Kriminalgeschichte
„Das Beste wäre der Strick!“
Vor 100 Jahren erschlug Eduard Gieger auf einem Bauernhof im Mühlviertel zwei Frauen und verletzte eine weitere schwer. Der Täter war wenige Wochen zuvor aus dem Gefängnis entlassen worden, wo er wegen Mordversuch und Erpressung vier Jahre Kerker abgesessen hatte.
Sterbebild der beiden im März 1925 von Eduard Gieger ermordeten Frauen im Mühlviertel in Oberösterreich © Sammlung Franz Steinmassl
Eduard Gieger, seit 5. Februar 1925 Knecht auf dem Seppengut des Bauern Josef Lehner in Wolfgrub, Gemeinde Schönau im Mühlviertel, verließ am 10. März 1925 in der Früh den Bauernhof, um in einer Fabrik in Josefstal eine Arbeitsstelle zu suchen. Gieger kehrte am späten Nachmittag zum Seppengut zurück, weil er nicht fündig geworden war. Er erfuhr, dass Josef Lehner an diesem Tag zwei Ochsen verkauft hatte. Als der Bauer am Abend den Hofnachbarn besuchte, nutzte Gieger die Abwesenheit Lehners: Er plante, die Bäuerin Aloisa Lehner, ihre 79-jährige zu Besuch weilende Mutter und eine geistig beeinträchtigte Magd niederzuschlagen, um das Geld aus dem Ochsenverkauf zu rauben.
Als die Bäuerin in den Schweinestall ging, schlich ihr Gieger nach und schlug ihr mit einem hölzernen „Jochnagel“ mehrmals auf den Kopf, bis sie bewusstlos zu Boden fiel. Während der Täter Stricke holte, kam die Bäuerin wieder zu sich und schrie um Hilfe. Gieger packte die Frau, schlug sie zu Boden und stach mit einem Stilett mehrmals in den Hals der Bäuerin, die sich heftig wehrte. Als die Magd zu Hilfe kommen wollte, schlug ihr Gieger mit einer Hacke auf den Kopf. Die Magd rannte verletzt davon und versteckte sich in der Küche. Die schwer verletzte Bäuerin flüchtete in das Wohnhaus, der Räuber lief ihr nach und versetzte ihr mit der Axt einen heftigen Schlag auf den Kopf. Das Opfer brach bewusstlos zusammen und starb am nächsten Tag in der Früh.
Als Gieger die Mutter der Bäuerin, die 79-jährige Theresia Schweiger, auf der Ofenbank sitzen sah, schlug er mit der Hacke auch ihr auf den Kopf. Die Frau stürzte zu Boden und stieß dabei den eisernen Ofen um. Sie starb am 14. März 1925 an ihren Verletzungen. Die Magd überlebte. Zwei Kinder der Bäuerin waren Zeugen der Bluttaten geworden; sie hatten sich versteckt.
Gieger suchte im Bauernhaus das „Ochsengeld“, fand es aber nicht. Als er bemerkte, dass der Bauer heimkam, flüchtete er in den Wald. Josef Lehner sah Gieger noch, wie er davonlief. Der Raubmörder schlief in einem Heustadel und wurde zwei Tage nach der Bluttat, am Abend des 12. März 1925, von Passanten auf einer Straße erkannt, überwältigt und den Gendarmen übergeben.
Mordversuch an Ex-Geliebter.
Eduard Gieger, geboren am 14. Jänner 1898 in Steyr, wuchs in Schönau in Oberösterreich auf, wo seine Mutter als „Wahrsagerin“ tätig war. Er trat als Wehrmann in das Bundesheer ein und war in der Rennwegkaserne in Wien untergebracht. Im April 1922 lernte er bei einer Tanzveranstaltung in einem Gasthaus im Prater die 29-jährige Hausgehilfin Josefine Maierhofer kennen. Die beiden wurden ein Paar. Gleichzeitig hatte Gieger ein Verhältnis mit Therese Helmreich, einer Bekannten Josefines. Als Josefine davon erfuhr, beendete sie die Beziehung. Gieger ließ nicht locker und drängte Josefine immer wieder, zu ihm zurückzukehren. Im August 1923 gab Josefine seinem Drängen nach und ließ sich wieder mit dem Ex-Freund ein. Zwei Wochen später beendete sie die Beziehung neuerlich, nachdem sie erfahren hatte, dass Therese Helmreich von Gieger schwanger geworden war.
Eduard Gieger bedrohte Josefine mit dem Umbringen, sollte sie ihn verlassen. Er stellte ihr nach und lauerte ihr auf. Als er sie am 26. Dezember 1923 zufällig wieder im Prater-Gasthaus traf, drohte er, sie „abzustechen“. Josefine wandte sich an die Polizei und Gieger wurde festgenommen, aber bald wieder freigelassen. Die Frau lebte in ständiger Angst und fürchtete sich, ihre Wohnung zu verlassen. Um Gieger abzuschütteln, wechselte sie ihren Arbeitgeber und wurde Dienstmädchen bei einem Pferdefleischhauer in der Favoritenstraße.
Am Nachmittag des 3. Jänner 1923 tauchte Gieger in Heeresuniform im Haus des Fleischhauers auf, um seine Ex-Freundin neuerlich zu überreden, zu ihm zurückzukehren. Gieger hatte die neue Adresse Josefines im Meldeamt erfahren. Er läutete an der Haustür. Josefine öffnete und schlug die Tür sofort wieder zu, als sie ihren Ex-Geliebten erblickte. Er wollte nun gewaltsam in das Haus eindringen. Der Hausmeister holte den Sicherheitswachebeamten Matthias Kodric, der Gieger verwarnte und ihm mit der Festnahme drohte, sollte er das Anwesen nicht sofort verlassen. Daraufhin entfernte sich Gieger. Er dürfte schon davor beschlossen haben, Josefine zu ermorden und sich selbst zu töten. Er hatte seine Habseligkeiten verkauft, seine Absicht in ein Tagebuch eingetragen und Abschiedsbriefe geschrieben. Außerdem hatte er einer Prostituierten sein Vorhaben mitgeteilt und sie gebeten, ihm einen Revolver zu verschaffen. Sie lehnte ab.
Als Gieger gegen 17 Uhr neuerlich zum Haus des Fleischhauers kam, diesmal in Zivilkleidung, fürchtete Josefine wieder um ihr Leben. Der Polizist Kodric, der sich in der Nähe aufhielt, sah Gieger, nahm ihn fest und brachte ihn in das Wachzimmer Columbusgasse, wo beim Festgenommenen ein Bajonett sichergestellt wurde. Kodric eskortierte Gieger in das Polizeikommissariat Favoriten, wo sich bereits Josefine befand, um ihre Aussage zu machen.
Eduard Wohanka, der Schriftführer des Kommissariats, vernahm den Festgenommenen und protokollierte dessen Aussagen. Als Kodric den Raum betrat, um Gieger in den Arrest zu bringen, zog der Wehrmann ein Taschenmesser, das er im Mantel verborgen hatte, und stach rasend auf Josefine ein. Wohanka und Kodritsch stürzten sich auf den Täter und Gieger versetzte beiden Männern mehrere Messerstiche. Der Gewalttäter wurde von zwei Kriminalbeamten und einem Konzeptspraktikanten überwältigt. Wohanka und Kodric wurden in das Krankenhaus Wieden gebracht und konnten nach der Wundversorgung noch am Abend wieder entlassen werden. Josefine hatte leichte Schnittwunden erlitten.
Eduard Gieger wurde am 12. März 1923 vom Landesgericht Wien wegen Mordversuch und Erpressung zu vier Jahren schweren Kerkers verurteilt und aus dem Heer ausgeschlossen. Nach zwei Jahren und acht Monaten Haft in der Strafanstalt Garsten wurde Gieger am 7. Jänner 1924 bedingt entlassen. Er kehrte zunächst nach Oberösterreich zurück und fuhr später wieder nach Wien, von wo er allerdings wegen seiner Verurteilung bald in seine Heimatgemeinde im Mühlviertel „abgeschafft“ wurde. Kurz danach verübte er die Bluttat auf dem Bauernhof seines Dienstgebers.
Landesgericht Linz: Lebenslanger schwerer Kerker für den Raubmörder Eduard Gieger im April 1925 © Helmut Führinger/picturedesk.com
Weitere Bluttat geplant.
Eduard Gieger wurde im April 1925 im Landesgericht Linz wegen zweifachen Raubmordes und versuchten Mordes angeklagt. Laut psychiatrischem Gutachten war er geistig voll zurechnungsfähig. Der Angeklagte sagte bei der Gerichtsverhandlung aus, dass er beim Überfall jeden umgebracht hätte, der ihn bei der Tat gestört hätte. Nach dem Doppelmord hätte er eine weitere Bluttat geplant und sich bei einem Bauern in St. Valentin rächen wollen, der ihn vor Jahren um den Lohn geprellt habe. Hätte er das Geld aus dem Ochsenverkauf gefunden, wäre er nach Wien gefahren, hätte eine Prostituierte „gekauft“ und mit ihr so lange Champagner getrunken, bis das Geld vertrunken gewesen wäre. Dann hätte er seinem Leben mit viel Morphium ein Ende gesetzt. An seinem Lebenswandel sei vor allem seine Mutter schuld, die ihn „leichtsinnig erzogen“ habe, behauptete Gieger vor Gericht. Er sei im Leben „wie ein Vieh herumgeschoben“ worden. „Das Beste für mich wäre der Strick“, betonte der Angeklagte. Eduard Gieger wurde von den Geschworenen wegen zweifachen Mordes sowie Mordversuch einstimmig schuldig gesprochen und vom Gericht zu einer lebenslangen, schweren Kerkerstrafe verurteilt, verschärft durch Fasten und Dunkelhaft an jedem Jahrestag der Bluttat. Der Verurteilte verzichtete auf Berufung und Nichtigkeitsbeschwerde.
Werner Sabitzer
Quellen/Literatur:
Steinmaßl, Franz: Der Doppelraubmord von Wolfgrub (Schönau 1925). In: Arsen im Mohnknödel. Kriminalität im Mühlviertel von der Jahrhundertwende bis 1938. Edition Geschichte der Heimat, Grünbach 1992, S. 85-88
Eine Bluttat im Polizeikommissariat Favoriten. In: Illustrierte Kronen-Zeitung, 5. Jänner 1923, S. 4-5
Blutige Szenen auf dem Polizeikommissariat Favoriten. In: Ostdeutsche Rundschau, 13. März 1923, S. 5
Der Doppelraubmörder von Schönau, Eduard Gieger, vor den Geschworenen. In: Mühlviertler Nachrichten, 10. April 1925, S. 9-10
Öffentliche Sicherheit, Ausgabe 1-2/2025
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