die drei Gebirgssektionen Sinaia, Bran und Lupeni. Die Gebirgsgendarmerie ist damit für ein Territorium verantwortlich, das rund 170 Naturschutzgebiete und unzählige Touristenattraktionen umfasst. Rund 1,5 Millionen Touristinnen und Touristen besuchen jährlich die Karpaten. Die Reaktionszeit bei Such- und Rettungseinsätzen beträgt etwa 95 Minuten und jährlich werden 500 bis 800 Menschen von Gebirgsgendarmen gerettet.
Welche Leichtsinnigkeiten begehen Menschen in den Karpaten? Dr. Gabriela Gagea von der österreichischen Botschaft in Bukarest berichtet: „Das ist wie überall. Sie tragen keine entsprechende Ausrüstung, wandern alleine statt in Gruppen. Und sie verständigen ihre Angehörigen oder die Behörden nicht.“
Die Gebirgsgendarmerie verfügt über keine eigenen Hubschrauber, kann aber bei Bedarf die Dienste des Generalinspektorates für Luftfahrt in Anspruch nehmen. Dieses gehört wie das Generalinspektorat für Katastrophenschutz zum rumänischen Innenministerium. Die Helikopter beider Einheiten werden im nationalen medizinischen Notfalldienst eingesetzt.
Ausbildung und Leidenschaft für die Berge.
Neben der gebirgstechnischen Grundausbildung haben die Einsatzkräfte der rumänischen Gebirgsgendarmereie unterschiedliche Zusatzausbildungen absolviert © Gebirgsgendarmerie Rumänien
Das 2004 gegründete Ausbildungszentrum „König Carol I.“ in Sinaia wurde anfangs vom Ausbildungszentrum der französischen Hochgebirgsgendarmerie in Chamonix-Mont-Blanc unterstützt. Es besteht eine enge Kooperation mit der französischen Gendarmerie. 2010 folgte ein Rahmenabkommen mit der Schweiz. Ab 2013 wurden rumänische Gendarmen in medizinischer Hilfe, bei Rettungseinsätzen sowie in der Windenrettung ausgebildet. Bei einer Windenrettung benötigt man im Gegensatz zur Seil-/Taubergung keine Zwischenlandung des Hubschraubers. Seit 2020 ist die Gebirgsgendarmerie Mitglied der Internationalen Kommission für Alpine Rettung (ICAR), der über 120 militärische und zivile Institutionen aus über 40 Ländern angehören. Die Gebirgsgendarmerie hat auch ausländische Partner – wie beispielweise die ukrainische Nationalgarde – ausgebildet.
Neben der gebirgstechnischen Grundausbildung haben die Einsatzkräfte unterschiedliche Zusatzausbildungen absolviert: 150 Berggendarmen wurden vom nationalen Rettungsdienst SMURD als Rettungssanitäter zertifiziert, 14 Gendarmen wurden von der Schweizerischen REGA-Luftrettung in der Windenrettung ausgebildet und zehn Gebirgsgendarmen werden jährlich von deutschen und Schweizer Experten für die Seilbahnrettung trainiert. Hinzu kommen lokale, regionale und landesweite Übungen.
Kooperation zwischen Österreich und Rumänien.
Trotz des weitläufigen Gebiets der Karpaten erreichen die Einsatzkräfte innerhalb von 90 Minuten den Einsatzort © Gebirgsgendarmerie Rumänien
Die rumänische Gebirgsgendarmerie und die österreichische Alpinpolizei planen eine Ausbildungskooperation. Die geografischen Gegebenheiten sind nicht ganz vergleichbar, denn besonders die Topografie, Besiedlungsstrukturen und die Infrastruktur der Karpaten sind anders als in den Alpen: Den rumänischen Karpaten fehlen Gletscher und das Gebiet ist weniger hochalpin, hat aber mit Wölfen und Bären eine große Wildtierpopulation. Personensuchen beziehen sich auf weiträumige und bewaldete Flächen.
„Wie bei anderen Polizeikooperationen geht es um die Erweiterung des Netzwerkes von Polizeiorganisationen, die mit alpinen Themen – wie die Personenrettung, Erhebungen und Ermittlungen von Ereignissen – betraut sind“, sagt Attaché Hans Arzbacher, Verbindungsbeamter des Innenministeriums in der österreichischen Botschaft in Bukarest. „Unsere Alpinpolizei hat viel Know-how in der Aus- und Fortbildung. Das ist ein weiterer Schwerpunkt der Kooperation.“ Die Organisationsformen der österreichischen Alpinpolizei und der rumänischen Alpingendarmerie sind nur bedingt vergleichbar. Die Ausbildungszeiten der rumänischen Bediensteten sind kürzer.
„Für uns sind solche Kooperationen interessant, weil wir neue Erkenntnisse über die Herangehensweise, Organisation und Durchführung von Rettungsaktionen und Polizeieinsätzen im Gebirge gewinnen“, erläutert Attaché Hans Arzbacher.
Ähnliches gelte für die rumänische Gebirgsgendarmerie, die besonders die Aus- und Fortbildung der eigenen Ausbilderinnen und Ausbilder ausbauen wolle. Seitens der rumänischen Gendarmerie wird bestätigt, dass eines der wichtigsten Ziele die Standardisierung von Einsatzabläufen in Gebirgsgebieten und die Anpassung an technische Prozesse sei. Hingegen könne die österreichische Alpinpolizei von den sehr spezifischen Erfahrungen aus den Karpaten lernen. Eine Vereinbarung – vergleichbar mit der Kooperationen anderer Zivil- und Katastrophenschutzabkommen mit Partnerländern – gebe es nicht, sie wird aber von der rumänischen Seite angestrebt.
Zu ersten Gesprächen von Vertretern beider Länder kam es am 24. und 26. Juni 2024 in Bukarest und Sinaia. Colonel Lucian Trășcălie, stellvertretender Generalinspektor der rumänischen Gendarmerie, leitete die rumänische Delegation. Oberst Hans Ebner, Leiter der Alpinpolizei im BMI und Kontrollinspektor Michael Bachlechner, Ausbildungsleiter der Landespolizeidirektion Kärnten, bildeten die österreichische Delegation. In Sinaia traf sich die Delegation mit den beiden Leitern des rumänischen Ausbildungszentrums: Colonel Valeriu Cioboată, Kommandant der Jandarmeria Montană in Sinaia sowie Lieutenant Colonel Lucian Miu-Grigorescu, dem Stellvertreter der Einheit.
Gegründet wurde die rumänische Gebirgsgendarmerie am 3. April 1850 vom Herrscher des Fürstentums Moldau, in einer Epoche vieler Gendarmerie-Gründungen in Osteuropa. 1937 wurden die ersten vier Gebirgsgendarmerien gegründet. Während der kommunistischen Herrschaft wurde die Gendarmerie aufgelöst. Erst am 5. Oktober 2001 wurde im Prahova-Tal eine Gebirgsgendarmerie neu aufgestellt, die die öffentliche Ordnung in Ferienorten, auf Skipisten und auf Wanderwegen sowie der Suche und Rettung von Personen sicherstellen sollte.
Benedikt Haufs
Öffentliche Sicherheit, Ausgabe 1-2/2025
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