Polizeigeschichte
„Weltbester Kriminologe“
Ferdinand Watzek, ein erfolgreicher Wiener Kriminalbeamter, wurde 1930 für ein Jahr nach Chicago berufen, wo er das kriminalistische Institut der Northwestern Universität weiterentwickelte und in zahlreichen Strafsachen kriminalistische Beweise lieferte.
Kriminalist Ferdinand Watzek mit seiner Assistentin Jeanny van Lock im Kriminallabor in Chicago (Titelblatt der Zeitschrift „Wiener Bilder“, Nr. 21/1930) © Wiener Bilder
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts genoss Wiens Polizei Weltruf. Die „Wiener Schule der Kriminalistik“ war Vorbild für viele Verbrechensbekämpfungsorganisationen in anderen Ländern. Polizeipräsident und Spitzenpolitiker Hans Schober sorgte für eine Aufrüstung und Weiterentwicklung der Polizei auf vielen Gebieten. 1923 wurde bei der Polizeidirektion Wien das „Kriminalistische Laboratorium“ und im Jahr darauf das „Kriminalistische Institut“ eingerichtet.
Viele Delegationen aus anderen Ländern kamen nach Wien, um die Arbeitsweise der Polizei kennenzulernen. Polizeiexperten aus Österreich wurden eingeladen, in anderen Ländern Aufbauarbeit zu leisten, unter ihnen der erfolgreiche Wiener Kriminalbeamten-Bezirksinspektor Ferdinand Watzek. Er verließ am 10. April 1930 Wien, um an Bord des Passagierdampfers „Europa“ den Atlantik zu überqueren und in der US-Metropole Chicago in Illinois einen neuen Job anzutreten – als Generalassistent am neu errichteten Crime Detection Laboratory der Northwestern Universität.
In Chicago herrschten damals Bandenkriege um die Vorherrschaft im Alkoholhandel während der Prohibition, im illegalen Wettgeschäft und in anderen ertragreichen kriminellen „Geschäftsfeldern“. Der bekannteste Bandenboss war Alphonso „Al“ Capone.
Ferdinand Watzek hatte sich in der Kriminalpolizei, in der Staatspolizei, im Erkennungsamt, in der Moulageabteilung und im Polizeimuseum Verdienste erworben. Er wurde schon früh mit heiklen Ermittlungen und Observationen betraut. Er war einer jener drei Kriminalbeamten („Polizeiagenten“), die im April und Mai 1913 im Hauptpostamt Wien lauerten, um jenen vermutlichen Spion festzunehmen, auf den im Hauptpostamt ein postlagernder Brief auf den Namen „Nikon Nizetas“ lagerte. Tatsächlich meldete sich ein Mann, der den Brief beanspruchte. Die Kriminalbeamten verfolgten den Abholer und bald darauf wurde eine der größten Spionagefälle Österreichs aufgedeckt. Beim Festgenommenen handelte es sich um den Generalstabsoffizier Oberst Alfred Redl, dem Generalstabschef des VIII. Armeekorps in Prag. Redl war vermutlich wegen seiner Homosexualität erpresst worden und hatte dem russischen Geheimdienst und wahrscheinlich auch französischen und britischen Diensten militärische Geheimnisse verraten.
Ferdinand Watzek wurde nach der Aufklärung des „Falles Redl“ als Kriminalbeamter dem Nachrichtendienst des Generalstabs zugeteilt. Während des Ersten Weltkriegs hatte er die Aufgabe, im Balkanexpresszug, der zwischen Berlin und Konstantinopel (Istanbul) verkehrte, die Reisenden auf ihre militärische Gefährlichkeit zu prüfen. Während dieser Tätigkeit forschte er Spione aus und deckte einen großen Goldschmuggel auf. Watzek bestand die kriminalpolizeilichen und höheren Fachkurse mit Auszeichnung. Er war Vortragender beim ersten kriminalistischen Fortbildungskurs für die Gendarmerie vom November 1922 bis Mai 1923 in Wien. 1926 richtete er für die große Polizeiausstellung in Berlin den österreichischen Pavillon ein.
In Chicago entwickelte Ferdinand Watzek das neue Crime Detection Laboratory weiter und leistete Unterstützung bei der Aus- und Fortbildung der Kriminalbeamten („Agents“). In mehr als 80 Kriminalfällen lieferte er kriminalistische Befunde und Hinweise. Watzek führte in Chicago das in der Abformabteilung des Erkennungsamtes der Bundespolizeidirektion Wien bewährte Moulage-Verfahren ein. Dabei werden für Beweis- und Ermittlungszwecke Abgüsse von Gesichtern und anderen Körperteilen sowie von Gegenständen und Spurenträgern angefertigt.
Vertauschte Babys.
Kriminalist Ferdinand Watzek (Polizeidirektion Wien): Leiter des Kriminalistischen Labors in Chicago 1930 © Polizeiarchiv
Im Juli 1930 teilten sich zwei Frauen ein Zimmer in einer Entbindungsstation in Chicago. Kurz nach der Entlassung aus dem Krankenhaus behaupteten die Eltern eines Kindes, sie hätten Indizien, dass die beiden Babys im Krankenhaus vertauscht worden seien. Es folgten Aufsehen erregende Berichte und Aktionen. Bluttests lieferten kein eindeutiges Ergebnis, da alle Beteiligten dieselbe Blutgruppe hatten; der Rhesusfaktor war damals noch nicht bekannt. Pathologen, Augenärzte, Dermatologen, Geburtshelfer, Kriminologen, Experten für Fingerabdrücke und Juristen beschäftigten sich mit dem Fall. Die Untersuchung von Blut- und Haarproben, Hautabstrichen, „Photomikrometermessungen“, Röntgenaufnahmen der Eltern und der Babys, Körpervermessungen sowie andere Untersuchungen brachten keine brauchbaren Hinweise. Dreizehn Experten wurden gebeten, ihre Befunde abzugeben, darunter Ferdinand Watzek, der in einer US-Publikation als „weltberühmter Kriminologe“ bezeichnet wurde. Zehn Experten waren der Ansicht, die Babys seien nach der Geburt vertauscht worden, zwei lieferten kein Urteil, und nur Watzek widersprach der Vertauschungstheorie. Er sagte, dass er aufgrund der Fingerabdrücke davon ausgehe, dass die Babys bei den richtigen Eltern seien. Es kam zu einem Gerichtsverfahren und zu Schadenersatzforderungen. Letztendlich verblieben die Babys bei den Eltern. 1935 veranstalteten die Elternpaare eine gemeinsame Geburtstagsfeier für die beiden Kinder.
Heimkehr nach Wien.
Nach einem Jahr als Kriminalist in Chicago kehrte Ferdinand Watzek nach Vertragsende zur Wiener Polizei zurück. 1934 wurde er zum Kriminalbeamten-Oberinspektor ernannt. Er arbeitete im Kriminalistischen Laboratorium der Wiener Polizei und verfasste kriminalistische Beiträge für Fachpublikationen, etwa über den polizeilichen Erkennungsdienst, den kriminalistischen Nachweis von (Reisepass-)Fälschungen oder über das „Valentinstag-Massaker“ in Chicago 1929. Oberinspektor Ferdinand Watzek war mit Adelheid, geb. Kastaly verheiratet. Er hatte keine Nachkommen.
Werner Sabitzer
Öffentliche Sicherheit, Ausgabe 1-2/2025
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