FBI-National-Academy

Leadership-Ausbildung

Österreich entsendet seit 1985 Führungskräfte zur FBI-National-Academy nach Quantico, Virginia. Ein Polizist pro Jahr wird hier bestenfalls ausgewählt – 2023 absolvierte Brigadier Daniel Lichtenegger, Leiter des Büros gegen Suchtmittelkriminalität des Bundeskriminalamts, die Leadership-Ausbildung.

FBI-Leadership-Ausbildung: Daniel Lichtenegger, Bundeskriminalamt Wien (2. v. re.), absolvierte den zehnwöchigen Kurs
FBI-Leadership-Ausbildung: Daniel Lichtenegger, Bundeskriminalamt Wien (2. v. re.), absolvierte den zehnwöchigen Kurs © Privat
In der Leadership-Ausbildung muss man sechs Kurse belegen, wobei Sport als Pflichtgegenstand angesehen wird
In der Leadership-Ausbildung muss man sechs Kurse belegen, wobei Sport als Pflichtgegenstand angesehen wird © Privat

Die Kurse der FBI-National-Academy, die viermal jährlich stattfinden, richten sich an Führungskräfte der Polizei. Die Anzahl der Teilnehmerinnen und Teilnehmer ist limitiert: Rund 1.000 US-Polizistinnen und Polizisten schließen pro Jahr die Zusatzausbildung ab, wobei etwa zehn Prozent der Teilnehmer keine Amerikaner sind. Unter ihnen befand sich 2023 der Leiter des Büros zur Bekämpfung der Suchtmittelkriminalität des Bundeskriminalamtes, Brigadier Daniel Lichtenegger.

Die National Academy wurde am 29. Juli 1935 gegründet als Folge der Studie der Wickersham Kommission im Jahr 1930, die eine Standardisierung und Professionalisierung der Strafverfolgungsbehörden in den USA durch eine zentralisierte Ausbildung empfahl. Heutzutage ist der Studiengang nicht nur für US-amerikanische, sondern auch für internationale Beamtinnen und Beamten der Strafverfolgungsbehörden zugänglich, die von ihrer Behörde nominiert werden.

Die Ausbildung dauert zehn Wochen und behandelt Themen wie Leadership, Umgang mit sozialen und konventionellen Medien, verschiedenen Sparten kriminalpolizeilicher Ermittlungsmethoden, Terrorismusbekämpfung, Recht, Verhaltenswissenschaft oder Forensik. Vor dem Hintergrund, dass rund 800.000 Polizeibedienstete in etwa 18.000 verschiedenen Police-Departments, Sheriff‘s Offices und dergleichen in den Vereinigten Staaten beschäftigt sind, ergibt sich oftmals eine jahrelange Wartezeit auf die Teilnahme an diesem Lehrgang. Bis Ende 2023 schlossen 54.763 Polizeibedienstete aus aller Welt die FBI-National-Academy ab.

Der erste österreichische Teilnehmer war 1985 Werner Keuth von der Zentralstelle für die Bekämpfung der Suchtgiftkriminalität. Neben Franz Lang, dem ehemaligen Direktor des Bundeskriminalamtes, und Bernhard Treibenreif, Direktor der Direktion für Spezialeinheiten, absolvierten u. a. Sektionschef Mathias Vogl, Michael Lohnegger, Leiter für den Bereich Staatsschutz in der DSN, sowie Brigadier Stefan Pfandler, Leiter des Landeskriminalamts Niederösterreich die Leadership-Ausbildung. Derzeit durchläuft Mag. Jürgen Jevsnikar in der „Session 290“ die Ausbildung.
Brigadier Daniel Lichtenegger begann am 10. Juli 2023 die zehnwöchige Ausbildung mit dem Kurs „Session 287“ in der FBI-Academy in Quantico. Seit 1985 war er der 48. Teilnehmer aus Österreich, der an diesem begehrten Lehrgang teilnahm. „Neben dem Schwerpunkt auf körperlicher Stärke sehr wertlegende Sporteinheiten, kann man aus einer Vielzahl unterschiedlicher Kurse in ‚undergraduate‘und ‚graduate Levels‘ wählen“, erklärt Lichtenegger. In der zehnwöchigen Ausbildung ist man verpflichtet, sechs Kurse zu belegen, wobei Sport immer als obligatorischer Gegenstand angesehen wird.

Schwerpunkte.

Kursabschlussfeier: FBI-Direktor Christopher A. Wray, Daniel Lichtenegger
Kursabschlussfeier: FBI-Direktor Christopher A. Wray, Daniel Lichtenegger © Privat

„Die Unterrichtseinheiten sind zeitlich von Montag bis Freitag streng getaktet. Sie beginnen um 7.30 Uhr und enden – wenn nicht Zusatzveranstaltungen geplant sind – um 16.20 Uhr“, führt er aus. Lichtenegger setzte seinen Schwerpunkt bei den gewählten Kursen auf den Einsatz neuer Technologien und deren Auswirkungen für die öffentliche Sicherheit, Führungsverhalten bei Ermittlungen bei Gewaltdelikten, die nationale Sicherheit, Führungsverantwortung für physisch und psychisch gefährdete Mitarbeiter sowie auf die klassische Führungskräfteausbildung. „Der Lehrgang dient der persönlichen Weiterentwicklung, des Wissensaufbaus und der Netzwerkbildung. Überdies hat man die Möglichkeit, die amerikanische Kultur und die Struktur sowie den Rechtsrahmen und die auf der Straße in den USA herrschenden Problemfelder mitzuerleben“, betont der Büroleiter.

Kooperation mit University of Virginia.

Seit 1972 besteht die enge Kooperation zwischen der FBI-National-Academy und der University of Virginia, die eine der angesehensten öffentlichen Universitäten der Vereinigten Staaten ist. So besteht für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der FBI National Academy die Möglichkeit, Kurse zu besuchen, die „Graduate“-Status haben und für ein Masterstudium anerkannt werden. „Durch die Absolvierung der maximal möglichen Kurse während des FBI-Lehrgangs wird de facto die Hälfte eines US-Masterstudiums, wie der ‚Master of Public Safety‘ abgeschlossen“, erklärt Lichtenegger.

„Session 287“.

Zum Kurs „Session 287“ waren 199 Teilnehmerinnen und Teilnehmer zugelassen, die aus 178 Beamtinnen und Beamten amerikanischer Strafverfolgungsbehörden bestanden. Die restlichen 21 Kursteilnehmerinnen und -teilnehmer stammten aus Aserbaidschan, Ägypten, Großbritannien, Indien, Italien, Kanada, Kasachstan, Katar, Kenia, Litauen, Luxemburg, Malaysia, Marokko, der Mongolei, den Niederlanden, dem Niger, Nigeria, Oman, Peru, der Schweiz und Österreich.

Yellow Brick Run.

Der „Yellow-Brick-Run“ stellt den letzten Test der Fitness-Challenge für die Absolventinnen und Absolventen der FBI-National-Academy dar und ist ein Lauf über 9,8 Kilometer über einen hügeligen, bewaldeten Weg, der von Marines gebaut wurde. Unterwegs müssen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer über Mauern klettern, Bäche durchlaufen, Felswände überwinden, in schlammigen Wasser unter Stacheldrähten entlangrobben oder durch aufgestellte falsche Fenster springen. Wenn die Kadettinnen und Kadetten den Lauf bewältigen, erhalten sie einen „Yellow-Brick“ als Erinnerung für ihre Leis­tung. „Hier gilt es sich zu überwinden und die Strecke kameradschaftlich zu bewältigen“, bekräftigt Lichtenegger.

Auf dem streng gesicherten Gelände erhalten nicht nur die regulären Special-Agents und Special-Analysts des FBI ihre Ausbildung, sondern auch die Sondereinheit des FBI – Hostage-Rescue-Team (HRT) – und das Ausbildungscenter der Drug-Enforcement-Administration (DEA) – ist dort stationiert und führt von dort aus sämtliche bundesweiten Operationen durch. Da sich die Academy selbst auf einem US-Marines-Corps-Stützpunkt befindet, ist neben der Marine-Corps-Police eine eigene uniformierte FBI-Police zur Sicherung des Geländes verantwortlich.

Chapter.

FBI National Academy: Bis Ende 2023 schlossen 54.763 Polizeibedienstete aus aller Welt die FBI-Leadership-Ausbildung ab
FBI National Academy: Bis Ende 2023 schlossen 54.763 Polizeibedienstete aus aller Welt die FBI-Leadership-Ausbildung ab © Privat

Die FBI-National-Academy besteht aus 44 nationalen und vier internationalen Chapters. Afrika/Mittlere Osten, Asien/Pazifik, Lateinamerika/Karibik und Europa bilden dabei den internationalen Part. Jährlich finden zahlreiche FBI-Chapter-Veranstaltungen statt. Einmal pro Jahr treffen sich FBI-Absolventinnen und -Absolventen des European Chapters, um ihr Wissen auszutauschen und sich auf den neuesten Stand zu bringen. 2023 fand das European-Chapter-Treffen in Gent, Belgien statt, an dem auch österreichische Absolventen teilnahmen. In diesem Jahr werden die europäischen Absolventinnen und Absolventen von 28. September bis 2. Oktober 2024 zum 40. Chapter-Treffen in Oslo, Norwegen zusammenkommen und sich über Trends und Neuerungen austauschen.

Austrian Country-Group.

Auch in Österreich gibt es eine Ortsgruppe: die Austrian Country-Group. Das Ziel des derzeit Vorsitzenden ist das Zusammenbringen aktiver und sich bereits in Ruhestand befindlicher Absolventen des FBI-Lehrgangs, um einen Erfahrungsaustausch sowie die Besprechung aktueller Fachthemen zu ermöglichen und zu fördern. Die Mitglieder der Austrian-Country-Group treffen einander einmal pro Jahr. Das letztjährige Zusammenkommen eröffnete die US-Botschafterin in Wien, Victoria Reggie Kennedy und der Direktor des Bundeskriminalamts, Andreas Holzer. Neben dem Erfahrungsaustausch standen Fachvorträge von FBI-Agents aus den USA und nationalen Experten im Vordergrund. Daniel Lichtenegger bot den Anwesenden dabei einen Ein- und Rückblick auf die „Session 287“.

R. T.


Öffentliche Sicherheit, Ausgabe 5-6/2024

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