Geisellagen
Geiselnahme in Konzerngebäude
Polizisten, unter anderem Angehörige von Spezialeinheiten, der Verhandlungsgruppe, sowie Bedienstete der Justizwache und der Berufsrettung trainierten bei einer Geisellage-Übung in Wien die Zusammenarbeit und Kommunikation sowie ihr spezielles Wissen und „Handwerk“.
Geisellage-Übung: Beamte des Einsatzkommandos Cobra und der deutschen GSG 9 durchsuchten das Gebäude nach Tätern
© Gerd Pachauer
Kräfte der Bereitschaftseinheit unterstützen die ersteintreffenden Streifenbesatzungen und versuchten, die gefährlichen Angriffe der bewaffneten Täter zu beenden
© Gerd Pachauer
Eine bewaffnete Tätergruppe drang in einen Gebäudekomplex eines international tätigen Konzerns ein und sollte den Konzernvorstand mit Waffengewalt zwingen, vor der Kamera angebliche „Verfehlungen“ des Unternehmens öffentlich einzugestehen und dazu Stellung beziehen. Das war das Hauptszenario der „Active-Shooter“-Übung am 18. Mai 2024 in Wien. Um den Forderungen den nötigen Nachdruck zu verleihen, verletzten die Täter Menschen durch Schüsse. Viele Mitarbeiter flüchteten aus dem Gebäude oder versteckten sich im Gebäude.
Aufgrund des raschen Einschreitens der ersten Streifendienstkräfte wurde die Tätergruppe bei der Ausführung ihrer geplanten Tat gestört und voneinander getrennt. Die Täter verschanzten sich in zwei Bereichen und nahmen dabei Mitarbeiter als Geiseln. Kräfte der Bereitschaftseinheit (BE) verstärkten die Streifenbesatzungen und versuchten, die Angriffe der Täter zu beenden. Die Beamten gingen, geschützt durch ballistische Schutzausrüstung, mit Langwaffen taktisch in das Gebäude vor und evakuierten teils verletzte Personen in einen sicheren Bereich. Zudem kam es vereinzelt zu Schusswechseln mit den Tätern, was diese unter Druck brachte und dazu zwang, ihre Pläne zu ändern. In kurzen Abständen trafen Kräfte der Einsatzeinheit (EE) und des Einsatzkommandos Cobra ein, sowie zahlreiche Rettungskräfte der Berufsrettung Wien. In die Übung waren ein Team der Justizwache und ein Team der Spezialeinheit GSG 9 der deutschen Bundespolizei eingebunden.
Robuster Raumschutz.
Rettungsleute versorgten Verwundete; Kräfte der Justizwache unterstützen Einsatzkräfte der Polizei
© Gerd Pachauer
Da sich der Übungsverlauf im Schwerpunkt in zwei parallel stattfindende Geiselnahmen entwickelte, übernahmen die besonders für die Aufgaben des „robusten Raumschutzes“ ausgebildeten und ausgerüsteten Kräfte der Einsatzeinheiten die Sicherung von Schlüsselpositionen im Gebäude. Dadurch blieb gewährleistet, dass nachrückende Spezialkräfte (z. B. EKO Cobra, Schnelle Interventionsgruppe bzw. WEGA) rasch durch ein gesichertes Terrain zu ihrem vorgesehenen Aktionsraum – zu den Geiseln – vorrücken konnten. Gleichzeitig nahm der polizeiliche Einsatzleiter der Landespolizeidirektion (LPD) Wien organisatorische und koordinierende Maßnahmen in direkter Abstimmung mit den Einsatzleitern der Rettungskräfte vor. So konnten die Verletzten- und Kräftesammelstellen sowie die gemeinsame Befehlsstelle in kurzer Zeit eingerichtet und durch Kräfte der Polizei gesichert werden.
Einsatzstab.
Gemäß den polizeilichen Richtlinien des Führungssystems zur Bewältigung besonderer Lagen (RFbL) wurde in der LPD Wien ein Einsatzstab eingerichtet, um den Gesamt-Einsatzleiter bei dessen Entscheidungen sowie bei der Lageübersicht zu unterstützen. Der Einsatzstab wurde mit besonders dafür ausgebildete Bedienstete der Einsatzabteilung besetzt.
Verhandlungsgruppen.
Zur Bewältigung der Geisellage wurden Angehörige der Verhandlungsgruppen Ost und Wien hinzugezogen und die Kräfte des EKO Cobra bereiteten sich auf einen Zugriff vor. Die Verhandlungen mit den Tätern verliefen über mehrere Stunden. Nachdem ein Täter aufgegeben und zwei Geiseln freigelassen hatte, zeigte sich, dass bei der zweiten Geisellage eine friedliche Verhandlungslösung offenbar nicht möglich war. In der gemeinsamen Befehlsstelle des EKO Cobra, der Verhandlungsgruppe, des polizeilichen Einsatzleiters, der Kriminalpolizei sowie der Verbindungsoffiziere der Berufsrettung wurden sämtliche Veränderungen des Einsatzgeschehens sowie die eingesetzten Kräfte, Führungs- und Einsatzmittel dokumentiert und für Entscheidungen des Gesamteinsatzleiters im Einsatzstab aufbereitet.
Von Kräften der Kriminalpolizei, der Verhandlungsgruppe und des EKO Cobra wurden evakuierte Personen befragt, um Informationen zu erhalten. Nach sorgfältiger Abwägung der vorliegenden Informationen und der Situation, dass der verbliebene Täter zwischenzeitlich mit der Verletzung von Geiseln drohte, wurde der Einsatz des EKO-Cobra angeordnet. Der Täter konnte dabei rasch überwältigt und die Geiseln unverletzt befreit werden.
Verletztensammelstelle.
Angehörige der Verhandlungsgruppen verhandelten mit den Geiselnehmern
© Gerd Pachauer
Beamte der Spezialeinheit GSG 9 der deutschen Bundespolizei waren an der Übung beteiligt
© Gerd Pachauer
Mitarbeiter der Berufsrettung Wien richteten eine Sanitätshilfsstelle („San-Hist“) ein, die von Polizisten der Bereitschaftseinheit gesichert wurde. Bei der Durchsuchung eines mehrstöckigen Gebäudes durch Beamte der Einsatzeinheit wurden zahlreiche Personen, die sich vor den Tätern versteckt hielten, evakuiert und in den sicheren Bereich gebracht, wo alle registriert wurden. Nach etwa 5 Stunden wurde das Übungsszenario von Übungsleiter Chefinspektor Mag. Thomas Greis, MA MAS, von der Sicherheitsakademie (SIAK), beendet. Mit allen Einsatzkräften, Täter- und Verletztendarstellern wurde eine Nachbesprechung durchgeführt. Am Nachmittag erfolgten Übungen der Spezialeinsatzkräfte unter Anleitung von Polizei-Einsatztrainern.
Derartige Übungen sollen zur Verbesserung der Kommunikations- und Organisationsstrukturen der Einsatzorganisationen beitragen sowie die Zusammenarbeit auf der Führungsebene verbessern und den Einsatzkräften die Möglichkeit geben, ihr Wissen und „Handwerk“ zu trainieren. Es ist dem gesamten Team rund um Übungsleiter Thomas Greis gelungen, ein realistisches Trainingsumfeld zu schaffen.
Die Gefahr besteht, dass Unternehmen oder kritische Infrastruktur das Ziel radikaler Gruppen werden. Für die Polizei ist es wichtig, auf derartige Fälle vorbereitet zu sein. Bereits 2022 wurde von der SIAK, Zentrum für Fortbildung, eine „Active-Shooter“-Übung als Ausgangsszenario für die Großübung im Mai 2024 in Wien durchgeführt. Im Zuge der Evaluierung der vergangenen Übung konnten Erkenntnisse zur Einsatztaktik und der Organisation des Einsatzraumes sowie dem Verletztenmanagement vor Ort gewonnen werden. Diese bildeten die Grundlage für die Planungen der Fortführung der Übungslage am 18. Mai 2024 in Wien.
A. H.
Öffentliche Sicherheit, Ausgabe 7-8/2024
Druckversion des Artikels (PDF 690 kB)